Der Skandal um Hochhuths 'Der Stellvertreter'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Basisdaten
2.1. Elementardaten
2.2. Beteiligte der Uraufführung
2.3. Inhaltsüberblick

3. Der Skandal
3.1. Vorgeschichte
3.2. Auslöser des Skandals
3.3. Die an dem Skandal Beteiligten
3.4. Die Art des Skandals
3.5. Hauptrichtungen der Debatte
3.5.1. Geschichtsverfälschung
3.5.2. Gerade von deutscher Seite
3.5.3. Befürworter des Stellvertreters
3.6. Konsequenzen des Skandals

4. Parallele
4.1. Ähnliche Probleme an anderen Orten
4.2. Skandale bei gleichem Autor, Theatermacher oder gleicher Thematik

5. Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte des Stückes, der Aufführung
5.1. Längerfristige Konsequenzen

6. Resümee

7. Quellenangaben

1. Einleitung

„Der 20. Februar 1963, an dem Rolf Hochhuths Schauspiel „Der Stellvertreter“ an der Berliner Volksbühne uraufgeführt worden ist, kann als ein historisches Datum bezeichnet werden.“[1] In der Tat ist Rolf Hochhuths Der Stellvertreter ein Phänomen: Es stellte einen bis dato völlig unbekannten jungen Schriftsteller in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, es verwandelte das Theater in einen Schauplatz der Politik und der Aktualität und löste weltweit eine leidenschaftliche Debatte aus, die bis heute ihresgleichen sucht. Alles in allem ein Skandal – wenn nicht gar der Theaterskandal des deutschen Nachkriegstheaters.

Durfte der Papst schweigen? Durfte sich Papst Pius XII. angesichts der systematischen Vernichtung der Juden in Nazideutschland und in den besetzten Gebieten hinter diplomatischen Floskeln verschanzen oder hätte er in einem Aufschrei der Menschlichkeit die Katholiken der Welt zum Widerstand aufrufen und das 1933 geschlossene Konkordat zwischen dem Dritten Reich und dem Vatikan brechen müssen? Diese Fragen stellt Hochhuth in seinem Erstlingswerk und gibt auch gleich die Antwort: Nein, er durfte nicht schweigen! Der Papst hatte als einziger die Möglichkeit erfolgreich zu protestieren und als Stellvertreter Christi auf Erden sogar die moralische Verpflichtung dazu. Der Papst als höchste moralische Institution des Abendlandes war der einzige, den Hitler noch fürchtete, er und nur er hätte den Genozid stoppen können, wenn er nicht – von ökonomischen und politischen Motiven getrieben – moralisch und menschlich versagt hätte, so Hochhuths These. In Anbetracht dieser provokanten These, sowie der Konfrontation der Deutschen mit der noch unbewältigten, nicht allzu fernen Vergangenheit erstaunen die folgenden hitzigen Diskussionen nicht. „Man hatte sofort begriffen, daß hier ein junger Dramatiker nicht nur eine unbewältigte Vergangenheit, sondern uns alle herausfordern wollte“[2] beschreibt Willy Jäggi die Situation 1963.

Angesichts der Fülle von Kritiken, Leserbriefen, Polemiken und Publikationen muß die Darstellung der Debatte um den Stellvertreter im Rahmen dieser Arbeit unvollständig bleiben. Die wichtigsten Richtungen der Debatte sollen jedoch exemplarisch dargestellt werden. Dies erscheint möglich, da „die Flut der Beiträge und die scheinbar kaum zu bewältigende Vielfalt der Meinungen in schroffem Widerspruch zu dem tatsächlichen Inhalt und der stereotypen Argumentation der 'Stellvertreter'-Debatte steht.“[3]

2. Basisdaten

2.1. Elementardaten

- Titel: Der Stellvertreter - Ein christliches Trauerspiel
- Datum: 20. Februar 1963
- Gruppe: Freie Volkbühne e. V. Berlin
- Ort: Theater am Kurfürstendamm, Berlin

