Vergewaltigung und sexualisierte Kriegsgewalt im Zweiten Weltkrieg. Sowjetische Soldaten und deutsche Frauen


Bachelorarbeit, 2020

49 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Fragestellung
1.2. Forschungsstand
1.3. „Vergewaltigung“ und „Sexualisierte Kriegsgewalt“-

2. Deutsche Frauen, Sowjetische Soldaten und sexualisierte Kriegsgewalt: Mögliche Motive
2.1. Die ersten Begegnungen
2.2. Krieg und Propaganda
2.2.1. Russische Propaganda
2.2.2. Deutsche Propaganda
2.3. Wut, Rache und Vergeltung
2.4. Alkohol und Aggression
2.5. Die Soldatentruppe, deutsche Frauen und Gruppenvergewaltigungen

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Fragestellung

Der Vormarsch der sowjetischen Armee zum Ende des Zweiten Weltkriegs sorgte für Fluchtbewegungen innerhalb der deutschen Bevölkerung: Flüchtete man während des Krieges noch vor den Flächenbombardements aus den Städten, kam es zum Ende des Krieges zu einer neuen Fluchtbewegung in der Bevölkerung. Ungefähr vier Millionen Menschen flohen aus den östlichen Teilen des Reichs vor der Roten Armee.1

Im Zweiten Weltkrieg wurden mehr Frauen vergewaltigt, als in allen kriegerischen Konflikten der Geschichte zuvor.2 Vor allem in Osteuropa, wo besonders erbittert gekämpft wurde, ereigneten sich eine extrem hohe Anzahl von sexualisierten Gewaltdelikten. Im Besonderen betroffen waren aber die Teile Schlesiens und Ostpreußens, in denen die sowjetische Armee erstmals deutschen Boden betrat.3 Während des gesamten Vormarsches der sowjetischen Armee wurden Frauen unterschiedlichster Nationen vergewaltigt. Die sexualisierte Gewalt richtete sich allerdings vornehmlich die deutschen Frauen und begleitete die Rote Armee bei ihrem Vorrücken durch Schlesien und Pommern bis nach Berlin.4 Für ansässige Frauen der Städte in Mecklenburg war es äußerst gefährlich. In Rostock und Warnemünde waren Vergewaltigungen ein endemisches Problem und das bis ins Jahr 1947.5

Vergewaltigungen galten lange als eine bedauerliche Randerscheinung von Kriegen. Es steht jedoch fest, dass während des gesamten zweiten Weltkriegs Vergewaltigungen von Frauen durch Soldaten aller am Krieg teilnehmenden Länder stattfanden: Im japanisch besetzten Korea wurden zwischen 100.000 und 200.000 koreanische Frauen durch Angehörige der japanischen Besatzungsarmee vergewaltigt. Die deutsche Wehrmacht betrieb Zwangsbordelle in den besetzten Ostgebieten, so z. B. in Smolensk, wo sowjetische Frauen zwangsprostituiert wurden. Und auch in Deutschland kam es zu massenhaften Vergewaltigungen durch Soldaten aller vier Besatzungsmächte. Vergewaltigungen scheinen demnach nicht nur eine Randerscheinung von Kriegen zu sein. Viel mehr scheinen Frauen in Krisengebieten grundsätzlich an der Front zu stehen und Opfer von Gewalt zu werden.6

Bei dem massenhaften Vorkommen von Vergewaltigungen, stellen sich die Fragen, ob verübte Kriegsgewalt und Vergewaltigungen gegen Frauen integrale Bestandteile von Kriegen sind, und welchen Sinn sexualisierte Gewalt gegen Frauen in kriegerischen Auseinandersetzungen innehat.

Eine einfache Erklärung für die starke Zunahme sexueller Gewalttaten7 und Vergewaltigungen in der Endphase des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit gibt es nicht. Deswegen soll in dieser Arbeit folgende Frage untersucht und beantwortet werden: Welche Motive und Beweggründe hatten die sowjetischen Soldaten sexuelle Gewalt vorwiegend gegen die deutsche Zivilbevölkerung anzuwenden?

