Diese junge Religionsgemeinschaft versteht sich selbst als Neugründung der christlichen Urgemeinde. Heute zählt die Religionsgemeinschaft der „Mormonen“ weltweit rund 16 Millionen Mitglieder. Der weitaus größte Anteil lebt in den USA - rund 6 Millionen. In Deutschland gibt es knapp 40.000 Mormonen und in Österreich sind es knapp 4000. Die christlichen Kirchen hätten im Lauf der Jahrhunderte das ursprüngliche Evangelium verfälscht und das Priestertum vernachlässigt. Die Kirchen wären nach dem Tod der Apostel vom wahren Glauben abgefallen. Religionsgründer Joseph Smith wird als Prophet in der Nachfolgelinie von Adam, Noah und Abraham verstanden. Smith sei in seiner Funktion als Prophet dazu berufen, das Evangelium unverkürzt wiederherzustellen und die Priestervollmacht neu zu errichten. Bis heute gibt es laufend neue Offenbarungen.
Der jeweils aktuelle Präsident der Kirche der Heiligen letzten Tage gilt als Prophet. Joseph Smith sei von Johannes dem Täufer in einer Vision das „aaronische“ Priestertum übertragen worden. Dies berechtige Smith zu taufen und das Abendmahl auszuteilen. In der Vorstellung der HLT überträgt Gott einen Teil seiner göttlichen Vollmacht an würdige ausschließlich männliche Mitglieder der HLT.
Viele hochrangige Militärs*, Ärzt*innen, Juristen*innen und erfolgreiche Geschäftsleute gehören zur Gemeinschaft der HLT. Die Gründer und Eigentümer der Hotelkette Marriot gehören ebenso dazu wie Mitt Romney, der 2008 und 2012 Kandidat der Republikaner für die Wahl zum amerikanischen Präsidenten gewesen ist. Der derzeitige Präsident der HLT ist Russel M. Nelson Sr, ein international anerkannter Herzchirurg.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historisches
3. Heilige Schriften
4. Theologie
5. Christusverständnis
6. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Diese Seminararbeit untersucht das spezifische Christusverständnis der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage (HLT). Ziel ist es, die mormonische Theologie im Kontext ihres Selbstverständnisses als wiederhergestellte Urgemeinde darzustellen und die theologischen Abgrenzungen zum klassischen Christentum, insbesondere hinsichtlich der Person Jesu Christi und der Heilslehre, zu analysieren.
- Historische Entstehung und prophetischer Anspruch von Joseph Smith
- Der Stellenwert und die Kanonisierung der vier Heiligen Schriften
- Mormonische Theologie: Von der Menschwerdung Gottes zum Tritheismus
- Erlösungslehre, Sühnopfer und das Konzept der „Gottwerdung“
- Die zentrale Stellung des Tempels und der Ahnenforschung
Auszug aus dem Buch
4. Theologie
Smith erschienen im 14. Lebensjahr zwei Wesenheiten, Gott Vater und Jesus. Dies deutet bereits den weiteren Werdegang der neuen Offenbarungsreligion an. Gott, der Vater, ist nicht das außerhalb der Zeit in Ewigkeit existierende Wesen. Gott Vater war einmal vor langer Zeit ein Mensch wie wir und hat sich in Eigenleistung zu Gott Vater entwickelt.
„Gott selbst war einst, wie wir jetzt sind. Er ist ein erhöhter Mensch und sitzt auf seinem Thron……Wir haben angenommen,Gott sei von Ewigkeit her Gott gewesen. Ich werde diese Ansicht widerlegen…Es ist der erste Grundsatz des Evangeliums, das Wesen Gottes mit Bestimmtheit zu erkennen, und zu wissen, daß (sic!) wir mit ihm sprechen können, wie ein Mensch mit einem anderen spricht, und daß (sic!) Er ein Mensch war wie wir; ja daß (sic!) Gott selber, unser aller Vater, auf einer Erde lebte, wie sein Sohn Jesus Christus es getan.“
Gott Vater und sein Sohn Jesus sind nicht wesenseins sondern zwei unterschiedliche göttliche Wesenheiten. Gott ist ein gewordener Gott. Auf seinem Weg zum Gottsein entwickelte er sich zum Schöpfer und hat viele Schöpfungen hervorgebracht. Die mormonische Theologie vertritt keine Trinitätslehre (Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott-Heiliger Geist in Wesenseinheit) sondern einen Tritheismus. Es gibt drei höchste göttliche Wesenheiten. Gott Vater, der selbst einmal Mensch war, wie wir, Gott Sohn, Jesus Christus, vom Vater gezeugt und inkarniert (Mensch geworden) und der Heilige Geist. Allein der Heilige Geist wird als ausschließlich geistiges göttliches Wesen verstanden. Gott Vater war mal Mensch und Gott Sohn wurde Mensch. Die Einheit dieser drei göttlichen Wesen wird als reine Willenseinheit verstanden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung situiert die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage als junge Religionsgemeinschaft und erläutert ihren Selbstanspruch als Wiederherstellung der ursprünglichen christlichen Urgemeinde unter Prophet Joseph Smith.