2.2. Beteiligte der Uraufführung

- Autor: Rolf Hochhuth
- Regisseur: Erwin Piscator
- Bühnenbild und Kostüme: Leo Kerz
- Musikalische Einrichtung: Aleida Montijn
- Darsteller: Günther Tabor (Riccardo), Siegfried Wischnewski (Gerstein), Malte Jaeger (Fontana), Hans Nielsen (Kardinal), Dieter Borsche (Papst Pius XII.), Richard Häußler (Doktor), Ernst Ronnecker (Jacobson)

2.3. Inhaltsüberblick

Der junge Jesuitenpater Riccardo Fontana, Sekretär beim Berliner Nuntius, kämpft dafür, daß die Kirche Stellung gegen das NS-Regime und Hitler bezieht. Durch Kurt Gerstein, der seine Stellung als SS-Offizier dazu benutzt, von innen gegen das Regime zu kämpfen, erfährt Riccardo von den Greueltaten an den Juden. Riccardo sichert Gerstein eine eindeutige Stellungnahme des Papstes zu und reist nach Rom.

In mehreren Gesprächen mit einem Kardinal muß er jedoch erfahren, daß der Vatikan – selbst als es in Rom zu Deportationen kommt – sich aus politischen und wirtschaftlichen Erwägungen neutral verhalten wird. Hitler wird als der einzige angesehen, der Europa vor dem drohenden Kommunismus schützen kann. Auch eine heftige Diskussion mit dem Papst, sowie die Bitten von Riccardos Vater, der dem Papst sehr nahesteht, ändern nichts daran. Der Papst gibt sich zwar den Anschein, protestieren zu wollen, der aufgesetzte Brief erwähnt die Juden jedoch mit keinem Wort, lediglich von der Hilfstätigkeit des Papstes, die weder Religion noch Rasse kenne, ist die Rede. Riccardo ist über diese leeren Redensarten so empört, daß er sich daraufhin den Judenstern anheftet und sich ins KZ transportieren läßt, um so zumindest ein Zeichen für das Christentum zu setzen. Im KZ wird er von dem Doktor, der ihm seinen Glauben nehmen will, zur Arbeit im Krematorium eingesetzt. Gerstein versucht mit einem fingierten Befehl, Riccardo zu befreien, dieser weigert sich jedoch mit ihm zu kommen, statt seiner soll ein Jude, Jacobson, befreit werden. Die Täuschung wird jedoch vom Doktor entdeckt. Riccardo wird getötet, als er versucht, Gerstein und Jacobson durch die Ermordung des Doktors doch noch zur Flucht zu verhelfen, Gerstein wird verhaftet.

3. Der Skandal

3.1. Vorgeschichte

Bereits 1961 hatte Hochhuth sein umfangreiches Drama beendet und auch ein Verlag fand sich, Rütten und Loening in Hamburg. Eine Paperbackausgabe wurde gesetzt, allerdings nicht gedruckt, denn als die ersten Abzüge bei der Leitung des Bertelsmann-Konzerns landeten, denen der Verlag Rütten und Loening gehört, verbot diese das Erscheinen des Buches, da sie wohl eine Verfügung des Vatikans befürchtete.[4] Der Verleger Ledig-Rowohlt bekam jedoch einen Umbruch des Textes, ihn berührte das Stück sehr und er traute sich zu, es zu verlegen. Er trat mit Erwin Piscator in Verbindung erzählte ihm von der aufwühlenden Wirkung des Stücks und versprach ihm, ihm den Umbruch zuzuschicken. Piscator berichtet über dieses Telefonat:

„ […] mitten in meinen Überlegungen erreichte mich ein Telefonanruf von Herrn Ledig-Rowohlt: er habe da von seinem Freund Karl Ludwig Leonhardt ein Stück vermittelt bekommen, das Erstlingswerk eines jungen Autors, mehr eigentlich als «nur» ein Stück … es habe jeden, der es im Verlag gelesen habe, gewaltig aufgewühlt … man wisse zwar nicht, wie das Stück, da es alle Dimensionen sprenge, auf die Bühne zu bringen seiaber – falls ich Lust und Zeit zu lesen hätte, wolle man es mir nicht vorenthalten …“[5]

Piscator nahm sich die Zeit, das Stück zu lesen und zeigte sich begeistert. Dies war das Stück, auf das er für seinen Spielplan noch gewartet hatte:

„Ein ungewöhnliches, bestürzendes, erregendes, großes und notwendiges Stück – ich fühlte es schon nach der Lektüre der ersten Seiten […] Wenn ein Stück geeignet ist, zum Mittelpunkt eines Spielplans zu werden, der sich mit politisch-geschichtlichen Tatbeständen beschäftigen will: hier ist das Stück! Dieses Stücks wegen lohnt es sich, Theater zu machen, mit diesem Stück fällt dem Theater wieder eine Aufgabe zu, es erhält Wert und wird notwendig.“[6]

Hochhuth und Piscator einigten sich, eine bühnentaugliche Fassung zu erarbeiten und das Stück auf die Bühne zu bringen. Rowohlt bereitete den Druck des Buches vor, am Morgen nach der Uraufführung sollte es erscheinen.

Piscator verordnete allen Beteiligten strengste Geheimhaltung bezüglich des Themas und der Tendenz des Stellvertreters, was die Gerüchteküche erst recht zum Brodeln brachte. Es ist jedoch unzweifelhaft, daß trotz aller Bemühungen Piscators das Drama zumindest in katholischen Kreisen schon vor der Uraufführung bekannt war, auch wenn im Programmheft, das Piscator für die Tournee seiner Uraufführungsinszenierung 1963/64 durch westdeutsche Städte zusammenstellen ließ, behauptet wird, daß niemand das Stück kannte, der es nicht kennen sollte und daß die katholische Presse zugeben mußte, daß sie das Stück gar nicht kenne, gegen das sie im vorhinein polemisierte.[7] Anfang Februar meldete das Berliner Petrus Blatt schon „Bedenken gegen die gemutmaßte Tendenz“[8] des Stückes an, doch spätestens am 12. Februar müssen der Katholischen Nachrichten-Agentur mindestens Auszüge des Werkes vorgelegen haben, denn ein längerer an diesem Tag erschienener Artikel trug als Titel das Zitat Sören Kierkegaards, das Hochhuth seinem Stück vorangestellt hatte: „Nimm ein Brechmittel … du, der du dies liesest“[9] und am 16. Februar wurden Regieanweisungen und Szenenabdrucke herausgebracht.[10] Diese Textstellen werden dann auf der Bühne zwar nicht gesprochen, da Piscator sie in der neuen Fassung gestrichen hatte, die Textvorlage muß der Presse jedoch bekannt gewesen sein.

Ein solches Vorspiel zur Uraufführung wie zur Veröffentlichung eines Erstlingswerks eines jungen, unbekannten Autors muß erstaunen.

3.2. Auslöser des Skandals

Der Auslöser des Skandals ist eindeutig im Dramentext, bzw. in der darin behandelten Thematik zu sehen. Die Anklage eines erst vor kurzem verstorbenen Papstes auf der Theaterbühne mußte die Katholiken aller Länder erregen. Und über Religionsgrenzen hinweg verunsicherte die Form des politischen Gegenwartsstücks das Publikum.

Rolf Hochhuth hatte ca. 15 Jahre nach Kriegsende mit der Arbeit an seinem Stück begonnen, und 18 Jahre nach Kriegsende wurde es uraufgeführt. Die Bedeutung der Nachkriegszeit für die Rezeption kann in diesem Rahmen natürlich nicht ausreichend dargestellt werden, unbewältigte Vergangenheit ist aber sicherlich ein Schlagwort, das in diesem Kontext nicht fehlen darf. In der Kunst und den Medien waren es hauptsächlich Romanschriftsteller wie Koeppen, Böll und Andersch, die sich hiermit beschäftigten. Sie wurden zwar als eine Art Nestbeschmutzer angesehen, aber solange sie sich nur im speziellen Gebiet der Literatur bewegten, wurde dies akzeptiert. Auf den Theaterbühnen Anfang der 60er Jahre findet sich ein breites Spektrum an Stücken, vom absurden Theater über Unterhaltungsstücke bis zu den Klassikern. Aber die Realität, die politische Wirklichkeit wurde größtenteils völlig ausgeblendet. Schon 1955 hatte Friedrich Luft über diesen Zustand geschrieben:

„Jetzt wäre es an der Zeit – endlich! –, das Theater wieder ungemütlich zu machen, ehe wir uns darin so bequem gehätschelt fühlen, daß wir gar nicht merken, wie tot es im Grunde schon ist.“[11]

Acht Jahre später sollte sich dieser Wunsch erfüllen.