Ziel dieser Arbeit ist es, Theorien und Erklärungsansätze der Forschung zur sexuellen Gewalt in Kriegszeiten und die sexuellen Gewalttaten der sowjetischen Soldaten an der deutschen Zivilbevölkerung zu verknüpfen.

Ziel dieser Arbeit ist es nicht, die Verbrechen, die die deutsche Zivilbevölkerung am Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt hat, gegen die zahlreichen begangenen Verbrechen vom nationalsozialistischen Deutschland aufzuwiegen. Vielmehr soll mit dieser Arbeit die Aufmerksamkeit auf ein wenig erforschtes Thema – das der sexuellen Gewalt im Zweiten Weltkrieg – gelegt werden.

Aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Bachelorarbeit werden thematische Schwerpunkte gesetzt und aus diesem Grund kann auf bestimmte Themen nicht näher eingegangen werden. In dieser Arbeit wird weder der Umgang der deutschen Frauen mit der Vergewaltigungserfahrung noch die Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen deutschen Männern und deutschen Frauen untersucht. Die Frage nach dem Umgang der Nachkriegsgesellschaft mit den Opfern der Vergewaltigungen wird ebenfalls nicht näher untersucht, sowie die gesellschaftlichen Folgen für die Vergewaltigungsopfer. Des Weiteren werden die Stärken und Schwächen der Methode „Oral History“ nicht näher beleuchtet.

Es fanden Vergewaltigungen durch Soldaten aller vier Besatzungsmächte statt, jedoch beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit den sexuellen Gewaltverbrechen der sowjetischen Soldaten, da diese in besonders grausamer und brutaler Weise erfolgten.

Eine Frau aus Pommern berichtete: „Dann kamen sie und holten sich wahllos die Frauen und Mädchen. Immer neue Sowjets drangen in den Stall. Manche Frau, manches unglückliche Mädchen wurde in dieser Nacht, die kein Ende nehmen wollte, fünf-, manche sogar zehnmal geschändet.“8

Die Vergewaltigungen wurden als Tat vieler einzelner Soldaten verübt. Tatsache ist jedoch, dass sie in einer Massenhaftigkeit von Rotarmisten ausgeübt wurden, die näherer Untersuchung bedarf: Was motivierte die Soldaten sexualisierter Gewalt massenhaft gegen deutsche Frauen und Mädchen anzuwenden und in grausamer Weise gegen diese vorzugehen?

Im ersten Teil dieser Arbeit soll zunächst eine Übersicht über häufig diskutierte Motive sexueller Kriegsgewalttaten gegeben werden. Mithilfe und aufgrund dieser Übersicht der Erklärungsansätze sollen anschließend mögliche Motive der sowjetischen Soldaten sexuelle Gewalt auszuüben, untersucht werden.

Um die Rekonstruktion von Ereignissen und Abläufen um die Dimension subjektiv erlebter und verarbeiteter Geschichte zu erweitern, sind besonders Zeitzeugenaussagen eine wichtige Quelle für diese Arbeit. Mit Hilfe dieser Zeitzeugenaussagen ist es möglich zu untersuchen, wie Geschichte verarbeitet wurde und welche Nachwirkungen frühere Erlebnisse auf das heutige Leben haben.9

Um eine Verbindung der allgemeinen Historie mit der Geschichte von Betroffenen zu schaffen, werden Augenzeugenberichte aus der Ostdokumentation des Bundesarchivs Koblenz genutzt. Ergänzt werden soll die Arbeit außerdem mit Aussagen von Frau Ingeborg H., die in den Jahren 1944/45 mit ihrem neugeborenen Sohn vor der Roten Armee geflüchtet ist. Mit ihr war es möglich im Vorfeld dieser Arbeit ein Zeitzeugeninterview zu führen.10

