Kindheit im Mittelalter in Stadt und Land


Seminararbeit, 2006
28 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Vorwort

2. Die Einstellung zur Zeugung und das Bild des Kindes in der Kultur des Mittelalters

3. Drei Phasen der Kindheit im Mittelalter

4.1. Das Stillen
4.2. Ammen

5. Kindsaussetzung und Kindsmord

6. Erziehungsziele und Erziehungsmethoden

7. Kindeserziehung in der Stadt

8. Kindeserziehung am Land

9. Kinderspiel und Kinderspielzeug

10. Schlussbemerkung

11. Literaturverzeichnis:

1. Vorwort

Da ich Geschichte und Englisch Lehramt studiere, habe ich in den pädagogischen Kursen bereits sehr viel über Kindeserziehung, bzw. über Erziehungsziele und Erziehungsmethoden gehört. Aus diesem Grund fesselte mich die Fragestellung nach der Kindheit im Mittelalter. Besonders interessiert haben mich hierbei die Bildungsmöglichkeiten der Kinder des Mittelalters, sowie deren Freizeitbeschäftigung – sprich das Spiel.

Ursprünglich wollte ich in meiner Arbeit den Schwerpunkt auf Mädchen des Mittelalters setzen. Es gelang mir aber nicht immer die speziellen Aspekte der Mädchen hervorzuheben. Der Grund dafür ist die Sekundärliteratur, die in dieser Hinsicht ein großes Manko aufweist. Der Großteil der Untersuchungen bezieht sich immer auf die Jungen, und Mädchen werden – wenn überhaupt – nur am Rande erwähnt.

Auch wenn das Thema „Kindheit im Mittelalter“ sehr interessant klingt, gibt es dazu bis dato nur sehr wenig Literatur, was unter anderem daran liegt, dass mit der Erforschung dieser Thematik erst in den 1960er Jahren begonnen wurde. Philippe Ariès, ein französischer Arzt und Statistiker, legte mit seiner Abhandlung „L’enfant et la vie familiale sous l’ancien règime“ im Jahre 1960 den Grundstein dazu. Eigentlich bezieht sich diese Studie auf den französischen Raum, doch als 1975 die deutsche Übersetzung publiziert wurde, verzichtete man im Titel auf die Schwerpunktsetzung Frankreichs, wodurch das Buch „Kindheit im Mittelalter“ großes Interesse nach sich zog. Man kann also von einer Beschäftigung mit dieser Thematik in seiner Gesamtheit erst seit Ariès sprechen. Dadurch avancierte er auch zum geistigen Vater der „Kindheit im Mittelalter“.

Weitere Bücher zu diesem Thema sind „Kind und Gesellschaft in Mittelalter und Renaissance“ von Klaus Arnold (mit sehr interessanten Textquellen im Anhang), und „Kindheit im Mittelalter“ von Shulamith Shahar. Beide Autoren kritisieren Ariès, weil sich seine Aussagen oftmals widersprechen. Sie widerlegen auch wesentliche Theorien Ariès, zum Beispiel die Behauptung, dass es Kindheit im Mittelalter überhaupt nicht gab, oder die These, dass Eltern des Mittelalters keine, bzw. nur sehr wenig Gefühle für ihre Zöglinge hegten.

Diese drei Bücher sind auch die wesentlichen Literaturbezüge für meine Seminararbeit, da die „Kindheit im Mittelalter“ in anderen Büchern nur in ein, zwei Sätzen abgehandelt wird.

Im ersten Kapitel werde ich mich mit der Einstellung der damaligen Bevölkerung zur Zeugung beschäftigen. Hier werde ich der Frage nachgehen, ob eine reiche Kinderschar im Mittelalter als Segen angesehen wurde, oder ob Kinder generell eher unerwünscht waren.

Danach versuche ich die Frage zu beantworten, ob es im Mittelalter überhaupt eine Kindheit gab. Diese Frage ist auch eng verbunden mit der Einteilung der Kinder in die jeweiligen Phasen der Kindheit.

