Über Platons Parmenides-Dialog - Einige Anmerkungen zu(m) Beginn


Seminararbeit, 2008

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zur Einleitung und den Rahmenbedingungen

2. „Wenn das Seiende vieles wäre, daß es dann zugleich ähnlich und unähnlich sein müsse [...]“

3. Die Darstellung Zenons als weisen Philosophen

4. Sokrates als noch defizitärer Philosoph

5. Parmenides als weiser und dialektisch versierter Philosoph

6. Literaturverzeichnis

1. Zur Einleitung und den Rahmenbedingungen

Schon die einleitenden Worte, die Platon zu dem Gespräch schreibt sowie die Rahmenbedingungen, unter denen er es stattfinden lässt, sind eine nähere Betrachtung wert. Kephalos aus Klazomenai kommt nach Athen, um das Gespräch zwischen dem jungen Sokrates, dem greisen Parmenides und seinem Schüler Zenon[1] zu hören, welches Jahrzehnte zuvor stattgefunden hat. Dies ist eine „historisch zwar nicht ganz unmögliche, aber eben doch sehr unwahrscheinliche Begegnung zwischen Sokrates und dem Begründer der eleatischen Schule“[2], die auf etwa 450 v. Chr. zu datieren ist.[3] Adeimantos und Glaukon, die Brüder Platons, verweisen Kephalos an Antiphon, der sich zwar heute ausschließlich der Pferdezucht widmet, in seiner Jugend aber vom Eros bestimmt und sehr für die Philosophie interessiert war. Er zeichnet sich durch ein exzellentes Gedächtnis aus und hat das Gespräch von Pythodoros, einem athenischen General bei der Sizilischen Expedition von 427, der selbst bei diesem Gespräch anwesend war, erzählt bekommen.

Die Darstellung des Gesprächs als etwas lang Vergangenes, mündlich dreifach Tradiertes ist keinesfalls ein Mittel der literarischen Distanzierung, sondern vielmehr ein Hinweis auf die Platonische Schriftkritik[4], ferner auf Platons traditionalistische Einstellung, die nicht mit dem heutigen Verständnis der historischen Entwicklung als Fortschrittsentwicklung vergleichbar ist.[5]

Dadurch, dass Platon seine Brüder Adeimantos und Glaukon sowie Antiphon, seinen sonst unbekannten Halbbruder, aber auch Kephalos, den Führer der Fremden, in dessen Namen man einen Querverweis auf die Politeia sehen kann, wobei der dortige Greis Kephalos ein anderer als der hier auftretende Kephalos ist, auftreten lässt, wird nochmals betont, dass es hier um Platons Wichtigstes und Eigenstes geht. Ferner beinhalten die Rahmenbedingungen des Dialogs Aussagen über Platons Philosophie, die für sich in Anspruch nimmt, die ostgriechische νοῦς - Theorie und die westgriechische Lehre der Eleaten mit ihrer strikt monistischen Seinslehre zu vereinen, da „das Athen Platons [...] der Raum [ist], in dem die ältere ionische Naturphilosophie mit der italischen Richtung zusammentrifft und eine große Synthese entsteht.“[6]

2. „Wenn das Seiende vieles wäre, daß es dann zugleich ähnlich und unähnlich sein müsse [...]“

In der Schrift der 40 λόγοι (zu deutsch etwa „40 Paradoxien“[7] ) entwickelt Zenon zunächst Voraussetzungen (Hypothesis), aus denen er dann Schlussfolgerungen zieht. Ziel seiner Schrift ist die Unterstützung der Annahme Parmenides‘, das Sein bilde eine ungeteilte, unwandelbare Einheit. Zenon will die widersprechende Annahme, es gebe Vieles, durch reductio ad absurdum widerlegen und somit den Beweis erbringen, dass es keine Vielheit geben kann. Adressat der Schrift sind all diejenigen, die an die Realität einer Vielheit glauben, was die Eleaten und mit ihnen auch Zenon, der nebst Parmenides der wichtigste Vertreter der eleatischen Philosophie ist, nicht mehr tun.

