"The Evolution of Human Mindreading". Diskussion der Theory of Mind und Beobachtungen zum Verhalten und Denken von Primaten


Essay, 2007
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

1. Inwiefern trägt ToM zum evolutionären Erfolg bei?

Evolutionärer Erfolg[1] manifestiert sich stets in reproduktivem Erfolg, selbst wenn das Ziel der Genweitergabe – vor allem beim Menschen - nicht immer direkt und vordergründig ersichtlich ist und stattdessen dem Primärziel (erfolgreiche Reproduktion) häufig unterstützende Sekundärziele vorgeschaltet sind. Im Lichte dieser Sekundärziele lassen sich nicht nur Fortpflanzungsstrategien evolutionär deuten, sondern auch Emotionen wie Trauer, Angst und Eifersucht (Meyer, Schützwohl & Reisenzein, 2003) sowie spezifisch menschliche Verhaltensweisen, wie erhöhte Risikobereitschaft und Misserfolgstoleranz des Mannes (Bischof-Köhler, 2006). Die Evolutionspsychologie stellt demnach keine Teildisziplin der Psychologie dar, sondern eine wissenschaftliche, auf alle Teilaspekte menschlichen Erlebens und Verhaltens anwendbare Herangehensweise, die menschliche Phänomene unter ultimater (Wozu hat sich eine Eigenschaft / eine Verhaltensweise entwickelt?) und proximater (Welche Mechanismen haben sich dazu herausgebildet?) Fragestellung deutet (Bischof-Köhler, 2006).

Je höher das Lebewesen entwickelt ist und je stärker der Einfluss von Zivilisation und Kultur ist, desto mehr treten die dem Fortpflanzungserfolg vorgeschalteten Sekundärziele in den Mittelpunkt und desto latenter zeigt sich der eigentliche Reproduktionstrieb. Die gesamte Lebenskomplexität höher entwickelter Säugetiere (im Besonderen: Primaten) lässt sich insofern im Hinblick auf ihre evolutionäre Bedeutung analysieren und deuten.

Die proximate Fragestellung beschäftigt sich dabei mit evolutionär psychischen Mechanismen (EP-Mechanismen), die nach Buss (1995) existieren, um ein spezifisches Problem des Überlebens oder der Reproduktion zu lösen, das im Laufe der evolutionären Menschheitsgeschichte immer wiederkehrte.

Vor diesem Hintergrund kann auch die Theory of Mind (im Folgenden ToM), d.h. die Fähigkeit, anderen Menschen mentale Zustände, wie Wünsche, Ziele oder Absichten zuzuschreiben, berechtigterweise als EP-Mechanismus bezeichnet werden, der sich unter spezifischen Umweltbedingungen entwickelt hat und für menschliche und nicht-menschliche Primaten zum evolutionären Erfolg beitragen konnte (Brüne & Ribbert, 2002).

Für die Spezies Homo Sapiens wird die Notwendigkeit eines solchen Mechanismus’ deutlich, wenn man sich ihre soziale Lebenswelt vor Augen führt: Da „menschliche Gemeinschaften (…) komplexer und verschiedenartiger als die jeder anderen Spezies [sind]“ (Bjorklund, 1997, S. 153, zitiert in Siegler, DeLoache & Eisenberg, 2005, S. 496), sind erfolgreiche soziale Interaktionen und Beziehungen für Menschen zwangsläufig ein wesentlicher Lebensbestandteil von evolutionärer Bedeutung.

Eng verknüpft mit sozialen Interaktionen und Beziehungen und von zentraler Bedeutung für das erfolgreiche (Über-)Leben in menschlichen Lebensgemeinschaften, die – das legt die Betrachtung der Anthropogenese nahe – zunehmend den Status einer reinen Zweckgemeinschaft überwunden haben, ist die Fähigkeit der Verhaltensantizipation, das Verständnis für Motive und Intentionen von Artgenossen und die Befähigung zur Verhaltensmanipulation (Brüne & Ribbert, 2002).

Ein Rekurs auf die spezifisch menschliche Fähigkeit der Zeitrepräsentation (Bischof, 2001) macht deutlich, warum besonders für die Spezies Mensch das Verständnis nicht direkt beobachtbarer mentaler Zustände so entscheidend ist: eine Konsequenz der Fähigkeit zur Zeitrepräsentation ist die Unterdrückung aktueller Bedürfnislagen: damit vorgestellte, zukünftige Bedürfnisse auf aktuelles Handeln wirken können, müssen im Gegenzug aktuelle Motivationslagen unterdrückt werden können. Mit Hilfe der exekutiven Kontrolle werden zu diesem Zweck Triebe durch „emotionale Appelle“ (Bischof, 2001) ersetzt. Die Fähigkeit, aktuelle Bedürfnislagen zu unterdrücken, hat zur Folge, dass wesentliche Motivationen und Intentionen menschlichen Verhaltens in das für den Beobachter nur indirekt zugängliche Innere verlagert werden. An diesem Punkt setzt meiner Meinung nach die Notwendigkeit einer ToM an, die als Interpretationshilfe menschlichen Verhaltens wirkt, indem sie Zugang zu ansonsten für Außenstehende unergründlichen mentalen Zuständen verschafft.

