Die Idee des Multikulturalismus


Hausarbeit, 2003

23 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Gliederung

I Einleitung

II Hauptteil
A Begriffsdefinitionen
1 Kultur
2 Multikulturelle Gesellschaft
3 Minderheit
B Ziele des Multikulturalismus
C Anforderungen an den Multikulturalismus
D Positionen des Multikulturalismus
1 Liberaler Multikulturalismus
i, Liberaler Nationalismus
ii, Das Verhältnis von Staat und Kultur
iii, Das Verhältnis zwischen Individuum und Kultur
iv, Die Unterscheidung zwischen nationaler Minderheit und Einwanderergruppe
v, Welche Arten von Rechten fordert der liberale Multikulturalismus
vi, Der Umgang mit illiberalen Gruppen
vii, Kritik am liberalen Multikulturalismus
2 Demokratischer Multikulturalismus

III Schluss

I Einleitung

‚Mit dem Begriff der multikulturellen Gesellschaft ist nach Miksch – einem der maßgeblichsten Vertreter und Befürworter dieser Vorstellung – eine Gesellschaft gemeint, in der „Menschen mit verschiedener Abstammung, Sprache, Herkunft und Religionszugehörigkeit so zusammenleben, da[ß] sie deswegen weder benachteiligt noch bevorzugt werden. Zwischen den meist eingewanderten Menschen und den Einheimischen wird eine ständige Kommunikation angestrebt.

[...Es geht] bei der Diskussion über multikulturelle Gesellschaft im wesentlichen um die Frage, unter welchen Gesichtspunkten ein Zusammenleben zwischen einheimischer Bevölkerung und zugewanderten Minderheiten gestaltet werden soll und welche Rolle in diesem Zusammenhang „strukturelle“ Dimensionen (Ökonomie, Politik, Recht usw.) einerseits und kulturelle Dimension andererseits haben (sollen).’[1]

Dieses Zitat soll zur Veranschaulichung der vielschichtigen Probleme, die mit der Thematik Multikulturalismus einhergehen, dienen. Zunächst ermangelt es an einem eindeutigen begrifflichen Instrumentarium. Es existieren keine allgemeingültigen Definitionen der Begriffe „Kultur“, „multikulturelle Gesellschaft“ oder „Minderheit“. Dies macht es nahezu unmöglich eine universal anwendbare Theorie zu entwickeln. Axel Schulte verwendet in diesem Zusammenhang die Formulierung ‚Vorstellung’ und nimmt somit eine deutliche Abgrenzung zu einer ‚sozialwissenschaftlich fundierten Theorie’[2] vor. Darüber hinaus spricht er von Einwanderern und ignoriert damit - ganz im Gegensatz zu Kymlicka - nationale Minderheiten und deren Forderung nach Gleichbehandlung oder sogar Selbstbestimmung. Er erkennt jedoch durchaus die Unterscheidung von ‚struktureller’ Dimension und kultureller Dimension und vermeidet somit die Gefahr der Kulturhervorhebung in seiner Ausarbeitung.

Unabhängig davon sollte eine Theorie des Multikulturalismus auch Antworten auf Fragen zur Bedeutung der eigenen Kultur für den Menschen, Legitimität einer solchen Politik, dem Umgang mit illigitimen bzw. intoleranten Gruppen sowie der Selektion durch die Gesellschaft oder durch Staatliche Eingriffe bieten.

Mit dem Wissen um diese Problematik wird offensichtlich wie schwierig sich die Gestaltung einer universellen Theorie des Multikulturalismus erweist. Dennoch haben sich einige Philosophen daran gewagt, wobei Will Kymlicka eine nicht zu leugnende herausragende Stellung einnimmt.

Im folgenden werde ich nun zunächst einige Vorschläge diverser Autoren zur Definition der Begriffe Kultur, multikulturelle Gesellschaft und Minderheit aufgreifen, um auf die damit verbundenen Schwierigkeiten näher einzugehen. Ich werde anschließend Kymlickas Position zu diesem Thema kritisch beleuchten. Dabei werde ich mich hauptsächlich auf seine Werke „Multicultural Citizenship“ sowie „Multikulturalismus und Demokratie“ konzentrieren und dies mit Kommentaren bzw. Sichtweisen anderer Autoren ergänzen um die zentralen Thesen des Multikulturalismus zu erarbeiten. Anschließend werde ich noch den demokratischen Multikulturalismus behandeln, bevor ich die Arbeit mit einem Fazit schließe.

