Diese Arbeit beschäftigt sich mit einer objektiven-hermeneutischen Fallstudie zur Rede von Aung San Suu Kyi 2019 vor dem Internationalen Gerichtshof und seiner Positionierung zur Rohingya-Krise.
Die Völkermordkonvention gilt seit 1951 in Folge des Holocaust als eines der ersten Menschenrechtsabkommen der Vereinten Nationen. Jede Handlung, welche in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören, gilt als Verletzung der Völkerrechtskonvention. Die Gewalthandlungen 2017 in Myanmar, welche zur Flucht von Tausenden Rohingya in die Grenzgebiete von Bangladesch führten, rückten das Abkommen erneut in den Fokus der Weltöffentlichkeit.
1949 unterzeichnete Myanmar die UN-Völkermordkonvention. Seitdem kam es zu sich abwechselnden Regierungsformen, welche das Land und deren Konflikte größtenteils vor den Augen der Welt verbargen. Die Rohingya-Krise besteht bereits Jahrzehnte und fand im Konflikt 2017 ihren Höhepunkt. Nachdem die Militärherrschaft von Myanmar durch Aung San Suu Kyi und ihrer Partei beendet wurde, konnten demokratische Wahlen stattfinden, die ein demokratisches Myanmar zur Folge hatten.
Die Vereinten Nationen konnten somit 2012 nach mehrfachen Bemühungen offiziell intervenieren. Die Angriffe 2017 bildeten die Grundlage des Vorwurfes Gambias, dass Myanmar eine „ethnische Säuberung“ durchführe. Die Verhandlung führt bis zum heutigen Zeitpunkt zu keinem Ergebnis, womit ihnen diese Unterstellung nicht nachgewiesen werden kann. Es kam zu einem Militärputsch, weshalb die Verhandlungen ausgesetzt wurden und es bestehen noch keine Aussichten einer Weiterführung. Die Auswirkungen der militärischen Maßnahmen sind noch heute spürbar und dauern an.
Während der genannten Anklage hielt Aung San Suu Kyi ein ca. 30-minütiges Eröffnungsstatement zur Verteidigung der Regierung und des Militärs von Myanmar. Aung San ist als Nobelpreisträgerin und Außenministerin von Myanmar ein signifikanter Bestandteil der Geschichte Myanmars, der Demokratiebewegung und der Verhandlung. Sie wendet sich mit ihrer Rede sowohl an das internationale Gericht als auch an die Weltöffentlichkeit, um die Geschehnisse 2017 zu beleuchten. Die digitalen Medien sorgen hierbei für die weltweite Verbreitung ihrer Rede. Dadurch kann Aung San latente Botschaften übermitteln, die sowohl an die Bürger von Myanmar als auch an den Rest der Welt gerichtet sein können.
Inhaltsübersicht
1. Einleitung
1.1 Relevanz
1.2 Fragestellung und Vorgehen
2. Historischer Hintergrund
2.1 Die Vereinten Nationen
2.1.1 Geschichte der Vereinten Nationen
2.1.2 Die UN-Charta
2.1.3 Struktur und Aufgaben der Vereinten Nationen
2.1.4 Der Internationale Gerichtshof
2.2 Die Geschichte von Myanmar
2.2.1 Kampf um die Unabhängigkeit
2.2.2 Komplikationen nach Erhalt der Unabhängigkeit
2.2.3 Die Vereinten Nationen und der Rohingya-Konflikt
3. Die Figur der Aung San Suu Kyi
4. Die Methode der objektiven Hermeneutik
4.1 Charakteristika der Methode
4.2 Methodisches Vorgehen der objektiven Hermeneutik
4.3 Die objektiv-hermeneutische Textinterpretation
4.3.1 Die Kontextfreiheit
4.3.2 Das Prinzip der Wörtlichkeit
4.3.3 Das Prinzip der Sequenzialität
4.3.4 Das Extensivitätsprinzip
4.3.5 Das Sparsamkeitsprinzip
5. Analyse der Rede von Aung San Suu Kyi
5.1 Empirisches Vorgehen
5.2 Hintergrund der Fallexplikation
5.3 Grobanalyse
5.4 Feinanalyse
5.4.1 Erste Sequenz
5.4.2 Zweite Sequenz
5.4.3 Dritte Sequenz
5.4.4 Vierte Sequenz
5.5 Fallstrukturhypothese
5.6 Bezug zu weiteren Sequenzen
5.7 Eingliederung in den Kontext
5.7.1 Das Bild der Rohingya
5.7.2 Aung San Suu Kyi
5.7.3 Zusammenfassung der Kontextualisierung
6. Fallstruktur-Generalisierung
7. Kritische Reflexion der Methode
8. Fazit
Zielsetzung & Forschungsthemen
Die Arbeit untersucht mittels der Methode der objektiven Hermeneutik, wie sich Aung San Suu Kyi in ihrer Rede vor dem Internationalen Gerichtshof im Jahr 2019 zur Rohingya-Krise positioniert, um latente Sinnsstrukturen und ihre Rolle als intellektuelle Politikerin aufzudecken.