1.2. Forschungsstand

In der Forschung wurden Massenvergewaltigungen und sexualisierte Gewalt während kriegerischen Auseinandersetzungen lange Zeit als Begleiterscheinung behandelt.11 Erst in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts setzten Feministinnen eine neue Bewertung des Vergewaltigungsbegriffs durch. Hierbei seien Vergewaltigungen ein Gewaltverbrechen, mit dessen Hilfe Männer Macht über Frauen ausüben.12 Die allgemeine Debatte um sexuelle Gewalt in Kriegszeiten ist durchzogen von der Überlegung, ob es sich um Gewaltdelikte handelt, die sich der Sexualität bedienen oder ob in diesen Gewaltdelikten Sexualität ausgelebt werde.13

In diesem Zusammenhang ist festzustellen, dass es viele feministische Arbeiten zu Kriegs-/Vergewaltigungen gibt, die das Thema nur im Kontext binärer, geschlechtlich zugeschriebener Machtverhältnisse betrachten.14 So schreibt die Journalistin und Feministin Susan Brownmiller in ihrem frühen Werk Gegen unseren Willen, dass „Männer im Krieg lediglich das fortführen, was sie zuvor auch getan haben, nur noch unbekümmerter und wahlloser als zuvor.“15 Sie gibt in ihrem Werk einen Überblick über die Vergewaltigungen durch die Rote Armee in Ostdeutschland und vertritt die These, dass die sowjetische Ideologie oder das Mann-Sein als solches, keine ausreichende Erklärungen für die massenhaften Vergewaltigungen darstellen:

„Ich sehe nicht den geringsten Anlaß, die Schuld am Verhalten der sowjetischen Truppen einem Ehrenburg-Pamphlet oder Stalins Haltung („Männer sind eben Männer“) und schon gar nicht irgendwelchen Volksmerkmalen zuzuschreiben. In Krieg oder Frieden brauchen Männer zum Begehen von Vergewaltigungen keine Befehle, keine Erlaubnis und kein besonderes nationales Erbe.“16

Diesem Ansatz liegt die Ansicht zugrunde, dass die Vergewaltigungen in einer Diskriminierung der Geschlechter, einer grundlegenden Ungleichheit, sowie männlicher Herrschaft und Frauenfeindlichkeit wurzeln. Die frühen Arbeiten von Brownmiller waren besonders wichtig, da sie aufzeigte, dass sexuelle Gewalt nicht nur als einzelne und isolierte Tat betrachtet werden dürfe, sondern auch im größeren sozialen Zusammenhang mit männlicher Macht begriffen werden müsse. Dieser Ansatz erklärt jedoch nicht, wieso einige Männer vergewaltigen und andere nicht; und der Ansatz lässt auch den Umstand außer Acht, dass Männer ebenso Opfer von sexueller Gewalt – sowohl durch andere Männer als auch durch Frauen – werden können.17

Es lässt sich ein großes Problem vieler feministischer Literatur, am Beispiel Brownmillers, herausstellen: Die Verknüpfung von Geschlecht und Ethnizität, aber auch unterschiedliche Männlichkeits- und Weiblichkeitsvorstellungen werden außer Acht gelassen. Durch eine Verallgemeinerung, dass Männer Frauen vergewaltigen, nur weil sie Frauen sind, lässt man ebenfalls die vielfältigen und binären Konstruktionen eines Konflikts außer Acht. So geht es im Zweiten Weltkrieg nicht darum, dass Frauen und Männer gegeneinander kämpfen. Vielmehr wurde unterschieden zwischen unseren Männern und ihren Männern genauso wie zwischen unseren Frauen und ihren Frauen.18 Ungeachtet dessen ist festzuhalten, dass Brownmiller mit ihren Werken den Weg für eine neue Debatte über den Vergewaltigungsakt geebnet hat, besonders auch im Zusammenhang mit den Vergewaltigungen im Zweiten Weltkrieg. Der britische Historiker Norman Naimark bezeichnete ihr Werk als „Pionierarbeit über Vergewaltigung“.19

