Wie nutzen Jugendliche die virtuellen Räume der Kommunikation im Internet für ihre Identitätssuche?

Dargestellt und reflektiert an der Internet-Community Knuddels.de (Chat)


Diplomarbeit, 2008
193 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG
1.1 ANLASS UND FRAGESTELLUNG
1.2 METHODE UND MATERIAL
1.3 AUFBAU DER ARBEIT

2 DIE MEDIATISIERTE LEBENSPHASE JUGEND
2.1 GIBT ES DIE JUGEND?
2.2 ENTWICKLUNGSAUFGABEN IM JUGENDALTER
2.3 IDENTITÄT: DAS ZENTRALE THEMA DES JUGENDALTERS
2.3.1 Identitätsentwicklung vs. Identitätssuche
2.3.2 Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne
2.4 MEDIENKOMPETENZ ALS VORAUSSETZUNG DER MEDIENNUTZUNG
2.5 MEDIENWELTEN VON JUGENDLICHEN
2.6 MEDIENNUTZUNGSDATEN IN DER BRD
2.6.1 Quantitative Aspekte der Mediennutzung Jugendlicher
2.7 FUNKTIONEN DER MEDIEN IM ALLTAG JUGENDLICHER
2.8 ZUSAMMENFASSUNG

3 KOMMUNIKATION IM INTERNET
3.1 EXKURS: HISTORISCHER ABRISS DER GESCHICHTE DES INTERNETS
3.2 TYPEN VON INTERNETNUTZERN UND NUTZUNGSSTILE
3.3 THEORIEN UND KONZEPTE DER MEDIENWIRKUNGSFORSCHUNG
3.3.1 Wirkungsansatz vs. Nutzenansatz
3.3.2 Das Internet als virtueller „Realitätsraum“?
3.4 KOMMUNIKATIONSERMÖGLICHENDE INTERNETDIENSTE
3.5 COMPUTERVERMITTELTE KOMMUNIKATION
3.5.1 Grundlagen der Kommunikation
3.5.2 Formen der computervermittelten Kommunikation
3.5.3 Theorien der computervermittelten Kommunikation
3.6 RÄUME DER KOMMUNIKATION IM INTERNET
3.6.1 Chats
3.6.2 Internet - Communitys
3.7 ZUSAMMENFASSUNG

4 IDENTITÄT UND SOZIALE BEZIEHUNGEN VIA INTERNET
4.1 INTERNET UND IDENTITÄTSARBEIT
4.1.1 Medien und Identität
4.1.2 Veränderung bestehender Identitäten durch Internet-Nutzung
4.1.3 Entwicklung neuer Identitäten durch Internet-Nutzung
4.2 SOZIALE BEZIEHUNGEN UND VIRTUELLE GEMEINSCHAFTEN
4.2.1 Veränderung bestehender sozialer Beziehungen durch Internet-Nutzung
4.2.2 Entwicklung neuer sozialer Beziehungen durch Internet-Nutzung
4.3 ZUSAMMENFASSUNG

5 UNTERSUCHUNG DER INTERNET-COMMUNITY KNUDDELS.DE
5.1 WIE NUTZEN JUGENDLICHE DIE INTERNET-COMMUNITY KNUDDELS.DE?
5.1.1 Aufbau der Online-Community
5.1.2 Interaktionsmöglichkeiten
5.1.3 Sprachliche Besonderheiten
5.1.4 Kontrollen und Regeln der Chat-Kommunikation
5.2 WOZU NUTZEN JUGENDLICHE DIE INTERNET-COMMUNITY KNUDDELS.DE?
5.2.1 Themen und Motive
5.2.2 Suche nach Freundschaften / Gemeinschaften
5.2.3 Selbstdarstellung
5.3 ZUSAMMENFASSUNG

6 FAZIT

7 AUSBLICK

8 ABBILDUNGS- UND TABELLENVERZEICHNIS

9 ANHANG

10 LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

1.1 Anlass und Fragestellung

Stichworte wie Generation @, Cyberjugend, Multimedia Generation Jugend umschreiben das heute vorherrschende Phänomen der Mediatisierung der Lebensphase Jugend. Während meines Studiums habe ich mich intensiv mit dem Zusammenhang der Mediennutzung im Jugendalter und der Identitätsarbeit auseinandergesetzt. Als ich im Jahre 2003 anfing zu studieren, war das Fernsehen noch das Medium, welches von den Jugendlichen am Häufigsten genutzt wurde. So hatte ich mich in meiner Arbeit im Vordiplom zu dem Thema Mediennutzung und Identitätssuche bei Jugendlichen auf die Chancen und Grenzen der Identitätssuche mittels einer Daily Soap konzentriert.1 Doch nach dem Anwachsen der Nutzungsdaten des Internets im Jugendalter möchte ich auch dieses Medium verstärkt in den Blick nehmen.

Das Internet ist mittlerweile zu einem notwendigen kulturellen Raum geworden. Nach den bisherigen Studienergebnissen, sind es der spielerisch-kommunikative Aspekt und die soziale Interaktivität, die das Medium Internet für Jugendliche attraktiv machen. Noch bis in die 1980er Jahre hielten Jugendliche sich vermehrt in Vereinen und Clubs auf, heute übernehmen Online Communitys die wichtige Funktion der Darbietung von Gemeinschaftserfahrung. Unter diesem Aspekt möchte ich die Bedeutung des Internets aus pädagogischer Sicht darlegen und seine Chancen und Grenzen für das Jugendalter aufzeigen.

In den letzten Jahren ist eine Fülle von Arbeiten und Studien zum Thema „Gefahren im Internet“ entstanden. Vor dem Hintergrund der Frage, welche Wirkungen die Medien auf die Rezipienten haben, wird das Internet immer wieder als eine Gefahr für die Entwicklung von Jugendlichen postuliert. Als Gefahrenpunkt Nummer eins wird das Thema „Gefahren durch erwachsene Pädophile in Kinder- und Jugendchats“ in Medien teilweise überbetont dargestellt. Die Kinder und Jugendlichen werden in diesem Rahmen als wehrlose Opfer angesehen. Neue Studien haben jedoch gezeigt, dass sich Jugendliche kompetent im Internet bewegen und über die Gefahren, die das Internet bieten kann, informiert sind.

So werde ich in meiner Arbeit eine andere Perspektive einnehmen und nicht nach den Wirkungen der Medien auf den Jugendlichen fragen, sondern danach, wie und wozu Jugendliche die Medien – insbesondere das Internet – nutzen. Welche Möglichkeiten (Chancen) und Grenzen bieten die Kommunikationsmöglichkeiten im Internet für ihre Entwicklung? Da die Identitätsarbeit eine der zentralen Aufgaben im Jugendalter ist, möchte ich meine Fragestellung eingrenzen auf: Wie nutzen Jugendliche die virtuellen Räume der Kommunikation für ihre Identitätssuche? Ist die computervermittelte Kommunikationsform „chatten“ pädagogisch vertretbar oder sogar wertvoll? Dabei orientiere ich mich an der theoretischen Perspektive des Uses-and-Gratification-Ansatzes und verbinde den kommunikationswissenschaftlichen Zugang mit sozialpsychologischen Aspekten.

Ich hoffe mit meiner Arbeit dazu beitragen zu können, dass das Thema der Chat-Kommunikation und der Identität eingehender untersucht und einseitige Hinweise auf die Gefahren der Internetnutzung hinterfragt werden.

1.2 Methode und Material

Die vorliegende Arbeit stützt sich auf die Auswertung der vorhandenen Literatur verschiedener Fachdisziplinen, die das Thema Jugend und Medien (insbesondere das Internet) berühren oder in Studien dokumentieren. Ergänzend hierzu nehme ich eine Beschreibung der Online Community Knuddels.de vor, um die dargelegten Aspekte zu verdeutlichen. Dazu habe ich eine der größten Internet-Communitys, Knuddels.de, hinsichtlich der oben genannten Fragestellung im Zeitraum vom 01.04.2008 bis 10.05.2008 untersucht. Ich habe mich in der Internet-Community Knuddels.de selbst aufgehalten und diese nicht aktiv-teilnehmend beobachtet. So werde ich in meiner Arbeit viele Ausschnitte der vorgenommenen Beobachtung zur Erklärung heranziehen und diese dann auf den vorher dargelegten theoretischen Rahmen hin analysieren. Hieraus ziehe ich meine Schlussfolgerungen bezüglich der zugrunde liegenden Fragestellung.

1.3 Aufbau der Arbeit

Im 2. Abschnitt meiner Arbeit werde ich auf die Lebensphase Jugend differenziert eingehen. Dabei betrachte ich die Jugend stets als „mediatisierte Lebensphase“. Hierzu frage ich danach, ob unter den modernen gesellschaftlichen Bedingungen überhaupt noch von der Jugend gesprochen werden kann (Kapitel 2.1). Die Entwicklungsaufgaben (Kapitel 2.2), denen sich Jugendliche stellen müssen, werden ebenso betrachtet wie die Identitätsarbeit, die als das zentrale Thema der Jugendphase gilt (Kapitel 2.3). Jugendliche leben heute in gut ausgestatteten Medienwelten (Kapitel 2.5). Um mit diesen Medien sinnvoll und kompetent umgehen zu können, ist Medienkompetenz eine unabdingbare Voraussetzung geworden (Kapitel 2.4). Kapitel 2.6 zeigt die aktuellen Mediennutzungsdaten in der Bundesrepublik Deutschland sowie von Jugendlichen auf. Die Funktionen, die die Medien im Jugendalter spielen, fasse ich in Kapitel 2.7 abschließend kurz zusammen.

