Ergebisse einer Korpusanlayse zur Verwendung der Verbmodi in der spanischen Tageszeitung El País


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000
49 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Terminologische Vorbemerkungen
1.1 Methodisches

2. Korpusanalyse
2.1 Zum Formeninventar in El País
2.2 Obligatorische und wahl-obligatorische Verwendungen des SUB
2.3 Verben der geistigen Wahrnehmung und kommunikative Verben
2.3.1 Verben der geistigen Wahrnehmung
2.3.2 Kommunikative Verben (verba dicendi)
2.3.3 Verben der geistigen Wahrnehmung mit negativer Bedeutung
2.4 Substantivische Ergänzungen
2.5 Der Relativsatz
2.6 Der Kausalsatz
2.7 Der Konzessivsatz
2.8 Modaladverbien und –wörter
2.9 Der Konditionalsatz mit "si"
2.10 Der Temporalsatz

3. Ausblick: El País y la defensa del idioma

4. Konklusion

5. Alphabetisches Verzeichnis der im Korpus belegten Konjunk- tionen und Partikeln / Sigelverzeichnis

Bibliographie

1. Terminologische Vorbemerkungen

Um die folgende Analyse auf ein theoretisches Fundament zu stellen, sollte vorab nicht nur der Untersuchungsrahmen festgesteckt werden, sondern auch ein differenziertes modales Begriffsgerüst eingeführt werden. Deshalb kann es nicht ausbleiben, Grundbegriffe wie "Modalität" und "Modus" in ihrer Terminologie kurz zu umreißen, ohne dabei allerdings exhaustiv auf diese Problematik eingehen zu wollen.[1]

Das Wesen der Modalität wird in der linguistischen Literatur keineswegs einheitlich behandelt und der Terminus "Modalität" wird in recht unterschiedlichen Bedeutungen verwendet, wobei die oftmals synonyme Verwendung von "Modalität","Modus" und "Verbalmodus" nicht nur terminologisch unpräzise, sondern auch verwirrend ist.[2]

Dabei ist Modalität laut Knauer keine formale, sondern in erster Linie eine funktional-semantische Kategorie, die durch eine Reihe sprachlicher Mittel ausgedrückt werden kann, zu denen neben der Intonation, den Modalpartikeln und Modalverben auch die sogenannten Verbalmodi Indikativ, Konjunktiv, Konditional und Imperativ zu rechnen sind.[3]

Der Terminus an sich ist ein traditionsbelasteter, von den antiken Grammatikern ererbter Begriff der europäischen Sprachwissenschaft. Ausgangspunkt ist die Grundannahme, "Modus" sage etwas aus über das Verhältnis zwischen dem Sprecher und dem, was in seiner sprachlichen Äußerung mitgeteilt wird.

So versteht F. Sommer in einer sehr frühen Arbeit aus den 20er Jahren unter "Modus" eine subjektive nach Wille und Vorstellung orientierte Stellungnahme des Sprechenden zum Verbalvorgang.[4] Die Duden-Grammatik äußert sich ähnlich, indem sie ebenfalls eine Beziehung zwischen Stellungnahmme des Sprechers und verbaler Aussage herstellt:

Unter Modus versteht man die Aussageweise, die als Ausdruck einer Stellungnahme des Sprechers den Geltungsgrad der verbalen Aussage kennzeichnet.[5]

Auch Samuel Gili y Gaya zielt in seiner Definition auf die Betonung dieser Relation ab:

Las alteraciones morfológicas conocidas con el nombre de modos expresan nuestro punto de vista subjectivo ante las acción verbal que enunciamos. Podemos pensar en el verbo como una acción o fenómeno que tiene lugar efectivamente. Nuestro juicio versa entonces sobre algo que consideramos real, con existencia objetiva. Podemos pensar también que el concepto verbal que preferimos es simplemente un acto mental nuestro, al cual no atribuimos existencia fuera de nuestro pensamiento.[6]

Vergleicht man diese Definitionen miteinander, fällt auf, dass sich bestimmte Schlüsselwörter wiederholen: Sprecher – Aussage – Geltung, das heißt der Sprecher mit seiner Subjektivität einerseits, das Verb, das eine Aussage über einen Vorgang macht andererseits und das, was die beiden verbindet, die Geltung, die der Sprecher dieser Aussage zumißt, seine Ansicht bezüglich der Realität des geschilderten Vorgangs.

