Leider gibt es keine schriftlich festgehaltene Geschichte der Frauen, die eine objektive Einsicht in ihr Leben, oder ihren Alltag ermöglichen würde.1 Da der Gegenstand dieser Arbeit das 18. Jahrhundert sein soll, beschränke ich mich auf die zu dieser Zeit verfassten Schriften und somit auf das Weiblichkeitsbild von der Frühaufklärung bis zum Sturm und Drang. Der Begriff `Weiblichkeit´ wird dabei auf zwei verschiedene Weisen gedeutet: Erstens ist es die alltägliche Situation der Frauen, die nur zu karg und sporadisch festgehalten wurde, zweitens ist es die imaginäre und projizierte Darstellung des Weiblichen, die in jeder Kunstgattung präsent ist.2 Dieses zweite Weiblichkeitsbild, das hauptsächlich von Männern geprägt wurde, wird hier anhand einiger Analysen und zweier Dramen erläutert.
Inhaltsverzeichnis
1.
1.1. EINLEITUNG
1.2. WEIBLICHKEITSBEGRIFF
1.3. TUGEND ALS DEFINITION DER FRAU
1.4. ROUSSEAUS EINFLUSS AUF DAS FRAUENBILD IM 18. JAHRHUNDERT
2.
2.1. FRAUEN IN DER LITERATUR
2.2. FRAUENFIGUREN IN DER LITERATUR DES STURM UND DRANG
2.2.1. FUNKTION DER MUTTER
2.2.2. FUNKTION DER TOCHTER
2.3. „DIE KINDERMÖRDERIN“
2.4. DIE SOLDATEN
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Bild der bürgerlichen Frau im 18. Jahrhundert sowie deren literarische Darstellung in den Dramen der Epoche des Sturm und Drang, um den Einfluss gesellschaftlicher Normen und patriarchaler Strukturen auf das Frauenbild zu beleuchten.
- Konstruktion von Weiblichkeit und Tugend im 18. Jahrhundert
- Einfluss von Jean-Jacques Rousseau auf das bürgerliche Frauenbild
- Rollenverteilung und Funktion von Mutter- und Tochterfiguren im Drama
- Thematisierung von Kindesmord und außerehelicher Sexualität
- Dekonstruktion des Tugendbegriffs in zeitgenössischen Dramen
Auszug aus dem Buch
2.2.1. Funktion der Mutter
Man könnte erwarten, dass die Mutter im Drama der Tochter zur Seite steht. Das ist jedoch nicht so. Im Drama des Sturm und Drang spielt die Mutter eine zweitrangige Rolle, manchmal ist sie schon vor Beginn des Dramas gestorben oder sie verschwindet während der Handlung, unspektakulär, wie es in der „Kindermörderin“ der Fall ist. Die Mutter ist meist negativ gezeichnet und am Unglück der Tochter mit beteiligt. Weil die Mutter dumm und naiv ist, sieht sie nicht, welcher Gefahr die Tochter ausgesetzt ist. Sie ist beeindruckt von dem Glanz des jungen Herren, der sich für ihre Tochter interessiert und hofft insgeheim, ihre eigenen Jugendträume verwirklichen zu können. Sie wird direkt oder indirekt des Kuppelns bezichtigt.
Diese Beschuldigung kommt aus dem engsten Umkreis. Während die Mutter ihrer Rolle als nicht gewachsen dargestellt wird, wird die Vater-Figur als die eines überdimensionaler Patriarchen gezeigt, der die herrschende Rolle übernimmt. Er ist der Tochter viel näher als die Mutter. Er wittert die Gefahr von weitem und seine Verzweiflung über das Unglück der Tochter ist überwältigend. Die Mutter ist von diesen tiefen Gefühlen ausgeschlossen, wenn das Schicksal die Tochter ereilt, ist sie nicht mehr da.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert den zeitlichen Rahmen der Untersuchung vom 18. Jahrhundert bis zum Sturm und Drang und erläutert das methodische Vorgehen bei der Analyse weiblicher Rollenbilder.
1.1. Einleitung: Einführung in die Problematik der fehlenden objektiven Frauengeschichte und Erläuterung der dualen Deutung von Weiblichkeit als Lebenswirklichkeit und literarische Projektion.
