Die Bachelorarbeit geht der Frage nach, inwieweit sich diese kulturellen Ebenen zusammensetzen und welche Einflussfaktoren diese auf den Brexit hatten. Hierfür dient das Brexit-Referendum und dessen Ergebnis als empirischer Befund und Ausgangslage für die Untersuchungen. Ziel der Arbeit ist es, struktur- und ideengeschichtliche Entwicklungen miteinander zu verbinden und damit das Wahlverhalten der britischen Bevölkerung beim Referendum 2016 zu erklären.
Können strukturgeschichtliche Entwicklungen, wie die Arbeitsplatzverluste der britischen De-Industrialisierung ab den 1970er Jahren und die damit verbundene Strukturschwäche der betroffenen Regionen mit kulturgeschichtlichen Themen wie der britischen Klassengesellschaft verknüpft werden?
Der 23. Juni 2016 markiert eine wichtige Zäsur in der jüngsten europäischen Geschichte. Im Rahmen des britischen Referendums entschied sich die Mehrheit der britischen Bevölkerung für einen Austritt aus der Europäischen Union (EU). Das zweite britische Referendum nach 1975 offenbarte einmal mehr die vorhandene Europaaversion der Insel, mit der sich der Staat schon seit jeher auseinandergesetzt hat.
In der westlichen Welt löste das Ergebnis des Referendums vom 23. Juni 2016 in großen Teilen Fassungslosigkeit und Kopfschütteln aus. Gerade für die Anhänger eines paneuropäischen Gedankens erscheint der vollzogene Austritt Großbritanniens aus der EU nicht nachvollziehbar. Dabei sind die Gründe für den Ausgang des Referendums sehr tiefgreifend und auf eine Vielzahl an Faktoren zurückzuführen. Aber wo haben die Bedenken und Vorbehalte der britischen Gesellschaft gegenüber Europa ihren Ursprung? Was hat die Menschen dazu bewogen, trotz ihres nachweislichen (wirtschaftlichen) Nutzen, aus der EU auszutreten?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Status Quo gegen Aufbruch – das Brexit Referendum in Zahlen
2.1 Die Datenlage nach dem 23. Juni 2016
2.2 Gründe für eine britische Europaaversion: Ein Annäherungsversuch
3 Der Brexit als Folge der De-Industrialisierung ab den 1970er Jahren?
3.1 Die De-Industrialisierung und ihre strukturellen Ausprägungen
3.2 Arbeitsplatzverluste und deren Bedeutung
4 Von Arbeitsplatzverlusten zu einer „Graswurzel-Rebellion“?
4.1 Globalisierung und Europäisierung als Verlusterlebnis
4.2 Elitenaversion
5 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Forschungsthemen
Die Arbeit untersucht das Wahlverhalten der britischen Bevölkerung beim Brexit-Referendum 2016 unter besonderer Berücksichtigung der struktur- und ideengeschichtlichen Folgen der britischen De-Industrialisierung ab den 1970er Jahren. Es wird analysiert, inwieweit ökonomische Verlusterlebnisse in bestimmten Regionen, gepaart mit einer historischen Elitenaversion, zu einer „Graswurzel-Rebellion“ gegen das politische Establishment führten.
- Empirische Analyse des Wahlverhaltens nach demografischen und geografischen Kriterien.
- Untersuchung des Zusammenhangs zwischen industriellem Strukturwandel und regionaler Wirtschaftsschwäche.
- Analyse der Rolle der "North-South-Divide" für das Identitätsempfinden der Arbeiterklasse.
- Deutung des Slogans „Take Back Control“ als Ausdruck von Klassenkampf und Anti-Establishment-Gefühlen.
Auszug aus dem Buch
4 Von Arbeitsplatzverlusten zu einer „Graswurzel-Rebellion“?
Im folgenden Kapitel soll nun die kultur- und ideengeschichtliche Entwicklung im Zusammenhang mit den strukturellen Entwicklungen aus Kapitel 3 und dem Brexit diskutiert werden. Die Kampagnen um das Brexit-Referendum waren geprägt von Parolen und einprägsamen Kennzahlen. Der Slogan „Take Back Control“ war eine dieser Parolen. Der Satz symbolisierte besonders für die Arbeiterklassen in Großbritannien nicht weniger als das klare Statement, dass man sich nichts mehr von den Eliten gefallen lassen möchte und sich klar dazu bekennt, die eigenen Rechte wieder in die Hand zu nehmen. Können hierbei die Unterschiede in der Klassengesellschaft als fortlaufende Folge für eine „Entladung“ der Elitenaversion der unteren Schichten in Form des Brexits verstanden werden? Und wie passt das mit den Verlusten der Arbeitsplätze durch die De-Industrialisierung zusammen?