Bereits diese wenigen, simplen Definitionen vermögen zu zeigen, dass sich das Modusproblem nicht allein durch die syntaktische Beschreibung der Beziehung der Zeichen untereinander oder durch die semantische Beschreibung der Beziehung zu den außersprachlichen Sachverhalten abdecken läßt: Es bleiben nicht beschreibbare sprachliche Erscheinungen übrig, die in Richtung linguistischer Pragmatik weisen und mit Hilfe der pragmatischen Komponente aufgearbeitet werden können: der Beziehung zwischen Zeichen und Zeichenbenutzer.

1.1 Methodisches

Die Dekade[7] von 1960-1970 war in der Sprachwissenschaft von der Generativen Transformationsgrammatik geprägt, von einem Grammatikmodell also, das letztlich in das wissenschaftstheoretische Paradigma des Behaviorismus gehört. Charakteristisch für diesen Ansatz war unter anderem der Anti-Mentalismus, d.h. die Ausblendung speziell derjenigen Prozesse, die in Sprecher und Hörer bzw. in Autor und Rezipient ablaufen. Charakteristisch war weiter der Umstand, dass nicht mit Texten oder Korpora gearbeitet wurde, sondern mit selbstgemachten Beispielen, die einem idealisierten Sprecher zugeschrieben wurden. Das hinter der Transformationsgrammatik stehende Modell war mathematisch, einerseits orientiert an der Automatentheorie, andererseits an einem Semi-Thue-System, mithin an der Gruppentheorie. Das Modell war vor allem syntaktisch, die Semantik spielte eine nachgeordnete und relativ unrealistische Rolle.

Seit Beginn der siebziger Jahre hat hier, zunächst zögernd, dann immer rascher ein Paradigmenwechsel stattgefunden, der weitgehend ein Wiederanknüpfen an die phänomenologische und gestaltpsychologische Tradition bedeutet, die Anfang der dreißiger Jahre vom Behaviorismus abgelöst worden war. In diese Zeit des Umdenkens, subsumierbar unter dem Begriff der "kommunikativ-pragmatischen Wende", fällt auch die Wiederentdeckung der Sprachtheorie von Karl Bühler aus dem Jahre 1934 mit einem Zeichenmodell, das den Sprecher, den Hörer und den dargestellten Bereich der Gegenstände und Sachverhalte mit in das Zeichen einbezieht und damit zum Gegenstand der Sprachtheorie macht.[8] Gegenstand der Analyse werden jetzt konkrete Äußerungen konkreter Sprecher, auch in Form von Textkorpora.[9] Typisch ist weiterhin, dass dem idealisierten Sprechsystem die Realität der tatsächlichen Sprache mit ihren Varianten und Variationen gegenübergestellt wird, und die Verwendung von Sprache in bestimmten Situationen und zu bestimmten Zwecken zum Untersuchungsgegenstand wird. Semantische und pragmatisch-kommunikative Aspekte rücken also ins Blickfeld der linguistischen Analyse.

Bedenkt man, dass insbesondere von der neueren Forschung hervorgehoben wird, dass der Konjunktiv – in "klassischen" Lehrbüchern und Grammatiken oftmals als Modus der Subordination[10] par excellence charakterisiert – jedoch nicht nur von syntaktischen Kriterien geregelt wird, scheint eine korpusgestützte Analyse nicht nur zweckmäßig, sondern auch überaus sinnvoll, denn sie erlaubt es, sich dem komplexen Phänomen "Modus" sowohl auf der Ebene der Syntax als auch auf semantisch-pragmatischer Ebene zu nähern, indem die Be-

deutung des Satzes und sein Kontext berücksichtigt werden können.[11]

Im folgenden soll ein Korpus pressesprachlicher Texte der Analyse des Modusgebrauchs im Spanischen dienen. Es handelt sich dabei um Texte der Online-Ausgabe der auflagenstärksten spanischen Tageszeitung El País, wobei der Homogenität halber ausschließlich Artikel aus der Rubrik "Internacional" verwendet wurden.