2. Historisches: Dieses Kapitel zeichnet den Lebensweg von Joseph Smith, die Entstehung des Buches Mormon, die Expansion der Kirche von Ohio nach Utah und die Integration in die moderne amerikanische Gesellschaft nach.
3. Heilige Schriften: Hier werden die vier kanonisierten Schriften der HLT – Bibel, Buch Mormon, „Lehre und Bündnisse“ und die „Köstliche Perle“ – vorgestellt und ihr Stellenwert sowie ihre Entstehungsgeschichte beleuchtet.
4. Theologie: Das Kapitel thematisiert die mormonische Vorstellung von Gott, die Abkehr vom klassischen Trinitätsverständnis hin zum Tritheismus sowie das Konzept der Entwicklung des Menschen zu göttlicher Herrlichkeit.
5. Christusverständnis: Es wird die Rolle Jesu Christi als Geistkind und Erlöser dargelegt, wobei besonders der Sühnetod, die Bedeutung der freien Entscheidung und die notwendige Hinwendung des Menschen durch Gehorsam und Handlungen hervorgehoben werden.
6. Schlusswort: Das Schlusswort resümiert, dass das Christusverständnis der HLT zwar eine starke Verehrung beinhaltet, sich jedoch grundlegend von anderen christlichen Konfessionen unterscheidet, da Erlösung maßgeblich durch die persönliche Gottwerdung und strikten Gehorsam gegenüber prophetischen Anleitungen erreicht wird.
Schlüsselwörter
Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage, HLT, Joseph Smith, Mormonismus, Buch Mormon, Priestertum, Sühnopfer, Tritheismus, Gottwerdung, Erlösung, Totentaufe, Tempel, Offenbarung, Wiederherstellung, prophetische Nachfolge.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das grundlegende Selbstverständnis dieser Religionsgemeinschaft?
Die HLT verstehen sich als die Wiederherstellung der ursprünglichen christlichen Urgemeinde, die nach dem Tod der Apostel vom wahren Glauben abgefallen sei.
Welche Themenfelder werden in dieser Arbeit primär behandelt?
Die Arbeit behandelt die historischen Grundlagen, die heiligen Schriften, die abweichende Theologie sowie das spezifische Verständnis der Erlösung durch Jesus Christus innerhalb der Gemeinschaft.
Was ist das zentrale Ziel der wissenschaftlichen Analyse?
Das Ziel ist die systematische Darstellung und kritische Auseinandersetzung mit dem Christusbild der HLT im Vergleich zum klassischen Christentum.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine religionswissenschaftliche und systematisch-theologische Analyse unter Verwendung von Primärquellen der HLT und kritischer Fachliteratur.
Was bildet den inhaltlichen Schwerpunkt im Hauptteil?
Der Schwerpunkt liegt auf der christologischen Lehre und der Frage, wie durch das Sühnopfer, göttliche Gebote und das Priestertum der Weg zur persönlichen Vergöttlichung geebnet wird.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Charakteristika sind die Exklusivität (einzig wahre Kirche), der Wiederherstellungsgedanke, der Tritheismus und die Notwendigkeit der Werkgerechtigkeit für das Heil.
Warum wird das Buch Mormon als zentrale Schrift angesehen?
Im Gegensatz zur Bibel, deren Übersetzung von den HLT als fehlerhaft betrachtet wird, gilt das Buch Mormon als das unverfälschte Wort Gottes, das von Joseph Smith durch göttliche Offenbarung übersetzt wurde.
Welche Rolle spielt der Tempel bei der Errettung?
Der Tempel ist der exklusive Ort für rituelle Vollzüge wie die Totentaufe und die „ewige Ehe“, die zwingend erforderlich sind, um in die höchste Stufe des celestiale Himmelreichs zu gelangen.
Existiert nach Ansicht der HLT eine Hölle im traditionellen Sinne?
Nein, die mormonische Lehre kennt verschiedene Stufen der Herrlichkeit; nur jene, die sich für nichts qualifizieren, werden als „Söhne des Verderbens“ betrachtet, was jedoch nicht deckungsgleich mit dem christlichen Höllenbegriff ist.
Wie unterscheidet sich die mormonische Trinitätslehre vom klassischen Christentum?
Die HLT lehnen die Lehre einer Wesenseinheit (Trinität) ab und bekennen sich stattdessen zum Tritheismus, wonach Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist drei eigenständige göttliche Wesenheiten sind, die lediglich durch den Willen vereint sind.
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- Dr. Beatrix Schwaiger (Author), 2022, Christusverständnis der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage (Mormonen), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1275278