Das folgende Kapitel über das Stillen mag zuerst vielleicht nebensächlich erscheinen, ist aber sehr wesentlich in Bezug auf die Ammen, deren Hilfe bei der Aufzucht der Kinder unbestritten ist.

Weniger erfreuliche Themen stellen dann Kindsaussetzung und Kindsmord dar. An dieser Stelle sei dahingestellt ob es sich um geistesschwache oder einfach nur verzweifelte Eltern handelte, die ihre offenbar unerwünschten Kinder vor den Toren der Klöster aussetzten oder sie in ihrer Not sogar töteten.

Weiters setze ich mich dann mit den Erziehungszielen und Erziehungsmethoden auseinander. Erziehungsziele sind deshalb so interessant, weil sie Aufschluss über die jeweilige Gesellschaft geben. Die Wege zur Erreichung dieser Ziele können vielfältig sein. Ruft man sich aber das Attribut eines typischen Lehrers des Mittelalters - die Rute - ins Gedächtnis, dann wird man wohl davon ausgehen können, dass die Erziehungsmethoden des Mittelalters wohl bei weitem nicht so liberal waren wie heute.

Im Anschluss versuche ich die Kindeserziehung der jeweiligen Schichten in der Stadt zu beleuchten, gefolgt von der Erziehung der Bauernkinder.

Abschließend beschäftige ich mich noch mit dem Kinderspiel, bzw. mit Kinderspielzeug. Das Spiel ist heute, im Gegensatz zum Mittelalter, ein wesentliches Charakteristikum der Kindheit. Damals war das Spiel für alt und jung eine willkommene Freizeitbeschäftigung. Trotzdem gab es Spielzeuge, die den kleinsten unter ihnen vorbehalten waren.

2. Die Einstellung zur Zeugung und das Bild des Kindes in der Kultur des Mittelalters

Viele weltliche Autoren des Mittelalters ignorierten die Thematik der Kindheit. Falls die - zumeist männlichen - Schriftsteller doch einmal auf dieses Thema zu sprechen kamen, dann hatten sie für Kinder meist kein gutes Wort übrig. Ihrer Meinung nach bereiten Kinder ihren Eltern und ihrer Umwelt großteils nur Sorgen. Wenn sie klein sind, dann schreien und stinken sie und man muss sich ununterbrochen um sie kümmern. Wenn sie größer werden, dann muss man sie davor bewahren Unfug zu betreiben, und wenn sie dann endlich groß sind, muss man ihre Missetaten wieder ausmerzen.[1]

Andere Autoren, wie Aristoteles und Thomas von Aquin, waren der Meinung, dass die Zeugung von Nachkommen in einem Naturtrieb verankert sei. Philipp von Novara, sowie einige andere Schriftsteller, rechtfertigten den Kinderwunsch mit dem Streben nach seinem Ableben Spuren auf der Welt zu hinterlassen. Bekanntlich wünschte sich damals jeder Adeliger einen Sohn zum Erben, und Bauern wollten sich auch im Alter durch viele helfende Hände absichern. Im Vergleich zum alten Rom, wo Kinder das Eigentum ihrer Väter waren, galten sie im Mittelalter nun aber als Geschenk Gottes.[2]

Auch die Ansicht der Kirche war, was Kinder betraf, gespalten. Einige Geistliche sahen in Kindern das personifizierte Böse: Kinder kosten ihren Eltern nur Geld und Zeit. Anstatt sich um das Wohl seiner Kinder zu kümmern wäre es ihrer Meinung nach anständiger sein Geld für Almosen und natürlich für Kirchenspenden zu verwenden. Im Falle der Kinderlosigkeit hätte man zudem mehr Zeit um Gutes zu tun.[3]

