Metaphern in der Fußballberichterstattung zur WM 2006

Ein deutsch-polnischer Vergleich


Bachelorarbeit, 2006

75 Seiten, Note: 1,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Streszczenie

0. Vorwort:

1. Einleitung
1.1 Die Metapher – Eingangsfragen zur Definition
1.2 Schwierigkeit Sprachvergleich
1.3 Völkerpsychologie

2. Theorien der Metapher
2.1 Metaphernverständnis der antiken Rhetorik
2.2 Die Metapher in der modernen Semantik – Interaktionstheorie
2.3 Metaphernverständnis der Textlinguistik – Kontext- und Konterdeterminationstheorie
2.4 Metaphernverständnis der kognitiven Linguistik
2.4.1 Regularitäten der Bildlichkeit – Semantische Klassifizierung der Metapher
2.4.2 Weinrichs Kulturkreisbehauptung

3. Methodik
3.1 Wahl des Analysekorpus
3.2 Methoden der Korpusanalyse

4. Fußball und Sprache
4.1 Die Fernsehreportage
4.2 Die Fußballlexik

5. Die Untersuchung - Metaphorik in der deutschen und polnischen Fußballberichterstattung
5.1 Metaphorik des Krieges/Kampfes
5.2 Metaphorik der Arbeit/ des Handwerks
5.3 Metaphorik der Maschine
5.4 Metaphorik des Theaters
5.5 Metaphorik der Kommunikation/ der Beziehung
5.6 Übersicht und restliche Bildfelder

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis
7.1 Das Korpus
7.2 Lexika und Wörterbücher
7.3 Aufsätze und Monographien

Anhang

Streszczenie

W tej pracy zostanie przeanalizowane używanie metafor w celu wyjaśnienia lub skomento­wania konkretnego meczu piłki nożnej zarówno w języku polskim jak i niemieckim. Ta praca jest studium kontrastywnych porównań językoznawczych. Zostaną tutaj przedstawione różne teorie metafor pod wzglem paradigmy lingwistycznej. Od Arystotelesa do Lakoffa/Johnsona metafora była definiowana i interpretowana na różne sposoby: od dającej się opisać figury retorycznej do elementu języka codziennego, który w dużym stopniu wpływa na nasze myślenie i postępowanie. Weinrich (1976) zbadał, że używane metafory można podsumować jako tak zwane Bildfelder (pole obrazów). Określone Bildfelder służą określonym przed­miotom albo stanom jako Bildspender (dawca obrazów). W piłce nożnej te pola to przede wszystkim wojna/walka, praca i teatr. Lingwistyka kognitywna na czele z Georgem Lakoffem jako jej najważniejszym przedstawicielem stwierdza, że te wyżej wymienione pola mówią dużo o tym jak i co myślimy o piłce nożnej. Dlatego warto jest zająć się porównaniem metafor używanych w polskich i niemickich mediach. Metodą badawczą jest tutaj analiza i ocena komentarzy dotyczących meczu Polska-Niemcy podczas Mistrzostw Świata w piłce hożnej 2006 na podstawie telewizyjnych relacji na żywo jak i artykułów z gazet z dnia następnego. Weinrich postawił tezę wspólnych pól obrazów cywilizacji zachodu (abendländischen Bildfeldgemeinschaft). Jego teza zakłada, że używane w Europie koncepcje metaforyczne występują w wielu językach. Dlatego rzadziej dochodzi do nieporozumień międzykulturowych, które powstają przez używanie metafor. Także to studium może zasadniczo potwierdzić tą tezę. W wymiarze makro najczęściej używane obrazy są identyczne. Natomiast istnieją znaczne różnice w wewnętrznej strukturze tych obrazów. Jednak analizowane materiały dotyczące jednego konkretnego meczu są zbyt ograniczone, a także zbyt specyficzne, aby móc jednoznacznie stwierdzić ogólne zdanie. Powody tego organiczenia mogą leżeć w specyfice tego konkretnego meczu.

0. Vorwort:

Die Ursprünge vieler Ideen zu dieser Arbeit liegen in anregenden Gesprächen mit deutschen und polnischen Freunden. Ich habe mir mit der Fußballberichterstattung bewusst ein Feld ausgesucht, das alle mehr oder weniger gut kennen und welches speziell in diesem Jahr 2006 besondere Beachtung findet.

Die Fragestellung lautet, ob es Unterschiede bei der Beschreibung eines Fußballspiels zwischen Deutschen und Polen gibt. Zur Beschreibung eines jeden Sports zieht man automatisch Umschreibungen, die ihre Wurzeln ursprünglich in anderen Bereichen haben, zur Hilfe. Wir haben zum Beispiel per se kein Wort, welches ausschließlich das Objekt beschreibt, welches zwei senkrechte und eine darauf liegende waagerechte Leisten begrenzen. Stattdessen nehmen wir andere Bilder zur Hilfe - hier ein Wort aus dem häuslichen Bereich - und nennen es Tor (große Tür), vgl. polnisch bramka, oder Gehäuse, Gebälk etc.

Wenn wir also keine ureigene Fußballsprache haben, um ein Spiel zu erklären, zu kommentieren (denn auch die so genannte Fachsprache bedient sich anderen Bildern), welches sind dann unsere Hilfen? Aus welchen Bereichen stammen sie? Welche Bilder werden verwendet? Eine Hypothese könnte lauten, dass im Polnischen aufgrund eines stärkeren Traditionsbewusstseins eher ältere, traditionelle Metaphern wie aus dem Bereich Krieg/Kampf benutzt werden und im Deutschen dagegen moderne Bilder, wie aus dem Bereich der Psyche („Man muss mental auf dem Platz sein und ein Spiel wird im Kopf entschieden.“), den Vorrang in der Beschreibung eines Fußballspiels haben.

Zur Frage, ob es hier bei der Verwendung der Bilder evtl. größere Unterschiede gibt, dazu hat sich Harald Weinrich mit seiner Konvergenz-Hypothese einer Bildgemeinschaft innerhalb des Abendlandes geäußert (Weinrich 1976: 287). Die Weinrichsche Konvergenz-Hypothese fußt auf Beobachtungen des Metapherngebrauchs in Texten verschiedener europäischer Sprachen. Sie beschreibt, dass in einzelnen als kreativ aufgefassten metaphorischen Verwendungen identische oder zumindest sehr ähnliche metaphorische Projektionsrichtungen aktiviert werden. Der Metaphernaustausch und die Verbreitung einzelner Metaphern „überschreiten in sehr vielen Fällen die Grenzen europäischer Einzelsprachen“ (Weinrich 1976: 289).

