Jürgen Scharnhorst und sein Beitrag zur Sprachkultur.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

18 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Zur Tradition der Sprachkultur
2.1 Historizität als Notwendigkeit
2.2 Grundideen der Prager Linguistik

3 Die Sprachsituation als Bindeglied
3.1 Zum Merkmal der ,selbständigen Sprachen’
3.2 Weitere Merkmale

4 Sprachkultur als Gegenstand der Forschung
4.1 Aufgaben der Sprachkultur

5 Sprachenpolitik und Sprachkultur
5.1 Sprachenpolitik in der EU
5.2 Minderheitensprache Romani

6 Schlussbetrachtung

7 Bibliographie

1 Einleitung

Jürgen Scharnhorst wurde 1926 geboren. Er studierte an der Universität Rostock Germanistik und Slawistik sowie Allgemeine Sprachwissenschaft. Von 1964 an war er im Rahmen der Berliner Akademie der Wissenschaften und der Humboldt-Universität zu Berlin vier Jahrzehnte in Forschung und Lehre tätig. Er war Mitarbeiter am „Deutschen Wörterbuch“ Brüder Grimm und am „Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“. Jürgen Scharnhorst ist Gründungsmitglied des Vereins zur Förderung sprachwissenschaftlicher Studien e.V und war von 2002 bis 2006 dessen Vorsitzender.

Sein Interesse gilt primär der Weiterführung und Pflege der Ideen, die bereits zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts von den Wissenschaftlern der Prager Schule ins Leben gerufen wurden. Im Vordergrund steht der Auftrag die Sprachkultur länderübergreifend zu fördern und immer wieder in den Blickpunkt von Wissenschaft und Öffentlichkeit zu rücken. Begleitend zu den Reformen der 1990er Jahre beschäftigt sich Jürgen Scharnhorst zudem mit der deutschen Orthographie, deren Kodifizierung und der sinnvollen Nutzung von Wörterbüchern.

Die vorliegende Arbeit soll, wenn es auch verdient wäre, keine Vorstellung des Lebenswerks von Jürgen Scharnhorst werden. Vielmehr liegt der Schwerpunkt auf der Arbeit der vergangenen zwei Jahrzehnte und Scharnhorsts Beitrag zur Sprachkultur. Über die historische Entwicklung hinaus, wird die Bedeutung der Sprachkultur für die Wissenschaft vorgestellt, ihre Zielsetzungen und Probleme formuliert und ein exemplarischer Ausblick über ihre gegenwärtige Notwendigkeit in der Sprachpolitik statuiert.

2 Zur Tradition der Sprachkultur

Immer wieder wird die Notwendigkeit einer umfassenden Betrachtung von Sprachkultur deutlich. Dabei wird die Sprachkultur durchaus als aktuelle, eigenständige Disziplin der Sprachwissenschaft begriffen, doch darf die historische Herausbildung einer Theorie der Sprachkultur nicht vergessen werden. In diesem Zusammenhang steht Scharnhorst in enger wissenschaftlicher Verbindung zu den Ideen und Theorien der „Prager Schule“. So wird bereits in der Einführung zu den „Grundlagen der Sprachkultur“ 1976 großer Wert auf die Würdigung und Vorstellung des Prager Linguistenkreises gelegt.

Nach der Gründung des eigenständigen tschechoslowakischen Staates in den 1920 er Jahren, erhöhten sich die Anforderungen an die tschechische Literatursprache, denen sie damals noch nicht gewachsen war. Um den Wissenschaftler Vilèm Mathesius gruppierte sich 1926 eine Reihe von Wissenschaftlern, die als „Prager Schule“ in die Geschichte eingingen. Erstmals wurde sich den Anliegen und Forderungen der tschechischen Sprachkultur gewidmet. Im Mittelpunkt stand die Erforschung der Gegenwartssprache. Dabei verstand sich die Prager Schule als Gegenbewegung zur rein historisch orientierten Schule der Junggrammatiker (vgl. Scharnhorst 1976:11). Theoretische Grundlage boten unter anderem die Ideen von Ferdinand Saussure und die des russisch-polnischen Sprachforschers Jan Baudouin de Courtenay.

2.1 Historizität als Notwendigkeit

1929 erarbeiteten die Prager Linguisten in Form von zehn Thesen ein Programm, das beim II. Internationalen Slawistenkongress in Prag vorgestellt wurde. In dieser in der deutschen Sprache vorliegenden Ausformulierung finden sich die grundlegenden Ideen und Auffassungen der Sprachkultur, die bis heute nicht an Aktualität verloren haben, auch wenn die Thesen damals nicht ausschließlich zu diesem Zweck formuliert wurden. Scharnhorsts Arbeiten und seine Vorstellung von der Sprachkultur gehen inhaltlich auf die der Prager Schule zurück.