4.1 Globalisierung und Europäisierung als Verlusterlebnis
Die in den 1970er und 1980er Jahren voranschreitenden De-Industrialisierung trat gleichzeitig mit der britischen Europäisierung durch den Beitritt Großbritanniens in die europäische Gemeinschaft sowie mit der zunehmenden Globalisierung in der Weltwirtschaft auf. Der Fortschritt und die Weiterentwicklung auf der einen Seite, bedeutete einen Rückgang und einen Niedergang der etablierten Industrien auf der anderen Seite. Man könnte meinen, dass sich für die Zukunftstauglichkeit Großbritanniens und der damit einhergehenden Wirtschaftsreform durch eine überwiegende Konzentration auf den tertiären Sektor, auch eine Entscheidung für die white collar workers statt der blue collar workers getroffen wurde. Dieses Szenario erlebten Menschen der letzteren Gruppe als ein Verlusterlebnis, was sich auch auf die Haltung gegenüber der europäischen Staatengemeinschaft auswirkte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Zäsur des britischen Referendums 2016 ein und formuliert das Ziel, struktur- und ideengeschichtliche Aspekte der industriellen Krise mit dem Abstimmungsverhalten zu verknüpfen.
2 Status Quo gegen Aufbruch – das Brexit Referendum in Zahlen: Das Kapitel liefert eine empirische Grundlage und untersucht geografische sowie demografische Muster des Abstimmungsergebnisses, ergänzt durch einen Überblick über die Ursachenforschung in der Literatur.
3 Der Brexit als Folge der De-Industrialisierung ab den 1970er Jahren?: Hier werden die wirtschaftlichen Transformationsprozesse des "Thatcherismus" analysiert, wobei der Fokus auf dem Niedergang der Schwerindustrie, struktureller Arbeitslosigkeit und regionalen Disparitäten (North-South-Divide) liegt.
4 Von Arbeitsplatzverlusten zu einer „Graswurzel-Rebellion“?: In diesem Teil werden ökonomische Verlusterfahrungen mit soziokulturellen Deutungsmustern kombiniert, um die Abneigung gegen das politische Etablissement und die Motivation hinter dem Brexit-Votum als "Anti-Establishment-Gefühl" zu erklären.
5 Schlussbetrachtung: Das Fazit resümiert, dass der Brexit ein ideologisches Unterfangen war, das tief in den sozialen Strukturen verwurzelt ist, welche durch den jahrelangen industriellen Strukturwandel geprägt und verhärtet wurden.
Schlüsselwörter
Brexit, De-Industrialisierung, Klassengesellschaft, Identität, Thatcherismus, North-South-Divide, Referendum 2016, Arbeiterklasse, Globalisierung, Europäisierung, Elitenaversion, Establishment, Wirtschaftsstrukturwandel, Wahlanalyse, Take Back Control.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historischen und sozioökonomischen Ursachen für den EU-Austritt Großbritanniens, wobei ein besonderer Fokus auf dem industriellen Wandel seit den 1970er Jahren liegt.
Welche zentralen Themenfelder behandelt das Werk?
Das Werk behandelt den wirtschaftlichen Strukturwandel, regionale Ungleichheiten, Klassenstrukturen in Großbritannien und die psychologischen Effekte der De-Industrialisierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Wahlergebnis des Referendums 2016 nicht nur als isoliertes politisches Ereignis zu sehen, sondern durch die Verbindung von Strukturgeschichte und Ideengeschichte zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit nutzt eine geschichtswissenschaftliche Analyse, die empirische Daten (Wahlstatistiken, Arbeitsmarktkennzahlen) mit politikwissenschaftlichen Diskursen und soziologischen Theorien verknüpft.
Was wird primär im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil liegt der Schwerpunkt auf der Darstellung der De-Industrialisierung der "Thatcher-Ära", der räumlichen Spaltung des Landes ("North-South-Divide") und der daraus resultierenden Frustration in den betroffenen Regionen.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit am besten?
Die wichtigsten Schlagworte sind De-Industrialisierung, Klassenkampf, Elitenaversion und Identitätsbildung im Kontext des EU-Referendums.
Warum spielt das Slogan „Take Back Control“ eine so große Rolle?
Der Slogan diente laut Autor als Ventil für angestaute Frustrationen der ehemaligen Industriearbeiterschaft gegenüber dem Eliten-Establishment und symbolisierte den Wunsch nach Autonomie.
Was bedeutet die "North-South-Divide" für den Brexit?
Die "North-South-Divide" illustriert die ökonomische und soziale Zweiteilung des Landes, die dazu führte, dass wirtschaftlich benachteiligte Regionen ihre Perspektivlosigkeit auf das Establishment projizierten.
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- Maximilian Scheller (Author), 2021, Wie der Brexit zum Klassenkampf wurde. Das Ergebnis des Referendums als Folge der britischen De-Industrialisierung?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1273745