Die vorliegende Arbeit stellt einen Beitrag zur kontrastiven Metaphorik. Lange Zeit wurde aufgrund des starken Einflusses von Weinrichs Hypothese die Metaphorik von vornherein zumindest für die europäischen Sprachen schlicht als ein „kontrastives Nicht-Problem" (Osthus 2000: 13) erachtet. Und tatsächlich kommt es innerhalb der europäischen Sprachen selten zu interkulturellen Missverständnissen, die ihre Wurzeln in Metaphern haben. Auch meine Untersuchung belegt die Weinrichsche Hypothese. Der Großteil der benutzten Bilder, die in der deutschen und in der polnischen Fußballberichterstattung benutzt werden, ist identisch. Innerhalb der Bilder gibt es allerdings Divergenzen, was die Ausprägung oder die Häufigkeit einzelner Ausdrücke betrifft.

Die vorliegende Untersuchung kann keine vollständige Erfassung weder sämtlicher Aspekte der kontrastiven Metaphorik, noch sämtlicher möglicher Ausprägungen von im Fußball verwendeten Metaphern sein. Der korpuslinguistische Ansatz bedingt von vornherein eine aus heuristischen Gründen notwendige Beschränkung der Betrachtung. So wird das Korpus zum einen durch die Auswahl eines Spiels (Deutschland-Polen, 14. Juni 2006) und zum anderen durch die im jeweiligen Fernsehen übertragenen Live-Reportagen (ARD, TVP2) und einigen Pressetexten beschränkt. Die Herangehensweise versteht sich als textgestützt und kontrastiv. Methodisch habe ich mich bei der Auswahl und Auswertung vor allem an Erkenntnisse der kognitiven Linguistik gehalten. Es geht hier folglich nicht um eine vollständige Inventarisierung des umgrenzten Metapherntyps im Polnischen und Deutschen, sondern um eine Verdeutlichung der für den Bereich der Metaphorik vorhandenen zwischensprachlichen Gemeinsamkeiten und Divergenzen.

Ich werde nun zunächst den inhaltlichen und methodischen Rahmen der Untersuchung abstecken, indem ich Beispiele für Definitionen für eine Metapher gebe und kurz die Besonderheiten bei einem Sprachvergleich skizziere. Über das Denken verschiedener Völkergruppierung in der Abhängigkeit von ihrer Sprache hat die Völkerpsychologie am Anfang des 20. Jahrhunderts als erster Wissenschaftszweig Aussagen verfasst. Ein kurzer Blick auf diesen Zweig bildet den Übergang zu den Theorien der Metapher, die im Laufe der Zeit von Aristoteles bis heute verfasst wurden, zumeist unter Vorzeichen eines sprachwissenschaftlichen Paradigmas. Speziell werde ich mich bei meiner Untersuchung auf Weinrichs Bildfeldmodell stützen und skizziere daher die wichtigsten Aussagen dieses Modells. Danach werde ich die Methodik meiner Untersuchung näher erläutern, bevor ich mich dem Gegenstand selber nähere. Das Kapitel „Fußball und Sprache“ soll den Übergang zur Auswertung erleichtern. Bei der Auswertung werde ich die bedeutendsten Bildfelder, die zum größten Teil verblüffende Ähnlichkeiten aufweisen, vorstellen und den Gebrauch dieser Felder im Deutschen und Polnischen mit einer Mischung aus textorientierten und statistischen Angaben vergleichen.

1. Einleitung

1.1 Die Metapher – Eingangsfragen zur Definition

„Man wird nichts verstehen und doch einiges, denn wo Verkleidungen als nackte Wahrheiten auftreten, kann die Enthüllung nur – Metapher sein“ (Buchholz 1993: 7) Meine Aufgabe ist es also, die Enthüllung dieser Metaphern zu vollziehen und festzustellen, was unter der Verkleidung steckt und diese Inhalte in einer deutsch-polnisch kontrastiven Darstellung vergleichen. Wie erkenne ich aber Metaphern? Bevor ich zu den Metapherntheorien und der Methodologie komme, möchte ich kurz darstellen, wie schwierig es ist, eine Definition für die Metapher zu finden und dafür ein paar Beispiele geben. Im Laufe der Arbeit werden dann immer wieder neue Ideen zur Metapher (oft bedingt durch übergeordnete Strömungen in der Sprach- oder Literaturwissen­schaft) hinzukommen. So fragt sich auch Max Black:

Die Fragen, die ich gerne beantwortet sehen würde, betreffen die „logische Grammatik“ von „Metaphern“ und Wörtern mit verwandten Bedeutungen. Es würde genügen, wenn man überzeugende Antworten auf folgende Fragen hätte: „Wie erkennen wir einen Fall von Metaphorik?“ „Gibt es Kriterien für den Nachweis von Metaphern?“ „Sind Metaphern in wörtliche Ausdrücke übersetzbar?“ […] „Welche Beziehungen bestehen zwischen Metapher und Vergleich?“ […] „Und was soll schließlich die Verwendung einer Metapher überhaupt?“ (Oder, kürzer ausgedrückt, „Was meinen wir mit ‚Metapher’?“) (Black 1996: 55).

Bis heute gibt es keine eindeutigen Antworten auf die von Black gestellten Fragen. Viele Versuche hat es allerdings gegeben, sich diesem Gegenstand zu nähern. Arlow (1979) stellt in seiner Arbeit „Metaphor and the psychoanalytic situation“ fest: „Das Wort Metapher kommt aus den altgriechischen Wortbedeutungen ‚hinübertragen’ und bezieht sich auf linguistische Prozesse, die Aspekte des einen Objekts zu einem anderen Objektbereich hinübertragen oder ‚übertragen’ werden, so dass vom zweiten Gegenstand gesprochen wird, als sei es der erste“ (Arlow 1979: 365, zitiert in Carveth 1993: 17).

Während Aristoteles die Metapher als substituierbar hält und keinen Unterschied zur Analogie zieht, sieht Carveth den Unterschied zwischen Analogie und Metapher, dass in der Metapher die Gleichsetzung beider Elemente nur implizit ist, in einer Analogie hingegen wird die Gleichsetzung durch den Gebrauch des Wortes „wie“ explizit: „Ballack spielt wie ein Gott“ „das polnische Tor ist wie vernagelt“. „Analogie und Metapher sind verwandte rhetorische Figuren; erstere ist in einer wichtigen Hinsicht weniger gewagt, weil die Gleichsetzung in einer Analogie explizit ist, wird sie nicht so leicht fälschlich für Identität genommen“ (Carveth 1993: 17). Weinrich versucht die Metapher so zu umschreiben:

„Eine Metapher, und das ist im Grunde die einzig mögliche Metapherndefinition, ist ein Wort in einem Kontext, durch den es so determiniert wird, dass es etwas anderes meint, als es bedeutet“ (Weinrich 1963: 334, zitiert in Ehlers 1992: 24). Oder als letztes Beispiel Buchholz:

„Metaphern sind „Doppelgänger“, ihnen eignet die Fähigkeit, heterogene Kontexte so miteinander zu verbinden, dass Bedeutungen aus dem einen in den anderen „übertragen“ werden können – aber das wird nicht immer erkannt“ (Buchholz 1993: 9).

