Ist der eindimensionale Mensch Marcuses eine Weiterführung des letzten Menschen bei Nietzsche?


Seminararbeit, 2008

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einführung

2.) Der letzte Mensch in „Also sprach Zarathustra“
2.1) Theoretischer Hintergrund: Der Tod Gottes und der Nihilismus
2.3) Der letzte Mensch

3.) Marcuse
3.1) Der eindimensionale Mensch und die Technik
3.2) Die Eindimensionalität der Sprache
3.3) Repressive Toleranz
3.4) Konsequenz der Eindimensionalität: Revolutionsverzicht

4.) Schnittpunkte und Unvereinbares
4.1) Das „göttliche Leben ohne Gott“
4.2) Falsche Bedürfnisse
4.3) Wege zum letzten und eindimensionalen Menschen
4.4) Ausbruch aus der Gesellschaft

5.) Fazit

Literaturverzeichnis

1.) Einführung

Das Pendel der philosophischen Reflexion schwingt zwischen gesellschaftlicher Utopie und Dystopie und im Mittelpunkt dieser Analyse steht zumeist der Mensch und die ihn umgebende Gesellschaft. Falls das Pendel in die Richtung der Utopie schwingt, entstehen Bilder einer Gesellschaft, die eine positive Entwicklung durchmacht oder durchmachen wird, wie sie z.b. im Fortschrittsglauben des Positivismus zu finden ist. Im gegenteiligen Fall ertönen Kassandrarufe, die der Gesellschaft eine Zukunft voraussagen, die voll von schwarzmalerischen Bildern ist. Exemplarisch hierfür kann die „Dialektik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno gelten.

Doch es gibt gleichermaßen philosophische Denkrichtungen, die sich nicht auf eine starr prognostizierte Zukunft festlegen, sondern proklamieren, dass der Zustand der Gesellschaft sich zu beiden Seiten hin auflösen kann. Letzteres ist der Fall vor allem bei Friedrich Nietzsche und Herbert Marcuse. Sowohl bei Nietzsche, in seinem Monumentalwerk „Also sprach Zarathustra“, als auch bei Marcuse, in „Der Eindimensionale Mensch“, steht die Gesellschaft entweder vor einem Wandel oder macht ihn gerade durch. Beide Philosophen lassen in ihrer Analyse kein gutes Haar an den bestehenden Verhältnissen. Aber sie geben sich mit einer harschen Kritik nicht zufrieden, sondern entwerfen Gegenkonzepte. Jedoch gilt für beide in gleicher Weise, dass sie die Entwicklung der Gesellschaft mit Sorge betrachten, da die Anzeichen eher dafür sprechen, dass sich die Menschen für die negative Option entscheiden würden.

In der vorliegenden Arbeit sollen die Ähnlichkeiten der beiden Denker untersucht werden und zwar gerade im Hinblick auf dieses dystopische Element. Ginge es darum, die Sichtweise von Nietzsche und Marcuse aphoristisch auf den Punkt zu bringen, genügt ein Verweis auf Albert Einstein: „Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein.“ „Also sprach Zarathustra“ entstand zwischen 1883 und 1885, „Der eindimensionale Mensch“ hingegen wurde im Jahre 1964 geschrieben. Trotz dieser zeitlichen Differenz von ca. 80 Jahren scheint es auf den ersten Blick so, als ob der eindimensionale Mensch Marcuses genau den Kriterien eines letzten Menschen bei Nietzsche entspricht. Damit dieser Vergleich, Ähnlichkeiten in der Philosophie Nietzsches und der Marcuseschen Konzeption herauszufinden, ein fruchtbarer ist, gilt es, die Essenzen der jeweiligen Postulate herauszukristallisieren und in Beziehung zueinander zu setzen.