Das Medium Internet, welches in den letzten Jahren ein enormes Wachstum erfahren und damit eine hohe Dynamik entfaltet hat, steht im Mittelpunkt des 3. Abschnittes der vorliegenden Arbeit. Hierzu werde ich kurz einen historischen Abriss der Geschichte des Internets vorstellen (3.1) sowie die verschiedenen Internetnutzer und Nutzungsstile, die sich (bislang) entwickelt haben (3.2). Die Frage nach den Wirkungen von Medien, der sich die Medienwirkungsforschung seit mehr als 100 Jahren widmet, ist Fokus in Kapitel 3.3. Es werden medienzentrierte und nutzerorientierte theoretische Perspektiven gegenübergestellt. Abschließend wird die Frage aufgeworfen, ob das Internet als ein „virtueller Realitätsraum“ anzusehen ist. Daran anschließend werden verschiedene Internetdienste vorgestellt, die computervermittelte Kommunikation ermöglichen (Kapitel 3.4). In Kapitel 3.5 führe ich aus, inwiefern sich die computervermittelte Kommunikation im Internet von der face-to-face-Kommunikation unterscheidet. Hierzu werde ich kurz auf Grundlagen der Kommunikationswissenschaft und den Kommunikationsbegriff eingehen, sowie verschiedene Formen der computervermittelten Kommunikation darlegen. Die Theorien zur computervermittelten Kommunikation bilden den Abschluss dieses Kapitels. Es folgt eine Fokussierung auf die Räume der Kommunikation im Internet (3.6), bei der ich insbesondere auf Chats und Internet-Communitys eingehen werde.

Im 4. Abschnitt beschäftige ich mich mit dem Zusammenhang von Medien und Identitätsarbeit (Kapitel 4.1). Ich gehe zunächst auf die Begriffe Medienidentitäten bzw. virtuelle Identitäten ein sowie auf die Entwicklung bzw. Veränderung von Identität mittels Internetnutzung. Ebenso werde ich mich mit dem Zusammenhang von Medien, sozialen Beziehungen und virtuellen Gemeinschaften beschäftigen (Kapitel 4.2.).

Die Untersuchung der Internet-Community Knuddels.de steht im Zentrum des 5. Abschnittes. Untersuchungsleitende Frage war hierbei, wie und wozu Jugendliche die Internet-Community Knuddels.de nutzen.

Die Ergebnisse die ich aus meiner Untersuchung und der Literaturauswertung gewonnen habe, werde ich in Abschnitt 6 zusammenfassen und auf die Frage hin diskutieren, welche Chancen und Grenzen die Räume der Kommunikation im Internet für die jugendliche Identitätsarbeit bereithält. Zum Abschluss werde ich einen Bezug zur Medienpädagogik herstellen und danach fragen, welche Bedeutung die Ergebnisse für die Entwicklung von Medienkompetenz und somit für die Medienpädagogik haben (Abschnitt 7).

2 Die mediatisierte Lebensphase Jugend

2.1 Gibt es die Jugend?

Da ich mich in den folgenden Ausführungen auf die Altersphase des Jugendalters beschränke, möchte ich zunächst den Begriff der Jugend klären. Dies ist aufgrund des schwer fassbaren Begriffes nicht einfach, denn jeder der über die Jugend spricht, verbindet mit ihr eine Reihe eigener Assoziationen und verwendet den Begriff „Jugend“ als ein Sammelbegriff. Doch gibt es überhaupt die Jugend? Die Shell-Studie spricht aufgrund der Pluralität von Werthaltungen im Jugendalter davon, dass es „die Jugend“ nicht gibt.2 Was kennzeichnet die Lebensphase Jugend und wie lässt sie sich anhand von Altersangaben bestimmen? Diesen Fragen möchte ich im Folgenden nachgehen.

„Die kulturelle Variabilität und Relativität gilt auch für Jugendliche.“3 Daraus folgt, dass „[...] eine universell anwendbare [...] für alle Zeiten und Kulturen gültige Definition dieses Lebensabschnitts, sowohl was die Dauer als auch was die Inhalte anbetrifft, nur allgemein sein kann [...].“4 Das Jugendalter ist eine Altersphase, die eine Zwischenstellung zwischen dem Kindes- und dem Erwachsenenalter einnimmt. Meist wird mit „Jugend“ die Altersphase zwischen 13 und 25 Jahren bezeichnet, die jedoch unscharfe Ränder aufweist.5 Während „Jugend“ die Übergangsphase von Kindheit ins Erwachsenenleben meint, sind „Jugendliche“ diejenigen, die in dieser Übergangsphase leben. Die Kindheit endet mit dem Erreichen der Geschlechtsreife (Pubertät), doch die volle soziale Partizipation (im ökonomischen, rechtlichen, politischen oder religiösen Bereich) - die den Erwachsenen zusteht - ist noch nicht erreicht.

Eine terminologische und zeitliche Strukturierung der Lebensphase Jugend findet sich bei Oerter und Dreher (1998):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Periodisierung und Strukturierung der Lebensphase Jugend. Aus: Oerter, R./Dreher, E. (1998), S. 312

Die genaue Angabe in Lebensjahren zur Kennzeichnung von Jugend ist nach Lenzen ebenso vage und unbestimmt anzusehen, wie die Verwendung von Altersnormen in unserem Rechtssystem. „Der Gesetzgeber [in der Bundesrepublik Deutschland] tendiert dazu, den Erwerb von Erwachsenenrechten und –pflichten, die Übernahme von Erwachsenenrollen an bestimmte Altersdaten zu binden.“6 Demnach liegt die Religionsmündigkeit bei 10 bis 12 Jahren, die Strafmündigkeit bei 13 Jahren und die Ehemündigkeit bei 16 Jahren. Die unbeschränkte Geschäftsfähigkeit, die volle Ehefähigkeit, die Fahrerlaubnis, der Beginn der Wehrpflicht für Männer, das aktive und passive Wahlrecht zum Bundestag, die Filmmündigkeit und ebenso das Ende des Jugendarbeitsschutzes liegen bei 18 Jahren. Mit 21 Jahren ist die volle Strafmündigkeit erreicht, mit 27 Jahren endet das Recht auf Ausbildungszuschüsse der Eltern und mit 35 Jahren endet die Mitgliedschaft in Jugendorganisationen von politischen Parteien.7 Anhand dieser Aufzählung wird deutlich, wie allgemein und vage die Kennzeichen von „Jugend“ gehalten werden. „Man kann auch sagen, je mehr Rollen, die für Erwachsene kennzeichnend sind, übernommen oder gewährt werden, desto fragloser wird der entsprechende Mensch als erwachsen angesehen.“8

Die Ausdifferenzierung vieler Handlungs- und Erlebniszonen in der modernen Gesellschaft hat nach Baacke zu einer zunehmenden Entsrukturierung der Jugendphase geführt. „Es gibt [...] keinen festen Fahrplan durch die Jugendphase mehr.“9 Durch die zeitliche Verlagerung der Pubertät sowie das Ausagieren jugendtypischer Verhaltensweisen bereits in der Kindheit, werden die klaren Grenzen zwischen Kindheit und Jugend unscharfer. Die durchschnittliche Verweildauer im Bildungssystem ist angestiegen, so dass sich die Jugendphase nach hinten ausdehnt. Der früher fast „automatische“ Übergang von Schulabschluss, Berufsausbildung und Berufseintritt ist heute häufig durch den Mangel an Arbeitsplätzen unterbrochen, so dass tendenziell eine Abkoppelung von Ausbildung und Berufstätigkeit zu konstatieren ist. Dies führt zu dem Phänomen der sogenannten Postadoleszenz. Gemeint sind hiermit junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren, die politisch, kulturell und sozial selbstständig sind, jedoch ohne über eigenständige Ressourcen zur Lebenssicherung zu verfügen. Weder der Eintritt in „das Jugendalter“ lässt sich demnach durch eine bestimmte Altersangabe eingrenzen, noch der Übergang vom Jugendalter in das Erwachsenenalter.10

Wird die Annahme Baackes hinzugenommen, dass Jugendliche sich heute zunehmend in altersgleichen Peer-Gruppen zusammenfinden und eigene jugendkulturell ausgeprägte Lebensstile entwickeln, zeigt sich eine komplizierte Mischung von Einflussfaktoren, die dazu führen, dass „ die Jugend“ immer weniger als einheitlich strukturierte Lebensphase zu konstatieren ist. Baacke definiert „Jugend“ wie folgt: „Die Einheit des Zeitraums kann dann darin gesehen werden, dass durch den Einbruch der Pubertät (physiologisch-biologische Veränderungen zur Geschlechtsreife hin, Ausbruch sekundärer Geschlechtsmerkmale, Auftreten der ersten Menstruation bei Mädchen, der ersten Ejakulation/Pollution bei Knaben, begleitet durch einen puberalen Wachstumsschub) die selbstverständliche Welthinnahme des Kindesalters abgeschlossen wird und eine neue Einheit aus physisch-psychischen Erfahrungen entsteht, die zur wachsend bewussten Entwicklung einer Ich-Identität führen, die die Abgrenzung von anderen Personen erlaubt und dadurch die Aufnahme von selbstgewählten Beziehungen auf breiterer Basis ermöglicht. Beginn und Ende der Pubertät variieren historisch und kulturell. In der Industriegesellschaft beginnt sie heute zwischen dem 12./13. und endet etwa mit dem 18./20. Lebensjahr, bei Mädchen eher als bei Jungen.“11

Wenn ich im Folgenden von der Jugend spreche, beziehe ich mich dabei auf Jugendliche im Alter zwischen 12 und 19 Jahre, da sich die JIM-Studien der Jahre 1998 bis 2007 auf diese Altersgruppe beziehen. Basierend auf meinen vorangegangenen Ausführungen möchte ich an dieser Stelle noch einmal betonen, dass ich mit dem Begriff „Jugend“ nicht die einzelnen Jugendlichen verallgemeinern möchte.

Im Gegensatz zu der begrifflichen Unschärfe der Jugend, besteht Einigkeit darin, von Jugend als einer intensiven Lernphase zu sprechen. Die Jugendlichen befinden sich in einer entwicklungsdynamischen Altersphase und stehen einer Reihe gesellschaftlich definierter Entwicklungsaufgaben gegenüber, auf die ich im Folgenden näher eingehen möchte.

2.2 Entwicklungsaufgaben im Jugendalter

„Bei aller Unterschiedlichkeit der Jugendphase besteht eine als Definitionskriterium geeignete Gemeinsamkeit für viele unterschiedliche Gesellschaften [...] darin, dass Jugendliche die Aufgaben haben zu lernen und sich vorzubereiten.“12 Die jungen Gesellschaftsmitglieder müssen noch Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln, die sie als Erwachsene benötigen, um im vollen Umfang an der Gesellschaft partizipieren zu können.