Der Korpus verfügt über einen Umfang von 49.169 Wörtern und wurde weder getaggt noch durch andere Programme wie WordSmith oder Hyperbase bearbeitet. Die technische Aufbereitung der HTML-Seiten zur linguistischen Analyse beschränkte sich deshalb auf das mühsame Verfahren "Copy and Paste" zur Herausfilterung bestimmter Formen und auf die Zuhilfenahme eines auf der Programmiersprache "Visual Basic" beruhenden Makros, der die Suche nach bestimmten Lexemen oder Morphemen automatisieren und damit erleichtern konnte.

Natürlich stellt sich hier aufgrund der Beschränkung auf "nur" eine Textsorte die Frage nach der Repräsentativität der erhaltenen Daten. Dagegen ist einzuwenden, dass es sich um keine exhaustive Analyse handelt, die den Anspruch erhebt, allgemeingültige Aussagen über die Modusverwendung im Spanischen zu treffen, sondern vielmehr um einen klar begrenzten Untersuchungsrahmen mit bestimmten Fragestellungen, die es vorab zu formulieren gilt.

Die Vorgehensweise, die sich im Rahmen einer korpusgestützten linguistischen Anlayse anbietet, ist induktiver Natur. Anhand des empirischen Materials sollen zum einen Aussagen über die Anwendbarkeit der normativen Regelsysteme zur Verwendung des SUB für die Pressesprache getroffen werden, wobei vor allem die Gültigkeit pragmatisch-kommunikativer Aspekte der Moduswahl für diese Textsorte problematisiert werden muss. Zum anderen soll der Korpus nach bestimmten Auffälligkeiten wie beispielsweise der Dominanz von Subjunktiv und Indikativ in bestimmten Kontexten, dem Ersatz indikativischer Tempora durch den SUB IMP auf – ra, dem oftmals beschworenen Rückgang des SUB im heutigen Spanisch und etwaigen Normabweichungen durchsucht werden. Vor dem Hintergrund der vermehrten Aufmerksamkeit, die El País der Qualität der verwendeten Sprache zum Beispiel in Form des von der Redaktion seit 1977 herausgegebenen Libro de Estilo schenkt, ist der Frage der Beachtung der Norm durch die Journalisten von besonderem Interesse, und soll deshalb in einem separaten Kapitel erörtert werden.

Faßt man das Anliegen der vorliegenden Arbeit nochmals kurz zusammen, soll eine dominant textsortenorientierte Herangehensweise verfolgt werden, die nach eventuellen Spezifika der Modusverwendung in der spanischen Pressesprache am Beispiel der Zeitung El País fragt, und die für die Moduswahl relevanten Aspekte anhand des empirischen Materials möglichst umfassend zu beschreiben versucht.

2. Korpusanalyse

In linguistischen Kreisen erfreut sich die Thematik "Mediensprache" nach wie vor außerordentlicher Beliebtheit. Doch ist es auffällig, dass die Sprache der modernen Kommunikationsmittel zumeist nur in Hinblick auf ihre lexikalischen und stilistischen Besonderheiten[12] untersucht wird und eine Untersuchung zum Modussystem in spanischen pressesprachlichen Texten meinem Kenntnisstand nach nicht vorzuliegen scheint. So ist auch die bisherige wissenschaftliche Beschäftigung mit El País vor allem soziologisch orientiert und widmet sich Aspekten wie beispielsweise der Diskursanalyse.[13]

Die umfangreichsten korpusgestützten Untersuchungen beschäftigen sich insbesondere mit den verschiedenen nationalen Varietäten des Spanischen, wobei vor allem die zahlreichen habla-culta -Projekte der letzten Jahrzehnte hervorzuheben sind.[14] Die exhaustive, anhand eines lexikographischen Korpus aus El Colegio de México durchgeführte Analyse von Knauer bezieht jedoch eine Vielzahl von Diskursen – darunter auch die Pressesprache – mit ein und kann deshalb im folgenden stets zum kontrastierenden Vergleich der Ergebnisse herangezogen werden.

