Das Bild der bürgerlichen Frau im 18. Jahrhundert und ihre Darstellung in der Literatur des Sturm und Drang


Seminararbeit, 2002
17 Seiten, Note: 1

Leseprobe

1.1. Einleitung

Leider gibt es keine schriftlich festgehaltene Geschichte der Frauen, die eine objektive Einsicht in ihr Leben, oder ihren Alltag ermöglichen würde.[1] Da der Gegenstand dieser Arbeit das 18. Jahrhundert sein soll, beschränke ich mich auf die zu dieser Zeit verfassten Schriften und somit auf das Weiblichkeitsbild von der Frühaufklärung bis zum Sturm und Drang. Der Begriff `Weiblichkeit´ wird dabei auf zwei verschiedene Weisen gedeutet: Erstens ist es die alltägliche Situation der Frauen, die nur zu karg und sporadisch festgehalten wurde, zweitens ist es die imaginäre und projizierte Darstellung des Weiblichen, die in jeder Kunstgattung präsent ist.[2] Dieses zweite Weiblichkeitsbild, das hauptsächlich von Männern geprägt wurde, wird hier anhand einiger Analysen und zweier Dramen erläutert.

1.2. Weiblichkeitsbegriff

„Wenn der Mann immer nur politisch sein muß, wo er gern vernünftig wäre, versteckt, wo er offen, falsch, wo er redlich zu sein wünschte, (Wilhelm Meisters Lehrjahre) so soll sie (die Frau) ihm den Genuß dessen garantieren, was er sich versagt.“[3] Mit der Etablierung der Kleinfamilie im 18. Jahrhundert wird auch der weibliche Geschlechts-Charakter normiert. Dieser Charakter ist ein Kanon von moralischen Regeln, der die Frauen lehren soll, „dasjenige gehörig zu empfinden, was zu der Würde und den erhabenen Eigenschaften des anderen Geschlechts gehöret“,[4] andernfalls drohen Sanktionen wie der Ausschluss aus der bürgerlichen Gesellschaft. Diese Sanktionen sind auch berechtigt, da die Frau von dem zentralen Konzept der Aufklärung, dem Begriff der Menschheit und Bürger ausgeschlossen wurde:

„die dazu erforderliche Qualität ist, außer der der natürlichen (daß es kein Kind, kein Weib sei), die einzige: daß er sein eigener Herr (sui juris) sei, mithin irgendein Eigentum habe (wozu auch jede Kunst, Handwerk oder schöne Kunst gezählet werden kann), welches ihn ernähret.“[5]

Nur der Mann ist als „Mensch“ zu verstehen, die Frau ist lediglich seine Ergänzung und deswegen notwendig defizitär. Jeder Versuch, ein anderes Frauenbild zu etablieren wurde verdrängt: Sowohl die Gelehrte als auch die Aristokratin sind entsetzlich, weil beide, den Männer ähnlich, ungehindert sprechen können.[6]

Die Begründung für die Zweitrangigkeit der Frauen kam aus verschiedenen Wissenschafts-Sphären. „Das weibliche Geschlecht ist von Natur aus offenherzig, naiv und einfältig – blöde“. Zu diesen Resultaten kamen medizinische Untersuchungen, die gezeigt haben, dass der weibliche Körper viel zarter gebaut ist und deswegen empfindlicher als der des Mannes. Diese physischen Eigenschaften haben laut damaliger Logik die moralische Zartheit als Folge.[7]

Die physische Schwäche der Frauen sollte auch die Begründung für ihre angeblich angeborene Schamhaftigkeit sein. Im 18. Jahrhundert spricht man von „dem verschämten Geschlechte“[8] und stellt Frauen den Männern polar gegenüber. Die Scham des weiblichen Geschlechts-Charakters wurde ganz bewusst installiert, denn so wurde die patriarchale Gesellschaftsstruktur nicht in Frage gestellt. Naivität und Unterwerfung waren gleichgestellt worden und bedeuteten einen Heiratsgrund.[9] Eine naive Frau konnte die Dinge nicht hinterfragen oder sich gegen die bestehende Ordnung auflehnen, deswegen war auch der Herrschaftsanspruch des Mannes gesichert. Die Naivität, die man als ein wesentliches Charaktermerkmal der Frau sah, war auch den jungen Männern eigen, der Unterschied bestand nur darin, dass deren „Blödigkeit“ mit der Erziehung zusammenhängt, die weibliche Naivität ist aber in ihrer Natur verborgen. So können die Frauen wegen ihrer natürlicher Veranlagung gar nicht aus dem Zustand der „Blödigkeit“ befreit werden.[10]

Obwohl der Frau die natürliche „Blödigkeit“ zugeschrieben wurde, waren bedeutende Persönlichkeiten der Aufklärung von einer egalitären Ehe überzeugt, z.B. Kant; seine Ehedefinition hat egalitäre Ansätze, wenn er sagt:

„Das Frauenzimmer hat ein vorzügliches Gefühl vor das Schöne, so ferne es ihnen selbst zukommt, aber vor das Edle in so weit es am männlichen Geschlechte angetroffen wird. Der Mann dagegen hat ein entschiedenes Gefühl vor das Edle, was zu seinen Eigenschaften gehört, vor das Schöne aber, in so ferne es an den Frauenzimmern anzutreffen ist. Daraus muß folgen, daß die Zwecke der Natur darauf gehen, den Mann durch die Geschlechterneigung noch mehr zu veredeln und das Frauenzimmer durch eben dieselbe noch mehr zu verschönern.“[11]

An einer anderen, oben vorgeführten Stelle stellt Kant die Frauen den Kindern gleich und hält sie deswegen nicht für Menschen.

An unterschiedlichen Stellen in der Literatur des 18. Jahrhunderts tauchen verschiedene Definitionen des Weiblichen auf; das zeigt jedoch nur, dass der Begriff „Weiblichkeit“ nicht feststeht. Es hat sogar den Anschein, „Weiblichkeit“ ist eine leere Hülle, in die genau das interpretiert wird, was dem jeweiligen Autor gerade passt, je nachdem, welchen Zweck seine Texte verfolgen.[12]

1.3. Tugend als Definition der Frau

In der Frühaufklärung wurde die Tugend der Frau noch über Bildung definiert, die moralischen Wochenschriften schrieben, die Tugend sei „eine Eigenschaft, die vor allem durch Vernunft definiert ist und auf Wissen zielt und ohne ein Mindestmaß an Bildung nicht auskommen kann“.[13] Im Laufe des 18. Jahrhunderts erfährt der Begriff „Tugend“ entscheidende Bedeutungsveränderungen. Zur Zeit der Frühaufklärung war Tugendhaftigkeit noch ein erstrebenswertes Ideal, das über alle Stände und Geschlechter hinweg galt. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wird der Begriff „Tugend“ zunehmend geschlechtsspezifisch gebraucht und immer stärker mit weiblicher Unschuld in Verbindung gebracht. Der Begriff der „Unschuld“ wird nicht nur mit der Jungfräulichkeit, sondern auch mit dem „Nicht-Wissen“ in Verbindung gebracht, denn „Wissen“ wurde seit dem Sündenfall in die Nähe der Sexualität gerückt und wirkte deswegen unheimlich. Da der weibliche Tugendbegriff auf Unschuld und Nicht-Wissen zugeschnitten wurde, waren die jungen, unverheirateten Mädchen für die literarische Ästhetisierung am besten geeignet. Die Hauptfiguren in den Dramen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sind, solange es sich um Frauen handelt, meistens unverheiratete Töchter, weil sie noch ihre sexuelle Unschuld besitzen.[14]

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde bereits in den moralischen Wochenschriften davon ausgegangen, dass weibliche Tugend unmittelbar mit der biologischen Unschuld zusammenhängt. Allerdings ist die Tugend noch nicht ausschließlich mit der sexueller Unschuld gleichgesetzt und das Thema der Verführung spielt – anders als in Dramen des Sturm und Drang – noch nicht die zentrale Rolle.[15] Ab Mitte des 18. Jahrhunderts setzt sich die Reduzierung des Tugendbegriffs auf die Unberührtheit ein. Diese Entwicklung ist maßgeblich Richardson zu verdanken, der in seiner „Pamela“ die Tugend ausschließlich mit der körperlichen Unberührtheit gleichsetzt.[16]

1.4. Rousseaus Einfluss auf das Frauenbild im 18. Jahrhundert

Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts wird die Geschlechtsdifferenz besonders hervorgehoben. Der Verantwortliche für diese Entwicklung ist Rousseau mit seinem Erziehungsroman „Emile“. In diesem Roman nimmt Rousseau das egalitäre Frauenbild der Frühaufklärung zugunsten eines komplementären zurück. Das im 5. Kapitel entworfene Weiblichkeitsbild ist maßgeblich für die Frauenbildproduktion im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts.[17]

Rousseau ist der Wegbereiter für das Paradigma vom weiblichen und männlichen Geschlecht. An die Stelle von Standesdefinitionen, die von einem herrschenden und einem dienenden Stand in der Familie ausgingen, treten Charakterdefinitionen, die wesentlich von biologischen und psychischen Faktoren bestimmt sind.[18]