Was in allen Definitionsversuchen auftaucht, ist der Bedeutungswandel oder die Bedeutungs­übertragung, die mit der Metapher und durch den bestimmten Kontext vollzogen wird. Es wird etwas anderes gemeint, als es die eigentliche Bedeutung des Wortes vermuten lässt. Die semantische Komponente spielt also die bedeutendste Rolle bei der Untersuchung von Metaphern. Oft wird in den Definitionen auch die ästhetische bzw. poetische Funktion erwähnt (Ehlers 1992: 32). Für Aristoteles war es einzig ein Mittel der Rhetorik. Ich werde im späteren Kapitel zur Fernsehreportage genau die Frage stellen, wieso vielleicht besonders die Fußballberichterstattung an sich dazu neigt, Metaphern zu produzieren. Als dritter wichtiger Punkt, der in vielen Definitionsversuchen auftaucht, ist die Leistung des Rezipienten. Es liegt an ihm, ob er eine Metapher als „semantisch anomale und damit sinnlose Prädikation“ hinnimmt oder ob er versucht, ihr mit Hilfe von „metasprachlichen und hermeneutischen Reflexionen eine spezifische Sinnstruktur“ zuzuordnen (Köller 1975: 181). Meistens verstehen wir die Aussage der Metapher automatisch, da fast alle mehr oder weniger stark literalisiert sind. Bei kreativen Metaphern ist es im Ausnahmefall ein Suchauftrag. Was hat das eine mit dem anderen zu tun, und wie hilft mir diese Bedeutungsüberschneidung, die Aussage richtig zu verstehen.

1.2 Schwierigkeit Sprachvergleich

Bevor ich die Verwendung von Metaphern in zwei unterschiedlichen Sprachen vergleiche, stellt sich zunächst die Frage, inwieweit man überhaupt Sprachen miteinander vergleichen kann.

Die Frage nach Gegenstand und Methode des Vergleichs mag noch recht unkompliziert sein, wenn einfach messbare Quantitäten miteinander verglichen werden, etwa Schuhgrößen, Brotpreise oder Wahlergebnisse. Ausführlicher methodischer Erläuterungen bedarf es da schon, wo zu den Quantitäten qualitative Aspekte hinzukommen, etwa wenn neben dem Brotpreis des Preis-Leistungs-Verhältnis des Bäckers gewertet wird, wenn neben der prozentualen Stimmenverteilung der Wahlerfolg einzelner Parteien miteinander verglichen wird. Um wie viel komplexer muss sich da ein Vergleich auch nur von Teilaspekten so heterogener Gebilde wie natürlicher Sprache, also etwa der Metaphorik, darstellen (Osthus 2000: 19).

Je komplexer die Vorstellung von Sprache in der Geschichte der Linguistik wurde, desto schwieriger wurde es auch, Sprachvergleiche ziehen zu können. So akzentuierte Wilhelm von Humboldt große Skepsis gegenüber einer Vorstellung, die Sprache vor allem als Ordnung von Konventionen, somit als arbiträres Zeichensystem begreift.

Es stellt sich die Frage, anhand welcher Kriterien überhaupt Sprachen oder zumindest sprachliche Teilbereiche miteinander verglichen werden können. Zwar sieht auch Humboldt in historisch gemeinsamen grammatischen Strukturen den Ausdruck gemeinsamer Wesenszüge von Sprache, doch geht das Humboldtsche Sprachinteresse weit über formale Sprachstrukturen hinaus, wie sein viel zitiertes Diktum veranschaulicht: „Die Sprache liegt nur in der verbundenen Rede, Grammatik und Wörterbuch sind kaum ihrem todtem [sic!] Gerippe vergleichbar“ (Humboldt ed. 1972: 186).

Aufgrund der Schwierigkeit eines Sprachenvergleichs ist die Methode umso wichtiger. Ich werde daher im Folgenden auf verschiedene Ansätze eingehen.

1.3 Völkerpsychologie

Was man letztendlich anhand von Konvergenzen bzw. Divergenzen in der Verwendung von Metaphern zwischen zwei Sprachen über das Denken der die jeweilige Sprache sprechenden Menschen aussagen kann, ist fraglich. Jedoch zieht sich genau diese Frage nach dem Einfluss der Sprache auf das Denken durch die Geschichte der Linguistik. Heute beschäftigt sich vor allem die kognitive Linguistik hiermit.

Bereits innerhalb der frühen Ansätze einer historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft sind typologische Klassifikationen von Einzelsprachen ins Blickfeld gerückt. Erste Ansätze einer Sprachentypologie gehen auf Humboldt und Schlegel zurück.

Die Völkerpsychologie, eine heute aufgegebene und nahezu vergessene Teildisziplin der Psychologie (Schneider 1990: 9), entstand als Begriff in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun­derts zuerst im Umfeld des Humboldt-Schülers Heymann Steinthals. Zuerst in enger Verbin­dung mit der Sprachwissenschaft stehend, weiteten sich völkerpsychologische Ansätze zunehmend auf weitergehende kulturkundliche Fragestellungen aus. Bedeutung erlangte sie vor allem durch das zwischen 1900 und 1920 vom Leipziger Psychologen Wilhelm Wundt redigierte zehnbändige Werk Völkerpsychologie. Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte. Wissenschaftsgeschichtlich lassen sich bei der Wundtschen Sprachbetrachtung zwei Haupteinflüsse diagnostizieren. Zum einen zeigt er sich stark Wilhelm von Humboldts Verständnis von Sprache als Ausdruck einer kollektiv wirksamen Rationalität verpflichtet, wenn er etwa ausführt:

„Jede Sprache ist Ausdruck einer bestimmten geistigen Organisation, die mit der allgemeinen geistigen Beschaffenheit des Menschen zusammenhängt …“ (Wundt 1912, II: 441, zitiert in Osthus 2000: 32). Zum anderen zeigt sich bei Wundt ein starker Einfluss darwinistischen Denkens, da er das biologische Konzept der Evolution auf die Sprachgeschichte überträgt. Die Sprache wird als Wettkampf der Kulturen begriffen.

Ein anderer Ansatz, der sich mit der Verbindung Sprache und Kultur auseinandersetzt, ist die kontrastive Pragmatik. Die als pragmatische Wende bezeichnete Abkehr vom strukturalistischen Paradigma hat enormen Einfluss auf die kontrastive Linguistik genommen.

