Nietzsches Genealogie der Moral und das Verhältnis von Kritik und genealogischer Betrachtung


Bachelorarbeit, 2018

32 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Erste Abhandlung: Gut und Böse, Gut und Schlecht
2.1 Die Herkunft der Moral
2.2 Die aristokratische Gesellschaft und die Umwertung von Gut und Schlecht zu Gut und Böse
2.3 Nietzsches Verhältnis zum Ressentiment

3. Zweite Abhandlung: Schuld, schlechtes Gewissen und Verwandtes
3.1 Verantwortlichkeit und Gewissen
3.2 Ressentiment und Kultur
3.3 Verinnerlichung und Ressentiment
3.4 Schuldbewusstseins-Entwicklung und die Götter

4. Dritte Abhandlung: was bedeuten asketische Ideale?
4.1 Kunst und asketisches Ideal
4.2 Philosophie und asketische Ideal
4.3 Priesterschaft und asketisches Ideal
4.4 Wissenschaft und asketisches Ideal

5. Schlussbemerkungen.

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nietzsche zeigt deutlich auf, wie nötig es ist, die Moral im Tiefsten zu untersuchen. Er sagt:

„Wir haben eine Kritik der moralischen Werte nötig, der Wert dieser Werte ist selbst erst einmal in Frage zu stellen – und dazu tut eine Kenntnis der Bedingungen und Umstände not, aus denen sie gewachsen, unter denen sie sich entwickelt und verschoben haben.“1

Nietzsche verfasste seine Genealogie der Moral, nachdem er selbst in einer persönlichen ‚décadence‘ steckte.2 Er titulierte seine Arbeit eine Streitschrift. Die Genealogie der Moral wurde in einer kurzen Zeit verfasst: vom 10. bis zum 30. Juli 1887.3 Nietzsche stellte sich radikal gegen alle bekannten Werte, gegen Ideale, gegen alle Moral- und Glaubensvorstellungen. Alle diese Werte hat das abendländische Denken in zweitausend Jahren hervorgebracht und überliefert. Nach Nietzsche befindet er sich in einem Krieg. Sein Krieg besteht aus verschiedenen Schlachtfeldern.4

Das Ziel dieser Arbeit ist es, aufzuzeigen, wie Nietzsche versucht, genealogisch die Herkunft und die Ausbreitung der abendländischen Moral in seiner Schrift Zur Genealogie der Moral zu erläutern. Die nachfolgende Untersuchung setzt sich neben dieser Problematik mit dem Verhältnis von Kritik und genealogischer Betrachtung im Spätwerk Nietzsches auseinander. In der ersten Abhandlung wird über Nietzsches Verständnis der Moralherkunft gesprochen, im Hinblick auf die griechische aristokratische Gesellschaft. Dabei sollen die Begriffe Gut und Böse verdeutlicht werden. In einem zweiten Schritt werden die Begriffe Schuld, schlechtes Gewissen und Verwandtes thematisiert. Im dritten Teil wird der Begriff asketisches Ideal behandelt: in der Kunst, in der Philosophie, in der Priesterschaft und überhaupt in der Wissenschaft. In den Schlussbemerkungen werden einige Kommentatoren zitiert, um einen Ausblick über Nietzsches Schrift anzubieten. Primär beruht aber diese Arbeit auf Nietzsches Schrift - Zur Genealogie der Moral.

2. Erste Abhandlung: Gut und Böse, Gut und Schlecht

„Welchen Ursprung haben unsere moralischen Vorurteile?“5 Dies ist die erste wichtige Frage, die Nietzsche in seiner Streitschrift Zur Genealogie der Moral stellt. „Wir sind uns unbekannt, wir Erkennenden.“6 Mit dem Zitat will Nietzsche in der Vorrede aufzeigen, dass wir selbst nicht wissen, aus welchen Bedingungen unsere Werturteile Gut und Böse entstanden sind.7 Deswegen wird es relevant sein, sowohl eine historische Genealogie zu rekonstruieren als auch eine Bewertungsherkunft der Begriffe Gut und Böse darzustellen.