2.) Der letzte Mensch in „Also sprach Zarathustra“

Zarathustra wird gleich zu Beginn seiner Vorrede als Mensch eingeführt, der in die Berge ausgewandert ist. Zu den Gründen seiner Auswanderung erfährt der Leser mehr, als Zarathustra während seines Abstiegs einem alten Greisen begegnet, dem Zarathustras Wandlung direkt ins Auge springt und den Greis zu folgendem Spruch verleitet: „Nicht fremd ist mir dieser Wanderer: vor manchem Jahre gieng er hier vorbei. Zarathustra hieß er; aber er hat sich verwandelt. Damals trugst du deine Asche zu Berge: willst du heute dein Feuer in die Thäler tragen?“[1] Zarathustra ist also ein Zivilisationsflüchtling, der nach zehnjähriger Askese schließlich zu der Überzeugung gelangt, dass das Prinzip des Menschsseins nur dann funktioniert, wenn die Weisheit, das „Feuer der Erkenntnis“, weitergegeben wird. Erst nach dieser Einsicht beginnt sein Abstieg ins Tal, denn „Zarathustra will wieder Mensch werden.“[2] Erwähnenswert in diesem Kontext ist noch, dass sich im Laufe des Dialogs herauskristallisiert, dass der alte Greis noch nichts vom Tode Gottes, eine Formel, die später noch zu erörtern sein wird, gehört hat. Somit ist der alte Greis gleichsam als Symbol eines mittlerweile archaischen Glaubens zu verstehen, das sein Heil in der Flucht vor den Menschen, hin zu Gott, sucht.

Zarathustra gelangt in die nächstgelegene Stadt und sieht eine Menschentraube auf dem Marktplatz versammelt, während sie auf eine artistische Einlage eines Seiltänzers wartet. Zarathustra hingegen sieht seine Chance gekommen und beginnt mit seiner Rede zum Volk: „Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?“[3] Noch bevor Zarathustra seine Lobesrede an den Übermenschen beenden kann, wird er von den Dorfbewohnern unterbrochen und ins Lächerliche gezogen. Irritiert, jedoch in seinem Wunsch, alle Dorfbewohner an seinem Wissen teilhaben zu lassen, setzt er erneut an, um den Dorfbewohnern den Übermenschen näher zu bringen. Am Ende seiner Rede angekommen, stößt er auf erneutes Unverständnis und bemerkt, dass er auf diese Weise keine Sympathie gewinnen kann. Also versucht er es über das antipodische Gegenstück des Übermenschen, dem letzten Menschen. Der letzte Mensch wird charakterisiert als Massenmensch, der sich in seinem Dasein als Massenmensch vollends genügt und seinen Lebenssinn ebenfalls einzig und allein in einem Dasein als Massenmensch findet. Auf die spezifische Charakterisierung wird später noch genauer einzugehen sein, wichtig ist zu diesem Zeitpunkt lediglich die diametrale Ausrichtung der Zukunftsvisionen Zarathustras für das Menschengeschlecht. Entweder man entwickelt sich zum Übermenschen hin oder aber zum letzten Menschen, so Zarathustra. Doch wie kommt die Menschheit überhaupt an diesen Scheideweg? Hierzu ist es unvermeidbar sich in einem kurzen und prägnanten Exkurs mit dem Nihilismus Nietzsches auseinander zu setzen.

2.1) Theoretischer Hintergrund: Der Tod Gottes und der Nihilismus

Der Nihilismus bezeichnet eine Denkschule, die davon ausgeht, dass vermeintliche Errungenschaften der Menschheit in realiter nicht existent seien. Es gebe keine objektiven Kriterien, anhand derer man einen Sinn des Lebens ableiten könne. Die christlichen Gebote eines gottgefälligen Lebens werden somit hinfällig. Der Weg zum Nihilismus führt unweigerlich über Nietzsche, der sich in seiner fundamentalen Kritik als gedanklicher Wegbereiter für Sigmund Freud, C.G. Jung und die moderne Psychoanalyse im Allgemeinen entpuppt, betont er doch immer wieder den kausalen Zusammenhang zwischen den menschlichen Trieben und der zivilisatorischen Entwicklung. „Alles Streben des Menschen besteht, wie das eines jeden Lebewesens, darin, von der Natur eingepflanzte Triebe und Instinkte in der besten Weise zu befriedigen. Wenn die Menschen nach Tugend, Gerechtigkeit, Erkenntnis und Kunst streben, so geschieht dies deshalb, weil Tugend, Gerechtigkeit und so weiter Mittel sind, durch die die menschlichen Instinkte sich so entwickeln können, wie es deren Natur entsprechend ist. [...] Es ist nun eine Eigentümlichkeit des Menschen, daß er diesen Zusammenhang seiner Lebensbedingungen vergißt und jene Mittel zu einem naturgemäßen, machtvollen Leben als etwas ansieht, dan an sich einen unbedingten Wert hat.“[4] Dieser geniale Gedankengang Nietzsches ist in seiner Bedeutung kaum zu unterschätzen. Durch die Verneinung eines Wertes, der an sich zu gelten habe, bestreitet Nietzsche gleichermaßen, dass es objektive Instanzen, Richtwerte und dergleichen geben kann. Die Moral wird somit nicht als etwas Externes aufgefasst, dass der Mensch im Laufe seines Lebens internalisiert, sondern im Gegenteil als a priori intrinsischer Wert. Nicht, weil es eine Moral gibt, handelt der Mensch diesen moralischen Prinzipien entsprechend, sondern weil die Triebe des Menschen ein moralisches Lebens bedürfen, gibt es die Moral, nach der sich der Mensch wiederum ausrichtet. „Seine Leistung bestand in der rücksichtslosen, selbstzerfleischenden Aufdeckung der Irrtümer und Selbsttäuschungen, die sich in den alltäglichen Vorstellungen, in die moralischen Überzeugungen und Idealbildungen einschlichen. Er entdeckte, wie C.G. Jung mit Recht betont hat, dass die Ideale 'uneigentliche Ausdrücke für verheimlichende Motive' waren.“[5] Der Trick ist, dass der Mensch diesen Prozess ausklammert und somit nicht mehr weiß, dass er selbst es gewesen ist, der diese Anforderungen an sich selbst gestellt hat. Nietzsche durchschaute diesen Mechanismus und gelangte zu Erkenntnissen, die das damalige Weltbild zutiefst erschütterten.