Menschliches Zusammenleben bedingt letztlich auch stets eine Abhängigkeit voneinander, die dazu führt, dass soziale Prozesse gleichzeitig Tausch-Prozesse sind (Lévi-Strauss, 1970; zitiert in Bischof, 2001) und voraussetzen, dass Intentionen, Wünsche und Ziele der Interaktionspartner durchschaut werden können.

Der evolutionäre Erfolg einer ToM für menschliche Primaten steht darüber hinaus auch im Zusammenhang zu seiner Fähigkeit zum sozialen Lernen von anderen Menschen, laut

Csibra & Gergely (2006; zitiert in Grossmann & Johnson, 2007) eine der bedeutsamsten menschlichen Adaptationen. Die Besonderheit sozialen Lernens ist darin begründet, dass es in vielen Fällen implizit ohne explizite Unterweisung erfolgt und insofern ein Verständnis der den direkt beobachtbaren Handlungen zu Grunde liegenden Intentionen, Absichten und Motiven voraussetzt. Soziales Lernen an sich ist wiederum die Grundlage allen kulturellen und technischen Fortschritts und somit evolutionär bedeutsam.

Die allzu oft unterschätzte (evolutionäre) Bedeutung sozial – kognitiver Fähigkeiten für reibungsloses menschliches Zusammenleben und –wirken zeigt sich besonders eindrücklich bei Personengruppen mit diesbezüglichen Einschränkungen; u.a. Menschen mit Autismus, die ein starkes Defizit im sozial–kognitiven Bereich aufweisen und dementsprechend in ihren sozialen Fertigkeiten merklich eingeschränkt sind. Wenn auch das Symptom des Autismus nicht ausschließlich auf mangelnde sozial-kognitive Kompetenzen reduziert werden darf, so wird dennoch eindrücklich deutlich, welchen bedeutsamen sozialen Vorteil diese Fähigkeit auf das menschliche Zusammenleben ausübt.

Auch für nicht-menschliche Primaten sind die Vorläufer einer ToM mit evolutionärem Erfolg verknüpft. Allerdings scheint sich der Nutzen in diesem Fall vor allem positiv auf kompetitive Situationen (Konkurrenz um begrenzte Futterressourcen etc.) und nicht auf das Zusammenleben an sich auszuüben. Mehr zu evolutionärem Erfolg durch eine ToM im Zusammenhang mit den Fragen 4 und 5.

2. Sicht 1: Wenn es für ToM spezialisierte Hirnareale gibt, so spricht dies für angeborene Module. Ist diese Sichtweise notwendigerweise richtig? Welche Einwände / Alternativen hierzu lassen sich formulieren?

Der uneingeschränkten Sichtweise, dass spezialisierte ToM-Hirnareale zwangsläufig für angeborene Module sprechen, muss eindeutig widersprochen werden:

Häufig findet man in der neurokognitiven Forschung spezialisierte Hirnareale, sog. Module, die für eine spezifische Verhaltensweise etc. verantwortlich sind. Um daraus die korrekte Schlussfolgerung ziehen zu können, dass diese Module angeboren sind, reicht jedoch eine querschnittliche Untersuchung nicht aus. Vielmehr ist es notwendig, den längsschnittlichen Entwicklungsverlauf zu verfolgen, der u.U. Aufschluss darüber liefern kann, ob die Fähigkeit schon von Geburt an vorgelegen hat. Die Spezialisierung alleine ist also weniger aussagekräftig als die tatsächliche Performanz Während nämlich die Spezialisierung bestimmter Hirnareale tendenziell eher ein typisches Erwachsenenphänomen ist, findet sich bei Kindern häufig eine diffuse, großflächige neuronale Aktivierung. Im Laufe der Entwicklung kommt es auf Kosten der Breite der Fähigkeiten (vgl. Lauterkennung während frühen Spracherwerbsphasen) zu einer neuronalen und häufig auch funktionalen Spezialisierung.

Die Frage nach der Nativität einer Fähigkeit sieht sich stets mit dem Problem konfrontiert, dass angeborene Module nicht zwangsläufig von Geburt an wirksam werden, sondern meist eine gewisse Latenzzeit aufweisen; bis zum Auftreten einer durch angeborene neuronale Module gesteuerten Kompetenz ist zunächst häufig adäquater Input notwendig (vgl. Spracherwerb!).