2.1 Die Herkunft der Moral

Den Ursprung der Moral behandelt Nietzsche in der ersten Abhandlung seines Werkes. Nietzsche macht es sich zum Ziel in der Genealogie der Moral, „die Moral zu vernichten und eine nicht-moralische Orientierung an ihrer Stelle zu etablieren.“8 Es bildet sich ein genealogisches Projekt. „Das Projekt ‚Genealogie‘ verzichtet auf eine Begründung der Moral und gibt sich stattdessen mit deren Naturgeschichte zufrieden.“9 Die Moral hat nach Nietzsche nicht zur Entwicklung des Menschen beigetragen. „Die Moral ist lebensfeindlich und behindert die Höherenentwicklung des Typus Mensch.“10 Nietzsche versteht das Leben als dynamische Entwicklung. „Entscheidend für Nietzsches Lebensbegriff ist ein dynamisches, genauer: telelogisches, und zwar auf die Entwicklung der Menschheitsgattung bezogenes Moment.“11 Zu Beginn seiner Abhandlung lässt sich eine Auseinandersetzung mit den englischen Psychologen feststellen. Er verwendet den Titel Moralpsychologen, deshalb scheint es eine angelsächsische Tradition zu sein12. Nietzsche lässt oft nicht klar erkennen, mit wem er sich auseinandersetzt. Dementsprechend lassen sich nur Vermutungen anstellen. Diese Psychologielinie hat die Absicht, sich von der Bestimmung des Geistigen als etwas Erhabenen frei zu machen, durch die Bildung allgemeiner psychologischer Naturgesetze und seelischer Vorstellungen.13 Das resultiert in einer Zusammenstellung bestimmter basaler Eindrücke oder Gefühle. Eine solche moralphilosophische Tradition begann mit David Hume und fand ihre Fortsetzung bei John Smith. Nietzsche war dieser Tradition vertraut durch W.E.H. Leckys 1869.14 Diese moralpsychologische Tradition erreichte Deutschland im 19. Jahrhundert. Paul Rée (1849-1901) schrieb Der Ursprung der moralischen Empfindungen 1877. Als Nietzsche sein Werk Zur Genealogie der Moral schreib, hatte er sicherlich die angelsächsische Moralpsychologie und Paul Rée im Blick. Aber die erwähnten Engländer und Paul Rée untersuchten das Phänomen der Moral nur in einer sozialen und psychologischen Hinsicht. Sie versuchten nicht, die Moral zu untersuchen und sie fragten nicht nach der Gültigkeit und Überzeugung der Moral.

„Die Moral ist im Lauf der Geschichte so dominant geworden, dass sich ihr Entstanden-Sein verbirgt und sie als einzig mögliche Form der Wertgebung erscheint. Selbst dort, wo sie genealogisch betrachtet wird, geschieht dies nur innerhalb des von ihr gesetzten Rahmens.“15