2.1 Zum Formeninventar in El País

Von einer wirklichen Reduktion des SUB-Formeninventars kann im Falle der spanischen Zeitung El País nicht die Rede sein. Es versteht sich von selbst, dass die Textsorte gewisse Beschränkungen mit sich bringt und "kommunikative" Formen wie die 1. und 2. Person Singular und Plural gar nicht erst belegt werden konnten, wohingegen von den SUB-Formen der 3. Person Singular und Plural sowohl im Präsenz als auch in der Vergangenheit ausgiebig

Gebrauch gemacht wird. Wie zu erwarten war, fand auch der mittlerweise auf bestimmte Verwendungskontexte beschränkte SUB FUT kaum Verwendung und konnte nur ein einziges Mal im Korpus belegt werden, und zwar in einem für diesen Modus typischen juristischen Kontext .

En fecha de 18.10.98 se dio traslado a las partes para que informaran lo que a su derecho conveniere sobre la posible propuesta de extradición.

Auch wenn die zusammengesetzten Formen wie SUB PLUS und vor allem SUB PERF (11) im Korpus in vergleichsweise geringer Zahl vorkommen, kann nicht von einer Reduktion des SUB-Formeninventars im Allgemeinen die Rede sein; vielmehr muss die Spezifität der Textsorte zur Erklärung der Formenfrequenz herangezogen werden. Als dominant kommentierender befaßt sich der Pressetext fast ausnahmslos mit aktuellen Geschehnissen; die Bezugnahme auf die Gegenwart, bisweilen auch auf die Zukunft, ist nahezu automatisch impliziert. Auf der Ebene der Tempora bedeutet dies, dass in erster Linie das Präsens und Futur dominieren.

Die von Knauer für das mexikanische Spanisch festgestellte Rückläufigkeit der – se gegenüber der – ra -Form kann für El País nicht in dem Maße bestätigt werden. So kam die

se -Form im vorliegenden Korpus immerhin 21 und die – ra -Form 44 Mal vor, also in einem annähernden Verhältnis von 1:2. Obwohl neuere Studien auch für Spanien eine starke Rückläufigkeit der – se gegenüber der – ra -Form belegen konnten[15], möchte ich hier dennoch von einem zentralen diatopischen Unterschied zwischen Spanien und Lateinmamerika ausgehen, wo die – se -Form beinahe aus der gesprochenen Sprache verschwunden ist und in seltenen Fällen nur noch in hochsprachlichen Texten anzutreffen ist.[16] Auch der Einfluß der Texsorte auf die Wahl des Konjugationssuffix darf nicht unterschätzt werden, denn die – se Form leitet sich etymologisch vom lateinischen Plusquamperfekt Konjunktiv ab, während die – ra -Form ursprünglich ein indikativisches Morphem des lateinischen Plusquamperfekt ist[17] und deshalb noch immer bevorzugt wird, wenn es sich wie hier um einen informationsbetonten Text handelt. Des weiteren gilt der Gebrauch von – se als "más fino" und in einigen Sprachzonen, vor allem aber in Mexiko, als affektiert, was aber gleichzeitig dafür spricht, dass es in einer sich selbst als "periódico de mayor difusión y influencia de España" qualifizierenden Zeitung wie El País noch immer Verwendung findet.[18]

In der Schriftsprache und insbesondere in der Pressesprache findet des öfteren eine Substitution statt, bei der die Formen des SUB IMP auf – ra in der Funktion indikativischer Tempora verwendet werden. Dieser vom DRAE despektierlich "uso afectado y arcaizante" genannte Gebrauch des SUB IMP auf – ra in der Funktion indikativischer Tempora kann als ein zentrales Merkmal pressesprachlicher Texte spanischen und hispanoamerikanischen Ur-sprungs angesehen werden. Laut DRAE beschränkt sich die Substituierbarkeit auf folgende drei indikativische Tempora:[19]

1. SUB IMP steht für IND PLUS
2. SUB IMP steht für IND INDEF
3. SUB IMP steht für COND SIMP

Inwieweit von diesen "Möglichkeiten" in El País Gebrauch gemacht wird, soll in der Korpusanalyse an den entsprechenden Stellen ausgeführt werden.