Von den Argumenten gegen die Annahme der Vielheit erwähnt Sokrates nur ein einziges – Zenons letzten der 40 λόγοι: „Wenn das Seiende vieles wäre, daß es dann zugleich ähnlich und unähnlich sein müsse [...]“[8]. Da demzufolge die vielen Seienden zugleich als ähnliche und unähnliche gelten müssen, gilt es zunächst zu konkretisieren: Was ist Ähnlichkeit? Was ist Unähnlichkeit?[9]

Sicherlich sind die Begriffe hier nicht schwammig wie im Alltagsgebrauch, sondern vielmehr als ontologische Begriffe zu verstehen – Ähnlichkeit ist als partielle Identität, nicht als nummerische Einheit, sondern als Gleichheit im Bezug auf bestimmte Kategorien anzunehmen, Unähnlichkeit dagegen als partielle Differenz, bei der keinerlei gemeinsame Grundlage ontologischer Bestimmungen vorliegt .

Es wäre zu einfach gedacht, es als Merkmal der Ähnlichkeit zu begreifen, dass allem Seienden gemeinsam ist, seiend zu sein, als Unähnlichkeit aber annimmt, dass es Unterschiede geben müsse, da sonst Identität vorliege. So wäre das Seiende zwar gleichzeitig ähnlich und unähnlich, jedoch nicht in ein- und derselben Hinsicht. Teilweise wird diese Meinung, dass Zenon diese Hinsichtenunterscheidung nicht kannte oder ignorierte, allerdings in der Forschung vertreten. Vernachlässigt man die Hinsichtenunterscheidung jedoch nicht und versucht, das Seiende in derselben Hinsicht als ähnlich und unähnlich zugleich zu zeigen, so kann man konsternieren:

[...]


[1] Möglicherweise, wenn auch historisch nicht nachzuweisen, waren Parmenides und Zenon nicht nur Lehrer und Schüler, sondern vielmehr auch Liebhaber, was zeigen soll, dass die Philosophie nicht als bloß theoretische, sondern vielmehr auch als Sache des Eros zu sehen ist.

[2] Wolfgang Wieland: Platon und die Formen des Wissens, Göttingen 1999, S. 90.

[3] Zur Datierung vgl. Franz von Kutschera: Platons »Parmenides«, Berlin, New York 1995, S. 15.

[4] Ebenfalls angewandt wird diese Technik der komplexen Eingangssituation beispielsweise in den Platonischen Werken Phaidon und Symposion.

[5] Vgl. beispielsweise in Philebos 16: „[...] und die Alten besseren als wir und den Göttern näher wohnenden [...]“, deutsche Übersetzung zitiert nach Ursula Wolf (Hg.): Platon. Sämtliche Werke. Band 3: Kratylos, Parmenides, Theaitetos, Sophistes, Politikos, Philebos, Briefe. Übers. v. Friedrich Schleiermacher, Hamburg 2004.

[6] Ingeborg Schudoma: Platons Parmenides: Kommentar und Deutung, Würzburg 2001, S. 15.

[7] Zur Wortbedeutung vgl. auch Thomas A. Szlezák: Platon und die Schriftlichkeit der Philosophie. Bd. 2: Das Bild des Dialektikers in Platons späten Dialogen, Berlin, New York 2004 S. 70, Anm. 19: „λόγος kann bekanntlich für ganze ‚Reden‘ stehen, und zwar für schriftliche und mündliche, für dialogische und undialogische ‚Reden‘, ebenso aber auch für längere oder kürzere Beweisgänge innerhalb einer größeren Darstellung, ferner auch für das einzelne Argument, ja den einzelnen Satz.“

[8] Platon: Parmenides, 127e. Die deutschen Übersetzungen dieser Arbeit werden zitiert nach Ekkehardt Martens (Hg.): Platon. Parmenides. Übersetzung von Ekkehardt Martens, Stuttgart 1987.

[9] Zu der Problematik der Ähnlichkeit und Unähnlichkeit in den Fragmenten des Zenonischen Œvre vgl. Arne Malmsheimer: Platons ‚Parmenides‘ und Marsilio Ficinos ‚Parmenides‘-Kommentar: Ein kritischer Vergleich, Amsterdam, Philadelphia 2001, S. 3ff.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Über Platons Parmenides-Dialog - Einige Anmerkungen zu(m) Beginn
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
12
Katalognummer
V127420
ISBN (eBook)
9783640350858
ISBN (Buch)
9783640350698
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Platon, Parmenides, Dialog-Rahmen
Arbeit zitieren
Sonja Filip (Autor), 2008, Über Platons Parmenides-Dialog - Einige Anmerkungen zu(m) Beginn, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127420

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