Steger skizziert in Grundüberlegungen zu den Vergleichsparametern der Kontrastiven Pragmatik ein Modell, welches den pragmatische Speicher, in dem „Typen von virtuellen Handlungskonzepten für relevante Kommunikationssituationen gespeichert erscheinen und in ihren Hauptelementen konstituiert werden“ (Steger 1991: 432) sowie den linguistischen Speicher, der (Text-)Grammatik, Semantik und Lexikon (Steger 1991: 434) beinhaltet, miteinander verbindet:

Die kontrastive Pragmatik setzt deshalb – so betrachtet – neben dem kontrastierenden Studium der als Systeme interpretierten formalen einzelsprachlichen Strukturen (Grammatik, Lexik) das kontrastierende Bekanntwerden mit dem jeweils kulturspezifischen Wissen und damit den sprach-pragmatischen Interpretationen von Welt in sprachlichen Handeln voraus (Steger 1991: 435).

Sprachliches Handeln lasse sich folglich über eine permanent wirksame Verknüpfung zwischen pragmatischem und linguistischem Speicher erklären. Im Sprachvergleich müssen die Funktionen der kontrastierten sprachlichen Handlungen im kulturellen Kontext wie ihre sprachlichen Formen selbst gegenübergestellt werden. Das als „zeichentheoretische Konstrukt“ (Steger 1991: 427) verstandene tertium comparationis muss also laut Steger sowohl die linguistisch-semantische wie die außersprachlichen situations-, handlungs- und kulturspezifischen Dimensionen berücksichtigen. Nach diesen Theorien gibt es sehr wohl eine Verknüpfung zwischen unser Sprache und unserem Handeln. Demnach haben auch die Metaphern ihre Bedeutung in diesem Sinne. Inwieweit sie unser Denken bzw. Handeln bestimmen oder einschränken (vgl. Wittgenstein 1971), darauf wird im späteren Kapitel der kognitiven Linguistik näher eingegangen.

2. Theorien der Metapher

Wie kaum ein anderes Phänomen der sprachlichen Semantik ist die Metapher das Objekt linguistischer Klassifizierungsversuche, wobei die Traditionen ihrer metasprachlichen Schilderung bis in die antike Rhetorik zurückreichen, die Antike folglich immer wieder Ausgangspunkt einer Theoriegeschichte der Metapher darstellt.

„Anders als man Forschungsberichten und Überblickswerken glauben könnte, gibt es keine einheitliche Metaphernforschung und eine Theorie der Metapher nur als Sammelnamen konkurrierender Ansätze,…“ (Haverkamp 1996: 2). Diese Vielzahl von Theorien macht die Arbeit mit dem Gegenstand der Metapher nicht einfacher.

Ich möchte mit dieser Arbeit keine neue Theorie aufstellen, doch erscheint es durchaus sinnvoll, als Teil eines Beitrags zur kontrastiven Metaphorik Grundlinien unterschiedlicher Metaphernverständnisse dahingehend zu betrachten, welches deskriptive Modell am besten geeignet ist, in allen miteinander kontrastierten Sprachen und Texten die kommunikativen Leistungen wie die semantischen Paradigmen der Metapher so zu beschreiben, dass sie als Vergleichsparameter im Sprachenvergleich tauglich sind. „Gerade innerhalb der anwendungs­orientierten Linguistik entfällt das Kriterium der 'Wahrheit' eines wissenschaft­lichen Modells zugunsten dessen seiner methodologischen Adäquatheit“ (Osthus 2000: 75). Es geht also in dem folgenden Kapitel nicht darum, die Denkmodelle zu Metaphern auf ihren Wahrheits­gehalt zu überprüfen. Die anschließende Darstellung soll vielmehr Aufschluss darüber geben, welches Modell für die Untersuchung meines Gegenstands geeignet ist.

Trotz der enormen Anzahl an Beiträgen zur Metapherntheorie lassen sich im Rahmen eines knappen Überblicks zur theoriegeschichtlichen Betrachtung grundsätzlich übersichtliche Typologisierungen der verschiedenen theoretischen Ansätze vornehmen. Prinzipiell kann zwischen solchen Ansätzen unterschieden werden, die der antiken Tradition entstammen, und solchen, die im Rahmen einer modernen Linguistik entstanden sind.

Eine sinnvolle Typologisierung von Metapherntheorien kann sich daher auf die Kriterien des Entstehungszeitraums wie des übergeordneten wissenschaftlichen Paradigmas stützen. So erscheint es mir sinnvoll, nacheinander einen knappen Überblick über Metaphern­verständnisse der antiken Rhetorik, der linguistischen Semantik wie der kognitiven Linguistik zu bieten. Dabei wird es sowohl um eine Eingrenzung des Begriffs der Metapher gehen, als auch um den jeweiligen seitens der unterschiedlichen Ansätze postulierten Status des metaphorischen Sprechens innerhalb der Kommunikation.

2.1 Metaphernverständnis der antiken Rhetorik

Am Anfang der Metapherntheorie steht Aristoteles. So verzichtet kaum einer der neueren Versuche, die Metapher theoretisch zu beschreiben oder funktional zu bestimmen, darauf, die jeweiligen über die Metapher erstellten Postulate in Bezug zum aristotelischen Metaphern­begriff zu setzen.

Aristoteles liefert einen doppelten Ansatz der Metaphernkunde. Neben einer Beschreibung des sprachlichen Mechanismus der Metapher, vor allem in der Poetik, stehen literarische und rhetorische Empfehlungen zum stilistisch gelungenen Gebrauch der Metapher innerhalb seiner Rhetorik. Die Metapher wird von Aristoteles als ein analogischer Übertragungsprozess der Beziehungen eines Gegenstandes auf einen anderen Gegenstand verstanden:

„La métaphore est le transfert à une chose du nom d’une autre chose, transfert du genre à l’espèce, ou de l’espèce au genre, ou d’une espèce à une autre, par voie d’analogie“ (Aristoteles ed. 1944: 483, zitiert in Osthus 2000: 77). Jede Metapher kann dieser Konzeption zufolge beschrieben werden als Substitution eines nicht-metaphorischen Ausdrucks durch einen übertragenen Terminus, wobei Aristoteles die Metapher als Wortmetapher versteht, die allerdings potentiell Substantive, Adjektive und Verben in sich einschließen kann. Grundlage einer jeden Wortübertragung ist der bereits vorhandene analogische Bezug zwischen Substitut und Substituenten. Ein Paradebeispiel einer solchen, metaphorisch nutzbaren Analogie ist das Verhältnis zwischen Lebensalter und Tageszeit.

Ohne dass Aristoteles Bedingungen für das Vorhandensein der Analogie nennt – er setzt recht vereinfachend die Analogie bei Vorhandensein eines metaphorischen Ausdrucks schlicht voraus, - ist das skizzierte Verständnis von Analogie zwischen zwei Sachverhalten ein symmetrisches. Die metaphorische Substitution ist daher grundsätzlich als bidirektionaler Prozess denkbar, wenngleich sie nicht immer auch zweiseitig durchgeführt wird (vgl. Aristoteles 1961).