2.2 Obligatorische und wahl-obligatorische Verwendungen des SUB

Um Aussagen über die Regelkonformität der im Korpus ermittelten Kontexte treffen zu können, wurden auch die von der traditionellen Grammatik – als Richtlinie dienten der Esbozo der RAE und Borrego/Asencio/Prietos Arbeit als obligatorisch bezeichneten Ver-wendungsweisen des Subjuntivo ausgewertet. Da sich jedoch keine Unregelmäßigkeiten ermitteln ließen und die wahl-obligatorischen Verwendungen des SUB zudem im Zentrum der Analyse stehen sollen, wurde auf eine Auflistung der im Korpus belegten obligatorischen Kontexte en détail verzichtet und stattdessen die Frequenzliste am Ende der Arbeit um die obligatorischen Verwendungsweisen des SUB ergänzt. Die nachfolgenden Evaluierungen

beziehen sich demnach ausschließlich auf Kontexte, in denen beide Modi dem Sprecher bzw. Journalisten als Alternative zur Wahl stehen und damit auf mögliche semantische Differenzierungen in Abhängigkeit von der Moduswahl eingegangen werden kann. In Anlehnung an die Arbeiten von Borrego/Asencio/Prieto und Knauer wurden die ermittelten Kontexte entweder nach ihrem Vorkommen in Satztypen (Relativsatz, Temporalsatz, Modalsatz etc.) oder im Umfeld von bestimmten Verben, wie Verben der geistigen Wahrnehmung und verba dicendi oder in

Verbindung mit bestimmten Modalpartikeln eingeteilt.[20] Andere mögliche Struktur-ierungsmuster der Arbeit etwa nach der Semantizität des SUB wurden als unökonomisch und unübersichtlich verworfen.[21]

2.3 Verben der geistigen Wahrnehmung und kommunikative Verben

Die Beschäftigung mit Verben dieser Gruppe reduziert sich insbesondere in Lehrbüchern auf so pauschale Aussagen wie sie etwa bei Reumuth/Winkelmann anzutreffen sind: "Ferner steht der Konjunktiv nach Verben des Sagens und Denkens, wenn sie fragend oder verneint gebraucht werden."[22] Eine dermaßen simpel gefaßte Regel blendet jedoch zahlreiche Aspekte aus, und es entsteht der Eindruck, als ob der SUB nur von diesen zwei Faktoren gelenkt wird. An den folgenden, im Korpus ermittelten Beispielen soll ausgeführt werden, dass ein weitaus subtileres linguistisches Instrumentarium zur Erklärung der Modusalternanz zur Verfügung steht. Auch den Verben, deren Bedeutung je nach Modusgebrauch variiert, soll, sofern sie im Korpus vorhanden sind, verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt.

2.3.1 Verben der geistigen Wahrnehmung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Total: 41 IND/18 SUB

Was die Frequenz der Verben der geistigen Wahrnehmung im Korpus betrifft, fällt auf, dass "sospechar", "aceptar", "comprender" und "imaginar" im Vergleich zu den anderen Verben nur einmal, also äußerst selten auftauchen. Dahingegen werden "creer" (27%), "esperar" (10%), "suponer" (10%) und "parecer (10%) relativ häufig gebraucht. In bezug auf die

Modusalternanz dominiert, in einer annähernden Relation von 2:1, der IND gegenüber dem

SUB.

Knauer hebt in ihrer Korpusanalyse hervor, dass es eine Anzahl polysemer Verben dieser Gruppe gibt, die bislang von der Forschung nur wenig beachtet wurden und deren Semantik in Abhängigkeit vom Modus variiert. Ob solche Verben auch im vorliegenden Korpus belegbar sind, bleibt zu überprüfen. In Analogie zu Knauer soll auch hier der Versuch unternommen werden, nach der Kombination bestimmter syntaktischer Formen eines Verbs mit einem Modus zu suchen. Doch durch die Reduzierung des Korpus auf eine schriftsprachliche Textsorte ist von vornherein klar, dass vor allemVerben in der 3. Person Singular oder Plural dominieren werden und die Ergebnisse dadurch nicht sehr detailliert ausfallen können.

CREER

Affirmation : 8 IND

In nahezu allen konsultierten Studien wird behauptet, dass der IND in einem affirmativen Satz, der einem Verb des Glaubens untergeordnet ist, normativ sei. José Alvaro Porto Dapena

beispielsweise spricht sich in seiner Studie zum Kontrast zwischen IND und SUB auch für die Dominanz der IND aus: "Los verbos 'creer' y 'pensar' en el sentido de 'formarse una idea, juicio u opinión' se construyen normalmente con indicativo."[23] Von daher können folgende, dem Korpus entnommene Sätze als gängig und der Norm entsprechend angesehen werden:

La gente cree que tiene que actuar contra las potencias extranjeras.