II Hauptteil

A Begriffsdefinitionen

1. Kultur

Lothar Probst zitiert in seinem Text ‚Gesellschaft versus Gemeinschaft’ Norbert Elias der Kultur durch Abgrenzung zu Zivilisation erklärt: ‚Zivilisation bezeichnet einen Proze[ß] oder zumindest das Resultat eines Prozesses. Es bezieht sich auf etwas, das ständig in Bewegung ist. [...] Der deutsche Begriff „Kultur“ hat eine andere Bewegungsrichtung: er bezieht sich auf Produkte des Menschen, die da sind, wie „Blüten auf den Feldern“, auf Kunstwerke, Bücher, religiöse oder philosophische Systeme, in denen die Eigenart eines Volkes zum Ausdruck kommt. Der Begriff „Kultur“ grenzt ab. Der Zivilisationsbegriff lä[ß]t [dagegen] die nationalen Differenzen bis zu einem gewissen Grade zurücktreten [...]. Der deutsche Kulturbegriff dagegen hebt die nationalen Unterschiede, die Eigenart der Gruppen, besonders hervor.’[3]

Micha Brumlik hält diese Definition allerdings für überholt und dem ‚nationalistischen Dünkel des frühen neunzehnten Jahrhunderts entsprungen um die demokratischen Institutionen des Westens abzuwerten.’ Er beschreibt den heutigen Kulturbegriff ‚einerseits als eigensinniges, Utopien und Widersprüche artikulierendes Ausdrucksphänomen und andererseits als jenen Bereich des sozialen Systems [...], der die spezifische Aufgabe der Weitergabe von Normen und Werten übernommen hat.’ Und so führt er fort: ‚[...] Der Kultur [können] wir die Funktion der symbolischen Reproduktion der Gesellschaft zuschreiben.’[4]

Auch Will Kymlicka gibt eine Definition auf die ich zu einem späteren Zeitpunkt noch genauer eingehen werde.

2 Multikulturelle Gesellschaft

Eine Definition der multikultureller Gesellschaft habe ich schon in der Einleitung vorgestellt.

Aber auch Micha Brumlik liefert eine solche: ‚Eine multikulturelle Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, da[ß] sie in allen genannten Bereichen Anregungen aus dem Selbstverständnis verschiedener „ethnischer“ Gruppen entgegennimmt und dabei zunächst vorfindliche Selbstverständlichkeiten als solche in Frage stellt, sie durch die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Weltentwürfen die Individuen aus Bornierungen ihrer konventionellen Identität herausreißt, ihnen dabei erste Einsichten in die Relativität ihrer Standpunkte ermöglicht und sie somit auf den weg universalistischer Wertgesichtspunkte bringt.’[5]

3 Minderheit

Wie auch schon bei den Begriffen „Kultur“ und „multikulturelle Gesellschaft“ gibt es auch für den Ausdruck „(nationale) Minderheit“ keine eindeutige allgemeingültige Definition. Dennoch soll es einige Merkmale zur Identifikation geben:

‚Als nationale Minderheit gelten danach Personengruppen

- mit einem starken Zusammengehörigkeitsgefühl
- die zahlenmäßig kleiner als die Mehrheit sind und [...] kulturelle, religiöse oder sprachliche Besonderheiten haben, die sie bewahren möchten,
- die die Staatsangehörigkeit der Mehrheit haben.’[6]

Auch Andreas Unterberger hat in seinem Artikel zum Thema „Minderheitenschutz und Selbstbestimmung“ diese Voraussetzungen für die Bestimmung von Minderheiten angeführt, und weist dabei auf die evidenten Probleme die damit einhergehen hin. Zunächst einmal unterscheidet er zwischen objektiven und subjektiven Voraussetzungen, wobei er die oben angeführten zu den objektiven Prämissen zählt. ‚Subjektive Vorraussetzung ist der Wille der Gruppe, die spezifischen Charakteristiken der Gruppe zu bewahren. Damit sind alle jene ausgeschlossen, die sich bewusst oder unbewusst assimiliert haben. Das ist gar nicht so selbstverständlich, denn viele fundamentalistische Minderheitenvertreter nehmen auch jene Menschen für sich in Anspruch, die sich längst nicht mehr als Teil der Minderheit fühlen. Es gibt also auch so etwas wie ein Menschenrecht auf Assimilation [...].’[7]

Es werden außerdem eine Reihe von Fragen aufgestellt, deren Beantwortung zur eindeutigen Identifikation einer Minderheit unablässlich sind.