Eng verbunden mit der Vorstellung der Substituierbarkeit eines metaphorisch verwendeten Wortes durch einen nicht-metaphorischen Ausdruck ist die Vorstellung der Metapher als Vergleichsrelation miteinander verwandter Gegenstände. Das Verständnis der Metapher ist laut Aristoteles dasselbe wie das des Vergleichs. Beide Figuren gingen aus einer Übertragung von in vorhandenen analogischen Bezug stehenden Wörtern hervor:

L’image est également une métaphore, il n’y a entre elles qu’une légère différence. Lorsque Homère dit d’Achille “qu’il s’élança comme un lion”, c’est une image; mais quand il dit: “Ce lion s’élança”, c’est une métaphore. Comme le lion et le héros sont tous deux courageux, par une transposition Homère a qualifié Achile de lion (Aristote ed. 1944: 325, zitiert in Osthus 2000: 79).

Hierbei ist für Aristoteles allerdings die Metapher dem Vergleich vorrangig, da sie kürzer und präziser konstruiert sei und somit besser in der Lage sei, Sachverhalte und vorhandene Analogien zu erläutern. Im Sinne einer persuasiven Redestrategie sei die Metapher dem Vergleich, welcher von Aristoteles stärker der Dichtkunst zugeordnet wird, überlegen. Gerade im Bereich der antiken Rhetorik spielte die Metapher eine bedeutende Rolle.

Obwohl in der antiken Rhetorik den Stilfiguren, und hier vor allem die Metapher, ein zentraler Platz zugedacht wird, bleiben die Aussagen zum Funktionieren metaphorischer Kommunikation hinter den wichtigen Einsichten zur grundsätzlichen Bedeutung der Metaphorik zurück. So wird als Metapher in erster Linie die Wortmetapher verstanden. Notwendigerweise führt diese Klassifizierung zu einer vollständigen Vernachlässigung der kontextuellen Dimension metaphorischer Sprache. Außerdem ist die Metapher im aristotelischen Sinne ein durch einen Vergleich substituierbares Phänomen und hat so keinen semantischen Eigenwert. (vgl. Meier 1963: 26 ff.) Diese und andere Kritikpunkte an dem antiken Verständnis von Metapher wurden gerade in den letzten Jahrzehnten aufgegriffen und es entstanden neue Metapherntheorien.

Bei allem Wandel, der im Übergang von „vorlinguistischen“ (Meier 1963: 34) zu modernen Metapherntheorien diagnostiziert werden kann, ist es unbestritten, dass die Vorstellungen zur Metapher sich zu einem bedeutenden Teil aus bereits in der Antike bzw. der Renaissance formulierten Einsichten speisen.

2.2 Die Metapher in der modernen Semantik – Interaktionstheorie

In Abgrenzung zur aristotelischen Substitutions- und Vergleichstheorie der Metapher wird sie in der modernen Semantik häufiger als ein sprachliches Phänomen betrachtet, dessen Leistung gerade darin besteht, Bedeutungen hervorzurufen, welche nicht durch ‚eigentliche Rede’ substituierbar sind, bzw. mittels eines Vergleichs aufgelöst werden könnten. So akzentuiert Richards im Gegensatz zu Vorstellungen, die die Metapher lediglich als Redeschmuck, als interessantere Ausdrucksmöglichkeit eines prinzipiell auch nicht-metaphorisch formulierbaren Inhalts begreifen, den jeweiligen kontextuellen Charakter der metaphorischen Bedeutung:

Auf die einfachste Formulierung gebracht, bringen wir dem Gebrauch einer Metapher zwei unterschiedliche Vorstellungen in einen gegenseitigen aktiven Zusammenhang, unterstützt von einem einzelnen Wort oder einer einzelnen Wendung, deren Bedeutung das Resultat der Interaktion beider ist (Richards 1996: 34).

Die Metapher ist folglich kein Phänomen semantischer Normabweichung, sondern sie gehorcht dem Prinzip der grundsätzlichen Kontextbedingtheit sprachlicher Bedeutungen. Sie charakterisiert sich hierbei durch ihre Zweigliedrigkeit. Terminologisch beschreibt Richards diese Polarität der Metapher mithilfe der Dichotomie von tenor und vehicle, wobei unter tenor der nicht-metaphorische ´Hauptgegenstand´ des Diskurses und unter vehicle die aus dem metaphorischen Kontext gelöste Bedeutung der metaphorischen Form verstanden wird[1]. Die Bedeutung einer Metapher ergibt sich folglich nicht aus einer Ausschmückung des tenors, sondern aus einer kontextuellen Kooperation von tenor und vehicle:

[Eine moderne Metapherntheorie müsste zeigen, dass…] das Vehikel normalerweise nicht die bloße Ausschmückung eines von ihm unbeeinträchtigt bleibenden Tenors ist, sondern dass die Kooperation von Tenor und Vehikel eine Bedeutung von vielfältigerer Ausdruckskraft herstellt, als das, was einem allein zugeschrieben werden könnte (Richards 1996: 40).

Genau wie Richards nimmt auch Max Black bei seinen theoretischen Ausführungen zur Theorie der Metapher in den 50er und 60er Jahren den Leser bzw. Hörer von Metaphern in die Pflicht:

’Interaktionsmetaphern’ dagegen [gegenüber Substitutions- und Vergleichsmetaphern, J.G.] sind unentbehrlich. Ihre Funktionsweise verlangt vom Leser den Gebrauch eines Implikationssystems (eines Systems von ´Gemeinplätzen´- oder eines für den speziellen Zweck geschaffenen speziellen Systems) zum Zweck der Selektion, der Hervorhebung und der Organisation von Beziehungen in einem neuen Feld. Die Verwendung eines ´untergeordneten Gegenstandes´ mit dem Ziel, Einsichten über einen ´Hauptgegenstand´ zu fördern, ist eine spezifisch intellektuelle Leistung, die wohl die simultane Wahrnehmung beider Gegenstände verlangt, sich aber nicht auf irgendeinen Vergleich zwischen beiden reduzieren lässt (Black 1996: 78).

Aus der Unmöglichkeit einer Substitution der Metapher, bzw. ihrer Reduktion auf einen Vergleich wird die Unmöglichkeit einer ´Übersetzung´ metaphorischen Sprechens in nicht-metaphorische Sprache gefolgert. Jeglicher Versuch, die Metapher nicht-metaphorisch zu paraphrasieren, sei „stilistisch mangelhaft“ (Black 1996: 79) und deshalb von vornherein „ein Fehlschlag, weil sie nicht dieselbe Einsicht vermittelt wie die Metapher“. Neben dieser geforderten Unmöglichkeit der Paraphrasierung stellt sich das Übersetzungsproblem. Auch ich habe während meiner Untersuchung zusammen mit polnischen Freunden festgestellt, dass es bei einigen Metaphern sehr schwierig war, eine Übersetzung zu finden. Ich habe trotzdem jede polnische Metapher ins Deutsche übersetzt mit dem Wissen, dass ich in diesem Sinne manchmal evtl. „stilistisch mangelhaft“ gearbeitet habe.