Los expertos creen que los ex jefes de Estado acusados de represión corren el mismo riesgo que

Pinochet.

Obwohl die Meinungen der Grammatiker alles andere als einstimmig sind, ist es dennoch möglich, den SUB auch in einem affirmativ gebrauchten Satz zu verwenden. Dabei spielen Faktoren wie die Einstellungskonfiguration des Sprechers/Schreibers die tragende Rolle. In diesem Sinne hält der Schreiber/Sprecher die im Nebensatz enthaltene Proposition für wahr,

wenn er den IND verwendet, während er mit dem SUB neutral bleibt, weil ihm der betreffende Sachverhalt beispielsweise nicht bekannt ist. Die semantische Modifizierung, die das Verb "creer" durch den Moduswechsel erfährt, läßt sich im Deutschen durch das Oppositionspaar "glauben/nicht wissen" wiedergeben. Auch wenn im vorliegenden Korpus kein Beispiel für einen affirmativen Gebrauch von "creer" mit SUB gefunden werden konnte, so ist es interessant festzuhalten, dass selbst die Akademie in ihrer Grammatik den alternativen Gebrauch billigt:

Creer significa pensar o juzgar cuando lleva [el verbo] en subjuntivo: "Yo creo que te agrade, si lo ves."[…][24]

NEG : 4 SUB

[…], pero no cree que el beneficiado por la noticia pueda dar saltas de alegría.

"Pese a ello", señala, "no creo que los norteamericanos olviden que con él se superó la crisis de 1979-1981 y terminó la guerra fría".

Borrego/Asencio/Prieto merken zum Gebrauch kommunikativer Verben und Verben der geistigen Wahrnehmung in der Verneinung an, dass im Rahmen eines rechazo contextual auch der IND gebraucht werden kann, der SUB jedoch der weitaus üblichere Modus sei.[25] Der Korpus aus El País entspricht dem normativen Fall und weist ausschließlich SUB-Beispiele auf. Der Gebrauch von "no creer" als Verb des Zweifelns, das wie "dudar" oder "desconfiar" gebraucht wird und mit dem sich der Schreiber/Sprecher dem Wahrheitsgehalt des im untergeordneten Satz enthaltenen Sachverhalts nicht verpflichtet, dominiert.

Es ist festzuhalten, dass gerade über den Moduswechsel mit dem Verb "creer" sehr subtile semantische Nuancen ausgedrückt werden können, die sich jedoch schwer kategorisieren lassen und deren Gebrauch deshalb selbst von Muttersprachlern nicht einheitlich beurteilt wird. Vielleicht ist dies auch der Grund, weshalb die am normativen Sprachgebrauch orientierte Zeitung El País an standardisierten Regelsystemen starr festhält und sich vor "Sprachexperimenten", die eventuell nicht von jedem Leser gleichermaßen verstanden bzw. akzeptiert werden, scheut. Hinzu kommen hier sicherlich auch die Grenzen schriftsprachlicher Texte, die sich, anders als mündliche Sprache, zum Beispiel nicht prososodischer Elemente zur zusätzlichen semantischen Kennzeichnung der Proposition bedienen können.

[...]


[1] An dieser Stelle sei auf Ralph Ludwigs zuerst als Dissertation erschienene Korpusanalyse verwiesen, der in einem ersten methodologischen Schritt eine linguistische Bestimmung von Modusfunktion und sprachlicher Modalität vornimmt (Modalität und Modus im gesprochenen Französisch, Tübingen 1988, Kap. 1). Zum Begriff der Modalität vgl. auch Irene Doval Reixa, "Die Ausdrucksmittel der Modalität im Deutschen und Spanischen aus kontrastiver Sicht", in: Moenia, 5, 1999, S. 397-412, S. 397f.