Nietzsche will tiefer gehen, um die genealogische Herkunft der Moral zu erforschen. Die Moralphilosophie erklärt ebenso, dass sich die Moral auf unsere Vorstellungen vom sozialen Nutzen zurückführen lässt. Es werden Handlungen gut geheißen, die uns nützlich vorkommen. Das heißt: gute Handlungen sind nützliche Handlungen.16 Diese Herkunft ist aber in Vergessenheit geraten. Oftmals werden Handlungen gut benannt, obwohl zuvor nicht darüber nachgedacht worden ist, ob sie es sind oder nicht. Es wird gehandelt, ohne zu wissen, warum. So wird gedacht, dass alles was man mit dem Begriff „gut“ bezeichnet hat, immer selbstverständlich und deutlich war. Nietzsche macht keinen Unterschied zwischen Moral und Ethik.17 Er verwendet beides synonym. Nietzsche stimmt der Moralpsychologie in gewissem Maße zu, weil sie die Selbstverständlichkeit der Moral in Frage stellt.18 Die Eintracht hört auf, weil die englischen Moralpsychologen der einfachen Herkunft der Moral treu bleiben. Sie sind nämlich aus Nutzen entstanden. Wenn es so bleiben würde, würde die Erforschung der Moralherkunft unproblematisch stehen bleiben. So entsteht eine einfache Antwort: Gutes ist Nützliches. Die Moral wird auf den Nutzen reduziert. Aber Nietzsche lehnt diese einfache Antwort ab, weil sie die genealogische Geschichte der Moral nicht berücksichtigt. Demgegenüber erhebt er den anti-reduktionistischen Anspruch. „Sie denken allesamt, wie es nun einmal alter Philosophen-Brauch ist, wesentlich unhistorisch.“19 Es soll tiefer in die Moralgeschichte gegangen werden. „Alle Achtung also vor den guten Geistern, die in diesen Historikern der Moral walten mögen!“20 Das ist Nietzsches Kritik an der modernen Moral. Sie reduziert die Moral auf einen bestimmten Ursprung ohne historischen Hintergrund. „Nietzsche reflektiert zugleich darauf, welche Konsequenzen die Kritik in Hinsicht auf das Kritisierte haben kann. Zwar ist die Moral abzulehnen, doch mit ihrer Ablehnung hat man nicht schon die Bedingungen getilgt, aus denen sie entstand.“21 Nietzsches Genealogie entdeckt einen Komplex in der Moralherkunft. Es handelt sich nicht um eine einfache Antwort ohne Spuren, sondern um eine historische Herkunft, von der noch Spuren zu finden sind.22

Ab dem vierten Abschnitt der ersten Abhandlung gestaltet Nietzsche eine eigene Sicht auf die Moralherkunft. Er redet über eine „Begriffs- Verwandlung“.23 Es sei eine lange Verwandlungszeit von 440 v. Chr. bis ins 17. Jahrhundert. Als Nietzsche seine Genealogie verfasste, war diese Verwandlung sicherlich noch nicht vollendet.24 In dieser langen Verwandlungszeit sind die moralischen Kategorien „Gut“ und „Böse“ im modernen Sinn entstanden. Nietzsche nutzt die Epistemologie und bemerkt auch eine Veränderung der Gegenbegriffe oder Antonyme des Begriffes „Gut“. Die Antonyme waren: Das Gemeine, Pöbelhaft, Niedrige oder Schlechte. Erst später wurde „Böse“ als Antonym von „Gut“ verwendet. Nietzsche geht davon aus, dass das Wort „Gut“ ursprünglich für eine Auszeichnung oder Distinktion in einer gegründeten Gesellschaft gebraucht wurde. Solche Gesellschaft ist eine aristokratische Gesellschaft, die von den Besten regiert wird und für sich das Recht in Anspruch nehmen, Anführer oder Herrscher zu sein. Diese Gesellschaft ist in einem Pathos der Distanz gegründet.25 Das Pathos der Distanz sei das Gefühl vornehmer Überlegenheit; es drückt eine Rangverschiedenheit aus. Das Recht wird von den Besten definiert. Alles was „Gut“ ist, wird von den Besten bestimmt. Die Besten sind maßstäblich für das Gute in der Gesellschaft. „Gut“ bedeutet hier aber: mutig oder tapfer. Gut ist jemand, der etwas wagt. Es zählt die physische Stärke: Gesundheit, Anziehungskraft, Begabung, künstlerisches Talent, Reichtum, Ehre und Macht.26 „Gut“ wird hier abgestempelt als ein Zustand. Das bedeutet auf jeden Fall die Aktivität, die das Individuum momentan übt oder innehat. Ihre Kraft kann mit der Zeit verloren gehen. Diese „Machtäußerung der Herrschenden“27 schafft die Distanz für die Herrschenden, aber es bleibt immer ein lebendiger Prozess.