Die Jugendzeit kann als ein „psycho-soziales Moratorium“ angesehen werden, welches noch außerhalb der Zwänge von Terminkalendern, Regelverpflichtungen und ernsthaften Verantwortungen liegt.13 Dieser den Jugendlichen zugestandene „Schonraum“ ist meiner Ansicht nach ein notwendiger Bestandteil in der Entwicklung eines Jugendlichen. Unter Entwicklungsaufgaben versteht man seit Havighurst „[...] die Aufgaben, die sich im Lebenslauf eines Menschen in einem gegebenen gesellschaftlichen Kontext zwingend stellen.“14 Die diversen Entwicklungsaufgaben sind vielfältig. Sie speisen sich aus den gesellschaftlichen Erwartungen und Anforderungen an den einzelnen Jugendlichen. Folgende Abbildung zeigt die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters, aber auch der mittleren Kindheit, sowie des frühen Erwachsenenalters auf:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz nach Havighurst. Aus: Oerter, R./Dreher, E. (1998), S. 328

Eine integrierte Bewältigung der in der Abbildung aufgezeigten Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz führt nach Havighurst zu dem zentralen Lernziel „Identität“ in der Jugendphase. Welche Bedeutung der „Identität“ in der Lebensphase Jugend zukommt, möchte ich im folgenden Kapitel näher ausführen.

2.3 Identität: das zentrale Thema des Jugendalters

In den folgenden Ausführungen möchte ich mich mit der Identitätsarbeit Jugendlicher in der heutigen modernen Gesellschaft auseinandersetzen. Die Arbeit am Selbstbild ist eine Entwicklungsaufgabe, die in besonderem Maße das Jugendalter bestimmt. Damit sind Jugendliche konfrontiert mit Fragen wie „Wer bin ich?“, „Wie sehen mich andere?“ und „Wer möchte ich sein?“. Die Beantwortung dieser Fragen ist jedoch in unserer heutigen Gesellschaft, in denen traditionelle Werte- und Sinnvorstellungen an Verbindlichkeit verlieren und Lebensläufe und -perspektiven keineswegs mehr (eindeutig) planbar und vorgezeichnet sind, erschwert. 15

Ich möchte zunächst verschiedene Perspektiven aus der Identitätsforschung darstellen und dabei insbesondere das auf Erikson beruhende Modell der Identitätsentwicklung dem Modell der Identitätssuche gegenüberstellen. Daran anschließend stelle ich das Konzept der Identitätskonstruktion nach Keupp vor und zeige auf, wie Identitätsarbeit in einer Gesellschaft, die von einer Vielfalt an Lebensformen, Werten und Kulturen bestimmt ist, möglich ist.

2.3.1 Identitätsentwicklung vs. Identitätssuche

Nach dem psychosozialen Entwicklungsansatz nach Erikson ist die Zeit der Adoleszenz durch Identitätsentwicklung gekennzeichnet. Er sieht die Identitätsentwicklung als ein kontinuierliches Stufenmodell an, an dessen Ende das jeweilige Individuum einen „stabilen Kern“ ausgebildet hat. Identität umfasst das Empfinden der Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit der eigenen Person sowie das Empfinden der Akzeptanz und Anerkennung durch die soziale Umwelt. Es ist die Phase, in der alle bisherigen Kindheitserlebnisse in Frage gestellt und in neuer Weise zu einer Ich-Identität integriert werden. Der Heranwachsende tritt in diese Phase ein, weil sich mit der Pubertät massive körperliche Veränderungen einstellen, also durch Reifungsprozesse. Diese Phase endet im 18. Lebensjahr. Der Jugendliche muss seine sozial definierte Übergangssituation bewältigen. Diese Übergangssituation bezeichnet Erikson als „psychosoziales Moratorium“: Dem Heranwachsenden wird ein gewisses Experimentieren mit Rollen, Leitbildern und Verhaltensweisen gestattet. Doch er wird gezwungen Entscheidungen zu treffen, die mit wachsender Beschleunigung zu immer endgültigeren Selbstdefinitionen, zu irreversiblen (nichtwiderrufbaren) Rollen und so zu einer Festlegung für das Leben führen (z.B. der Zwang ins Berufsleben einzutreten). Es ist als eine Zeit anzusehen, in der Jugendliche auf dem Weg ihrer Identitätsentwicklung einen Freiraum erhalten, innerhalb dessen sie unter minderem Druck mit möglichen Konsequenzen frei experimentieren können. „Es ist eine Periode, die durch selektives Gewährenlassen seitens der Gesellschaft und durch provokative Verspieltheit seitens der Jugend gekennzeichnet ist [...].“16 Jede Gesellschaft und jede Kultur institutionalisiert ein gewisses Moratorium für die Mehrheit ihrer jungen Leute. Gerade die spielerische Komponente sei, so Erikson, für die Ich-Identitätsentwicklung von hoher Bedeutung.

In seinem lebenslangen psycho-sozialen Modell der Persönlichkeitsentwicklung geht Erikson von einer Wechselbeziehung zwischen Individuum und Gesellschaft aus. Er beschreibt acht Krisen, die jeder Mensch im Laufe seines Lebens durchläuft. Jede Krise beinhaltet zwei Pole, zwischen denen der Mensch seinen Platz in der Mitte finden muss.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Die Stufen der psychosozialen Entwicklung nach Erikson. Aus: Zimbardo, P./Gerring, R. (1999), S. 460

Den Krisen liegt die Grundannahme zugrunde, dass es genetisch vorbestimmt wird, zu welchen Zeitpunkten eine Krise besonders intensiv durchlaufen wird. Die Adoleszenz ist durch die Bezeichnung der fünften Krise „Identität vs. Identitätsdiffusion“ gekennzeichnet. Die Frage nach „Was bin ich?“ steht im Mittelpunkt. Ziel dieser Phase ist es, eine einmalige Identität aufzubauen. Gelingt dies nicht, so weiß der Heranwachsende nicht, was er sich und den anderen bedeutet, wohin er gehört und wie er über sich denken soll.

Krappmann betont, dass Identität nicht als feststehende Größe betrachtet werden sollte, da sie sich im Austausch mit der Umwelt stets weiterentwickelt. Ich-Identität kann sich nur aus der Interaktion zwischen Individuation und der sozialen Integration bilden. Individuation bedeutet die Bildung einer unverwechselbaren Persönlichkeit und die soziale Integration bedeutet, das Erkennen seiner sozialen Rollen innerhalb der Gesellschaft. Die Bildung der Ich-Identität ist demnach ein sozial-konstruktiver Prozess, in einer ständigen Balance des Individuums mit seiner sozialen wie persönlichen Identität.17

Nach den Auffassungen von Havighurst und Erikson müssen die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters bewältigt werden, um die Ich-Identitätsentwicklung abzuschließen. Dies sei in einer höheren Phase noch nachholbar, jedoch mit höherem Aufwand. Die Jugendphase stellt demnach eine sensible Phase im Lebenslauf für die Ich-Identitätsentwicklung dar. Demnach sieht Erikson „Identität“ als ein Schlusspunkt einer Entwicklung an. Der Jugendliche hat sozusagen einen stabilen Kern ausgebildet, welcher ein und für alle Male erworben ist und die Entwicklung im Erwachsenenalter beeinflusst. Identitätsbildung wird so zu der wichtigsten Entwicklungsaufgabe im Jugendalter.

Im Gegensatz zur Auffassung Eriksons von der Identität als eines Entwicklungsprozesses, steht das Konzept der Identitätssuche bzw. -findung.18

Identität wird nach Baacke als eine Beziehungsleistung durch Imitation und Identifikation im Vergleich mit anderen gesehen. Es ist eine Leistung, sich selbst in Relation zu anderen sehen zu können und sich selbst dadurch zu relativieren, sich eben nicht mehr als Mittelpunkt der Welt zu begreifen. Identität ist ebenso eine Leistung, seine persönliche Kontinuität in der Zeit zu rekonstruieren und zu erfahren und an der Geschichte erkennen, wer man ist. Baacke spricht von einem Recherche-Ich bei der autobiografischen Ich-Konstruktion. Das Recherche-Ich beinhaltet, dass sich der Jugendliche selbst suchen muss und dieser Prozess nie ganz abgeschlossen ist. Es bleibt oft bei einem Zufalls-Ich, welches je nach Situation neu gestaltet und konstruiert wird. Die Perspektive des Identitätsfindungsprozesses geht von einem Menschen als produktivem, aktiv selbstgestaltendem Wesen aus, welches seine Identität ständig neu gestaltet und sucht. Auch nach Hurrelmann werden Menschen als produktiv „[...] realitätsverarbeitende Subjekte und als schöpferische Konstrukteure ihrer eigenen Lebenswelt [...]“19 verstanden. Unter dieser Perspektive kann nicht weiter von einer einmalig und stabil ausgebildeten Ich-Identität im Sinne Eriksons ausgegangen werden.