Augustinus von Hippo glaubte, ein Kind würde in Sünde geboren, da es durch sündigen Geschlechtsverkehr der Eltern entstanden sei. Die Vertreter seiner Ansicht machten lediglich bei Christus eine Ausnahme, da dieser durch eine unbefleckte Empfängnis zur Welt gebracht wurde. Weiters war man der Überzeugung, dass Säuglinge unvollkommen seien, da es ihnen an Körperbeherrschung, Vernunft, sowie an Wahrnehmung fehlt. Noch schlimmer als Säuglinge waren in den Augen dieser Autoren Jugendliche: Bei Heranwachsenden entwickelt sich zwar Vernunft, jedoch wird diese überschattet von den sich ebenfalls entwickelten Trieben.[4]

Andererseits rief das Christentum seit jeher dazu auf, das menschliche Leben zu achten. Es verurteilte die Abtreibung sowie die Tötung Neugeborgener, ob das Kind nun gesund oder behindert, ehelich oder unehelich war. Sogar im Falle einer zum Tode verurteilten, schwangeren Frau wurde die Hinrichtung bis nach der Geburt aufgeschoben. Zudem gehörten zu einer Hochzeitszeremonie auch damals schon Segenswünsche für eine reiche Kinderschar.[5] Außerdem berief man sich zu jeder Zeit auf die Worte Christi:

„Amen, das sage ich euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen. Wer so klein sein kann wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte. Und wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf.“[6]

Dieser Bibelstelle zufolge ist die Kindheit „die Zeit der Reinheit, der Unschuld und des Glaubens“.[7]

Der heilige Augustinus vermag vielleicht zwischen der negativen und der positiven Haltung als Vermittler zu fungieren. Seiner Ansicht nach werden Kinder, wie ich bereits zuvor erwähnt habe, zwar in Sünde geboren und von Trieben geleitet. Trotzdem sind sie, seiner Überzeugung zufolge, nach der Taufe aber unschuldiger als Erwachsene.[8]

3. Drei Phasen der Kindheit im Mittelalter

Im Mittelalter unterteilte man die Kindheit in drei Phasen: infantia, pueritia und adolescentia.

Die erste Entwicklungsstufe – die infantia – beschreibt das Säuglingsalter und die frühe Kindheit. Das Säuglingsalter dauerte im Mittelalter von der Geburt bis ca. zum zweiten Lebensjahr, daher so lange, bis das Kind die ersten Schritte macht und die ersten Worte sagt. Besonders wichtig bei der Zuordnung in die einzelnen Entwicklungsstufen war die Ausbildung der Zähne. In Texten des Mittelalters wird oft nicht das Alter eines Kindes angegeben, sondern das Alter beschrieben: anstatt von einem zweijährigen Kind zu sprechen, wurde also festgehalten, dass das Kind nun alle seine Zähne besaß. Für Prediger dieser Zeit dauerte die infantia bis zum siebten Lebensjahr, da Kinder bis zu diesem Alter vollkommen von ihren Eltern abhängig waren. Eltern wurden in Predigten immer wieder dazu angehalten sich in dieser Zeit gut um ihre Schützling zu kümmern, da diese alleine noch völlig hilflos waren.[9]

Die zweite Entwicklungsstufe – die pueritia – beschreibt die Kindheit von Mädchen im Alter von sieben bis 12 Jahren, und die von Jungen von sieben bis 14 Jahren. Begründet wird der Übertritt eines Kindes in die pueritia durch die nun weiter entwickelten moralischen und sozialen Empfindungen (das Vermögen zwischen Gut und Böse zu unterscheiden), sowie durch den Beginn des logischen Denkens (die Fähigkeit selber Entscheidungen zu treffen) und durch die nun ausgebildete Sprachkompetenz. Wieder sind die Zähne wichtige Informanten bei der Einteilung in die pueritia; Kinder in diesem Alter verlieren die Milchzähne und die bleibenden Zähne bilden sich heraus.