Die Verunsicherung des Publikums 1963, die unmittelbare Vergangenheit auf der Bühne zu sehen, beschreibt Willy Haas folgendermaßen:

„Aber das eigentlich Befremdende – ich meine, für viele Leser und vermutlich auch viele Zuschauer Befremdende – ist eben die einfache Tatsache, daß wir historische Dramen aus unserer Zeit, für unsere Zeit und beinahe auch noch über unsere Zeit nicht gewohnt sind.“[12]

Hier wurde, vielleicht zum ersten Mal in dieser Öffentlichkeit, die Schuld von den Taten auf das Wissen, von einer klar eingegrenzten Gruppe von Tätern auf die mit ihnen Verflochtenen erweitert. Darüber hinaus lebte die scheinbar so ferne Vergangenheit durch einige aktuelle Ereignisse wieder auf: 1960 wurde der letzte Kommandant von Auschwitz, Baer, verhaftet, 1962 begann in Israel der Prozeß gegen Adolf Eichmann und 1963 begann der Auschwitz-Prozeß in Frankfurt. Das alles verdeutlichte natürlich noch einmal die Brisanz und Aktualität des Stücks.

[...]


[1] Melchinger, Siegfried: Rolf Hochhuth. Velber. Hannover 1967. S. 8.

[2] Jäggi, Willy: Hochhuths Herausforderung. In: Grimm, Reinhold, Jäggi, Willy und Oesch, Hans (Hrsg.): Der Streit um Hochhuths «Stellvertreter». (Theater unserer Zeit, Bd. 5). Basilius Presse. Basel und Stuttgart 1963. S. 9.

[3] Berg, Jan: Hochhuths »Stellvertreter« und die »Stellvertreter«-Debatte. »Vergangenheitsbewältigung« in Theater und Presse der sechziger Jahre. Scriptor Verlag. Kronberg/Ts. 1977. S. 26.

[4] Vgl.: Balzer, Bernd: Rolf Hochhuth: Der Stellvertreter. Grundlagen und Gedanken zum Verständnis des Dramas. Verlag Moritz Diesterweg. Frankfurt am Main 1986. S. 15.

[5] Piscator, Erwin: Vorwort. In: Rolf Hochhuth: Der Stellvertreter. Ein christliches Trauerspiel. Mit einem Vorwort von Erwin Piscator und Essays von Karl Jaspers, Walter Muschg und Golo Mann. Rowohlt. 37. Auflage. Reinbek bei Hamburg 2004. S. 11.

[6] Piscator, Erwin: Vorwort. In: Rolf Hochhuth: Der Stellvertreter. Ein christliches Trauerspiel. S. 11 f.

[7] Vgl.: http://www.erwin-piscator.de/set-14.htm. 12.07.05.

[8] Der Spiegel 9/1963. Zit. nach Riewoldt, Otto: »Nimm ein Brechmittel, du, der du dies liesest«. Die katholische Reaktion auf Hochhuths »Stellvertreter«. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Rolf Hochhuth. Text + Kritik Bd. 58. Göttingen 1978. S. 1.

[9] Kierkegaard, Sören. Zit. nach: Rolf Hochhuth: Der Stellvertreter. Ein christliches Trauerspiel. S. 8.

[10] Vgl.: Riewoldt, Otto. In: Arnold, Heinz Ludwig. S. 1.

[11] Luft, Friedrich. Zit. nach: Balzer, Bernd. S. 9.

[12] Haas, Willy: Hochhuths «Stellvertreter» - Legende und Historie. In: Grimm, Reinhold. S. 30.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Der Skandal um Hochhuths 'Der Stellvertreter'
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V127803
ISBN (eBook)
9783640341016
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Skandal, Hochhuths, Stellvertreter
Arbeit zitieren
M.A. Anne Oppermann (Autor), 2005, Der Skandal um Hochhuths 'Der Stellvertreter', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127803

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