[2] Zu den wenigen Grammatikern, die terminologisch präzise arbeiten, gehören etwa Emilio Alarcos Llorach, der in der Gramática de la Lengua Española, Madrid 1994, § 209 explizit zwischen modo und modalidad del enunciado (aserción, interrogación y apelación) unterscheidet und Porto Dapena, der auf die Polysemie des Begriffs modo in den romanischen Sprachen aufmerksam macht (Del indicativo al subjuntivo, Madrid 1991, S. 12ff.). Vor allem aber Knauer übt in ihrer Korpusanalyse vehement an diesem Defizit in der einschlägigen Forschungsliteratur Kritik (Der Subjuntivo im Spanischen Mexikos. Sein Wechselverhältnis zwischen Syntax, Semantik und interaktionalen Faktoren, 1998, S. 7ff. (Beihefte zur ZRPh, Bd.292)).

[3] Ibid., S.

[4] F. Sommer, Vergleichende Syntax der Schulsprachen, Leipzig; Berlin 1925, S. 77. Wenngleich in den Defi- nitionen nicht von "Modalität, sondern von "Modus" die Rede ist, sind hier doch nicht nur bestimmte einzel-sprachliche Morphemparadigmen, sondern auch die deren Bedeutung ausmachenden noematischen Begrif- fe gemeint.

[5] Duden-Grammatik, 3. Aufl, 1974, § 900.

[6] Samuel Gili y Gaya, Curso superior de sintaxis española, Barcelona, 7. Aufl. 1970, Kap. X.

[7] Informationen zur Entwicklung und den Tendenzen der Sprachwissenschaft seit dem Beginn des 20. Jahr- underts aus dem vorzüglichen Basis-Werk Grundkurs Sprachwissenschaft Französisch von Livia Gaudino-Fallegger, Stuttgart; Düsseldorf; Leipzig 1998, Kap. 1.

[8] Karl Bühler, Sprachtheorie, Stuttgart, 2. Aufl. 1965, § 2. Dazu auch Corinna Manuela Kirstein, Textlingui- stische Analyse informationsbetonter Textsorten der spanischen Zeitung EL PAIS, Frankfurt a. Main 1997, S. 23ff.

[9] Zur Methode der Korpusanalyse vgl. auch Olivier Soutet, Le subjonctif en français, Paris 2000, S. 6f.

[10] Es ist auffallend, dass man im Fremdsprachenunterricht an den Schulen selten lernt, in welchen Sprechsitua-tionen, in welchem situativen Kontext der Konjunktiv verwendet wird, sondern zunächst nur lernen muss, nach welchen Verben der Konjunktiv steht, stehen muss bzw. nicht stehen darf. Peter Schifko übt in seiner Studie Subjonctif und Subjuntivo Kritik an Modustheorien, die die Funktion des Konjunktivs auf die Subor-dination reduzieren und ihn damit zu einem "grammatikalischen Zeichen" machen. (ders., ibid., S. 168 ff.)

[11] Die Trennung von semantischen und pragmatischen Faktoren ist oftmals problematisch, denn beide haben etwas Gemeinsames: Sie beziehen sich auf die Bedeutung von Ausdrücken. Aber während sich die Semantik auf die Bedeutung von Sätzen ohne Kontext bezieht, räumt die Pragmatik dem Kontext bei der Ermittlung der Bedeutung der Sätze eine besondere Stellung ein. Die semantische Bedeutung ist also die Bedeutung, die ein Ausdruck aufgrund seiner grammatischen und lexikalischen Struktur hat. Die pragmatische Bedeutung ist der Sinn, den der Ausdruck in einem wirklichen Kontext bekommt, wie auch die Definition von Tomás Al-balajedo Mayordomo zeigt: "La prágmatica lingüística tiene como objeto de estudio las relaciones que existen entre las expresiones de lengua natural, los participantes en el proceso comunicativo y el contexto de comunicación" (zitiert nach Corinna Manuela Kirstein, Textlinguistische Analyse informationsbetonter Text-sorten der spanischen Zeitung EL PAIS, S. 31f.).

[12] So beispielsweise der vom Instituto Cervantes y la Secretaría de Educación Pública de México organisierte

erste internationale Kongreß der Lengua Española vom 7. bis 11. April 1997 in Zacatecas, der sich intensiv

mit dem Thema «La lengua y los medios de comunicación» auseinandersetzte, wobei der Akzent auf lexika-

lischen Themen lag. (http://cvc.cervantes.es/actcult/congreso/prensa.html). Desweiteren S. Alcoba Rueda,

Léxico periodístico español, Barcelona 1987 oder etwa die Asociación de la Prensa de Zaragoza, El lenguaje

en los medios de comunicación, Colección Cuadernos de Periodismo 1. Zaragoza 1990. Darin insbesondere:

Alcoba Rueda, S, "Muestras de inestabilidad sintáctica; Seco Reymundo, M., "Los periodistas ante el

idioma"; Casado Velarde, M. "Notas sobre el léxico periodístico".