2.3.2 Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne

In Deutschland leben wir heute in einer Gesellschaft, die eine komplexe Mischung risikoreicher Potenziale für die heutige Identititätskonstruktion aufweist. Keupp bezeichnet unsere Gesellschaft als „fluide Gesellschaft“, in der alles Statische und Stabile zu verabschieden ist.20 Die folgende Abbildung zeigt Schlagwörter wie Individualisierung, Pluralisierung, Dekonstruktion von Geschlechtsrollen, Wertewandel, Disembedding, Globalisierung und Digitalisierung als Charakteristika einer solchen fluiden Gesellschaft auf:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Die moderne Gesellschaft als fluide Gesellschaft. Aus: Keupp, H. (2007), S. 10

Individualisierung, Pluralisierung, Flexibilität und Mobilität werden somit zu unabdingbaren Normalerfahrungen und -anforderungen in unserer modernen Gesellschaft. Der gegenwärtige gesellschaftliche Umbruch eröffnet einerseits Chancen für selbstbestimmte Identitäts- und Normalitätsentwürfe, andererseits jedoch den Zwang der Notwendigkeit individueller Such- und Anpassungsprozesse. Dies bleibt nicht folgenlos für die heutige Identitätsarbeit, die immer mehr die Fähigkeit fordert, „[. .] die eigene Identität in immer neuen Veränderungen und ‚Umbauten‘ herzustellen.“21 Identitätsarbeit heute kennt keinen vorab bestimmbaren und stabilen Idealzustand, wie dies noch von Erikson angenommen wurde. Es ist eine individuelle Verknüpfungsarbeit von Erfahrungsfragmenten, die in einen sinnhaften Zusammenhang gebracht werden müssen.22 Das Fragmentarische wird jedoch nicht als defizitär angesehen, sondern als Normalität. Wir „[. .] haben damit zu rechnen, dass unsere Identitäten und Lebensentwürfe unter den Bedingungen postmoderner Lebensverhältnisse etwas unheilbar Bruchstück-, Flickenhaftes oder Fragmentarisches haben.“23 Nach Kraus ist kein einheitliches Identitätssystem mehr zu erwarten, sondern eher ein „Patchwork“ von unterschiedlichen Teilidentitäten, die unterschiedlichen Eigenlogiken folgen.24 Damit schließt Kraus sich Keupp an, der im Wesentlichen den Begriff der „Patchwork-Identität“ nachhaltig prägte. Er geht davon aus, dass sich Identitätsarbeit als „Patchworking“ darstellen lässt. Folgende Abbildung symbolisiert das Beziehungsverhältnis der Teilkonstruktionen der Identitätsarbeit:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Identität als Patchworking. Aus: Keupp, H. (2006), S. 218

Die Teilkonstruktionen der Identitätsarbeit unterliegen dabei einem fortlaufenden Veränderungsprozess. Zum einen können sich Teilidentitäten ändern, zum anderen können neue hinzutreten und andere sich auflösen. Die Hauptthese von Keupp lautet: „Identitätsarbeit hat als Bedingung und als Ziel die Schaffung von Lebenskohärenz. In früheren gesellschaftlichen Epochen war die Bereitschaft zur Übernahme vorgefertigter Identitätspakete das zentrale Kriterium der Lebensbewältigung. Heute kommt es auf die individuelle Passungs- und Identitätsarbeit an, also auf die Fähigkeit zur Selbstorganisation, zum ‚Selbsttätigwerden‘ oder zur Selbsteinbettung. Kinder und Jugendliche brauchen in ihrer Lebenswelt Freiräume, um sich selbst zu entwerfen und gestaltend auf ihren Alltag einwirken zu können. Das Gelingen dieser Identitätsarbeit bemisst sich für das Subjekt von Innen an dem Kriterium der Authentizität und von Außen am Kriterium der Anerkennung.“25

Der Begriff „Lebenskohärenz“ meint in diesem Zusammenhang die Schaffung von Lebenssinn. Das Kohärenzgefühl hält die einzelnen Identitätsbausteine zusammen und vermittelt den Subjekten ein Gefühl von Stimmigkeit und Einheit. „Kohärenz ist das Gefühl, dass es Zusammenhang und Sinn im Leben gibt, dass das Leben nicht einem unbeeinflussbaren Schicksal unterworfen ist.“26 Sinn entsteht heute weniger aus allgemeingültig geteilten Werten, sondern erfordert einen hohen Eigenanteil an Such-, Experimentier- und Veränderungsbereitschaft. Jugendliche müssen heute mehr denn je ihr eigenes „boundary management“ in Bezug auf Identität, Wertehorizont und Optionsvielfalt vornehmen. Hierfür brauchen sie die einbettende Kultur sozialer Netzwerke, die ihnen die Anerkennung zukommen lässt, die eine basale Voraussetzung für eine gelingende Identitätsarbeit ist.27 Die Zugehörigkeit zu einer tragenden Gemeinschaft schützt und ermutigt zugleich dazu, eigene Möglichkeiten zu entdecken und auszugestalten. Dabei ist Identitätsarbeit keineswegs auf das Jugendalter beschränkt, sondern ist ein lebenslanger aktiver Konstruktionsprozess. „Subjekte arbeiten (indem sie handeln) permanent an ihrer Identität.“28 Von den einzelnen Personen wird eine hohe konstruktive Eigenleistung abverlangt. Sie sollen zu Architekten und Baumeistern des eigenen Lebensgehäuses werden. Dazu müssen sie die „Erfahrungsfragmente“ in einen für sie kohärenten sinnhaften Zusammenhang bringen. Eine zentrale Grundprämisse lautet, dass die Identitätsarbeit vor allem aus einer permanenten Verknüpfungsarbeit besteht, „[...] die dem Subjekt hilft, sich im Strom der eigenen Erfahrungen zu begreifen.“29 Dabei ordnet das Subjekt seine Erfahrungen einer zeitlichen, einer inhaltlichen und einer lebensweltlichen Perspektive unter. Folgende Abbildung verdeutlicht dies:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Der Strom der Selbsterfahrung. Aus: Keupp, H. (2006), S. 191

Identitätsarbeit hat nach Keupp desweiteren eine innere und eine äußere Dimension. Eher nach außen gerichtet ist die Dimension der Passungs- und Verknüpfungsarbeit. Die Aufrechterhaltung von Handlungsfähigkeit, Anerkennung und Integration sind hierfür unerlässlich. Hier wird insbesondere deutlich, dass Identität auch ein Aushandlungsprozess des Subjektes mit der gesellschaftliche Umwelt ist. Eher nach innen, auf das Subjekt bezogen, ist Synthesearbeit zu leisten, d.h. eine subjektive Verknüpfung der verschiedenen Bezüge, die Konstruktion und Aufrechterhaltung von Kohärenz und Selbstanerkennung, sowie das Gefühl von Authentizität und Sinnhaftigkeit. Für die gelingende Identitätsarbeit werden nach Keupp spezifische Ressourcen notwendig, damit Heranwachsende selbstbestimmt und selbstwirksam eigene Wege in der komplex gewordenen modernen Gesellschaft gehen zu können:

- Herstellung eines kohärenten Sinnzusammenhangs,
- Fähigkeit zum „boundary management“,
- einbettende Kulturen,
- materielle Basissicherung,
- Zugehörigkeitserfahrungen,
- Anerkennungen,
- Beteiligung am alltäglichen interkulturellen Diskurs, sowie
- zivilgesellschaftliche Basiskompetenzen.30

Inwiefern die Medien eine Rolle bei der aktiven Identitätsarbeit leisten können, werde ich in Kapitel 4 näher ausführen. Im Folgenden werde ich mich der Lebensphase Jugend als eine „mediatisierte“ Lebensphase Jugend zuwenden. Für die Nutzung der Medien ist zunächst Medienkompetenz eine notwendige Voraussetzung geworden, die es zu erwerben gilt.

2.4 Medienkompetenz als Voraussetzung der Mediennutzung

In der medienpädagogischen Literatur wird immer wieder diskutiert, über welche Fähigkeiten Mediennutzer verfügen sollten, um mit Medien kompetent umgehen zu können. Doch was wird unter dem Begriff „Medienkompetenz“ verstanden?

Um an dem gesellschaftlichen Fortschritt durch die neuen Medien teilhaben zu können, benötigen wir nicht nur die technische Möglichkeit ins Internet gehen zu können, sondern wir müssen uns in der computerisierten Medienwelt auch zurechtfinden können. Medienkompetenz soll dies ermöglichen. In den folgenden Ausführungen beziehe ich mich auf die Ausführungen von Baacke, der den Begriff der Medienkompetenz am Anfang der 1970er Jahre prägte. Nach ihm lässt sich „Medienkompetenz“ vierfach ausdifferenzieren in Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung. Die Fähigkeit zur Medienkritik bezeichnet dabei die Wahrnehmungskompetenz, also die Fähigkeit, die Medien und ihre Strukturen, ihre Gestaltungsformen, sowie ihre Wirkungsmöglichkeiten zu durchschauen. Die Fähigkeit der Medienkunde umfasst das Wissen über heutige Medien und Mediensysteme. Die Mediennutzungskompetenz meint die Fähigkeit, Medien und ihre Angebote zielgerichtet und angemessen nutzen zu können. Die Medien als Ausdruck der Persönlichkeit, Interessen und Anliegen aktiv gestalten zu können, umfasst die Kompetenz zur Mediengestaltung.31 „Alles zusammen ergibt dann das, was ich Medienkompetenz nenne und was für jeden also heute eine Grundlage für ‚das in der Welt sein‘ und für ‚das sich in der Welt verstehen‘ darstellt.“32

In den 90er Jahren kritisierte Hentig die inflationäre und banalisierte Verwendung des Begriffs Medienkompetenz als irgendetwas, das man benötigt, um mit Medien „vernünftig“ umgehen zu können – was auch immer man sich darunter vorstellen mag.33 Der Begriff der Medienkompetenz erscheint insofern inhaltsleer, als dass er nicht beschreibt, wie Medienkompetenz im Einzelnen aussehen soll und welche Reichweite das Konzept hat. Es wird nicht angegeben, wie die Zieldimension Medienkompetenz praktisch, didaktisch oder methodisch umgesetzt und vermittelt werden soll. Zudem bleibt es ungeklärt, wie und in welchem Maße die einzelnen Bereiche zum Aufbau von Medienkompetenz beitragen. Vollbrecht versucht daher den Begriff der Medienkompetenz als bildungstheoretisches Konzept zu fassen. Nach ihm zeigt sich Medienkompetenz weniger darin, dass jemand ein Computerprogramm bedienen kann, sondern darin, dass er oder sie gelernt hat, sich beliebige Programme anzueignen.34 „Medienkompetenz bezeichnet eine Fähigkeit im Umgang mit Wissen über mediale Kommunikation.“35 So sei „[...] Medienkompetenz ein hochaggregiertes theoretisches Konstrukt und eine sinnvolle Leitidee für medienpädagogisches Handeln [...], das jedoch – wie ja auch der Begriff des Lernens – in jeder didaktischen Situation erst mit konkreten Bedeutungen gefüllt werden muss.“36

