Diese Arbeit beschäftigt sich mit der folgenden Forschungsfrage: Können erbschaftsteuerliche Verschonungsregeln auf Betriebsvermögen aus ökonomischer Sicht gerechtfertigt werden und wie sind diese in den OECD-Ländern ausgestaltet? Welche Ausgestaltungen der erbschaftsteuerlichen Erleichterungen sind aus ökonomischer Sicht sinnvoll?
Eine der größten weltweiten Herausforderungen unserer Zeit ist eine immer größer werdende Vermögens- und Einkommensungleichheit. Die OECD warnte bereits im Jahr 2014 davor, dass dies nicht nur zu einem Anstieg von sozialer Ungleichheit und politischer Instabilität führt, sondern auch die Wirtschaftskraft der Länder schwächt. Seitdem hat sich diese Entwicklung weiter fortgesetzt und so spricht sich die OECD in einem 2021 veröffentlichten Paper für die Erbschaftsbesteuerung als Instrument gegen die Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen aus. Die Erbschaftsteuer ist eine kontrovers diskutierte Steuer. Einerseits verbessert sie die Chancengleichheit und wirkt ungerechter Wohlstandsverteilung entgegen, andrerseits erschwert sie den Menschen generationenübergreifend Vermögen aufzubauen und verringert Arbeitsanstrengungen. Hinsichtlich der Höhe ihres Aufkommens spielt die Erbschaftsteuer in den meisten Ländern eine eher untergeordnete Rolle.
In Deutschland macht die Erbschaftsteuer nur etwas über 1 % des gesamten Steueraufkommens aus. Vergleicht man Länder, in denen die Einwohner vergleichsweise viel erben, mit Ländern, in denen der Wohlstand mehrheitlich durch eigenständige Arbeit erwirtschaftet wurde, so wird deutlich, dass Letztere ein höheres Wirtschaftswachstum aufweisen. Unter Ökonomen ist die Zustimmung zur Erhebung einer Erbschaftsteuer groß. Umfragen zufolge sind nur 12 % der Volkswirte gegen die Erhebung einer Erbschaftsteuer, 51 % sind generell für die Erhebung einer Erbschaftsteuer und weitere 37 % für die Erhebung einer hohen Erbschaftsteuer. Auch wenn aus der Umfrage hervorgeht, dass grundsätzlich von Personen mit ökonomischer Expertise die Erhebung einer Erbschaftsteuer befürwortet wird, gibt es kontroverse Diskussionen hinsichtlich der Ausgestaltung dieser Steuerart. In vielen OECD-Ländern gibt es steuerliche Erleichterungen auf Betriebsvermögen. Vor diesem Hintergrund der zunehmenden Ungleichheit kritisierte der Internationale Währungsfonds (IMF) 2019, dass die erbschaftsteuerlichen Erleichterungen auf Betriebsvermögen die Diskrepanz zwischen Arm und Reich noch vergrößern.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Ökonomische Rechtfertigung von erbschaftsteuerlichen Erleichterungen auf Betriebsvermögen
2.1 Ökonomische Zielsetzung und Motivation für eine steuerliche Begünstigung
2.2 Untersuchung der Anreizeffekte auf Erben, Erblasser und Unternehmensentscheidungen und deren gesamtwirtschaftliche Konsequenzen
2.2.1 Einfluss der Erbschaftsteuer auf die Liquidität des Unternehmens
2.2.2 Fortführung der Unternehmenstätigkeit und die Unternehmensstruktur
2.2.2.1 Einfluss der Erbschaftsteuer auf die Fortführung der Unternehmenstätigkeit
2.2.2.2 Einfluss der Erbschaftsteuer auf die Unternehmensstruktur einer Volkswirtschaft
2.2.2.3 Unternehmerische Fähigkeiten der Nachfolger als Faktor des unternehmerischen Erfolges