[13] Gérard Imbert betrachtet die ganze Zeitung global als einen Diskurs. Davon zeugt auch der Titel seines Bu-ches Le discours du journal El País, Paris 1988.

[14] Beispiele für den Gebrauch der habla culta nacional geben die im Rahmmen des 1968 begonnenen Proyecto de estudio coordinado de la norma lingüística culta de las principales ciudades de Iberoamérica y de la Península Ibérica bisher veröffentlichten Tonbandaufnahmen: México (LOPE BLANCH 1971), Santiago de Chile (RABANALES/CONTRERAS 1979), Caracas (ROSENBLAT 1979), Madrid (ESGUEVA/ CANTA- RERO 1981) und Sevilla (PINEDA 1983). Zur Projektbeschreibung siehe Cuestionario 1971-1973, I, Pró- logo.

[15] George DeMellos Auszählungen für die habla culta in Madrid und Sevilla ergaben einen weitaus höheren prozentualen Anteil der – ra -Form (85%) ("- Ra vs. – Se Subjunctive: A New Look at an Old Topic", in: Hispania, 76, 1993, S. 235-244).

[16] Diese Tatsache wurde von zahlreichen Hispanisten festgestellt. Vgl. beispielsweise Juan Zamora u. Jorge Guitart, Dialectología hispanoamericana," 2. Ausg., Salamanca 1988, S. 171 oder John Butt und Carmen Benjamin, A New Reference Grammar of Modern Spanish, 2. Ausg., London 1994, S. 239, §16.2.3.

[17] Dazu auch George DeMello, "Formas verbales en – ra / - se con valor de condicional", in: Gramática española: Enseñanza e investigación. I. Apuntes metodológicos, Bd. 5: Lengua escrita y habla culta en América y España: Diez casos, hrsg. von Josse de Kock u. George DeMello, Salamanca 1997, S. 39-51, S. 39.

[18] Extra-Ausgabe aus Anlaß des Erscheinens der 5000. Nummer (EL PAIS, 28.12.1990: 8, Extra).

[19] Alarcos Llorach, Gramática, S. 159.

[20] Borrego/Asencio/Prieto, El subjuntivo. Valores y usos, Madrid 1989; Gabriele Knauer, Der Subjuntivo im Spanischen Mexikos.

[21] Eine Untersuchung des Konjunktivs nach der Semantizität verfolgt Peter Schifko, indem er den praktischen Teil seiner Arbeit nicht nur nach Satztypensondern auch nach Ausdrücken des Wollens, der Möglichkeit, Unsicherheit, Bitte, des Wartens und Hoffens unterteilt. (Subjonctif und Subjuntivo. Zum Gebrauch des Kon-junktivs im Französischen und Spanischen, Wien 1967)

[22] W. Reumuth u. O. Winkelmann, Praktische Grammatik der spanischen Sprache, Wilhelmsfeld 1991, S. 172.

[23] José Alvaro Porto Dapena, Del indicativo al subjuntivo, Madrid 1991, S. 135.

[24] Real Academia Española, Gramática de la lengua española, 1962, S. 341 (§386). Trotzdem muss darauf hingewiesen werden, dass die RAE diesen Satz nicht im Esbozo de una nueva gramática de la lengua española von 1973 anführt.

[25] Borrego/Asencio/Prieto, El subjuntivo., S. 94.

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Details

Titel
Ergebisse einer Korpusanlayse zur Verwendung der Verbmodi in der spanischen Tageszeitung El País
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Die Modalität im Spanischen
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
49
Katalognummer
V12755
ISBN (eBook)
9783638185622
Dateigröße
753 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ergebisse, Korpusanlayse, Verwendung, Verbmodi, Tageszeitung, País, Modalität, Spanischen
Arbeit zitieren
Alexandra Müller (Autor), 2000, Ergebisse einer Korpusanlayse zur Verwendung der Verbmodi in der spanischen Tageszeitung El País, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12755

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