- Analyse des historischen Hintergrunds von Myanmar und den Vereinten Nationen
- Theoretische Fundierung durch die Intellektuellen-Soziologie
- Detaillierte Anwendung der objektiven Hermeneutik auf das Redemanuskript
- Untersuchung der rhetorischen Strategien und der Positionierung zum Militär
- Kritische Reflexion der methodischen Vorgehensweise und ihrer Grenzen
Auszug aus dem Buch
5.4.1 Erste Sequenz
Bei der ersten zu analysierenden Sequenz handelt es sich um den ersten Satz der Rede: „Thank you, Mr President and members of the court“. Der erste Satz einer Rede leitet nicht nur ein, sondern legt meist ihre Rahmenbedingungen fest und gibt damit Aufschluss über die Intentionen der Rednerin. Um die Analyse zu vereinfachen, wird diese Sequenz in zwei Teilsequenzen aufgeteilt, „Thank you, Mr President“ und „and members of the court“.
Die erste Sequenz beginnt mit dem Wort „Thank“, welches als „dank“ übersetzt werden kann. Damit ist alleinstehend nicht „der Dank“ gemeint, sondern das Verb „danken“ von „to thank“. „Thank“ ist alleinstehend unvollkommen und lässt einen bereits erahnen, dass es sich um eine Aussage handelt, in welcher Bezug auf denjenigen genommen wird, dem man zum Dank verpflichtet ist. Die Rednerin bedankt sich bei jemandem direkt, „Thank you“ oder indirekt. Sie könnte auch darauf hinweisen, dass er Glück hatte, „Thank goodness“. Dies lässt mit Ausschluss des Gesamtzusammenhangs darauf schließen, dass es sich um etwas Positives handelt, welches auf das Mitwirken von jemand anderem gründet. Die Rednerin oder eine andere Person kann aus einer schlechten Situation herausgekommen sein und dankt Gott dafür. Daraus lassen sich folgende Lesarten ableiten: „Thank goodness, you survived“, „The goodness, the numbers are rising“. Es kann sich jedoch auch um Ironie handeln, was nicht direkt ausgeschlossen werden kann.
Kapitelzusammenfassungen
1. Einleitung: Dieses Kapitel begründet die Relevanz der Thematik vor dem Hintergrund der Rohingya-Krise und legt die übergeordnete Fragestellung sowie das methodische Vorgehen fest.
2. Historischer Hintergrund: Hier werden die Vereinten Nationen, deren Struktur und die Geschichte Myanmars detailliert beleuchtet, um den Kontext der Krise zu verdeutlichen.
3. Die Figur der Aung San Suu Kyi: Der Abschnitt betrachtet die politische Identität und den Werdegang der Akteurin aus der Perspektive der Intellektuellen-Soziologie.
4. Die Methode der objektiven Hermeneutik: Dieses Kapitel führt in die methodischen Grundlagen der objektiven Hermeneutik ein und erläutert die Prinzipien der Textinterpretation.
5. Analyse der Rede von Aung San Suu Kyi: Der Kernteil der Arbeit, in dem die Rede anhand sequenzanalytischer Feinanalyse auf latente Sinnsstrukturen hin exploriert wird.
6. Fallstruktur-Generalisierung: Hier werden die Erkenntnisse der Analyse über den Einzelfall hinaus abstrahiert und in einen größeren wissenschaftlichen Kontext gerückt.
7. Kritische Reflexion der Methode: Eine kritische Evaluierung der methodischen Anwendung, bei der sowohl Vorteile als auch Grenzen der objektiven Hermeneutik aufgezeigt werden.
8. Fazit: Die abschließende Zusammenfassung beantwortet die zentrale Forschungsfrage und gibt einen Ausblick auf künftige Forschungsbedarfe.
Schlüsselwörter
Aung San Suu Kyi, Rohingya-Krise, Internationale Gerichtshof, objektive Hermeneutik, Genozid-Vorwurf, Myanmar, Militär, Intellektuellen-Soziologie, Sequenzanalyse, Völkerrecht, politische Rhetorik, Krisenbewältigung, Menschenrechte, Fallrekonstruktion, Identitätskonstruktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Analyse einer spezifischen Rede von Aung San Suu Kyi vor dem Internationalen Gerichtshof im Jahr 2019 im Kontext der Rohingya-Krise in Myanmar.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Geschichte Myanmars, die Arbeit der Vereinten Nationen, die Rolle des Internationalen Gerichtshofs und die soziologische Analyse des Intellektuellen-Begriffs in der Politik.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, inwiefern Aung San Suu Kyi sich in ihrer Rede vor dem Internationalen Gerichtshof in Bezug auf die Rohingya-Krise positioniert.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Autorin nutzt die Methode der objektiven Hermeneutik nach Ulrich Oevermann, um latente Sinnsstrukturen im vorliegenden Redetext aufzudecken.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil umfasst eine tiefgehende sequenzielle Feinanalyse der Eröffnungsrede von Aung San Suu Kyi, unterteilt in vier verschiedene Textabschnitte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird unter anderem durch Begriffe wie Rohingya-Krise, objektive Hermeneutik, Aung San Suu Kyi und politische Identitätskonstruktion geprägt.
Warum spielt die Intellektuellen-Soziologie bei der Analyse eine Rolle?
Dieser theoretische Rahmen ermöglicht es, Aung San Suu Kyi nicht nur als Akteurin, sondern als eine spezifische Form der „intellektuellen Politikerin“ zu betrachten und ihre Handlungslogik soziologisch zu fundieren.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Aung San Suu Kyi gegenüber dem Militär?
Die Analyse legt nahe, dass sich die Rednerin in ihrer Beweisführung positionell auf die Seite des Militärs begibt und deren Handlungen legitimiert, statt die Rechte der Rohingya-Minderheit zu vertreten.
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- Anonym (Autor:in), 2021, Die Positionierung von Aung San Suu Kyi zur Rohingya-Krise 2019, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1275416