"Spleen" von Charles Baudelaire: Eine Gedichtinterpretation


Hausarbeit, 2005
19 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Gedicht

3. Übersetzung des Gedichtes

4. Metrik

5. Sprache
5.1 Syntax
5.2 Tempus
5.3 Lexik
5.4 Klangstrukturen
5.5 Stilmittel
5.6 Textbegleitende Analyse der Sprache

6. Aufbau

7. Das lyrische Ich

8. Interpretation

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bei dem nachstehenden Gedicht von Charles Baudelaire (09.04.1821 - 31.08.1867) handelt es sich um das letzte der vier Gedichte, die den Titel „Spleen“ tragen und zu dem Abschnitt „Spleen et Idéal“, dem ersten Teil der Fleurs du Mal, gehören. In diesem Abschnitt werden die „Lust am Bösen“ und die „Negation von Erlösung“ thematisiert.[1]

In dieser Arbeit soll das Gedicht unter verschiedenen Gesichtspunkten analysiert werden.

Ich folge dabei der Fassung von 1861, die sich in einigen Punkten von dem Text der Erstveröffentlichung des Gedichtes und dem der Originalausgabe der Fleurs du mal (1857) unterscheidet.

Nach der Übersetzung (Abschnitt 3) gilt die Aufmerksamkeit der Metrik des Gedichtes (Abschnitt 4). In einem weiteren Schritt wird die Sprache analysiert (Abschnitt 5), wobei zunächst auf sprachliche Phänomene, die das Gedicht in seiner Gesamtheit betreffen, eingegangen werden soll (Abschnitt 5.1 - 5.5).

Im Anschluss daran (Abschnitt 5.6) wird die Sprache des Gedichtes Vers für Vers analysiert und gleichzeitig mit dem Inhalt des Gedichts verbunden. Dabei werden sich zwangsläufig erste Interpretationsansätze ergeben.

Als Ergänzung zu der systematischen Darstellung erschien mir die textbegleitende Analyse der Sprache in Abschnitt 5.6 für dieses Gedicht sinnvoll, weil dadurch meines Erachtens die sprachlichen Besonderheiten in Verbindung mit dem Inhalt besser herausgearbeitet und anschaulich dargestellt werden können.

Als nächstes beschäftige ich mich im Abschnitt 6 mit dem Aufbau des Gedichtes.

Das lyrische Ich wird in Abschnitt 7 behandelt und in Abschnitt 8 werde ich unter Berücksichtigung der zuvor erarbeiteten Aspekte eine Interpretation vornehmen, wobei ich auch auf die allegorische Landschaft in dem Gedicht eingehen werde.

2. Das Gedicht

Spleen[2]

Quand le ciel bas et lourd pèse comme un couvercle

Sur l’esprit gémissant en proie aux longs ennuis,

Et que de l’horizon embrassant tout le cercle

Il nous verse un jour noir plus triste que les nuits;

Quand la terre est changée en un cachot humide,

Où l’Espérance, comme une chauve-souris,

S’en va battant les murs de son aile timide

Et se cognant la tête à des plafonds pourris;

Quand la pluie étalant ses immenses traînées

D’une vaste prison imite les barreaux,

Et qu’un peuple muet d’infâmes araignées

Vient tendre ses filets au fond de nos cerveaux,

Des cloches tout à coup sautent avec furie

Et lancent vers le ciel un affreux hurlement,

Ainsi que des esprits errants et sans patrie

Qui se mettent à geindre opiniâtrement.

- Et de longs corbillards, sans tambours ni musique,

Défilent lentement dans mon âme; l’Espoir,

Vaincu, pleure, et l’Angoisse atroce, despotique,

Sur mon crâne incliné plante son drapeau noir.

3. Übersetzung des Gedichtes

Spleen

Wenn der Himmel tief und schwer wie ein Deckel lastet

Auf dem ächzenden Geist, der von endlosem Trübsinn geplagt,

Und wenn er den ganzen Kreis des Horizonts umfassend

Uns einen schwarzen Tag herabgießt, trauriger als die Nächte;

Wenn sich die Erde in einen feuchten Kerker verwandelt,

Worin die Hoffnung, wie eine Fledermaus,

Mit scheuem Flügel an die Mauern schlägt

Und sich den Kopf an fauligem Gebälk stößt;

Wenn der Regen sich in unendlichen Streifen ausbreitet

Den Gitterstäben eines riesigen Gefängnisses gleichend,

Und wenn ein stummes Volk niederträchtiger Spinnen

Ihre Netze im Innersten unserer Gehirne zu spannen naht,

Springen plötzlich Glocken wütend auf

Und schleudern ein schreckliches Geheul gegen den Himmel,

Wie umherirrende und heimatlose Geister

Die hartnäckig ohne Ende zu wimmern anfangen.

- Und lange Leichenwagen, ohne Trommeln und Musik,

Ziehen langsam in meiner Seele vorüber; die Hoffnung,

Die besiegt ist, weint, und die grausame, herrische Angst,

Pflanzt auf meinen gesenkten Schädel ihre schwarze Fahne.

4. Metrik

Das Gedicht besteht aus fünf Strophen mit jeweils vier Versen (Quartett), die das Reimschema des Kreuzreimes (a-b-a-b, c-d-c-d, e-f-e-f, g-h-g-h, i-j-i-j) aufweisen. Bei allen Versen handelt es sich um Alexandriner (12-Silber) mit einer obligaten Zäsur nach der sechsten Silbe und einem Akzent auf der sechsten und zwölften Silbe.