Das Wissen, dass es keine objektive Moral gibt, dass es keinen Wert an sich gibt, heißt zu Ende gedacht nichts anderes, als dass selbst die bis dato höchste Instanz, nach der sich das gesamte Christentum und deren Anhänger[6] gerichtet haben, also Gott selbst zu einer Imagination der Menschen wird. „Solange die Existenz Gottes noch als selbstverständlich anerkannt wurde, solange war auch der Sanktionsgrund der Moral gesichert. Erst nach dem „Tode Gottes“, d.h. nach dem Wegfall der die Moral sanktionierenden Gottes idee, ist die Notwendigkeit, daß es Moral im Sinne unbedingter Verpflichtung geben soll, nicht mehr einsehbar.“[7] Und: „Mit dem «Tode Gottes» fällt für Nietzsche der letzte Grund der Metaphysik und der oberste Wert der westlichen Kultur. Die gerät aus den Fugen. Oben und unten gelten nicht mehr. Die letzte Konsequenz aus dem «Tode Gottes»- ist der Nihilismus, daß nichts mehr gilt und alles gleichgültig wird.“[8]

[...]


[1] Nietzsche, F.: Also sprach Zarathustra, in: Colli, G./Montinari, M. (Hg.): Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke - Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, 2., durchgesehene Aufl., Band 4, 1988, S.6.

[2] ebenda, S. 12.

[3] ebenda, S. 14.

[4] Steiner, R.: Friedrich Nietzsche - Ein Kämpfer gegen seine Zeit, 1963, S. 38.

[5] Frey-Rohn, L.: Jenseits der Werte seiner Zeit. Friedrich Nietzsche im Spiegel seiner Werke, 1984, S. 62.

[6] Dieses Argument gilt natürlich in gleicher Schärfe für jede andere Religion.

[7] Ries, W.: Friedrich Nietzsche: Wie die ‚wahre Welt’ endlich zur Fabel wurde, 1977, S. 53. Auch wenn Ries diesen Kommentar auf Jenseits von Gut und Böse bezieht, ist der Grundtenor im Zarathustra der gleiche.

[8] Ottmann, H.: Geschichte des politischen Denkens. Von den Anfängen bei den Griechen bis auf unsere Zeit, Band 3/1 - Die Neuzeit. Von Machiavelli bis zu den großen Revolutionen, 2006, S. 249.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Ist der eindimensionale Mensch Marcuses eine Weiterführung des letzten Menschen bei Nietzsche?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Politisches Denken bei Friedrich Nietzsche
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V127838
ISBN (eBook)
9783640342808
ISBN (Buch)
9783640342600
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsche, Marcuse, Kritische Theorie, Frankfurter Schule, letzter Mensch, Übermensch, Eindimensionalität, Gott ist tot, Gottestod
Arbeit zitieren
Hakan Tanriverdi (Autor), 2008, Ist der eindimensionale Mensch Marcuses eine Weiterführung des letzten Menschen bei Nietzsche?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127838

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