2.2.3 Einfluss auf das Investitionsverhalten des Unternehmens
2.2.4 Einfluss auf Arbeitsplätze
2.2.5 Einfluss auf Umgehungsaktivitäten und Steuervermeidung
2.2.6 Transaktionskosten und unternehmerische Fähigkeiten
2.3 Zusammenfassung der Anreize und deren gesamtwirtschaftliche Konsequenzen
3 Vergleich und Bewertung der rechtlichen Ausgestaltung der Erbschaftsteuer in Deutschland und anderen OECD-Mitgliedsstaaten
3.1 Überblick der Ausgestaltung in den OECD-Ländern
3.2 Nähere Betrachtung der Erbschaftsteuer auf Betriebsvermögen ausgewählter OECD-Länder
3.2.1 Vergleich der Erbschaftsteuersysteme anhand deren Ausgestaltung
3.2.1.1 Deutschland
3.2.1.2 Großbritannien
3.2.1.3 Frankreich
3.2.2 Vergleich der Erbschaftsteuersysteme anhand eines Belastungsvergleichs
3.2.2.1 Ausgangsfall 1)
3.2.2.1.1 Erbschaftsteuerbelastung Deutschland
3.2.2.1.2 Erbschaftsteuerbelastung Großbritannien
3.2.2.1.3 Erbschaftsteuerbelastung Frankreich
3.2.2.2 Fallabwandlung 1 a) Veräußerung innerhalb der Haltefrist
3.2.2.2.1 Erbschaftsteuerbelastung Deutschland
3.2.2.2.2 Erbschaftsteuerbelastung Großbritannien
3.2.2.2.3 Erbschaftsteuerbelastung Frankreich
3.2.2.3 Fallabwandlung 1 b) Unternehmenswert
3.2.2.3.1 Erbschaftsteuerbelastung Deutschland
3.2.2.3.2 Erbschaftsteuerbelastung Großbritannien
3.2.2.3.3 Erbschaftsteuerbelastung Frankreich
3.2.2.4 Zusammenfassung Belastungsvergleich und Vergleich der Steuersysteme
3.2.3 Fazit und Bewertung der rechtlichen Ausgestaltung der Erbschaftsteuersysteme
4 Zusammenfassung der Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, zu analysieren, ob sich erbschaftsteuerliche Verschonungsregeln auf Betriebsvermögen aus ökonomischer Sicht rechtfertigen lassen. Dabei wird untersucht, wie diese Regelungen in den OECD-Ländern ausgestaltet sind und welche Formen der Erleichterung aus einer ökonomischen Perspektive sinnvoll sind, um Wohlstandsverluste zu minimieren und die gesamtwirtschaftliche Performance zu stärken.
- Ökonomische Anreize durch Erbschaftsteuererleichterungen
- Einfluss auf Liquidität, Investitionsverhalten und Arbeitsplätze
- Vergleich und Bewertung nationaler Erbschaftsteuersysteme
- Unternehmensstruktur und Familiennachfolge
- Steuervermeidung und Umgehungsaktivitäten
Auszug aus dem Buch
Einfluss der Erbschaftsteuer auf die Liquidität des Unternehmens
Entnimmt der Erbe die finanziellen Mittel zur Begleichung der Erbschaftsteuer aus dem Betriebsvermögen, kann sich dies negativ auf die Liquidität des Unternehmens auswirken, die Fortführung des Unternehmens und die Arbeitsplatzsicherheit gefährden, Investitionen verringern, die Profitabilität des Unternehmens verschlechtern und Wohlstandsverluste erzeugen. Es stellt sich zunächst die Frage, in welchem Ausmaß die Erbschaftsteuer die Liquidität des Unternehmens beeinflusst.
In einer Untersuchung der Auswirkungen der erbschaftsteuerlichen Belastungen auf die Liquidität der Unternehmen aus 2006 konnten zunächst nur unbedeutende Liquiditätseffekte gemessen werden. Laut Brunetti gibt es keine hinreichenden Daten zu der Liquiditätslage der Unternehmen vor und nach der Übergabe des Unternehmens, um die Frage nach dem Einfluss der Erbschaftsteuer auf die Liquidität des Unternehmens zu beantworten.