Aus diesem Grund sind klassische Kontroversen über die Nativität einer kindlichen Fähigkeit (u.a. Sprache) bis zum heutigen Zeitpunkt oft noch nicht endgültig geklärt.

3. Worin liegen die Chance, worin die Probleme bei der Untersuchung von ToM in nicht-sprachlichen Individuen, wie z.B. nicht-menschlichen Primaten?

Die Untersuchung von ToM in nicht-sprachlichen Individuen ermöglicht es, invasive Forschungsmethoden, wie die Einzelzellableitung, einzusetzen, welche ein umfassendes und tief gehendes Verständnis der sozial-kognitiven Zusammenhänge ermöglichen. Die Untersuchungen an menschlichen Primaten hingegen sind naturgemäß an ethische Grenzen gebunden, welche die Wahl der Forschungsmethoden einschränken. Nicht-invasive Methoden, d.h. Methoden, die kein Eindringen unter die Körperoberfläche erfordern, sind stets mit dem Nachteil behaftet, dass ihre Genauigkeit limitiert ist und beispielsweise beim fMRI kleine sowie benachbarte neuronale ToM-Areale nicht differenziert zugeordnet werden können. Darüber hinaus lassen sich durch bildgebende Verfahren die Funktionen räumlich getrennter, jedoch gleichzeitig durch verschiedene kognitive Prozesse aktivierter Gehirnregionen nicht zweifelsfrei bestimmten (Santos, Flombaum & Philipps, im Druck)

Die Ergebnisse nicht-invasiver Methoden sind deswegen oft unbefriedigend unpräzise und lassen dadurch viel Raum für Spekulation und Interpretation, da die Zuordnung der gewonnenen Signale (z.B. durch fMRI oder EEG-Messungen) zu den tatsächlichen Entstehungsorten nicht eindeutig ist. Invasive Methoden erlauben hingegen eine direkte Zuordnung, indem sie etwa bei der Einzelzellableitung neuronale Signale direkt vom Ursprungsneuron ableiten.

Untersuchungen an nicht-sprachlichen Primaten bieten jedoch nicht nur eine Chance in der Grundlagenforschung, sondern auch in Anwendungsgebieten; u.a. besteht die Möglichkeit, neuropharmakologische Behandlungsmethoden für klinische Störungsbilder, wie z.B. Autismus, zu entwickeln und zu testen. Befunde von Santos et al. (im Druck) legen darüber hinaus nahe, dass nicht-menschliche Primaten interessanterweise auch in den Aufgaben erfolgreich sind, an denen autistische Kinder scheitern. Komparative Vergleiche der neuronalen Aktivierung zwischen beiden Versuchsgruppen könnten Aufschluss darüber geben, welche Gehirnareale für das Autismus-Syndrom verantwortlich sind.

Mit Hilfe der Ergebnisse der Untersuchungen von ToM-Kompetenzen an nicht-sprachlichen Primaten könnte so ein neuronales Primaten-Modell erstellt werden, das auf menschliche ToM-Fähigkeiten anwendbar ist.

Die Übertragung von Ergebnissen aus nicht-menschlichen Primatenexperimenten auf den Menschen setzt allerdings eine möglichst große neuronale, funktionale und phänomenologische Ähnlichkeit der untersuchten Kompetenzen voraus. Erforscht man also ToM-Kompetenzen bei menschlichen und nicht-menschlichen Primaten, gilt es sicher zu stellen, dass zum einen phänomenologisch identische Kompetenzen (z.B. Joint Attention – Fähigkeiten) die gleiche neuronale Basis haben und zum anderen muss die Frage beantwortet werden, ob phänomenologisch unterschiedliche Verhaltensweisen die gleiche neuronale Basis aufweisen, d.h. evtl. die Tiefenstruktur identisch ist und sich nur die Oberflächenstruktur unterscheidet.

[...]


[1] Allgemeine Anmerkung zur Vorgehensweise: für die Beantwortung der Fragen wurden je nach Eignung folgende drei Methoden herangezogen: (1) Textarbeit bei textnahen Fragen, (2) Literaturrecherche bei Fragen, deren Beantwortung ein fundiertes Grundwissen erforderten, (3) eigene Überlegungen auf Grundlage der mir bekannten Forschungsbefunde.

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Details

Titel
"The Evolution of Human Mindreading". Diskussion der Theory of Mind und Beobachtungen zum Verhalten und Denken von Primaten
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Seminar "Sozial – kognitive Entwicklung"
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V127830
ISBN (eBook)
9783640349258
ISBN (Buch)
9783640349630
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Essay, Evolution, Human, Mindreading, Platek, Evolutionary, Cognitive, Neuroscience, Cambridge, MIT-Press
Arbeit zitieren
Franziska Roßmann (Autor), 2007, "The Evolution of Human Mindreading". Diskussion der Theory of Mind und Beobachtungen zum Verhalten und Denken von Primaten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127830

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