Naimark selbst veröffentlichte, nach zehnjähriger Recherche, im Jahr 1995 das Buch Die Russen in Deutschland. Seine Studie gilt mittlerweile als Standardwerk in Bezug auf die Politik und das Leben in der Ostzone in den Jahren 1945 bis 1949. Er stützt sich in seiner Darstellung vor allem auf Dokumente der Partei- und Staatsarchive in Ost-Berlin und Moskau und unter anderem auch auf Akten der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD).20

Der Sachbuchautor Keith Lowe, ebenfalls Brite und Historiker, veröffentlichte im Jahr 2015 sein Buch Der wilde Kontinent. Für sein Werk wertete Lowe eine breite Forschungsliteratur aus, darunter auch deutschsprachige Werke. Er beschreibt die Kriegs- und Bürgerkriegskämpfe, sowie Not, Gewalt und Horror aller Art. Lowe bezieht auch Gefühle ein: vor allem Rache, wie eines seiner Großkapitel benannt ist, bildet das Schlüsselwort. Im Kern behält er einen gesamteuropäischen Blick.21

Wie viele Autoren, die den Einmarsch der Roten Armee behandeln, berichten auch Lowe und Naimark über die Massenvergewaltigungen. Beide britischen Historiker versuchen Erklärungen und mögliche Motive der sowjetischen Vergewaltiger anzugeben. Diese Erklärungsansätze sind meist allgemein gehalten. Theoretische, sowie kontextualisierende Überlegungen aus der Gewaltforschung fehlen, wie es häufig bei Arbeiten zur sexualisierten Gewalt im Zweiten Weltkrieg vorkommt.22

Die gesammelten Zeitzeugenberichte aus der in den 1950er Jahren erschienene Ostdokumentation werden ebenfalls in dieser Arbeit ergänzend verwendet. Die Ostdokumentation besteht aus 22 Teilbeständen, die die Geschichte der deutschen Bevölkerung von 1943 bis 1947 in den Gebieten östlich der Oder und Neiße, sowie den deutschen Gebieten in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa betrachtet.23 Die Ost-Dokumentation des Bundesarchivs Koblenz gilt als eine der ausführlichsten Informationsquellen über Flucht und Vertreibung, die Erlebnisberichte von Opfern und Zeugen enthält. Sie stellt die Phänomene der gewaltvollen Vergewaltigungen oft als eine Folge des Zusammenspiels einer asiatischen Mentalität und der sowjetischen Hasspropaganda dar. Mit solchen Begriffen wurden die Gewalthandlungen der Sowjets kulturalisiert und durch die nationale Zugehörigkeit der Beteiligten erklärt. Was genau eine asiatische Mentalität sei und wieso sich die sexuelle Gewalt z.T. auch gegen Frauen anderer Staatsangehörigkeiten und nicht nur primär gegen deutsche Frauen richtete, wurde nicht näher erläutert.24

Der Umgang mit der Vergewaltigungserfahrung aus dem Zweiten Weltkrieg unterschied sich stark zwischen der sowjetischen Besatzungszone (und späteren Deutschen Demokratischen Republik) und der amerikanischen, englischen und französischen Besatzungszone (und späteren Bunderepublik Deutschland).

Die Vergewaltigungserfahrung der Frauen wurde in der Bunderepublik ab etwa 1949 universalisiert und von einem nationalen Diskurs vereinnahmt. Aus den Vergewaltigungen der deutschen Frauen wurde die Vergewaltigung Deutschlands. Somit war die Auseinandersetzung mit diesen Kriegsverbrechen geprägt durch die rassistischen nationalen Erklärungsmuster des Kalten Krieges. Die Vergewaltigungen durch westalliierte Soldaten wurden dabei kaum thematisiert.25 Es setzte sich die verzerrte Darstellung durch, dass die Soldaten der Westmächte „gar nicht vergewaltigen [mussten], weil die Frauen ohnedies mit ihnen Sex haben wollten.“26

Die Zeitzeugin und ehemalige Bundesvorsitzende des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands Anne-Marie Durand-Wever fasste den Unterschied zwischen sowjetischen Soldaten und den westalliierten Soldaten wie folgt zusammen: „The Difference is that the American and the British ask the girls to dinner and then go to bed with them, while the Russians do it the other way round.“27 An dieser Stelle ist festzuhalten, dass es Vergewaltigungen durch alle vier Besatzungsmächte gab. In dieser Arbeit liegt der Fokus aber auf den sexualisierten Gewalttaten und Vergewaltigungen der Sowjetischen Armee.