Auch die Analogie besitzt in der Interaktionstheorie einen anderen Stellenwert als noch bei Aristoteles. Während in der Antike die Analogie Voraussetzung für eine erfolgreiche Metapher war, räumt Black der Metapher die Fähigkeit ein, Analogien erst herzustellen[2]. Dabei ist die metaphorisch erzeugte Analogie allerdings zumeist nicht willkürlich, sondern mit der Bestimmung des metaphorischen Implikationssystems als auf Gemeinplätzen beruhend unterstreicht Black den sozialen Charakter der metaphorisch gestützten Kommunikation.

Durch den interaktionären Ansatz ist der Erkenntniswert über die Metapher wesentlich höher als durch die Vergleichs- oder Substitutionstheorie. Auch Keller unterstreicht den hohen Nutzen der Metapher als „Erkenntnismodell“, das er als „Brille, durch die man Dinge erkennen kann, die man ohne diese Brille nicht sehen würde (könnte man metaphorisch sagen)“ kennzeichnet (Keller 1995: 224).

Zwischen tenor und vehicle (vgl. Richards) werden folglich im Prozess der Metaphern­interpretation verschiedene Ähnlichkeiten realisiert. Seitens des Rezipienten metaphorischer Sprache findet eine „Selektion von vorfindbaren, aber nicht ohne weiteres bemerkbaren Ähnlichkeiten“ (Zill 1992: 77) der beiden metaphorischen Pole statt.

Die Auswahl der als für die metaphorische Interaktion relevant erachteten Ähnlichkeiten ist sowohl kontextabhängig als auch gebunden an das semantische bzw. enzyklopädische Wissen eines jeden Rezipienten. Metaphernverständnis wie, analog dazu, Metaphernproduktion können sich daher sowohl aus dem Weltwissen wie aus dem erst im Kontext vermittelten Sinnzusammenhang, dem Textwissen, ergeben.

Bei meiner Untersuchung sind die meisten Zusammenhänge der Metaphern eindeutig. Wo das Verständnis sehr kontextabhängig ist, habe ich kleine Erläuterungen hinzugefügt. Das Weltwissen ist abhängig von der Kultur und somit auch die Interpretation von Metaphern. Auch dessen bin ich bei meinen Schlussfolgerungen bewusst.

2.3 Metaphernverständnis der Textlinguistik – Kontext- und Konterdeterminations­theorie

Grundlage der im Text vollzogenen Bedeutungskonstitution ist die Reduktion der in nahezu jedem sprachlichen Zeichen angelegten Polysemie. Der textuelle Zusammenhang dient folglich dazu, die Vielfalt der möglichen Bedeutungen der sprachlichen Einheit auf möglichst eine einzige im Kontext wirksame zu begrenzen.

Zu einer Isotopieebene, also eine Ebene, auf der nur eine Bedeutung möglich ist, gehören folglich die Lexeme, welche sich innerhalb eines Textes durch semantische Kompatibilität dergestalt auszeichnen, dass sie mindestens ein gemeinsames Inhaltsmerkmal miteinander teilen. Legt man dieses Verständnis zugrunde, kann mit Weinrich der Isotopiebegriff als eine „Textualisierung des in der Sprachwissenschaft seit langem geläufigen Wortfeld-Begriffes angesehen werden“ (Weinrich 1976: 15). Im Gegensatz allerdings zu den auf Systemebene anzusiedelnden Wortfeldern, die immer bloß eine Abstraktion sprachlich-semantischer Strukturen darstellen, werden Isotopien grundsätzlich in jedem Text neu konstituiert; sie stellen das wesentliche Prinzip semantischer Textkohärenz dar.

Harald Weinrich (1966; 1968) unternahm die Ausweitung des textlinguistischen Isotopie-Konzeptes auf die Beschreibung der semantischen Mechanismen der Metapher. Wesentlich ist ihm die strikte Auffassung der Metapher als identifizier- und interpretierbares Textphänomen.

Während in der nicht-metaphorischen Kontextdetermination der Bedeutungsumfang sprachlicher Zeichen lediglich eingeschränkt wird, findet im Rahmen der bei Metaphern wirksamen Konterdetermination eine textuelle „Determination außerhalb der Bedeutung“ (Weinrich 1966: 44) statt.

Im Rahmen des textlinguistischen Metaphernverständnisses kann eine Metapher daher aufgefasst werden als ein Textelement, welches in direktem inhaltlichen Bezug zu einem oder mehreren Textkonstituenten steht, sich jedoch nicht auf derselben Isotopieebene befindet. Sie wird folglich durch einen konterdeterminierenden Kontext bestimmt. Notwendige Bedingung einer Metapher ist daher das Vorhandensein der Projektion einer bildspendenden auf eine bildempfangende Isotopie, fürderhin als Bildspender- und Bildempfänger(ebene) bezeichnet (Weinrich 1966).

Ein instruktives Beispiel für Identifikation textuell erzeugter Konterdetermination liefern Kallmeyer u.a. (1974: 150). Im Rahmen eines Zeitungsartikels über touristische Erschließungsmaßnahmen einer Mittelmeerküste führen sie den Satz „Ein paar Jahre später wachsen dort Hotels“ an. Das Lexem wachsen ist nun so zu verstehen, dass mit ihm der Entstehungsprozess unbelebter Komplexe bezeichnet wird, welcher allerdings in seinen Formen analog zu Wachstumsprozessen der belebten Natur vonstatten geht, also beispielsweise unkontrolliert, unaufhaltsam, in natürlicher Eigendynamik. Welche möglichen Merkmale das Lexem wachsen jedoch im Einzelnen hier analog zum Hotelbau gesetzt werden, lässt sich nur aus dem weiteren Kontext erschließen. Der Kontext bringt demnach erst die beiden sich auf verschiedenen Isotopieebenen befindenden Begriffe Hotels und wachsen auf eine gemeinsame Ebene. In der textlinguistischen Terminologie wäre wachsen in jenem Fall Bildspender, während Hotels als Bildempfänger bezeichnet würde.

Im Rahmen des Geschichtenmodells ist es nicht nur möglich, die im Text sich überlagernden Isotopieebenen aufzuzeigen, sondern darüber hinaus die spezifische Erklärungsleistung textintern vollzogener Metaphernkonstruktionen zu erschließen, ebenso wie die Funktion des Metaphernkontextes hilft, missverständliche Metapherninterpretationen zu vermeiden (Zhu 1994: 428).

Das textlinguistische Verständnis der Metapher als Konterdetermination bietet den großen Vorteil, die Metapher in eine umfassende (Text-) Semantik zu integrieren, womit der Metapher endgültig kein semantisch abnormer Status mehr zugesprochen wird, sondern sie im Gegenteil als elementares Phänomen einer sprachlichen Bedeutungslehre begriffen wird.