Der Gegensatz zur Machtäußerung ist der Mangel an positiver Distinktion, indem die Herrschenden den Zustand der Souveränität verlieren. Dieser Zustand wird von Nietzsche geschildert. Er will die Möglichkeit aufzeigen, unter anderen Voraussetzungen leben zu können und das veranschaulicht er am Beispiel der griechischen Aristokratie. Als Ausgangspunkt wird die griechische Aristokratie herangezogen. Die Griechen wurden als heitere und freie Menschen betrachtet. Nietzsche fand dieses Bild zu vereinfacht. Für Nietzsche sind das alles Projektionen: man wünscht sich ein Dasein ohne Leid und Schmerzen. So wird die Geschichte gesehen. Die Tragödie bezeugt eben das Gegenteil. Die Griechen waren von Pessimismus und Leiden geprägt. Nietzsche würde für das Recht des Stärkeren plädieren, den Schwächeren zu dominieren. Die Moral ist eben das beste Mittel gegen einen solchen Zustand. Aber eine solche Interpretation setzt im modernen Sinn eine Individualisierung, Freiheit und den Gegensatz von Individuum und Ganzem voraus. Das gab es in der aristokratischen Gesellschaft eben nicht. Es gab lediglich die Konzepte von Auszeichnung und Durchsetzung. Diese waren aber nur für einen bestimmten Teil der Gesellschaft zugänglich, nämlich dem Teil, zu dem das Individuum gehörte. Nietzsche sah die aristokratische Gesellschaft nicht als Naturzustand, sondern als Kulturzustand. Die Kultur wird zum Ziel der Nietzsches Untersuchung.28 Durch die Untersuchung der Tragödie entdeckt Nietzsche folgendes: das spätere Verlangen nach einer Schönheit ist kompensatorisch; die Tragödie dient eben der Gesundheit, denn sie zeigt, dass die Schmerzen dazugehören. Die Schmerzen können nicht aufgehoben werden, sondern nur verdeckt oder gemildert werden. Der klassische Begriff der Natur ist in der Tragödie weder gänzlich immanent noch völlig transzendent. „Natur und Kultur verweisen stets aufeinander, insofern als die Natur sowohl die Möglichkeitsbedingung der Kultur als auch deren Grenzen bildet. Deswegen haben wechselnde Kulturen in der Natur auch immer Anlass zu Bestätigung und Kritik gefunden.“29 Nietzsches genealogischer Ansatz ist mit dem Verständnis der alten Griechen, ein Naturbewusstsein inmitten der Kultur zu bewahren. Somit entsteht ein Umschreibungsversuch der Kulturgeschichte, der sich gegen eine Verhüllung der Existenz einer Natur und eines Leidens einsetzt. Die genealogische Geschichtsschreibung will eine Wahrheit ausrichten, die umfassender ist als die, wie sie in der vorherrschenden Kultur in der Analyse der Moralherkunft dargelegt wird.

2.2 Die aristokratische Gesellschaft und die Umwertung von Gut und Schlecht zu Gut und Böse

Der im vorletzten zitierte Abschnitt des aristokratischen Gesellschaftszustands wird umgeschrieben. In der Genealogie wird nun der Begriff „radikale Umwertung von Werten“30 betrachtet. Dazu schreibt Nietzsche:

„Nehmen wir sofort das größte Beispiel. Alles was auf Erde gegen ‚die Vornehmen‘, ‚die Gewaltigen‘, ‚die Herren‘, ‚die Machthaber‘ getan worden ist, ist nicht der Rede wert im Vergleich mit dem, was die Juden gegen sie getan haben: die Juden jenes priesterliche Volk gemäß, das sich an seinen Feinden und Überwältigern zuletzt nur eine radikale Umwertung von deren Werten, also durch einen Akt der geistigsten Rache Genugtuung zu schaffen wusste. So allein war es eben einem priesterlichen Volke gemäß, dem Volke der zurückgetretensten priesterlichen Rachsucht. Die Juden sind es gewesen, die gegen die aristokratische Wertgleichung (gut = vornehmen = mächtig = schön = glücklich = gottgeliebt) mit einer furchteinflößenden Folgerichtigkeit die Umkehrung gewagt und mit den Zähnen des abgründlichsten Hasses (des Hasses der Ohnmacht) festgehalten haben (…).“31