2.5 Medienwelten von Jugendlichen

Häufig wird in der Literatur im Zusammenhang von Jugend und Medien davon gesprochen, dass sie heute wesentlich in Medienwelten aufwachsen. Der Ausdruck „Medienwelten“ konkretisiert die Tatsache, dass der lebensweltliche Alltag Jugendlicher von Medien aller Art durchdrungen ist. Da Medien allgegenwärtig sind, kann Freizeit auch als Medienzeit bezeichnet werden. Besonders Kinder und Jugendliche verbringen über die Hälfte ihrer frei verfügbaren Zeit in irgendeiner Form mit Medien aller Art.37

Baacke zeichnete folgendes Bild eines durchschnittlichen Tagesverlaufs im Alltag eines 16jährigen Jungen: „Aufstehen und ‚fertigmachen für den Tag‘ im Elternhaus (CD-Musik und Radiobegleitung, Blicke in den Fernseher, ins MTV- oder VIVA-Spartenprogramm oder ins Morgenmagazin); Fahrt zur Schule (begleitet vom Walkman); Unterricht mit Pausen (Zusammentreffen mit Gleichaltrigen, Kofferradio, Austausch von Neuigkeiten über die Charts etc.); Heimweg ins Elternhaus; zu Hause kurze Entspannungsphase, vielleicht Mittagessen mit anwesenden Familienangehörigen (dazu: Radio, CD, Fernsehen); Phase der Schularbeiten (begleitet von ‚Sounds‘ unterschiedlicher Art, meist Radio, CD-Player, Kassettenrecorder); längeres Telefonieren (Verabredung für den Abend, das nächste Wochenende, Austausch von Nachrichten etc.); kurzes Abendessen (Fernsehbegleitung); Verlassen des Hauses mit der Kombination von Schaufensterbummel, Kneipenbesuch, Kinobesuch und anschließendem Besuchen eines Freundes (neuste CDs etc.); Zubettgehen (mit dem Walkman als Begleiter fürs Einschlafen). – Ein solcher Tag (als Modell) ist im Gegensatz zu früheren Zeiten sehr variantenreich [...].“38

Dieser von Baacke sehr anschaulich – modellhaft – dargestellte Tagesverlauf, zeigt, wie die Medien in den Alltag des Jugendlichen eingebunden sind. Dabei möchte ich betonen, dass die Medien den Alltag des Jugendlichen nicht völlig bestimmen, denn „Jugendzeit ist [...] nicht nur Medienzeit.“39 Medien sind eher als ein Begleiter im Alltag zu verstehen, was der Titel des Buches von Barthelmes und Sander (2001) sehr anschaulich zusammenfasst: „Erst die Freunde, dann die Medien – Medien als Begleiter in Pubertät und Adoleszenz.“40

Wie aufgezeigt steht die Jugend einem großen Medienensemble gegenüber. Die im folgenden Kapitel dargestellten quantitativen Mediennutzungsdaten zeigen, dass sich der modellhafte Tagesablauf, welchen Baacke Ende der 1990er Jahre entwarf, um weitere Medien wie Handy, Computer und Internet heute erweitern ließe. Aber auch die traditionellen Medien, wie Bücher und Zeitschriften, sollten in einem solchen Tagesablauf Berücksichtigung finden.

2.6 Mediennutzungsdaten in der BRD

Die Geräteausstattung der Haushalte in der Bundesrepublik Deutschland, in denen Jugendliche wohnen, zeigt, dass eine deutliche Mediensättigung hinsichtlich der Medien Fernseher, Handy, Computer sowie Internet eingetreten ist. Nahezu jeder Haushalt verfügt über mindestens eines dieser Medien. 100 % aller befragten Haushalte verfügt über ein Handy, 99 % über einen Fernseher, 98 % über einen Computer und 97 % über einen Internetzugang. Im Jahre 2007 ist im Vergleich zum Vorjahr eine deutliche Zunahme von TV-Flachbildschirmen zu verzeichnen, die mit 31 % nun in fast jedem dritten Haushalt vorhanden sind. Dies wirft die Frage auf, ob der Fernseher in Zukunft (wieder) einen Beliebtheitszuwachs verzeichnen wird.

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Abbildung 7: Haushaltsgeräteausstattung (in denen mindestens ein Jugendlicher wohnt) im Jahr 2007. Aus: JIM-Studie (2007), S. 8

Die ARD/ZDF-Onlinestudie erfasst und analysiert seit dem Jahre 1996 die Internetnutzungszahlen der Bevölkerung ab 14 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland. Die folgende Abbildung zeigt die Entwicklung der Internetnutzerzahlen in den Jahren 1997 bis 2006:

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Abbildung 8: Entwicklung der Internetnutzerzahlen (Angaben in Millionen) von 1997 bis 2006. Aus: Broschüre 10 Jahre ARD/ZDF-Onlinestudie

Deutlich wird, dass die Zahl derjenigen, die das Internet nutzen, seit 1997 konstant anstieg. Während 1997 noch 4,1 Millionen Bundesbürger ab 14 Jahren das Internet nutzten, sind es im Jahre 2000 bereits 18,3 Millionen und im Jahre 2006 38,6 Millionen. Das ist ein 8,4-facher Gesamtanstieg innerhalb von 9 Jahren.

Insbesondere das weibliche Geschlecht sowie die Altersgruppe der 14 bis 19jährigen und die Generation 50+ hat sich in den letzten Jahren vermehrt dem Internet zugewandt.

2.6.1 Quantitative Aspekte der Mediennutzung Jugendlicher

Im Folgenden möchte ich auf die aktuellen Mediennutzungsdaten Jugendlicher eingehen und hiermit verdeutlichen, dass die Medien im Alltag Jugendlicher eine dominante Rolle spielen. Dabei werde ich mich auf die Ergebnisse der JIM-Studien der Jahre 1998 bis 2007 beziehen. Die JIM-Studien des Medienpädagogischen Forschungsverbandes Südwest (mpfs) dokumentieren jährlich die Medienwelt und den Medienalltag von Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland. Sie liefern Informationen zur Geräteausstattung, zu Freizeit- und medialen Beschäftigungen, zum Stellenwert sowie zu den Funktionen von Fernseher, Radio, Handy, Computer und Internet im Jugendalter. Auf der Grundlage der Ergebnisse der JIM-Studien kann der Wandel des Medienumganges im Jugendalter differenziert beschrieben werden, da die Studie als ein Langzeitprojekt angelegt ist.

Mediale Freizeittätigkeiten im Jugendalter Hinsichtlich der Mediennutzung haben sich die Nutzungspräferenzen im Freizeitbereich der Jugendlichen in den Jahren 1998 bis 2007 deutlich verschoben. Werden die Ergebnisse der JIM-Studien in diesem Zeitraum herangezogen, so wird deutlich, dass die beliebteste mediale Freizeitbeschäftigung im Jahre 1998 noch das Fernsehen war. 95 % der befragten Jugendlichen nutzten dieses Medium täglich oder mehrmals die Woche, lediglich 48 % der befragten Jugendlichen nutzten einen Computer.

Bis zum Jahre 2007 hat sich das Mediennutzungsverhalten von Jugendlichen deutlich verändert. So gaben 2007 92 % der befragten Jugendlichen den Fernseher an, den sie täglich oder mehrmals die Woche nutzen. Den Computer nutzen bereits 84 % der befragten Jugendlichen und 77 % von ihnen das Internet.

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Abbildung 9: Mediale Freizeittätigkeiten von Jugendlichen im Jahr 1998 (täglich/mehrmals die Woche). Aus: JIM-Studie (1998)

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Abbildung 10: Mediale Freizeittätigkeiten von Jugendlichen im Jahr 2007(täglich/mehrmals die Woche). Aus: JIM-Studie (2007)

Die Bindung an Medien im Jugendalter

Die Bedeutung, die die Jugendlichen dem Fernseher als Medium beimessen, verlor in den folgenden Jahren konstant an Relevanz. Obwohl der Fernseher noch immer das am meisten genutzte Medium darstellt (von 92,5 % aller Jugendlichen), zeigt die JIM-Studie 2007, dass die persönliche Wichtigkeit des Fernsehens erstmals durch den Computer verdrängt wurde. 25 % der befragten Jugendlichen gaben im Jahre 2007 an, auf den Computer am wenigsten verzichten können, 22 % der Jugendlichen gaben das Internet an. Der Fernseher rangiert mit 15 % erstmals – noch hinter den mp3-Playern – auf Platz 4 der Medien, auf die Jugendliche am wenigsten verzichten können. Zeitungen und Zeitschriften spielen kaum noch eine bedeutende Rolle für Jugendliche. Es bleibt abzuwarten, ob in den nächsten Jahren das Internet an die erste Stelle treten wird.

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Abbildung 11: Medienbindung im Jugendalter im Jahr 2007. Aus: JIM- Studie (2007)

Im Jahre 1998 rangierte noch der Fernseher auf Platz 1. Damals gaben 37 % der Jugendlichen an, auf den Fernseher am wenigsten verzichten zu können und lediglich 19 % gaben den Computer an.

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Abbildung 12: Medienbindung im Jugendalter im Jahr 1998. Aus: JIM-Studie (1998)

Gerätebesitz im Jugendalter

Im Jahre 1998 befand sich im Gerätebesitz der Jugendlichen insbesondere eine Hifi-Anlage/Stereoanlage mit CD-Player (64 % der befragten Jugendlichen), 60 % verfügten über einen eigenen Fernseher und 35 % über einen eigenen Computer.

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Abbildung 13: Gerätebesitz im Jugendalter im Jahr 1998. Aus: JIM-Studie (1998)

Der Vergleich der Zahlen zum Gerätebesitz im Jugendalter in den Jahren 1998 bis 2007 zeigt deutlich, dass neben den Fernseher und den Computer insbesondere das Handy und der mp3-Player als neue Medien getreten sind. Fast alle Jugendlichen haben im Jahre 2007 Zugang zu einem Computer oder zum Internet. So verfügen 94 % der befragten Jugendlichen über ein Handy, 84 % über einen mp3-Player, 67 % der Jugendlichen verfügen über ein eigenes Fernsehgerät und 67 % über einen eigenen Computer oder Laptop. Damit ist die persönliche Ausstattung der Jugendlichen mit Computern ebenso hoch wie beim Fernsehgerät. Im Jahre 2006 waren es noch 60 % der Jugendlichen, die über einen eigenen Computer oder Laptop verfügten. Dies ist eine Steigerung von 7 % innerhalb eines Jahres. Auffällig ist, dass sich dabei die befragten Jugendlichen je nach Schulform unterscheiden. Während 71 % der Gymnasiasten über einen eigenen Computer verfügen, so sind es bei den Realschülern 67 % und bei den Hauptschülern lediglich 57 %. Mit zunehmendem Alter steigt auch die Besitzrate.