2.1. Frauen in der Literatur

Das 18. Jahrhundert ist im wesentlichen von zwei Frauentypen geprägt: die gelehrte und die empfindsame Frau. Die Gelehrte ist dabei ein älteres Modell, das in der frühaufklärerischen Poetik verankert ist. Dieses Konzept ist eindeutig definiert, ist aber nicht besonders ästhetisch und regte deswegen die Phantasie nicht an. Der Typus der empfindsamen Frau ist zwar auch ein Konzept, seine Konturen sind aber fließend und bieten deswegen ein weites Feld für Ideologisierung. Die gelehrte Frau wurde in der Frühaufklärung stark gepriesen, sie wurde aber nicht zur Repräsentationsfigur in der Literatur. Es scheint so, als ob die Frau, wenn sie zu grübeln hat, ihre geschlechtsspezifische Attraktivität verliert.[19]

2.2. Frauenfiguren in der Literatur des Sturm und Drang

Zur Zeit des Sturm und Drang wollen die Autoren nicht mehr die „schöne“ und „vernünftige“ Natur darstellen, es ist nun an der Zeit, auch die hässlichen Seiten der Natur zu zeigen. Es ist typisch für „Stürmer und Dränger“, dass sie die brutale Wirklichkeit ohne Verschönerungen zeigen. Goethe verteidigt sich 1772: zu Begriff der Natur gehört auch gerade die „häßliche“ Natur; Wagner rechtfertigt sich „...abscheulich, schwarz: aber doch wahr? Was kann ein Mahler dazu, wenn sein Portrait häßlich ist? Sobald es gleicht, ist er gegen alle Vorwürfe gesichert.“[20]

So sehr die Autoren die wahre, hässliche Natur darstellen wollen, tun sie sich mit der Frauendarstellung doch schwer. Der Einfluss Rousseaus ist unübersehbar. In zahlreichen Dramen des Sturm und Drang findet eine Aufspaltung des Frauenbildes statt. Töchter werden sinnlichen, und Mütter sorgenden Kategorien der Weiblichkeit zugeordnet.[21]

Junge Frauen sind besonders im bürgerlichen Drama des 18. Jahrhunderts Objekte einer selbstverständlich ausgelebten männlichen Sinnlichkeit. Das Tugendsystem verlangt jedoch, dass sich die bürgerlichen Töchter die Erfüllung ihrer eigenen Begehren versagen, wenn sie nicht ausgestoßen werden wollen. In der Literatur wird den Müttern meist die Schuld am Fall der Töchter zugeschoben.[22]

[...]


[1] Bovenschen, Silvia „Die imaginierte Weiblichkeit: Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen“, 2. Auflage, Frankfurt am Main 1980, S. 68

[2] Bovenschen, S., S. 68

[3] Stanitzek, Georg, „Blödigkeit: Beschreibung des Individuums im 18. Jahrhundert“, Tübingen 1989, S. 233

[4] Kant, Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen (1764) in Stanitzek, G., S. 234

[5] Kant, Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis, in: Bovenschen, S., S. 72

[6] Stanitzek, S. 236

[7] Stanitzek, S. 237

[8] Miller, Johann Peter, Abhandlungen von dem weisen Gebrauche der Zeit und unschuldiger Ergötzung, in: Stannitzek, S. 238

[9] Stanitzek, S. 239

[10] Stanitzek, S. 241

[11] Kant, I., Betrachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen, in Bovenschen, S., S. 73

[12] Bovenschen, S., S. 76

[13] Wosgien, Gerlinde Anna: „literarische Frauenbilder von Lessing bis zum Sturm und Drang: ihre Entwicklung unter dem Einfluß Rousseaus“, Frankfurt am Main, 1999, S.155

[14] Wosgien, G. A., S. 157

[15] Wosgien, G. A., S. 157

[16] Wosgien, G. A., S. 158

[17] Wosgien, G. A., S. 242

[18] Wosgien. G. A., S. 243

[19] Bovenschen, S., S. 80

[20] Haupt, J., S. 289

[21] Kaarsberg Wallach, Marta, „Emilia und ihre Schwestern: Das seltsame Verschwinden der Mutteer und die geopferte Tochter“, in: Mütter-Töchter-Frauen: Weiblichkeitsbilder in der Literatur, Hg.:Kraft, Helga/Liebs, Elke, Weimar 1993, S.53

[22] Kaarsberg Wallach, M., S. 56

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Bild der bürgerlichen Frau im 18. Jahrhundert und ihre Darstellung in der Literatur des Sturm und Drang
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Germanistik II)
Veranstaltung
TPS: Sturm und Drang
Note
1
Autor
Jahr
2002
Seiten
17
Katalognummer
V12779
ISBN (eBook)
9783638185837
ISBN (Buch)
9783640557912
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bild, Frau, Jahrhundert, Darstellung, Literatur, Sturm, Drang, 18. Jahrhundert
Arbeit zitieren
Inna Moltschanova (Autor), 2002, Das Bild der bürgerlichen Frau im 18. Jahrhundert und ihre Darstellung in der Literatur des Sturm und Drang, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12779

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