Bis heute gibt es nur zwei Aufarbeitungsversuche der Vergewaltigungserfahrung aus dem Zweiten Weltkrieg, die es geschafft haben, ein größeres Publikum zu erreichen. Zunächst das zeitgenössische Tagebuch der „Anonyma“, das als deutsche Erstausgabe im Jahre 1959 erschien. In ihren Tagebucheinträgen berichtete die damals 30-jährige Autorin von den Erlebnissen und dem Alltag der letzten Kriegstage in Berlin und auch von den Vergewaltigungen, die sie selber durch sowjetische Soldaten erleben und miterleben musste. Im Jahr 2003 löste die Neuauflage ihres Buches eine große Literaturdebatte aus, nachdem der Journalist Jens Bisky die wahre Identität der Autorin enthüllte. Die Anonyma war als Journalistin im Nationalsozialismus tätig, ist in ihrer Jugend viel gereist, unter anderem in die Sowjetunion, und sympathisierte in jungen Jahren mit dem Kommunismus.28 Dennoch löste die neue Auflage ihres Werkes eine Debatte aus, zu deren Beginn Bisky die These aufstellt, dass das Buch „als zeitgeschichtliches Dokument wertlos sei.29 Der Journalist insinuiert, dass das Buch eine Fälschung sei oder erst von dem Verleger zu einem veritablen Buch gemacht wurde. Somit wird nicht nur die Glaubwürdigkeit des Buches angezweifelt, sondern auch die der Autorin.30

Dass das Buch von der Anonyma nicht selbst geschrieben wurde, konnte bisher nicht bewiesen werden. Viel mehr konnte nach einer Überprüfung der Originaldokumente festgestellt werden, dass die Autorin die Personen in ihrem Buch anonymisiert hatte, sowie einige Szenen mit fiktiven Elementen nachträglich dramatisierte. Die Vorstellung Biskys, dass ein historisch authentisches Tagebuch als unverdächtige zeithistorische Quelle gelten könne, ist nicht nachvollziehbar, da veröffentlichte Tagebücher immer einer Reihe von Schreib- und Veröffentlichungsprozessen unterworfen waren und somit „nie getreue Abbildungen einer historischen Wirklichkeit“ sind.31

Der Journalist Volker Ullrich hält abschließend zu dem Tagebuch der Anonyma fest:

Es handelt sich also nicht um ein authentisches Zeitdokument, sondern um einen literarisierten Erlebnisbericht in Tagebuchform. Dennoch wäre es […] falsch, das Buch für wertlos zu erklären. Denn im Kern […] entspricht die Druckfassung den handschriftlichen Aufzeichnungen. Eine Frau in Berlin bleibt damit ein wichtiges Zeugnis für das Schicksal, das Marta Hillers 1945 mit vielen anderen Frauen nicht nur in Berlin teilte.32

Auch die deutsche Feministin Helke Sander erhielt mit ihrem Dokumentarfilm und dem begleitendem Buch BeFreier und Befreite große Aufmerksamkeit. Im Jahr 1992 löste ihr Dokumentarfilm eine erste große Diskussion über die Vergewaltigungen in der Nachkriegszeit aus. In ihrer Darstellung bezieht sich Sander lediglich auf den Schauplatz in Berlin und geht nur auf die sowjetischen Täter ein. Kritisiert wurde außerdem der Umgang der Zeitzeugenaussagen, die unkommentiert nebeneinanderstanden. International löste ihr Dokumentarfilm eine Debatte aus, in der vor allem die amerikanische Historikerin Atina Grossmann Sander vorwarf, durch die Berechnungen der Opferzahlen bewusst zur Relativierung des Holocausts beizutragen.33 Grossmann selbst veröffentlichte einen Artikel, in dem sie darstellt, dass vergewaltigte und schwanger gewordene deutsche Frauen nur aus ideologischen und rassistischen Gründen abgetrieben hätten. Da Grossmann allen deutschen Frauen eine nationalsozialistische Ideologie nachsagen wollte, machte sie diese zu Täterinnen, die kein Mitgefühl verdienten und stellte somit selber eine historische Relativierung auf.34