Da man der Auffassung war, dass ein Kind ab diesem Zeitpunkt für sich selber denken und sorgen könne, stand auch einer Verlobung des Kindes nichts mehr im Wege. Erst ab dem 12. Jh. galt ein solches Versprechen nicht mehr unbedingt als bindend. Wenn die Kinder am Ende der pueritia standen, konnten sie selber entscheiden ob sie die Heirat eingehen wollten oder nicht.

Mit sieben Jahren begann für einige Kinder der Schulalltag, für die meisten jedoch bereits die Berufsausbildung. Die Eltern, Taufpaten und Lehrer wurden dazu angehalten, das Kind ab dem siebten Lebensjahr nach den christlichen Tugenden zu erziehen und sittliches Verhalten zu lehren.

Für einige Autoren galten die Kinder, die sich in der Phase der pueritia befanden, noch als reine, unschuldige Geschöpfe. Andere Autoren wiesen die Eltern darauf hin, dass auch Kinder dieses Alters sündigen könnten und forderten sie im gleichen Atemzug dazu auf, ihre Kinder streng zu erziehen.[10]

„Es gebe auch in diesem Alter schon Dinge, die von Einfluß auf ihren künftigen Charakter sein können. Sie [die Kinder] sollen nichts Unanständiges hören, da ja, wie Aristoteles sagt, dem unsittlichen Wort die unsittliche Tat folgt.“[11]

Obwohl auch Kinder dieser Altersgruppe straffällig werden konnten, wurden die Vergehen nicht in demselben Ausmaß geahndet wie bei Erwachsenen. Papst Alexander III legte im 12. Jh. schließlich gesetzlich fest, dass Jungen unter 14 und Mädchen unter 12 strafunmündig seien.[12]

Die dritte Entwicklungsstufe – die adolescentia - beschreibt die Jugendzeit. Zur Bestimmung des Übertritts eines Kindes in diese Phase ist die Entwicklung der Zähne nicht mehr relevant. Deswegen beschrieben Priester und Autoren den Übergang mit dem vermehrten Drang zur Sünde. Jugendlichen dieses Alters wurden die Sakramente der Eucharistie und der Buße gespendet; auch die Letzte Ölung durften sie empfangen, wenn sie bereits im jugendlichen Alter verstarben.

Von nun an galten die Jugendlichen auch als strafmündig, was aber nicht heißt, dass auch immer das volle Strafmaß angewandt wurde.[13]

[...]


[1] Shahar, Shulamith: Kindheit im Mittelalter. Dt. von Barbara Brumm. 4. Aufl.- Düsseldorf 1991. S. 11-12.

[2] Ebda. S. 16-17.

[3] Ebda. S. 13.

[4] Ebda. S. 18-21.

[5] Ebda. S. 15.

[6] Ebda. S. 22 (Mt 18,3-5).

[7] Ebda. S. 22.

[8] Ebda. S. 21.

[9] Ebda. S. 31.

[10] Ebda. S. 31-33.

[11] Arnold, Klaus: Kind und Gesellschaft im Mittelalter und Renaissance. Beiträge und Texte zur Geschichte der Kindheit.- Paderborn, Schöningh, München 1980. S. 172.

[12] Shahar: Kindheit im Mittelalter. S. 34-35.

[13] Ebda. S. 35-36.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Kindheit im Mittelalter in Stadt und Land
Hochschule
Universität Salzburg  (Geschichte)
Veranstaltung
Seminar: Die Rolle der Frau in der mittelalterlichen Gesellschaft
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
28
Katalognummer
V127855
ISBN (eBook)
9783640414055
ISBN (Buch)
9783640411894
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kindheit, Mittelalter, Stadt, Land, Spielzeug, Ammen, Kindsmord, Kindeserziehung
Arbeit zitieren
Jutta Klinglmüller (Autor), 2006, Kindheit im Mittelalter in Stadt und Land, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127855

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