1.2. Weiblichkeitsbegriff: Analyse der Normierung des weiblichen Geschlechts-Charakters im Kontext der Kleinfamilie und des Ausschlusses der Frau vom aufklärerischen Menschenbegriff.
1.3. Tugend als Definition der Frau: Untersuchung der historischen Bedeutungsverschiebung des Tugendbegriffs hin zu einer engen Kopplung an weibliche sexuelle Unberührtheit.
1.4. Rousseaus Einfluss auf das Frauenbild im 18. Jahrhundert: Erörterung von Rousseaus Rolle bei der Etablierung eines komplementären Frauenbildes, das biologische und psychische Faktoren in den Vordergrund stellt.
2. 2: Übergangskapitel zur Analyse der literarischen Umsetzung von Frauenbildern.
2.1. Frauen in der Literatur: Differenzierung zwischen den Frauentypen der Gelehrten und der empfindsamen Frau in der Literatur des 18. Jahrhunderts.
2.2. Frauenfiguren in der Literatur des Sturm und Drang: Beleuchtung der Schwierigkeiten der Epoche bei der Darstellung weiblicher Figuren unter Berücksichtigung des patriarchalen Einflusses.
2.2.1. Funktion der Mutter: Beschreibung der oft negativen und zweitrangigen Darstellung mütterlicher Figuren, die häufig am Unglück der Töchter mitschuldig gemacht werden.
2.2.2. Funktion der Tochter: Analyse der Rolle der Tochter als Objekt männlichen Begehrens und als Symbol für Reinheit und Tugendkonflikte.
2.3. „Die Kindermörderin“: Dramenanalyse von Wagners Werk im Kontext der gesellschaftlichen Tabuisierung von außerehelicher Sexualität und sozialer Schande.
2.4. Die Soldaten: Untersuchung von Lenz’ Drama „Die Soldaten“ hinsichtlich der Unterwanderung traditioneller Tugendvorstellungen und der Darstellung weiblicher Autonomie.
Schlüsselwörter
Sturm und Drang, Weiblichkeit, Tugend, Aufklärung, Kleinfamilie, Geschlechterrollen, Kindermord, Patriarchat, Frauendarstellung, soziale Schande, bürgerliches Trauerspiel, Unschuld, Rousseau, Literaturanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie das Bild der bürgerlichen Frau im 18. Jahrhundert konstruiert und in der Literatur des Sturm und Drang dargestellt wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte von Tugend, der Einfluss von Rousseau auf Geschlechterrollen, die Funktionen von Mutter- und Tochterfiguren sowie die gesellschaftliche Problematik von Kindesmord und außerehelicher Sexualität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie gesellschaftliche Zwänge und patriarchale Strukturen in der Literatur zur Stigmatisierung und Unterdrückung der Frau führten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse von Dramen und zeitgenössischen Schriften, um die Konstruktion weiblicher Identität kritisch zu hinterfragen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Analyse konkreter Dramen (wie „Die Kindermörderin“ und „Die Soldaten“), der Rolle des Vaters als Patriarch und der problematischen Stellung lediger Mütter.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Sturm und Drang, Tugenddiskurs, Patriarchat, soziale Schande, Geschlechterdifferenz und bürgerliches Trauerspiel.
Warum spielt die Mutterfigur in den analysierten Dramen eine so untergeordnete Rolle?
Die Arbeit zeigt auf, dass die Mutterfiguren oft als naiv oder inkompetent dargestellt werden, um den Vater als zentralen, wenn auch repressiven Patriarchen in den Mittelpunkt der moralischen Ordnung zu rücken.
Wie unterscheidet sich Maries Schicksal in „Die Soldaten“ von anderen zeitgenössischen Dramen?
Im Gegensatz zu vielen anderen Protagonistinnen, die durch ihren „Fall“ sterben, überlebt Marie, was die Autorin als Lenz' Versuch wertet, das traditionelle Bild der Frau als Märtyrerin zu zertrümmern.
- Citar trabajo
- Inna Moltschanova (Autor), 2002, Das Bild der bürgerlichen Frau im 18. Jahrhundert und ihre Darstellung in der Literatur des Sturm und Drang, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12779