In einer Studie aus 2011 wurde die Steuerbelastungsquote von Unternehmen bei Vererbung oder Verschenkung des Unternehmens in der Zeit vor der Erbschaftsteuerreform in Deutschland untersucht. Im Fokus stand die Steuerschuld, die die zusätzlich übertragenen Werte übersteigt und das Unternehmen damit effektiv belastet. Häufig werden gleichzeitig mit dem Übergang des Unternehmens auch andere Vermögenswerte übertragen, die große Teile oder auch den vollständigen Teil der Erbschaftsteuer decken. Daraus ergab sich das Resultat, dass in der Untersuchung zum Erbschaftsteuersystem in Deutschland vor der Einführung stärkerer Steuererleichterungen 2009 weniger als 2 % der Unternehmen effektiv durch die Erbschaftsteuer belastet wurden. Nur wenige Unternehmen waren von einer effektiven Steuerbelastung von über 10 % betroffen und hatten Probleme diese zu finanzieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die zunehmende Vermögensungleichheit und stellt die kontroverse Rolle der Erbschaftsteuer sowie die Forschungsfrage zur ökonomischen Rechtfertigung von Verschonungsregeln vor.
2 Ökonomische Rechtfertigung von erbschaftsteuerlichen Erleichterungen auf Betriebsvermögen: Dieses Kapitel analysiert theoretisch und empirisch die Anreizeffekte auf Unternehmen, wie Liquidität, Investitionen und Anreize für Familiennachfolgen, und diskutiert Wohlstandsverluste durch Steuerumgehung.
3 Vergleich und Bewertung der rechtlichen Ausgestaltung der Erbschaftsteuer in Deutschland und anderen OECD-Mitgliedsstaaten: Dieser Teil vergleicht die Erbschaftsteuersysteme Deutschlands, Großbritanniens und Frankreichs anhand konkreter Fallbeispiele, um die effektive Steuerbelastung und die Komplexität der Regelungen darzustellen.
4 Zusammenfassung der Ergebnisse: Das abschließende Kapitel fasst die ökonomischen Auswirkungen zusammen und gibt eine kritische Beurteilung der Zweckmäßigkeit von Verschonungsregeln auf Betriebsvermögen.
Schlüsselwörter
Erbschaftsteuer, Betriebsvermögen, Steuererleichterung, Familienunternehmen, Unternehmensnachfolge, Liquidität, Investitionsverhalten, Steuerumgehung, OECD, Steuergerechtigkeit, Volkswirtschaft, Wohlstandsverluste, Verschonungsregeln, Unternehmensstruktur, Kapitalausstattung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die ökonomische Rechtfertigung von erbschaftsteuerlichen Verschonungsregeln auf Betriebsvermögen und analysiert, ob diese Begünstigungen aus volkswirtschaftlicher Sicht sinnvoll sind.
Welche Themenfelder sind zentral?
Im Zentrum stehen die Auswirkungen der Erbschaftsteuer auf die Unternehmensliquidität, das Investitionsverhalten, die Stabilität von Familienunternehmen sowie die Steuervermeidung in verschiedenen OECD-Ländern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Forschungsfrage zu klären, unter welchen Bedingungen erbschaftsteuerliche Privilegien für Betriebsvermögen aus ökonomischer Sicht gerechtfertigt werden können und welche rechtlichen Ausgestaltungen hierfür optimal sind.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine Kombination aus Literaturanalyse und einem Belastungsvergleich, bei dem anhand eines repräsentativen Falls die Steuerbelastung in Deutschland, Großbritannien und Frankreich gegenübergestellt wird.
Was behandelt der Hauptteil?
Der Hauptteil analysiert Anreizeffekte auf Erben und Unternehmen, erörtert spezifische Faktoren wie "Dritte-Generation-Effekte" und führt eine detaillierte Ausgestaltung der Steuersysteme der untersuchten Länder auf.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit fokussiert sich auf Begriffe wie Erbschaftsteuer, Betriebsvermögen, Familienunternehmen, Steuergerechtigkeit und Wohlstandsverluste.
Wie wirkt sich die Erbschaftsteuerreform in Deutschland aus?
Die Arbeit zeigt, dass die Steuerreformen zwar theoretisch das Ziel verfolgen, die Unternehmensnachfolge zu erleichtern, aber gleichzeitig komplexe Gestaltungsspielräume eröffnen, die zu Steuervermeidung und Ineffizienzen führen können.
Ist eine "flat tax" als Alternative sinnvoll?
Die Arbeit diskutiert, dass ein einheitlicher, niedriger Steuersatz ohne spezifische Sonderregelungen den Verwaltungsaufwand reduzieren und negative Fehlanreize der aktuellen Verschonungsregeln mindern könnte.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2021, Erbschaftsteuer auf Betriebsvermögen. Eine kritische Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1274138