Diese andere Vorstellungswelt verdrängt und ersetzt die aristokratische Welt sowohl durch die sokratisch-platonische Welt als auch durch die jüdisch-christliche Moral (priesterliche Aristokratie). Nietzsche sieht die christliche Moral als Kontinuität der jüdischen Moral. „Diese von den Juden vollzogene Umwertung der Werte war aber erst der Beginn des Sklaven-Aufstandes in der Moral. Mit dem Christentum trat eine Weltreligion die Erbschaft dieser jüdischen Umwertung an.“32 Es wird durch diese Erbschaft eine klare Trennungslinie in der Menschheitsgeschichte gezogen. „Und in der Tat sind durch sie schließlich Klüfte zwischen Mensch und Mensch aufgerissen worden.“33 Das geht bis in die Gegenwart hinein. Die Resultate sind folgende:

„Das Zeichen für den hohen Wert verändert sich nicht – gut bezeichnet in beiden Fällen, was hohen Wert besitzt. Aber das Bezeichnete wird umgewertet oder ausgetauscht. Was früher unmittelbar in einem ganz konkreten und äußerlichen gesellschaftlichen Sinne als von hohem Rang erlebt wurde, wird jetzt als etwas von geringen Wert betrachtet. Und entsprechend erhält, was früher in einem konkreten und äußerlich gesellschaftlichen Sinne eine niedere Stellung einnahm, jetzt einen hohen Wert. Die aristokratische Ethik wird damit durch eine Demutsmoral ersetzt.“34

Nun stellt sich die Frage: Wie kam dies zu Stande? Nietzsche ist der Meinung, dass die Erklärung teilweise im Ressentiment zu finden ist. Die Wertsetzung der aristokratischen Gesellschaft hat sich durch fremde Kosten entfaltet. Die Schwachen lebten nicht in der Welt der Starken, der aristokratischen Welt.

“Nietzsche notes that, even with the decline of the Greek aristocracy, agathos (good) retained a sense of spiritual noblesse evident in the continued use of the word kakos (bad) to mean weak, ugly, cowardly, worthless. The force of Nietzsche’s etymological analysis brings us to realize that the earliest recorded senses of morality displayed selective grades of performative, social, and psychological rank, forms of stratification and power that in many ways are morally questionable, if, not immoral, by modern measures. Nietzsche now begins to address the question of how, and under what conditions, an original aristocratic moral sense came to be supplanted by contrary norms.”35

Die Schwachen der griechischen Aristokratie wurden eben dann ausgegrenzt und gekränkt, weil sie nicht geschafft haben, sich durchzusetzen. „Von der Stärke verlangen, dass sie sich nicht als Stärke äußere, dass sie nicht ein Überwältigen-Wollen, ein Niederwerfen-Wollen, ein Herrwerden-Wollen, ein Durst nach Feinden und Widerständen und Triumphen sei, ist gerade so widersinnig als von der Schwäche verlangen, dass sie sich als Stärke äußere.“36 Die Schwachen konnten sich weder auszeichnen noch geltend machen. Alles was gut oder schlecht war, wurde mit bloßem Auge analysiert. Es gab keine moralische Bewertung des Handels. Durch das Ressentiment verwandelt sich alles in eine neue Schöpfung von symbolischen Werten. Deshalb wird das Leben der Menschen vergiftet und das ruft das Ressentiment (ressentiment: von lat. re-sentire, ‚wieder-fühlen‘) hervor. Immer dasselbe zu fühlen, das war das Schicksal der Schwachen. „Das Leiden, von dem sie sich nicht befreien können, taucht immer wieder auf, und das führt schließlich zu Bitterkeit und Hass.“37

2.3 Nietzsches Verhältnis zum Ressentiment

Durch die Entstehung des Ressentiments erblüht etwas völlig Neues. „Das Ressentiment ist der Hass, der daraus entsteht, dass man sich einer Handlungsweise nicht gleichranging, sondern unterlegen fühlt und sie deshalb nur erleiden, aber nicht erwidern kann.“38 Dies bewies, dass unsere Sprache symbolisch ist und „bei Nietzsche interessiert nicht die Herkunftsgeschichte der Wörter im moralischen Kontext der kulturellen Evolution des Menschen bzw. deren genealogische Rekonstruktion, sondern im Vordergrund steht eine Beschreibung der unterschiedlichen Verwendungsweisen von Gut in alltagssprachlichen Zusammenhängen.“39 Die Sprache hat übertragene Bedeutung und das ist das Neue. Alles was ‚gut‘, oder ‚rein‘ genannt wurde, wurde in seiner Bedeutung im Laufe der Zeit modifiziert.