An den vorgestellten Aufarbeitungsversuchen wird deutlich, dass sich Veröffentlichungen zum Thema kriegsbedingter Vergewaltigungen deutscher Frauen vielen Schwierigkeiten ausgesetzt sehen: Der sogenannte Opferdiskurs nährt immer noch das Misstrauen, wenn es um die von Deutschen erlebten Kriegsverbrechen geht. Man mutmaßt, dass die Deutschen noch immer versuchen, ihr eigenes Leid in den Vordergrund zu stellen, um sich der historischen Verantwortung zu entziehen.35 Hinzukommt, dass Historiker/innen wie Grossman mit ihren Thesen den Kontext der historischen Debatte verschieben: Schließlich geht es nicht ausschließlich um die begangenen deutschen Kriegsverbrechen oder um den erneuten Beweis derselben, sondern um jegliche Kriegsverbrechen, die eben auch Deutsche erfahren haben. Mit Behauptungen wie der, dass Frauen alleine aus rassistischen Motiven abgetrieben hätten, verbaut man den Zugang zu den Opfern der Vergewaltigungen. Dadurch besteht die Gefahr, dass den betroffenen Frauen moralisch das Recht abgesprochen wird, sich als Opfer der erlebten Gewalttaten zu fühlen.36

Auch anhand der Anonyma wird ersichtlich, dass sich die betroffenen Frauen auch noch nach der Gewalttat Misstrauen an ihrer Integrität ausgesetzt sahen – und das bis heute.

Auf das Thema der Verarbeitung der Vergewaltigung und den gesellschaftlichen Folgen dieser Gewaltdelikte, macht auch Miriam Gebhardt in ihrem Werk Als die Soldaten kamen aufmerksam. Bei diesem Buch handelt es sich um eine der neuesten Studien über sexuelle Gewalt während der Eroberung des deutschen Reiches 1945 und der Besatzungszeit bis 1955. Gebhardt geht nicht nur auf die Vergewaltigungen in der SBZ/DDR ein, sondern auf die aller vier Besatzungsmächte. Dadurch schließt sie eine der vorherrschenden Forschungslücken, da bei weitem nicht nur die Rote Armee Vergewaltigungen an deutschen Frauen verübten, sondern auch die anderen Besatzungsmächte, deren Taten weitestgehend unberücksichtigt blieben.37

Gebhardt versucht außerdem das Phänomen der sexuellen Gewalt zu quantifizieren. Nach selbstangefertigten Berechnungen geht sie davon aus, dass zu Kriegsende von alliierten Soldaten mindestens 860.000 deutsche Frauen und Mädchen vergewaltigt wurden.38 Gebhardts Schätzung der tatsächlichen Anzahl an vergewaltigten Frauen ist im Vergleich mit anderen Werken niedrig. Der Journalist Erich Kuby war der erste, der in seinem Werk Die Russen in Berlin aus dem Jahr 1965 eine Opferzahl nannte. Er gab die ungenaue Anzahl „einige zehntausend“ an.39 Die feministische Filmemacherin Helke Sander, die als Erste systematische Untersuchungen durchführte, ging von einer deutlich höheren Vergewaltigungszahl aus: so sollen allein in Berlin zwischen 840.000 und 980.000 Frauen und Mädchen vergewaltigt worden sein.40 Der Historiker Norman Naimark schreibt: „[Es] ergibt sich möglicherweise eine Zahl von bis zu zwei Millionen“ Opfern.41

Obwohl diese ungefähren Zahlen von ca. einer Million bis zwei Millionen vergewaltigter Frauen eine große Varianz aufweisen, kann bei Betrachtung dieser festgehalten werden, dass die Vergewaltigungen in der Geschichte einzigartig sind. Der Jurist und Autor Ingo von Münch hält fest: „ohne irgendeine Übertreibung [lässt sich] dazu feststellen: Noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit sind innerhalb eines so kurzen Zeitraumes so viele Frauen und Mädchen vergewaltigt worden wie 1944/45 in Deutschland.“42

[...]