Auch Weinrich betrachtet die Metapher als „Denkmodell“ (Weinrich 1968: 101), als „Aspekt unserer Weltdeutung“ (Weinrich 1968:109). Zhu (1994: 424) versteht den Metapherngebrauch als „routinierte Handlung“, Keller-Bauer als Gebrauchsregeln unterliegendes „Sprachspiel“ (Keller-Bauer 1984) im Wittgensteinschen Sinne[3]. Damit ist die Metapher weg von ihrer Anormalität. Sie ist nicht nur Schmuck und ersetzbar wie noch in der Antike, sondern ihr Gebrauch eine alltägliche Handlung.

Auch meine Untersuchung beschäftigt sich mit alltagssprachlichen Texten, in denen nicht der durch kreative Metaphernschöpfungen intendierte Überraschungseffekt, sondern vielmehr der zumeist konventionalisierte Metapherngebrauch im Vordergrund steht.

2.4 Metaphernverständnis der kognitiven Linguistik

Die kognitive Linguistik fußt auf der paradigmatischen Grundüberzeugung, dass Sprache nicht als autonome arbiträre Struktur angemessen beschrieben werden kann, sondern vielmehr in enger Abhängigkeit mit der menschlichen Kognition zu betrachten ist. Konkret verfolgen Ansätze der kognitiven Linguistik zwei Hauptziele: Einerseits suchen sie aus sprachlichen Strukturen Rückschlüsse für den Aufbau der Denkstrukturen zu ziehen, andererseits dienen der kognitiven Linguistik umgekehrt Erkenntnisse über den Aufbau der menschlichen Kognition zur Erklärung sprachlicher Tatsachen (vgl. Linke u.a. 2004: 98ff.). Die im Zuge der kognitiven Wende (Schwarz 2 1996:13-15) vollzogene enge Verknüpfung von Sprache und Denken ist dabei als Gegenreaktion zu einer rein strukturalistischen Linguistik zu verstehen, welche die Autonomie des Sprachlichen betonte. Ludwig Wittgenstein hat hierfür philosophisch einige Vordenkleistungen vollbracht, wenn bei ihm etwa von der „Verhexung unseres Verstandes durch die Sprache“ (Wittgenstein 1971) die Rede ist.

Der metaphorische Prozess, in dem auf der Ebene der Sprache beispielsweise Abstraktes durch konkret Fassbares ausgedrückt wird, ist folglich für die kognitive Linguistik keine ausschließliche Angelegenheit sprachlich konventionalisierter Gebrauchsregeln, sondern er gehorcht in idealer Weise dem Postulat kognitiver Motiviertheit der Sprache. Denn wenn unser Denken, wie es die Kognitionsforschung nahe legt, durch Bildhaftigkeit geprägt ist, dann ist die Allgegenwart der Metapher dafür das beste Indiz. Und dann ist umgekehrt „die Analyse der sprachlichen Metaphern der ideale Weg zur Erschließung mentaler bildhafter Konzeptualisierungen“ (Osthus 2000: 102). Die Metapher wird in der kognitiven Linguistik als sprachlicher Reflex menschlicher Denkprozesse begriffen.

If we are right in suggesting that our conceptual system is largely metaphorical, then the way we think, what we think, what we experience, and what we do every day is very much a matter of metaphor. […] We shall argue that human thought processes are largely metaphorical (Lakoff/Johnson 1980: 3 ff.).

Eine solche kognitive Metaphorologie findet in George Lakoff ihren einflussreichsten Vertreter. Zusammen mit Mark Johnson legte er (1980) den Ausgangspunkt einer lebhaften, vor allem in den USA betriebenen Metaphernforschung, welche sich um den Stellenwert der Metapher im menschlichen Denken dreht.

Wesentliches Charakteristikum des Lakoffschen Metaphernbegriffes ist die Prägung des menschlichen Konzeptsystems durch metaphorische Strukturen. Deutlicher als klassische Ansätze der Metaphernbetrachtung akzentuieren Lakoff/Johnson die Alltäglichkeit der Metapher, ja sie weisen deutlich die Schilderung der Metapher als semantischen Ausnahmefall zurück (Lakoff/Johnson1980: 3) zugunsten der Annahme einer unausweich­lichen Metaphorizität nicht der Sprache, sondern auch des Denkens: „[Metaphor] is omnipresent: metaphor suffises our thought, no matter what we are thinking about” (Lakoff/Turner 1989: XI). Damit könnte meine Untersuchung mit Hilfe der kognitiven Linguistik Aufschlüsse über Konvergenzen und Divergenzen im Reden und damit auch im Denken über Fußball zwischen Polen und Deutschen geben.

Die Metapher ist dementsprechend in erster Linie kein sprachliches, sondern ein konzeptuelles Phänomen, welches sich in der Sprache spiegele. So weisen die vielen metaphorischen Formen, die sich dem Konzept Streit ist Krieg („Argument is war“ Lakoff/Johnson 1980: 4) unterordnen, nicht bloß auf sprachliche Regularitäten der Bildlich­keit, sondern determinieren gleichzeitig die konzeptuelle Vorstellung von einer verbal geführten Debatte, die sich folglich am Schema kriegerischer Auseinandersetzung orientiere.

„Tote“[4] oder literalisierte Metaphern leiten unbewusst unser Alltagsdenken, Fühlen und Handeln. Lakoff und Johnson argumentieren nun folgendermaßen:

Wir können eine Auseinandersetzung gewinnen oder verlieren; wir sehen die Person, mit der wir streiten, als Gegner; dessen Position greifen wir an und verteidigen unsere eigene; wir gewinnen und verlieren an Boden; wir gehen strategisch vor; wenn wir eine Position nicht haltbar finden, geben wir sie auf. Vieles, was wir in Auseinandersetzungen tun, ist auch vom Begriff des Krieges strukturiert. Es gibt zwar keine physische, wohl aber ein verbale Schlacht, und so sind Auseinandersetzungen denn auch strukturiert – mit Angriff, Verteidigung, Gegenattacke und so fort. Die „Streit-Ist-Krieg“-Metapher strukturiert beim Streit unser Handeln (Lakoff/Johnson 2004: S.4).

Ähnliches könnte man für das Fußballspiel behaupten. Dass ein Großteil der Metaphorik zur Beschreibung eines Fußballspiels aus dem Bereich Krieg/Kampf kommt, hat laut der kognitiven Linguistik eine bedeutende Aussage darüber, was wir über Fußball denken, vielleicht auch wie wir uns beim Fußball verhalten. Würde es vielleicht weniger Hooligans geben, wenn die konzeptuellen Vorstellungen und damit die Sprache beim Fußball eher mit Tanz (z.B. „jemanden austanzen“) oder mit Sexualität (z.B. „den Torwart vernaschen“) verbunden wären? Hooliganismus ist in z.B. in Brasilien, wo Fußball eher mit Tanz und Sexualität in Verbindung gebracht wird als hier, ein mehr oder weniger unbekanntes Phänomen[5]. Es stellt natürlich die Frage, was zuerst da war: das gedankliche Konzept oder das Handeln.