„Die Bedeutung von ‚rein‘ ist hier, erstens, lediglich eng und geradezu: man ist rein, weil man so weit möglich vermeidet, mit Schmutz in Berührung zu kommen, und weil sich wäscht – alles in einem ganz konkreten und körperlichen Sinne. Die Bedeutung von rein ist somit, zweitens, äußerlich von sozialen Zusammenhang her verstanden: man zeichnet sich durch seine Reinheit aus und macht deutlich, dass der eigene soziale Rang höher ist als der gewisser anderer. Und das bedeutet, drittens, dass die Bedeutung grob und plump ist. Sie gibt nur an, dass man etwas Besonderes ist und nichts mit dem Gemeinen und Unreinen zu tun haben möchte.“40

Es entsteht etwas Neues, weil die Worte in der aristokratischen Gesellschaft noch keinen Begriffsstatus erlangt haben. Der Abstand zwischen Bezeichnen und Zeichen erlaubt keinen Platz für Symbolik. Die Symbolik gewinnt Platz durch die Umwertung des Ressentiments. Nietzsche nennt es „Verführung der Sprache.“41 „Nietzsche machte darauf aufmerksam, dass wir der Verführung durch die Sprache erliegen, wenn wir davon ausgehen, dass die Sprache ein neutrales Medium ist, das Sachverhalte unverfälscht übermittelt.“42

„Was die gegebene Gesellschaft als rein bezeichnet, ist es lediglich in einem bloß körperlichen und äußerlichen Sinne. Rein im primären und eigentlichen Sinne aber ist allein, wer moralisch unbefleckt und vom Herzen rein ist – und das kann auch mitten in einem Schweinekoben sein. Rein ist seither primär etwas Inneres und die äußere Welt besteht lediglich aus Zeichen oder Bildern, die illustrieren oder verdeutlichen, was wir eigentlich meinen, wenn wir von der Reinheit sprechen.“43

In dieser Logik kann ein reales Bad in der Taufe eine himmlische Reinheit konkretisieren oder eine Taube den Frieden veranschaulichen. Der Erfolg dieser Logik lässt sich daran erkennen, dass das reaktive Ressentiment eine andere symbolische Welt als die eigentliche Welt geschaffen hat.44 Nietzsche versteht diesen Prozess als eine schöpferische und umgestaltende Auslegung.

Er verweist auf „die schöpferische Kraft der großen Individuen einerseits und das Ressentiment der Schlechtweggekommenen anderseits, die sich nicht damit abfinden, weniger gut dazustehen als andere, und auf Rache sinnen.“45 Es entwickelt sich ein Raum zur Reflektion. Die Menschen lebten in einer unreflektierten, nahezu tierischen Kultur, in der nur Handeln möglich war.46 Die Reaktion des Ressentiments befreit sie davon. Und diese Befreiung schafft etwas Neues, auf das man nicht mehr verzichten möchte. Das Ressentiment hat seinen Ursprung in einem leidenden Leben. Die vieldimensionale Einfügung der Wirklichkeit ist künstlich. Dieses „Mehr“ will Nietzsche nicht entbehren. Dennoch findet er es interessant. „Die menschliche Geschichte wäre eine gar zu dumme Sache ohne den Geist, der von den Ohnmächtigen her in sie gekommen ist.“47 Das Ressentiment machte die Menschen zu einem interessanten Tier. Hier entwickelt sich eine radikale Unterscheidung von anderen Tieren und dies wird von unterschiedlichen Instanzen der Gesellschaft genutzt. Und nach Nietzsche wird alles gefährlich in der priesterlichen Ausdeutung.

[...]


1 Nietzsche, Friedrich: Zur Genealogie der Moral. In: Jenseits von Gut und Böse. Zur Genealogie der Moral. Kritische Studienausgabe, hg. v. Giorgio Colli u. Mazzino Montinari. Bd. 5. München: 1988, S. 245-412, hier S. 253. Zitat aus dieser Ausgabe werden im Folgenden unter Verwendung der Sigle (KSA) nachgewiesen.