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Abbildung 14: Gerätebesitz im Jugendalter im Jahr 2007. Aus: JIM-Studie (2007)

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Abbildung 15: Computer/Laptopbesitz im Jugendalter in den Jahren 2006 und 2007. Aus: JIM-Studie (2007)

Die Haushalte, in denen 12- bis 19-Jährige aufwachsen, sind im Jahre 2007 zu 95 % ans Internet angebunden. 2/3 der 12- bis 19-Jährigen besitzen mittlerweile einen eigenen Computer und 45 % haben einen eigenen Internetanschluss im Zimmer.

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Abbildung 16: Internetzugang von Jugendlichen im Jahr 2007. Aus: JIM-Studie (2007)

Nicht-mediale Freizeittätigkeiten

Dennoch kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Medien den Alltag des Jugendlichen bestimmen und die Freizeit völlig ausfüllen. Die häufigste Freizeitaktivität unter Ausklammerung der Mediennutzung ist das Treffen mit Freunden. 86 % treffen sich mit ihrem Freundeskreis mehrmals pro Woche. Fast 3/4 der Jugendlichen treiben regelmäßig Sport (72 %) und 20 % der befragten Jugendlichen unternehmen täglich oder mehrmals in der Woche etwas im Kreise der Familie. Damit haben die Familienunternehmungen deutlich zugenommen. Auch die 15. Shell-Jugendstudie 2006 zeigt auf, dass die Familie insgesamt an Bedeutung gewinnt. „90 Prozent der Jugendlichen bekunden mit ihren Eltern auszukommen, und 71 Prozent würden auch ihre eigenen Kinder genauso oder so ähnlich erziehen.“41 Entgegen der These von der Auflösung der Ehe und Familie, lässt sich bei den heutigen Jugendlichen eine hohe Familienorientierung nachweisen. 72 % der Jugendlichen geben die Familie als notwendigen Bestandteil im Leben an, um glücklich leben zu können.42 „Die Bedeutung von Familie und privatem Freundeskreis, die den Jugendlichen als Rückhalt dienen und Sicherheit vermitteln, hat sogar noch weiter zugenommen.“43 Freundschaft und Familie sind demnach im Jugendalter – neben den Medien – weiterhin von großer Bedeutung. Je älter die Jugendlichen werden, desto mehr gewinnt der Freundeskreis an Bedeutung und die Häufigkeit von Partys und Diskobesuchen nimmt zu.44

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Abbildung 17: Nicht-mediale Freizeittätigkeiten im Jugendalter im Jahr 2007 (täglich/mehrmals die Woche). Aus: JIM-Studie (2007)

Die JIM-Studie 2006 zeigte auf, dass der Kontakt zu Freunden bei 92 % täglich/mehrmals die Woche im Rahmen eines persönlichen Treffens stattfindet. Bei 73 % verläuft der Kontakt über das Telefonieren. 46 % nutzen einen Instant Messenger, 27 % „treffen“ sich im Chat und 21 % versenden E-Mails an ihre Freunde. Über den Postweg finden kaum noch nennenswerte Kontakte zu Freunden statt.

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Abbildung 18: Kontaktquellen von Jugendlichen. Aus: JIM-Studie (2006)

Internetnutzung im Jugendalter

Die Nutzung des Internets zeichnet sich durch eine zunehmende Integration in den Alltag von Jugendlichen aus. 84 % der Jugendlichen gehen mehrmals pro Woche oder häufiger online. Im Jahre 2006 waren es noch 77 %, im Jahre 2005 70 % und im Jahre 2004 58 %.45 Dies zeigt die deutlich ansteigende Akzeptanz des Internets durch Jugendliche. Die Internet-Nutzer verbringen pro Tag (Mo.-Fr.) nach eigener Einschätzung durchschnittlich 114 Minuten im Netz, wobei die Jungen mit 131 Minuten deutlich länger online sind als Mädchen (97 Minuten). Wird der Bildungshintergrund mit einbezogen, dann weisen Gymnasiasten trotz der intensivsten Nutzungsfrequenz mit durchschnittlich 100 Minuten die kürzeste Nutzungsdauer auf – Haupt-(120 Minuten) und Realschüler (128 Minuten) scheinen sich zwar seltener, dafür aber deutlich länger im Internet aufzuhalten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 19: Internetnutzungsfrequenz in den Jahren 2006/2007 von Jugendlichen (täglich/mehrmals die Woche). Aus: JIM-Studie (2007)

Das Internet wird neben Informations- und Recherchemedium für Schule und Beruf vor allem als Kommunikationsmedium genutzt.

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Abbildung 20: Verteilung Internet-Nutzung auf Kommunikation/Spiele/Informationssuche durch Jugendliche im Jahr 2006. Aus: JIM-Studie (2006)

Je älter die Jugendlichen werden, desto mehr Zeit entfällt auf die informationsorientierte Nutzung des Internets. Gleiches gilt bei steigendem Bildungsniveau. Die häufigsten Tätigkeiten sind der kommunikative Austausch über Instant Messenger (z.B. ICQ oder MSN), über das Senden und Empfangen von E-Mails sowie über das Chatten. Dabei wird der Instant Messenger und die E-Mail in der Regel zur Kommunikation mit einem mehr oder weniger bekannten Adressatenkreis genutzt. Das Chatten stellt im Gegensatz dazu eine Möglichkeit dar, auch mit unbekannten Menschen in Kontakt zu treten.46 Weniger deutlich stechen Tätigkeiten wie das Lesen oder Schreiben von Beiträgen in Newsgroups (21 bzw. 13 %) hervor.

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Abbildung 21: Kommunikation im Internet von Jugendlichen im Jahre 2007. Aus: JIM-Studie 2007

Neuere Kommunikationsformen im Netz wie Webblogs oder Podcasting werden von Jugendlichen derzeit nicht nennenswert in Anspruch genommen. Ich bin jedoch der Ansicht dass diese Medien und insbesondere sogenannte social-web-Angebote wie „YouTube“, „Wikipedia“ oder „SchülerVZ“ – auf denen eigene Inhalte eingestellt werden können – in den nächsten Studien im Blick gehalten werden sollten. Daneben zeigt sich, dass der Medienhype um „Second Life“ an den jugendlichen Internetnutzern weitgehend vorbeigeht.47, was meiner Ansicht nach darauf zurückzuführen ist, dass „Second Life“ eine hohe Medienkompetenz und gute Englischkenntnisse voraussetzt, um mit diesem Angebot angemessen umgehen zu können. Laut der JIM-Studie 2007 haben lediglich 4 % diese Parallelwelt im Netz schon einmal besucht, 38 % kennen diese Plattform nur dem Namen nach.48 Die häufige Sorge, dass sich Jugendliche in dieser virtuellen Welt und damit den Bezug zur Realität verlieren ist demnach (noch) unbegründet.

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Abbildung 22: Internet-Aktivitäten von Jugendlichen im Jahr 2007 (täglich/mehrmals pro Woche). Aus: JIM-Studie (2007)

Nutzung von Chatrooms im Jugendalter

Insgesamt weisen 51 % der jugendlichen Internet-Nutzer Erfahrungen im Umgang mit Chats auf. Zu den intensiven Nutzern zählen dabei 30 %, die mehrmals pro Woche oder häufiger einen Chatroom besuchen. Jungen und Mädchen weisen hier kaum Unterschiede auf. Der regelmäßige Besuch eines Chatrooms findet jedoch bei den 12-13-Jährigen und bei Jugendlichen mit einer geringeren formalen(?) Bildung deutlich häufiger statt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 23: Nutzung von Chatrooms von Jugendlichen im Jahr 2007. Aus: JIM-Studie (2007)

Auf die Frage welche Chats genutzt werden, ist der am häufigsten genannte genutzte Chat mit Abstand „Knuddels.de“ (31 %). 1/3 der Mädchen und 1/4 der Jungen gaben an, diese Plattform schon einmal aufgesucht zu haben. Die unzähligen Chatangebote anderer Anbieter erreichen kaum nennenswerte Häufigkeiten. 2/3 der Chatroom-Nutzer suchen überwiegend die gleiche Community auf. Nur 1/3 chattet in verschiedenen Chats gleichzeitig.49

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Abbildung 24: Besuchte Chatrooms von Jugendlichen im Jahr 2004. Aus: JIM-Studie (2004)

Vier von zehn Chatroom-Nutzern haben nach einer Chat-Bekanntschaft einen telefonischen Kontakt hergestellt, bei einem Viertel der befragten Jugendlichen fand ein persönliches Treffen statt.50 Von den Jugendlichen, die sich auf ein persönliches Treffen eingelassen haben (n=161), hat jeder zehnte weniger gute Erfahrungen gemacht. Die Person stellt sich beim realen Treffen eher als „unangenehmer Zeitgenosse“ dar, die sich im Chat noch als „treffenswert“ präsentierte.51

In meinen Ausführungen habe ich bisher keine geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Mediennutzung aufgezeigt. Im Rahmen dieser Arbeit blieb jedoch kein Raum differenziert hierzu Stellung zu nehmen. Dennoch möchte ich an dieser Stelle kurz einige Aspekte betonen. In Bezug auf die Interneterfahrung unterscheiden sich Jungen und Mädchen kaum. Allerdings unterscheiden sich Jugendliche im Alter von 12-13 Jahren in Bezug auf die Interneterfahrung. Während bei den 12- bis 13-Jährigen der Anteil der Interneterfahrungen bei 77 % liegt, wird die 90 %-Marke bei Jugendlichen ab 14 Jahren überschritten.52 Im Medienumgang unterscheiden sich Jungen und Mädchen jedoch deutlich: Während Jungen das Internet für allgemeine Informations- und Unterhaltungsangebote wie Musik, Filme, Spiele und aktuelle Nachrichten nutzen, nutzen Mädchen das Internet vor allem zur Kommunikation und zur gezielten Unterstützung bei schulischen Aufgaben.53