Weiterhin ist ein regelmäßiger Wechsel von maskulinen und femininen Reimen zu erkennen (fmfm); die alternance des rîmes wird also eingehalten.

Es lassen sich insgesamt relativ viele mehr oder weniger starke Enjambements feststellen. Diese treten fast alle in der Form auf, dass sie das Subjekt vom Verb des Satzes abtrennen und dadurch die syntaktische Einheit unterbrochen wird. In diesen Fällen folgt auf das Subjekt des Satzes eine nähere Beschreibung desselben (z.B. in Form eines Vergleichs, eines eingeschobenen Satzes oder mit Hilfe von Adjektiven). Erst in dem folgenden Vers ist das Verb zu finden. Diese Art von Enjambements sind an der Grenze folgender Verse vorzufinden: 2.2/2.3, 3.1/3.2, 3.3/3.4, 5.1/5.2, 5.3/5.4. Durch die Inversion in Vers 3.2 wird der Effekt des Enjambements an dieser Stelle noch verstärkt.

Während das Subjekt in den genannten Beispielen am Anfang des Verses steht, nimmt das Enjambement zwischen den Versen 5.2/5.3 eine Sonderstellung ein. Es ist besonders stark in seiner Wirkung, weil das Subjekt „L’Espoir“ isoliert am Ende des Verses steht und der Satz erst in der folgenden Zeile fortgeführt wird.

Auffällig ist die Häufung von Enjambements in der fünften Strophe, wo in jedem Vers der Satz über das Versende hinausgeht.

Obwohl die bisherigen Beobachtungen gezeigt haben, dass der Dichter großen Wert auf die metrische Gestaltung gemäß der damaligen Tradition zu legen scheint, können diese Enjambements als eine geringe Abweichung von dieser angesehen werden.

Auf die Anhäufung der Enjambements in der fünften Strophe wird später in der textbegleitenden Analyse noch eingegangen. Sie ist in diesem Fall mit Sicherheit ganz bewusst vom Dichter gewählt worden.

5. Sprache

Im Folgenden werden zunächst die sprachlichen Besonderheiten, die das gesamte Gedicht betreffen, genannt. Eine ausführliche Analyse der Sprache und deren Verbindung mit dem Inhalt des Gedichtes erfolgt in Abschnitt 5.6 dieser Arbeit, in dem das Gedicht Vers für Vers analysiert wird.

5.1 Syntax

Das Gedicht besteht aus zwei Sätzen. Der erste Satz umfasst die ersten vier Strophen. Er wird von drei temporalen Nebensätzen gebildet, wobei jeder Nebensatz eine Strophe füllt und anaphorisch mit „quand“ beginnt, und einem mehrfach gegliederten Hauptsatz. Der zweite Satz ist ebenfalls mehrfach gegliedert und umfasst die fünfte und letzte Strophe. Es ist also eine syntaktische Zweiteilung des Gedichtes feststellbar: Das Gedicht zerfällt in die drei ersten Strophen, die Nebensätze beinhalten, und die beiden letzten Strophen, die aus unabhängigen Hauptsätzen bestehen. In der ersten und dritten Strophe wird das einleitende „quand“ durch „et que“ wiederholt. Damit sind diese Strophen in der Mitte nochmals geteilt.

Dieser syntaktische Aufbau des Gedichtes ist eng mit dem Inhalt verbunden, denn er trägt ebenfalls zum Aufbau und zur Steigerung der Spannung bei, wie ich unter Punkt 5.6 noch aufzeigen werde.

Es können zwei Inversionen festgestellt werden, bei denen das Genitivattribut vor dem Akkusativobjekt steht, von dem es abhängt. Dies ist der Fall in den Versen 1.3 und 3.2, wodurch dem Leser eine erhöhte Aufmerksamkeit bei der Lektüre abverlangt wird. Die Inversion in Vers 3.2 fällt dabei, wie oben bereits beschrieben, mit einem Enjambement zusammen, dessen Wirkung damit noch unterstützt wird. Dadurch, dass infolge der Inversion „d’une vaste prison“ zu Beginn des Verses steht, wird dieses Bild hervorgehoben und in seiner Wirkung verstärkt.

Die Interpunktion hängt eng mit dem syntaktischen Aufbau des Gedichtes zusammen und bedarf meiner Auffassung nach ebenfalls einer Anmerkung. Die ersten zwei temporalen Nebensätze (Strophe 1 und 2) schließen mit einem Semikolon ab, während der dritte durch ein Komma von dem darauffolgenden Hauptsatz (Strophe 4) getrennt ist. Wenn man davon ausgeht, dass es sich bei den ersten drei Strophen um gleichrangige Nebensätze handelt, wären meiner Auffassung nach an diesen Stellen Kommata grammatisch korrekt gewesen.

[...]


[1] F. Wanning, Französische Literatur des 19. Jahrhunderts, Stuttgart, Klett, 1998, S. 173.

[2] Charles Baudelaire, Spleen, in: Œuvres complètes, texte établi et annoté par Y.-G. Le Dantec, édition révisée, complétée et présentée par Claude Pichois, Bibliothèque de la Pléiade, Paris, Gallimard, 1961.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
"Spleen" von Charles Baudelaire: Eine Gedichtinterpretation
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Interpretationsübungen an Gedichten von Gautier, Baudelaire, Rimbaud und Verlaine
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V127438
ISBN (eBook)
9783640350865
ISBN (Buch)
9783640351053
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spleen, Charles, Baudelaire, Eine, Gedichtinterpretation
Arbeit zitieren
Alice Sievers (Autor), 2005, "Spleen" von Charles Baudelaire: Eine Gedichtinterpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127438

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