2 Vgl. Nietzsche, Friedrich: Zur Genealogie der Moral. Stuttgart: Reclam, 1988, S. 172.

3 Vgl. Stegmaier, Werner: Nietzsches Genealogie der Moral. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1994, S. 34.

4 Vgl. Schröder, Winfried: Moralischer Nihilismus. Radikale Moralkritik von den Sophisten bis Nietzsche. Stuttgart: Reclam, 2005, S. 23.

5 Vgl. KSA, S. 248.

6 Ebd., S. 247.

7 Vgl, ebd., S. 249.

8 Schröder, Winfried: Moralischer Nihilismus, S. 24.

9 Höffe, Otfried: Einführung in Nietzsches Genealogie der Moral. In: Friedrich Nietzsche: Zur Genealogie der Moral, hg. v. Otfried Höffe. Berlin: Akademie, 2004, S. 4.

10 Schröder, Winfried: Moralischer Nihilismus, S. 25.

11 Ebd., S. 51.

12 Vgl. RaffnsØe, Sverre: Nietzsches Genealogie der Moral. Paderborn: Wilhelm Fink, 2007, S. 31.

13 Vgl. ebd.

14 Vgl. ebd.

15 Steinmann, Michael: Die Ethik Friedrich Nietzsches. Berlin: de Gruyter, 2000, S. 58.

16 RaffnsØe, Sverre: Nietzsches Genealogie der Moral, S. 32.

17 Vgl. Steinmann, Michael: Die Ethik Friedrich Nietzsches, S. 60.

18 RaffnsØe, Sverre: Nietzsches Genealogie der Moral, S. 33.

19 KSA, S. 258.

20 Ebd.

21 Steinmann, Michael: Die Ethik Friedrich Nietzsches, S. 68.

22 Vgl. RaffnsØe, Sverre: Nietzsches Genealogie der Moral, S. 36.

23 Vgl. KSA, S. 261.

24 Vgl. RaffnsØe, Sverre: Nietzsches Genealogie der Moral, S. 36.

25 Vgl. KSA, S. 259.

26 Vgl. RaffnsØe, Sverre: Nietzsches Genealogie der Moral, S. 38.

27 KSA, S. 260.

28 Vgl. RaffnsØe, Sverre: Nietzsches Genealogie der Moral, S. 39.

29 Vgl. ebd., S. 42.

30 KSA. S. 267.

31 Ebd.

32 Schröder, Winfried: Moralischer Nihilismus, S. 37.

33 KSA, S. 265.

34 Vgl. RaffnsØe, Sverre: Nietzsches Genealogie der Moral, S. 48.

35 Hatab, Lawrence J.: Nietzsche’s On the genealogy of morality: an introduction. New York: Cambridge, 2008, S. 39.

36 KSA, S. 279.

37 RaffnsØe, Sverre: Nietzsches Genealogie der Moral, S. 49.

38 Steinmann, Michael: Die Ethik Friedrich Nietzsches, S. 62.

39 Pieper, Annemarie: Gut und Böse. München: Beck, 1997, S. 99.

40 RaffnsØe, Sverre: Nietzsches Genealogie der Moral, S. 54.

41 KSA, S. 280.

42 Pieper, Annemarie: Gut und Böse, S. 91.

43 RaffnsØe, Sverre: Nietzsches Genealogie der Moral, S. 54.

44 Vgl. ebd., S. 56.

45 Pieper, Annemarie: Gut und Böse, S. 101.

46 Vgl. RaffnsØe, Sverre: Nietzsches Genealogie der Moral, S. 56.

47 KSA, S. 267.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Nietzsches Genealogie der Moral und das Verhältnis von Kritik und genealogischer Betrachtung
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
32
Katalognummer
V1278940
ISBN (Buch)
9783346734778
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nietzsches, genealogie, moral, verhältnis, kritik, betrachtung
Arbeit zitieren
Maximiliano Candido (Autor:in), 2018, Nietzsches Genealogie der Moral und das Verhältnis von Kritik und genealogischer Betrachtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1278940

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