Im Vordergrund und in Übereinstimmung mit der heutigen Zeit steht die ‚Auffassung der Sprache als funktionales System’, die zweite These erläutert die ‚Aufgaben beim Studium eines Sprachsystems’ und die dritte These hat die ‚Probleme der Erforschung von Sprachen mit verschiedenen Funktionen’ zum Gegenstand. Innerhalb der dritten Thesen wird eine Differenzierung vorgenommen, die für die Prager Theorie der Sprachkultur entscheidende Aussagen ‚Über die Funktionen der Sprache’, ‚Über die Literatursprache’ und ‚Über die Dichtersprache’ trifft (Vgl.: Scharnhorst 1976:12). Die achte These behandelt die Erforschung des Wortschatzes als System und ist damit ebenfalls relevant für die Sprachkultur. Der ‚Bedeutung der funktionalen Sprachwissenschaft für Sprachkultur und Sprachkritik in den slawischen Sprachen’ nimmt sich die neunte These an. Die zehnte und letzte These lautet ‚Anwendung der neuen Tendenzen in der Linguistik in den Mittelschulen’ und ist in ihrem Bezug auf den Schulunterricht in der Muttersprache ebenfalls von Bedeutung für die Sprachkultur.

Bereits 1976 erkennt Scharnhorst die Wichtigkeit einer theoretischen Einbettung der Sprachkultur, die erst in ihrem Zusammenspiel mit den praktischen Bemühungen so erfolgreich werden konnte. Im Vorwort des Zweiten Teils der ‚Grundlagen der Sprachkultur’ 1982 bemerkt Scharnhorst, dass die Theorie der Sprachkultur zur Aufgabe hat, „den Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher kultureller und sprachlicher Entwicklung durchschaubar zu machen und ihre Ergebnisse, die stets im Zusammenhang mit der gesamten Linguistik wie auch mit anderen Wissenschaften zu sehen sind, für die Praxis zu erschließen.“[1] Damals wie heute sollten sich die Gedanken und Ziele der Prager Linguisten nicht ausschließlich an ein ausgewähltes sprachwissenschaftliches Fachpublikum richten, sondern auch der breiten kulturellen Öffentlichkeit zugänglich und nützlich gemacht werden.

Jürgen Scharnhorst gilt nach der Veröffentlichung der „Grundlagen der Sprachkultur“, die die „Allgemeinen Grundsätze der Sprachkultur“ 1976 erstmals in deutscher Sprache veröffentlichten, als der Repräsentant für die Vermittlung von Sprachkultur.

2.2 Grundideen der Prager Linguistik

Um den Einfluss der Prager Schule für Jürgen Scharnhorsts aktuelle Forschungsanliegen nachvollziehbar zu machen, sollen im Folgenden die grundlegenden Gedanken kurz wiedergegeben werden. Diese sind von ihm selbst in Zusammenarbeit mit Erika Ising in der Einführung zu den „Grundlagen der Sprachkultur“ umrissen worden.

Hauptforschungsgegenstand der Prager Schule ist die Literatursprache der (damaligen) Gegenwart. Dabei ist die Theorie der Standartsprache Grundlage für die Sprachkultur. Sprache wird als System begriffen, wobei diese synchronisch zu untersuchen ist. Hierbei darf jedoch nicht die Diachronie aus dem Blickfeld verloren gehen. Hauptkriterium ist dabei die ‚elastische Stabilität’ der Literatursprache. Sie verbindet Statik und Dynamik und ist ebenfalls ausschlaggebend für die Kodifizierung der literatursprachlichen Normen. Dabei ist es Aufgabe der Kodifizierung „die funktionale Differenzierung und den stilistischen Reichtum der Literatursprache zu fördern“.[2] Der Sprachwissenschaftler selbst wird zum aktiven Eingriff in die Entwicklung der Literatursprache angeregt.

Inwieweit sich Jürgen Scharnhorst bis heute an diesen Ideen orientiert und wie praktisch sich die für heutige Verhältnisse weit in der Vergangenheit entwickelten Konzepte in die Gegenwart übertragen lassen, wird im Verlauf der Arbeit noch deutlich.

3 Die Sprachsituation als Bindeglied

Scharnhorst bettet den Begriff Sprachkultur nicht nur in einen weit gefassten Kulturbegriff ein sondern unterscheidet zum einen „den Prozess der Vervollkommnung der Sprache (Sprachkultivierung)“ und „den Entwicklungsstand, der bei diesem Prozess erreicht wurde (Sprachkulturniveau).[3] Bei diesem Verständnis von Sprachkultur spielt der Begriff und die Definition der ‚Sprachsituation’ eine zentrale Rolle.

[...]


[1] Scharnhorst, Jürgen: Grundlagen der Sprachkultur.1982. Vorwort S.7

[2] Scharnhorst,Jürgen (1976): Grundlagen der Sprache.S.15.

[3] Scharnhorst, Jürgen (1995): Sprachsituation und Sprachkultur im internationalen Vergleich. Aktuelle Sprachprobleme in Europa.Sprachsituation und Sprachkultur als Forschungsgegenstand.S.27. zitiert aus Kuchar, J./Stich, A. (1976). Theorie und Praxis der Sprachkultur in der Gegenwart. In: Grundlagen der Sprachkultur. Teil 1,S. 332.

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Details

Titel
Jürgen Scharnhorst und sein Beitrag zur Sprachkultur.
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität zu Köln)
Veranstaltung
Hauptseminar "Sprachnormenforschung"
Note
2,0
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V127528
ISBN (eBook)
9783640344291
ISBN (Buch)
9783640344161
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jürgen, Scharnhorst, Beitrag, Sprachkultur
Arbeit zitieren
Anonym, 2009, Jürgen Scharnhorst und sein Beitrag zur Sprachkultur., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127528

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