1 Vgl. Lowe, Keith: Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943-1950. Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 2015, S. 48.

2 Vgl. Münch, Ingo: „Frau, komm.“ Die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/45. 3. Auflage. Graz 2013, S. 15.

3 Vgl. Lowe 2015, S. 77.

4 Vgl. Wood, Elisabeth Jean: Sexuelle Gewalt im Krieg. Zum Verständnis unterschiedlicher Formen. In: Eschebach, Insa; Mühlhäuser, Regina (Hrsg.): Sexuelle Gewalt im Krieg und Sex-Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern (Materialien der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten 3). Berlin 2008, S. 78.

5 Vgl. Naimark, Norman: Die Russen in Deutschland. Die sowjetische Besatzungszone 1945 bis 1949. Berlin 1997, S. 114.

6 Vgl. Seifert, Ruth: Die zweite Front – Zur Logik sexueller Gewalt in Kriegen. In: Sicherheit und Frieden (S+F). Security and Peace. Jg. 11 (1993), Nr. 2, S. 67.

7 In dieser Arbeit wird sowohl der Begriff „sexuelle Gewalt“ wie auch der Begriff „sexualisierte Gewalt“ verwendet. Mit dem Begriff „sexuelle Gewalt“ ist die Gewalt gemeint, die mit sexuellen Mitteln ausgeübt wird. Die Formulierung „sexualisierte Gewalt“ geht noch einen Schritt weiter und gibt an, dass bei den Taten die Sexualität funktionalisiert wird, um Gewalt auszuüben. Vgl. Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (Hrsg.): Definition von sexuellem Missbrauch. Unter https://beauftragter-missbrauch.de/praevention/was-ist-sexueller-missbrauch/definition-von-sexuellem-missbrauch (abgerufen am 01.07.2020). In dieser Arbeit werden beide Begriffe synonym verwendet.

8 Zit. nach Bundeministerium für Vertriebene (Hrsg.): Ostdokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa. Band I/1: Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße. München 1984, S. 198. Im Folgendem zitiert: [Ost-Dokumentation].

9 Vgl. Plato, Alexander: Oral History und Biografie-Forschung als „Verhaltens- und Erfahrungsgeschichte“: Eine wissenschaftsgeschichtliche Skizze. In: Biografien der Arbeiterbewegung: Das 20. Jahrhundert. Jg. 45 (2011), S. 47.

10 Das vollständige Interview befindet sich im Privatarchiv der Autorin. Im Folgendem zitiert: [Zeitzeugeninterview] mit Seitenangabe.

11 Vgl. Palt, Alexandra: Kriegsverbrechen: Massenvergewaltigung. In: ai-Journal: Das Magazin für die Menschenrechte. Jg. 6 (2000), S. 18.

12 Vgl. Bos, Pascale: Feministische Deutungen sexueller Gewalt im Krieg. Berlin 1945, Jugoslawien 1992-1993. In: Eschebach, Insa; Mühlhäuser, Regina (Hrsg.): Sexuelle Gewalt im Krieg und Sex-Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern (Materialien der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten 3). Berlin 2008, S. 104.

13 Vgl. Zipfel, Gaby: Ausnahmezustand Krieg? Anmerkungen zu soldatischer Männlichkeit, sexueller Gewalt und militärischer Einhegung. In: Eschebach, Insa; Mühlhäuser, Regina (Hrsg.): Sexuelle Gewalt im Krieg und Sex Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern (Materialien der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten 3). Berlin 2008, S. 69.

14 Vgl. Alison, Miranda: Sexuelle Gewalt in Zeiten des Krieges. Menschenrechte für Frauen und Vorstellungen von Männlichkeit. In: Eschebach, Insa; Mühlhäuser, Regina (Hrsg.): Sexuelle Gewalt im Krieg und Sex-Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern (Materialien der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten 3). Berlin 2008, S. 39.