Welche Größe muss eine Gruppe haben um als Minderheit anerkannt zu werden? Wie lange muss diese schon im Land ansässig sein um ein Recht auf Minderheitenschutz zu haben? Wie gehen ich mit Einwanderungsminderheiten um? Haben Nationale Minderheiten demnach mehr Ansprüche und Rechte als jene die als Flüchtlinge ins Land kamen oder als Gastarbeiter abgeworben wurden? Betrifft Minderheitenschutz nur Individuen oder soll es kollektive Rechte geben? Wie weit geht Minderheitenschutz? Von Diskriminierungsverbot bis Selbstbestimmung. Und nicht zu vergessen welche Rolle spielt die Loyalität zum Staat? Wie soll mit illiberalen intoleranten Gruppen umgegangen werden?

Aus genau diesem Grunde ist Joseph Raz der Ansicht die politische Philosophie unterliege zeitlichen Grenzen, die sich jedoch nicht genau festlegen lassen. Wenn eine Theorie überhaupt anwendbar sei, dann nur unter den Bedingungen die zum Zeitpunkt ihrer Entwicklung vorherrschen. Er nennt dafür zwei Gründe.

‚Erstens ist es prinzipiell unmöglich, all die relevanten moralischen Überlegungen, deren wir uns bewusst sind, umfassend zum Ausdruck zu bringen, und es ist zweitens unmöglich, im allgemeinen festzustellen, welches relative Gewicht sie in Konfliktsituationen haben.’[8]

Damit meint er, dass wir zwar alles Wissen generell artikulieren können, allerdings nicht vermögen dieses in abstrakte, universell anwendbare Formeln und Theorien zu transferieren. Wir sind darüber hinaus nicht in der Lage uns zukünftige Entwicklungen unserer Gesellschaft vorzustellen. ‚Das Problem verdankt sich nicht bloß der Komplexität der sozialen Bedingungen, die in der Zukunft herrschen mag, eine Komplexität, die unserer Fähigkeit, unsere Prinzipien auf solche Bedingungen anzuwenden, weit überlegen ist. Das Problem erstreckt sich noch weiter. Soziale Situationen können sich auf eine Weise verändern, so da[ß] schon die Begriffe, die wir verwenden, um sie zu verstehen und zu analysieren, unanwendbar werden und damit die Prinzipien sowohl der (sogenannten deskriptiven) Sozialwissenschaft als auch der (sogenannten) evaluativen politischen Moral unanwendbar machen.’[9]

[...]


[1] Axel Schulte, Multikulturelle Gesellschaft: Chance Ideologie oder Bedrohung?, In: Politik und Zeitgeschichte Bd. Heft 23-2 (1990) S.3 u. 5

[2] Vgl. Axel Schulte, Multikulturelle Gesellschaft: Chance Ideologie oder Bedrohung?, In: Politik und Zeitgeschichte Bd. Heft 23-2 (1990) S. 5

[3] Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation, Frankfurt/M (1989), S. 4 In:Lothar Probst, Gesellschaft versus Gemeinschaft In:Aus Politik und Zeitgeschichte Bd. 36 (1996), S. 30

[4] Micha Brumlik, Bunte Republik Deutschland? – Aspekte einer multikulturellen Gesellschaft, In: Blätter für deutsche und internationale Politik Bd. 35 Heft 1 (1990) S. 104

[5] Micha Brumlik, Bunte Republik Deutschland? – Aspekte einer multikulturellen Gesellschaft, In: Blätter für deutsche und internationale Politik Bd. 35 Heft 1 (1990) S. 105

[6] Wochenschau Sek. I, 54. Jahrgang – Nr. 1, Januar/Februar 2003

[7] Andreas Unterberger: Minderheitenschutz und Selbstbestimmung, In: Europäische Rundschau Bd. 22, H.3 (1994), S. 41

[8] Joseph Raz. Multikulturalismus: eine liberale Perspektive, In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie Bd. 43, H. 2 (1995), S. 307

[9] Joseph Raz. Multikulturalismus: eine liberale Perspektive, In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie Bd. 43, H. 2 (1995), S. 308

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Idee des Multikulturalismus
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister Scholl Institut für Politische Wissenschaft München)
Veranstaltung
Übung: Politische Theorien
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
23
Katalognummer
V12790
ISBN (eBook)
9783638185943
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Multikulturalismus, Politische Theorien der Moderne
Arbeit zitieren
Volker Schmidt (Autor), 2003, Die Idee des Multikulturalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12790

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