Lateinischsprachige Jugendliteratur im Lateinunterricht. Harry Potter in der Lektürephase

Populärkultur als sinnvoller Unterrichtsgegenstand?


Essay, 2018

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1. Einleitung

2. Zum Phänomen der antikenhaltigen Kinder- und Jugendliteratur (KJL)

3. Lateinische Wörter in der KJL

4 Fazit: Lateinischsprachige KJL als Vehikel zur Motivationssteigerung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Expecto Patronum! “ – Harry Potter ist ein Paradebeispiel dafür, dass die lateinische Sprache in der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur fortlebt.1 So bestehen nicht nur die magischen Zaubersprüche, die in Hogwarts erklingen, zu großen Teilen aus lateinischen Versatzstücken und transportieren damit eine implizite Bedeutungsebene, die eine Hilfe für das Textverständnis bietet. Daneben findet Latein auch in die Namensgebung der Hauptfiguren und in Neologismen, welche die unterschiedlichen Zauberer kategorisieren sollen, Eingang. Des Weiteren sind in den letzten Jahren sogar zwei lateinische Ausgaben zu Harry Potter2 erschienen. Da sich Harry Potter bei den meisten Schülern großer Beliebtheit erfreut, soll dieses Potenzial für den Lateinunterricht fruchtbar gemacht werden. Anhand einer mehrwöchigen Unterrichtssequenz können dabei neunte Klassen an die drei Themenbereiche ‚Zaubersprüche‘, ‚Charakteronyme‘ und ‚Harry Potter auf Latein lesen und verstehen‘ herangeführt werden. Diese drei Facetten, welche aufgrund ihrer engen Verbindung zur lateinischen Sprache gut mit den Zielen des aktuellen Lehrplans verknüpfbar sind, sind sinnvoll, um die Schüler in ihrer Lebenswelt abzuholen und für die lateinische Sprache zu motivieren. Außerdem kann anhand eines Werkes, das die griechisch-römische Antike rezipiert, leicht ein Gegenwartsbezug hergestellt werden. Dadurch erlangen Heranwachsende auch tiefgehende Einblicke in die westliche Kultur.

2. Zum Phänomen der antikenhaltigen Kinder- und Jugendliteratur (KJL)

Die KJL3 stellt automatisch ein Rezeptionsdokument dar, das in einer langen Tradition der Antikenrezeption steht. Die Interpretation aufgrund eines Vergleichs von Textdokument und Rezeption dient nicht nur der Auflockerung, sondern ermöglicht auch ein tieferes Textverständnis verbunden mit Einsichten in die europäische Kulturtradition.4

Kampert betont in diesem Zitat, dass die Kinder- und Jugendliteratur seit jeher in enger Verbindung mit antiken Sujets steht, und weist der KJL eine Funktion zu, die weit über die Motivation von Jugendlichen für den Lateinunterricht hinausgeht. So schlägt Kampert ein komparatistisches Vorgehen vor, das auch die Domänen ‚Textverständnis‘ und ‚Kultur‘ zu fördern vermag. Auch die weltbekannte Harry - Potter 5 -Reihe weist einen engen Konnex zur Antike auf, da sich in den Bänden mythologische Sujets wie fragmentierte Familienkonzeptionen, Heldenreisen und der Kampf gegen das Böse entdecken lassen. Dass sich HP6 somit für den Lateinunterricht hervorragend eignet, konstatiert Kampert am Beispiel der mythologischen Ingredienzien des Romans:

Im „Harry Potter“-Universum, das jüngst durch ein Theaterstück und einen Film neu belebt worden ist, tauchen neben phantastischen Lebewesen auch immer Gestalten aus der antiken Mythologie auf.7

Zu diesen Gestalten gehören neben dem Basilisken, dem Phoenix und den Kentauren auch göttlich inspirierte Figuren wie Minerva McGonagall, die Lehrerin für Verwandlungskünste, deren sprechender Vorname explizit auf die Weisheitsgöttin Athene verweist. Diesen offensichtlichen Konnex stellt auch Knobloch heraus. Aus den antiken Götter- und Heldensagen greife Rowling seiner Meinung nach Anregungen, Ideen, Themen, Motive und Personen sowie tierische Lebewesen auf. Mit der antiken Welt sei die Autorin wohl bestens vertraut, da sie in Exeter (England) Altgriechisch und Latein studiert habe.8 Neben Knobloch verweisen auch Sarah Evelyne Rist, Michael Stierstorfer und Benedikt Simons auf explizite Antikenbezüge in HP. Rist, die in ihrer kurzen Studie die Bezüge zwischen Cerberus und Fluffy bzw. dem Kentaur Chiron und Firenze herausarbeitet, kommt im Rahmen ihres komparatistischen Ansatzes zu dem Ergebnis, dass

bei Fluffy und Firenze aus „Harry Potter und der Stein der Weisen“ und „Harry Potter und der Orden des Phoenix“ von einer Neuinterpretation der mythologischen Wesen Cerberus und Chiron gesprochen werden kann […], da bewusst Merkmale zu Gunsten des weiteren Verlaufs der Geschichte modifiziert bzw. weggelassen worden sind.9

In diesem Kontext geht Rist jedoch nicht auf die Funktion beider Fabelwesen zur Inszenierung der Heldenreise von Harry Potter ein und vernachlässigt auch die parodistische Ebene, die Rowling beiden Gestalten verleiht. So wird die Cerberus-Figur in HP als Schoßhund von Hagrid mit dem Kosenamen Fluffy (= engl. flauschig) inszeniert und der Kentaur Firenze wird als pseudo-astrologiekundiger Wissenschaftler ironisiert, der lediglich über Halbwissen verfügt. Stierstorfer verweist in diesem Zusammenhang auf den Konnex der antiken Fabelwesen und der Domestizierung durch die Zauberer:

[...]


1 Der vorliegende Beitrag ist eine modifizierte Kurzform einer ausführlichen Studie zur Mehrsprachigkeit in der Jugendliteratur am Beispiel von Harry Potter und deren Perspektiven für den Lateinunterricht. Weiterführende Informationen dazu finden sich bei Stierstorfer 2017c.

2 Vgl. Needham 2003 und 2007.

3 Dies ist die gängige Abkürzung für Kinder- und Jugendliteratur.

4 Kampert 2017, 3.

5 Die Romanreihe Harry Potter wird im Fortfolgenden stets mit HP abgekürzt.

6 HP wird hier und im Fortfolgenden als Abkürzung für die Romanreihe um Harry Potter verwendet.

7 Kampert 2017, 5.

8 Vgl. Knobloch 2000, 87.

9 Rist 2016, 39.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Lateinischsprachige Jugendliteratur im Lateinunterricht. Harry Potter in der Lektürephase
Untertitel
Populärkultur als sinnvoller Unterrichtsgegenstand?
Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
12
Katalognummer
V1273801
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lateinischsprachige, jugendliteratur, lateinunterricht, harry, potter, lektürephase, populärkultur, unterrichtsgegenstand
Arbeit zitieren
Michael Stierstorfer (Autor:in), 2018, Lateinischsprachige Jugendliteratur im Lateinunterricht. Harry Potter in der Lektürephase, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1273801

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