Die Daten zeigen, dass die medialen Beschäftigungen die Freizeit dominieren, sie rangieren also mit Abstand vor den nicht-medialen Freizeitbeschäftigungen. Beim Mittagessen läuft der Fernseher, beim Radiohören wird im Internet gesurft, – viele Medien fungieren als Nebenbei-Medien oder verschiedene Medien werden zugleich genutzt. Generell lässt sich aus der Mediennutzung Jugendlicher schließen, „[...] daß Medien neben anderen Sozialisationsfaktoren eine erhebliche Rolle im Entwicklungsprozeß Jugendlicher spielen. Dies um so mehr, als Jugendliche mit Medien (speziell mit Computermedien), zunehmend auch außerhalb der Freizeit, v.a. in Schule und Arbeitswelt, umgehen müssen.“54

2.7 Funktionen der Medien im Alltag Jugendlicher

Die JIM-Studie 2007 führt aus, in welchem Nutzungskontext jeweils welches Medium genutzt wird. Betrachtet wurden hierbei die Medien Radio, Fernseher, Computer, Internet, Tonträger, Telefon und die Printmedien wie Zeitung und Buch. Die Nutzungskontexte wurden in den folgenden sechs Dimensionen beschrieben: (1) Langeweile, (2) Frust/Ärger, (3) bei Treffen mit Freunden, (4) Traurigkeit, (5) Fröhlichkeit, (6) Einsamkeit. Der Vergleich zu den Angaben aus dem Jahre 2005 zeigt deutlich, dass das Internet die klassischen Medien abgelöst hat oder ihnen zumindest sehr nahegekommen ist. Zu folgenden Ergebnissen kam die Studie:

Bei Langeweile nutzen Jugendliche vor allem das Internet (36 %) und das Fernsehgerät (27 %). Zwei Jahre zuvor (2005) gaben noch 38 % an, bei Langeweile fernzusehen und das Internet zu nutzen (17 %). Hier lässt sich ein deutlicher Anstieg der Bevorzugung des Mediums Internet aufzeigen.

Bei Frust und Ärger greifen 18 % zum Internet und 19 % zum Fernseher, während dies im Jahre 2005 noch anders aussah: 20 % nutzten bei Frust und Ärger den Fernseher und lediglich 7 % das Internet.

Auch beim Zusammensein mit Freunden spielen Medien eine große Rolle. Die Tonträger spielen hier jedoch eine übergeordnete Rolle (28 %), gefolgt vom Fernseher (16 %), Telefon/Handy (14 %) und dem Internet (13 %).

Bei Traurigkeit erfüllen die Tonträger die Funktion des Trostspendens (32 %). Lediglich 16 % schauen in diesem Falle fern und 13 % nutzen das Internet. Auch beim Mood-Management (Regulierung von Stimmungen, wenn Jugendliche besonders gute Laune haben) liegen die Tonträger weit vorne (32 %).

Bei dem Gefühl von Einsamkeit greifen die befragten Jugendliche zu 29 % zum Internet. Hier ist das Internet deutlich an erster Stelle. Mit 21 % folgt das Fernsehen und 15 % telefonieren in dieser Situation. Im Jahre 2005 lag die Nutzungszahl des Fernsehers bei Einsamkeit noch bei 23 %, die des Telefonierens bei 21 % und die des Internets hingegen lediglich bei 12 %.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 25: Funktionen der Medien im Jugendalter. Aus: JIM-Studie (2007)

Die zuvor genannten quantitativen Nutzungsdaten geben jedoch noch keinen Aufschluss über die subjektiven Nutzungsmotive Jugendlicher. Hierzu gibt es eine Reihe von Theorien und Annahmen, die die Funktionen der Medien für Jugendliche unter verschiedenen Aspekten betrachten.

So liegt eine wesentliche Funktion der Mediennutzung im Jugendalter in dem spielerischen Austesten von Grenzen. Demnach ist die konsequenzfreie Kommunikationszone, die beispielsweise von Chats angeboten werden, gerade für Jugendliche reizvoll. Das von der Gesellschaft zugestandene Moratorium der Jugendzeit (vgl. Kapitel 2.3) hat in der heutigen Kultur keinen Platz mehr und verlagert sich deshalb in virtuelle Gemeinschaften.55 „In der virtuellen Welt können Dinge spielerisch ausgetestet werden, was einen Teil ihres ‚Lockreizes‘ ausmacht. [...] Die soziale Anonymität im Chat ermöglicht eine weite Bandbreite an spielerischen Handlungsmöglichkeiten“56

Schell und Schorb fassen die Mediennutzungsmotive Jugendlicher in den folgenden sieben Funktionen idealtypisch zusammen:

1) Informationsfunktion
2) Unterhaltungs- und Entspannungsfunktion
3) Meinungsbildungs- und Integrationsfunktion
4) Zeitfüllerfunktion
5) Qualifikationsfunktion
6) Funktion, soziales Prestige herzustellen und zu festigen
7) Funktion, interpersonale Kommunikation zu ersetzen57

2.8 Zusammenfassung

In den vorangegangenen Darstellungen, habe ich die Lebensphase Jugend betrachtet und aufgezeigt, wieso im Jahre 2008 von einer „mediatisierten Lebensphase Jugend“ gesprochen werden kann. Hierzu bin ich auf die Begrifflichkeit des Jugendalters eingegangen und habe aufgezeigt, dass in unserer heutigen schnelllebigen Gesellschaft nicht mehr von der Jugend gesprochen werden kann. Desweiteren habe ich die Entwicklungsaufgaben dargestellt, denen sich Jugendliche stellen und die sie bewältigen müssen. In diesem Zusammenhang habe ich herausgestellt, dass die Identitätsarbeit ein zentrales Thema im Jugendalter einnimmt und wie Identitätsarbeit in modernen Gesellschaften erfolgt.

Der Freizeitbereich ist in der Zeit der inneren Ablösung von den Eltern für die Jugendlichen ein wichtiger sozialer Raum für die Selbstfindung und der Festigung der eigenen Persönlichkeit. Zu diesem Freizeitbereich zählt neben dem Kontakt zur Peergroup auch die Nutzung der medialen Angebote. Die Gleichaltrigen und die Medien werden aus pädagogischer Perspektive zu „Miterziehern“ der Jugendlichen. Jugendliche wachsen heute in gut ausgestatteten Medienwelten auf, doch die Ausbildung von Medienkompetenz stellt eine Voraussetzung für die Mediennutzung dar. Aus diesem Grunde bin ich auf den Begriff der Medienkompetenz eingegangen. Ebenso habe ich die quantitativen Nutzungsdaten von Jugendlichen in der Bundesrepublik Deutschland vorgestellt und dabei deutlich werden lassen, dass die Computermedien (insbesondere das Internet) eine immer größere Rolle in der Mediennutzung Jugendlicher spielen. Dabei sollten jedoch meiner Ansicht nach die neuen interaktiven Medien nicht vernachlässigt werden. Web 2.0-Angeboten sollte in den folgenden Studien Aufmerksamkeit geschenkt werden, denn die aktive Nutzung des Internets wird mit Schlagworten wie Podcasting, Vodcasting, Blogs, Wikipedia immer beliebter. Persönliche Kontakte werden durch das Medium Internet in der Freizeit weitergeführt. Demnach kann das Internet meiner Meinung nach als ein Zusatz bzw. zur Unterstützung von personellen Kontakten angesehen werden. Die These, dass durch die Medien persönliche Kontakte abgebaut werden ist demnach nicht haltbar. Die Kontakte werden eher mit Hilfe der neuen Medien fortgeführt und ausgebaut.

Am Schluss bin ich auf die individuellen Funktionen der Medien eingegangen. Die Nutzungsgewohnheiten Jugendlicher und die Funktionen, die Medien im Alltag spielen zeigen, dass „[...] Jugendliche selbstverständlich, selektiv und nur partiell unbewusst mit Medien umgehen.“58 Medienhandeln im Jugendalter ist demnach ein Arrangieren nach individuellen Prioritäten. Demgegenüber stehen die pädagogisch oft vertretenen Positionen, die den Medien einen erheblichen Einfluss auf den Nutzer einräumen. Doch Jugendliche unterwerfen sich nicht den Medien, sie werden von Ihnen in selbstbestimmter Art und Weise aktiv ausgewählt und genutzt.

3 Kommunikation im Internet

3.1 Exkurs: Historischer Abriss der Geschichte des Internets

Die Chancen und die Möglichkeiten, die heutige Flatrates und DSL-Anschlüsse erlauben, sind enorm vielfältig geworden, so dass das Internet von vor 10 Jahren kaum mehr mit dem heutigen Internet vergleichbar ist. Dennoch möchte ich kurz auf einige Eckdaten zur Geschichte und Entstehung des Internets eingehen, um dem Leser den Einstieg in das Thema Kommunikation im Internet zu erleichtern.

Die Geschichte des Internets begann in den 1960er Jahren, als das US-amerikanische Verteidigungsministerium mit dem sogenannten ARPANET (eine Verbindung von zunächst 4 Rechnern) ein dezentrales Rechnernetz aufbaute. Das Ziel beim Aufbau des ARPANET war es nicht – wie oft behauptet – im Falle eines nuklearen Angriffs operationsfähig zu bleiben, sondern die gemeinsame Nutzung der damals recht knappen Computerressourcen an verschiedenen Universitäten.59 Das ARPANET hatte keine zentralen Leitungen und es war so angelegt, dass die einzelnen Computer unabhängig voneinander agieren und operieren konnten. Alle Knoten hatten den gleichen Status und die Möglichkeit Nachrichten zu senden und zu empfangen. Hierfür wurden die einzelnen Nachrichten in kleine Datenpakete komprimiert und mit einer Adresse versehen und abgeschickt. Hieraus entstand das sogenannte Internet Protokoll (IP). 1969 ging der erste ARPANET-Knoten-Rechner an der Universität California in Los Angeles in Betrieb. In den folgenden 4 Jahren stieg die Zahl von Institutionen, die an das ARPANET angeschlossen wurden bereits auf 50 an. Im Jahre 1972 kamen der FTP-Dienst und das erste E-Mail-Programm hinzu.