In einer „toten“ oder literalisierten Metapher befangen zu sein, heißt laut Wittgenstein, in einem elementaren Sinne unfrei im eigenen Denken und Handeln zu sein: „Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unsrer Sprache, und sie schien es uns unerbittlich zu wiederholen“. (Wittgenstein 1971: 67). Glücklicherweise besitzen wie als menschliche Subjekte allerdings die Fähigkeit, über unsere Metaphern und Gegensätze zu reflektieren und damit auch die, uns von solcher Besessenheit teilweise zu befreien. Meine Arbeit soll dazu einen kleinen Beitrag leisten.

Mit der Vorstellung unweigerlich metaphorisch geprägter Konzepte gehen Lakoff/Johnson über die interaktionstheoretische Hypothese eines metaphorisch gestützten Denkmodells hinaus, da nun nicht mehr mit der Metapher ein Erkenntnismodell konstruiert wird, sondern die Metapher sich einem bereits konzeptualisierten Modell unterordnet. Dieses Lakoffsche metaphorische Konzept ist unabhängig von der konkreten sprachlichen Metapher vorhanden, es bestimmt unsere Vorstellungen, ob wir sie nun gerade verbalisieren oder nicht. „The metaphor is not merely in the words we use – it is in our very concept of an argument” (Lakoff/Johnson 1980: 5). Der in Interaktions- und Kontexttheorie noch behauptete Primat der Sprache weicht bei Lakoff/Johnson so dem Primat des Denkens.

Kohärente Metaphern können laut Lakoff/Johnson (1980: 23) in sich gegenseitig abstützen­den hierarchischen Strukturen stehen. Die metaphorisch bestimmbare konzeptuelle Kohärenz schließlich korrespondiert mit einer kulturellen. Den vor allem in sprachlichen Bildern vermittelten kulturell-konzeptuellen Systemen kommt innerhalb einer kognitivistischen Semantik eine Schlüsselstellung zu, da kommunikatives Verstehen wie auch die Möglichkeit des Wahrheitsbegriffs immer nur unter der Voraussetzung geteilter Konzepte möglich ist. Die kognitive Linguistik wendet sich hier ausdrücklich gegen semantischen Objektivismus und Subjektivismus (Lakoff/Johnson 1980: 152). Die Kultur spielt bei der Bedeutung von Wörtern insofern eine Rolle, als dass man als einzelner nicht irgendeine Metapher gebrauchen kann. Wenn sie nicht in eine kulturell vorgegebene konzeptuelle Vorstellung passt, wird sie schwer verstanden werden und nicht in den Sprachgebrauch eingehen können. (Sie wird die zweite Lebensetappe nicht erreichen (vgl. Turbayne 1962)).

[...]


[1] der Weinrichschen Terminologie zufolge (1968; 1976) entspräche dem tenor die Bildempfänger-, dem vehicle die Bildspenderebene.

[2] Zill (1992: 75) unterstreicht dieses mit der Interaktionstheorie gewandelte Verständnis metaphorisch genutzter Analogie: „Die partielle Gleichheit der beiden in der Metapher zusammentreffenden Gegenstände ist keine vorausgesetzte, sondern eine in der als uneigentlich verstandenen Aussage erst konstruierte.“

[3] Den Anschluss der Metapher an die Wittgensteinsche Auffassung zu sprachlichen Gebrauchsregeln vollzieht schließlich Keller: „Die Bedeutung eines Symbols ist die Regel seines Gebrauchs, und von einer Regel zu sagen, sie sei wörtlich oder nicht wörtlich, ist sinnlos. Wörtlich oder nicht wörtlich kann die vom Sprecher gewünschte bzw. die vom Hörer erzielte Interpretation einer bestimmten Äußerung eines sprachlichen Zeichens sein“ (Keller 1995: 189). Nowak zur Wittgensteinschen Sprachspielen: „Wittgenstein hingegen unterscheidet nicht systematisch zwischen einem verbalen (Ausdruck) und averbalen (Inhalt) Bereich. In Sprachspielen ist beides miteinander verwoben. Das Problem des Bedeutungskerns stellt sich für ihn nicht, weil er die Bedeutung von Wörtern nicht auf ihre Bedeutung als sprachliche Einheit reduziert. Wörter haben Bedeutung in den Lebenszusammenhängen, in denen sie von Bedeutung sind. Löst man sie, als sprachliche Einheiten, aus diesen Zusammenhängen, so kann streng genommen nicht mehr von Wörtern die Rede sein“ (Nowak 1981: 227).

[4] Sprachforscher wir Colin Turbayne haben verschiedene Etappen im Leben einer Metapher registriert. Während der ersten Etappe bekommt irgendetwas einen Namen, der zu etwas anderem gehört. Anfänglich wird dieser Vorgang als unangemessen oder als Verstoß gegen die gewöhnlichen Sprachregeln bezeichnet. Beispiele wären, dass Newton Geräusche als „Vibrationen“ bezeichnete oder Comte andauernde soziale Beziehungen mit dem Wort „Struktur“ belegte. In der zweiten Etappe wird der zunächst als irritierend empfundene Name bereits als passend empfunden; er wird dann zu einer „echten“ Metapher. Mehr Leute als nur der Metaphernschöpfer selbst beugen sich fügsam der Überzeugungskraft der neuen Namensgebung, verstehen sie aber immer noch als bloßen Vergleich, nicht als vollständige Identität. Die dritte Etappe ist erreicht, wenn die Metapher so oft gebraucht wurde, dass man die Differenz vergessen hat. Sie hat sich, wie Turbayne sagen würde, von einer „lebendigen“ Metapher in eine „tote“ verwandelt. „Die Identität ist akzeptiert“ (Turbayne 1962: 136f.).

[5] „Das Spiel der Brasilianer will mit dem Ball verführen, der Gegner soll mit einem raffinierten Vorspiel betört und sein Tor entjungfert werden. Während Europäer auf dem Platz den Krieg mit der Lederkugel fortsetzen, hat die brasilianische Interpretation des Fußballs viel mit Sexualität zu tun“ (Der Tagesspiegel, 1.7.06: 15).

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Metaphern in der Fußballberichterstattung zur WM 2006
Untertitel
Ein deutsch-polnischer Vergleich
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Veranstaltung
Die Kultur des Fußballs
Note
1,1
Autor
Jahr
2006
Seiten
75
Katalognummer
V127498
ISBN (eBook)
9783640341795
ISBN (Buch)
9783640341832
Dateigröße
924 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Metaphern, Fußballberichterstattung, Vergleich
Arbeit zitieren
Julian Gröger (Autor), 2006, Metaphern in der Fußballberichterstattung zur WM 2006, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127498

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