15 Brownmiller, Susan: Gegen unseren Willen. Vergewaltigung und Männerherrschaft. Frankfurt am Main 1992, S. 21.

16 Ebd., S. 76.

17 Vgl. Alison 2008, S. 37.

18 Vgl. ebd., S. 40.

19 Naimark 1997, S. 138.

20 Vgl. Wehner, Markus: Die Russen in Deutschland. Standardwerk. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.05.1997, S. 10.

21 Vgl. Dülffer, Jost: Rezension von: Keith Lowe. Der wilde Kontinent. In: Sehepunkte 15 (2015), Nr. 9. Unter: http://www.sehepunkte.de/2015/09/27317.html (abgerufen 18.06.2020).

22 Vgl. Bischl, Kerstin: Frontbeziehungen. Geschlechterverhältnisse und Gewaltdynamiken in der Roten Armee 1941-1945. Hamburg 2019, S. 18.

23 Vgl. Jost, Stefanie: Das Lastenausgleichsarchiv in Bayreuth. Ein Bericht über Entstehung, Bestände, sowie Recherchemöglichkeiten. In: Jahrbuch für Deutsche und Osteuropäische Volkskunde Jg. 75 (2016), S. 155.

24 Vgl. Bischl 2019, S. 17.

25 Vgl. Gebhardt, Miriam: Als die Soldaten kamen: Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs. München 2015. S. 179.

26 Ebd.

27 Zit. nach: Grossmann, Atina: A question of Silence. The Rape of German Women by Occupation Soldiers. In: October: art, theory, criticism, politics. Jg. 72 (1995), S. 60.

28 Vgl. Jaiser, Constanze: Rezension zu: Anonyma. Eine Frau in Berlin. Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945. In: H-Soz-Kult, 05.12.2003, unter: https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-4892 (abgerufen am 18.06.20).

29 Zit. nach Lovenberg, Felicitas: Eine Frau in Berlin. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.09.2003, S. 42. Unter: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur-eine-frau-in-berlin-1117331.html (abgerufen am 18.06.2020).

30 Vgl. Gebhardt 2015, S. 274.

31 Ebd., S. 278.

32 Ullrich, Volker: Was von Anonyma bleibt. 4.7.2019. In: Die Zeit, 03. Juli 2019. Unter: https://www.zeit.de/2019/28/marta-hillers-tagebuecher-yuliya-von-saal (abgerufen am 18.06.2020).

33 Vgl. Grossmann 1995, S. 46.

34 Vgl. Gebhardt 2016, S. 291.

35 Vgl. ebd., S. 295

36 Vgl. ebd.

37 Vgl. Keller, Sven: Rezension von: Miriam Gebhardt: Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs. In: Sehepunkte 16 (2016), Nr. 4. Unter: http://www.sehepunkte.de/2016/04/28786.html (abgerufen am 18.06.2020).

38 Vgl. Gebhardt 2016, S. 17.

39 Zit. nach Sander, Helke; Johr, Barbara: BeFreier und Befreite. Krieg, Vergewaltigung, Kinder. Frankfurt am Main 2005, S. 48.

40 Vgl. ebd.

41 Naimark 1995, S. 170.

42 Münch 2013, S. 43.

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Vergewaltigung und sexualisierte Kriegsgewalt im Zweiten Weltkrieg. Sowjetische Soldaten und deutsche Frauen
Hochschule
Universität Rostock  (Historisches Institut)
Note
1.0
Autor
Jahr
2020
Seiten
49
Katalognummer
V1273743
ISBN (Buch)
9783346718822
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zweiter Weltkrieg, Kriegsverbrechen, sexualisierte Gewalt
Arbeit zitieren
Wiebke Brünger (Autor:in), 2020, Vergewaltigung und sexualisierte Kriegsgewalt im Zweiten Weltkrieg. Sowjetische Soldaten und deutsche Frauen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1273743

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