Während das Netz ursprünglich dafür gedacht war, Rechner miteinander zu vernetzen, verdankte das Internet seinen durchschlagenden Erfolg insbesondere der Möglichkeit, Menschen miteinander in Kontakt zu bringen. So wurde es durch das Senden und Empfangen von E-Mails möglich, lange Postwege und teure Ferntelefonate zu umgehen. 1983 gab es bereits 400 Hosts. In diesem Jahr wurde das TCP/IP-Internetprotokoll verbindlich eingeführt, welches die Kommunikation verschiedener Netze untereinander ermöglichte. Während bereits mindestens zwei miteinander verbundene Netzwerke als ein Internet bezeichnet wurden, wird heute unter dem Begriff Internet meist die Menge aller Netzwerke verstanden, die das TCP/IP- Protokoll nutzen und untereinander durch Gateways verbunden sind.60 1984 wurde das Domain-Name-System entwickelt. 1992 folgte die Entwicklung des World Wide Web (WWW) durch die Mitarbeiter des europäischen Kernforschungszentrums CERN. Das WWW vereint die Internetdienste (außer IRC) unter einer einheitlichen Benutzeroberfläche und fügt Hypermediaelemente (Bild, Ton, Text, Animation) hinzu.61 Durch die Entwicklung der ersten WWW-Browser setzte ein explosionsartiges Netzwachstum ein. Bereits im Jahre 2000 wurden mehr als 100.000.000 Internet-Hosts weltweit gezählt.62

Bis zum heutigen Tage ist die Entwicklung des Internets jedoch nicht abgeschlossen. Es finden laufend Weiterentwicklungen in diesem Bereich statt. „Geschwindigkeit und Dynamik sind zentrale Merkmale des Internet [...]“.63

3.2 Typen von Internetnutzern und Nutzungsstile

Der einseitige Kommunikationsprozess, der bei der Nutzung traditioneller Massenmedien stattfindet, wird im Zuge der Etablierung computervermittelter Kommunikation aufgehoben. Die Grenzen zwischen Massen- und Individualkommunikation vermischen sich zunehmend: Mediennutzung wird „[...] integraler Bestandteil interpersonaler Kommunikationsaktivitäten.“64 Der Internetnutzer ist demnach nicht auf seine passive Rezipientenrolle beschränkt, sondern kann aktiv und gestaltend im Internet mitwirken.

Das Netznutzungsverhalten variiert markant. Aus diesem Grunde skizziert Döring drei Nutzertypen bzw. Nutzungsstile: (1) Newbie versus Oldbie; (2) Lurker versus Poster; (3) Light User versus Heavy User.65

Newbie bezeichnet Netzneulinge, die sich dadurch kennzeichnen, dass sie nicht nur begeistert von den Möglichkeiten der Internetnutzung sind, sondern auch ahnungslos. Beispielsweise verstoßen Newbies oft gegen die Netiquette, da sie sie entweder noch nicht kennen oder noch nicht verinnerlicht haben. Die Netiquette ist eine allgemein akzeptierte Verhaltensempfehlung für den Umgang mit dem Internet.66 „Der Erwerb netzspezifischer sozialer Fertigkeiten, der Aufbau von Netz-Beziehungen, die Integration in virtuelle Gemeinschaften, das Kennenlernen von Netzkultur und Netzpolitik – all dies braucht Zeit.“67 Oldbies bezeichnet routinierte Internetnutzer. Sie haben meist eine eher nüchterne Einstellung zum Internet und kennen seine Stärken und Schwächen. Lurker bezeichnet einen Nutzungstyp der sich dadurch kennzeichnet, dass er passiv und rezeptiv im Internet das liest und abruft, was andere (die Poster) schreiben oder bereitstellen (z.B. Bilder, Programme), ohne sich selbst aktiv und kreativ zu beteiligen. Der Light User hält sich wesentlich weniger im Internet auf als der Heavy User. Dabei wird die zeitintensive Beschäftigung mit dem Internet unterschiedlich interpretiert: „[...] als vorübergehender Novitätseffekt, als Phase im biogaphischen Entwicklungsprozess, als persönliche Präferenz im Sinne eines Hobby, als Kultivierung eines Lebensstils (Netizen), als berufliche Notwendigkeit, als Effekt von Flow-Erleben, als eskapistisches Verhalten und auch im Kontext von Abhängigkeit und Sucht.“68 Das Bild vom blassen, kontaktarmen, technikbesessenen Computersüchtigen ist im Alltagsverständnis weit verbreitet.69

[...]


1 Aschert, Melanie (2005)

2 Vgl. Zusammenfassung der Hauptergebnisse der 15.Shell-Jugendstudie (2006), S. 12

3 Oswald, H. (2004), S. 384

4 Oswald, H. (2004), S. 384

5 Lenzen, D. (2001), S. 799

6 Oswald, H. (2004), S. 387

7 Vgl. Claussen (1976) zit. nach Lenzen, D. (2001), S. 799

8 Oswald, H. (2004), S. 387

9 Baacke, D. (1997), S. 65

10 Vgl. hierzu Lenzen, D. (2001), S. 806 und Baacke, D. (1997), S.65

11 Vgl. Baacke, D. (1989) zit. nach Lenzen, D. (2001), S. 800

12 Oswald, H. (2004), S. 384

13 Baacke, D. (1997), S.62

14 Oswald, H. (2004), S. 391

15 Vgl. Barthelmes, J./Sander, E. (2001), S. 39-40

16 Erikson (1988) zit. nach Oerter, R./Dreher, E. (1998), S. 324

17 Vgl. Krappmann, L. (1969), S. 316-318

18 Vgl. hierzu Baacke, D. (1987), S. 253-271 und Barthelmes, J./ Sander, E. (2001), S. 38-42

19 Hurrelmann, K. (1995), S. 72

20 Vgl. Keupp, H. (2007), S. 10

21 Kraus, W. (2003), S. 1

22 Keupp, H. (2004), S. 5

23 Keupp, H. (2004), S. 30

24 Kraus, W. (2003), S.1

25 Keupp, H. (2007), S. 15

26 Keupp, H. (2004), S. 13

27 Vgl. hierzu Keupp, H. (2007), S. 26-28

28 Keupp, H. (2006), S. 215

29 Keupp, H. (2006), S. 190

30 Vgl. hierzu Keupp, H. (2005), S. 2-14

31 Pöttinger, I. zit. nach Vollbecht, Ralf (2001), S. 62

32 Baacke, D. in: Schell, F./Stolzenburg, E./Theunert, H. (1999), S. 20

33 Vgl. Vollbrecht, R. (2001), S. 53

34 Vgl. Vollbrecht, R. (2001), S. 56-58

35 Vollbrecht, R. (2001), S. 58

36 Vollbrecht, R. (2001), S. 62-63

37 Vgl. Baacke, D. (1997), S.58-61

38 Baacke, D. (1997), S. 66-67

39 Barthelmes, J./Sander, E. (2001), S. 27

40 Barthelmes, J./Sander, E. (2001), Titel

41 Flyer der 15.Shell Jugendstudie (2006), S. 2

42 Zusammenfassung der Hauptergebnisse der 15.Shell Jugendstudie (2006), S. 3

43 Zusammenfassung der Hauptergebnisse der 15.Shell Jugendstudie (2006), S. 1

44 Vgl. JIM-Studie (2007), S. 7

45 Vgl. Vorabbericht der JIM-Studie (2006), S. 7

46 Vgl. JIM-Studie (2007), S. 49

47 Vgl. JIM-Studie (2007), S. 43

48 Vgl. JIM-Studie (2007), S. 43

49 Vgl. JIM-Studie (2007), S. 50

50 Vgl. Vorabbericht der JIM-Studie (2006), S. 11

51 Vgl. JIM-Studie (2007), S. 52

52 Vgl. Vorabbericht der JIM-Studie (2006), S. 7

53 Vgl. Presseinformation BITKOM (2008), S. 1

54 Schell, F./Schorb, B. in: Hüther, J. u.a. (2001), S. 166

55 Vgl. Orthmann, C. (2002), S. 287

56 Orthmann, C. (2002), S. 289

57 Vgl. Schell, F./ Schorb, B. in: Hüther, J. u.a. (2001), S. 166-169

58 Schell, F./Schorb, B. in: Hüther, J. u.a. (2001), S. 166

59 Vgl. Döring, N. (2003), S. 3

60 Vgl. Musch, J. (2000), S. 26

61 Vgl. Schade, O. (2000), S. 70

62 Vgl. Döring, N. (2003), S. 2

63 Döring, Nicola. 2003. S. 1

64 Höflich, Joachim. 1995. S. 518

65 Vgl. Döring, N. (2000), S. 404-408

66 Vgl. Kapitel 3.6.2

67 Döring, N. (2000), S. 405

68 Döring, N. (2000), S. 407

69 Den Aspekt der Internetsucht kann ich im Rahmen dieser Arbeit leider nicht näher ausführen. Näheres zum Thema Internet und Sucht findet der interessierte Leser unter der Homepage www.onlinesucht.de

Ende der Leseprobe aus 193 Seiten

Details

Titel
Wie nutzen Jugendliche die virtuellen Räume der Kommunikation im Internet für ihre Identitätssuche?
Untertitel
Dargestellt und reflektiert an der Internet-Community Knuddels.de (Chat)
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
193
Katalognummer
V127509
ISBN (eBook)
9783640334858
ISBN (Buch)
9783640334490
Dateigröße
3769 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Diplomarbeit wurde mit der Note 1,0 ausgezeichnet.
Schlagworte
Jugend, Identität, MEdien, Internet, Medien, Chat, Kommunikation
Arbeit zitieren
Melanie Aschert (Autor), 2008, Wie nutzen Jugendliche die virtuellen Räume der Kommunikation im Internet für ihre Identitätssuche? , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127509

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