Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wieso der Mensch es noch heute als selbstverständlich ansieht, andere nicht-menschliche Lebewesen töten und verzehren zu dürfen.
Die Debatte um das Tierwohl ist eine derzeit sehr häufig anzutreffende Auseinandersetzung in Deutschland. Diese wird meistens im Zusammenhang mit der Nahrungsmittelherstellung und dem Konsum von Fleisch thematisiert, dabei jedoch in der öffentlichen Diskussion häufig vermischt mit Thematiken wie der ökologischen Nachhaltigkeit sowie einer ethisch und moralisch ‚richtigen‘ Ernährungsweise.
Diesen Fragen nachgehend soll die in allen Kulturkreisen verbreitete, aber heute kritisch betrachtete Annahme einer anthropologischen Differenz, nach der die Menschen anderen nicht-menschlichen Lebewesen aufgrund ihrer einzigartigen Fähigkeiten überlegen seien, geprüft werden.
Auch das Konzept des Speziesismus, einer moralischen Diskriminierung und Degradierung anderer Arten ausschließlich aufgrund ihrer Artzugehörigkeit, wird dabei eingezogen.
Menschen, die das Töten von Tieren ablehnen, argumentieren auf der anderen Seite gegen die Vertretbarkeit des Tötens von Tieren, mit der Fähigkeit dieses Leid zu empfinden. Ist die Leidensfähigkeit von Tieren also ein Kriterium, weshalb diese nicht getötet werden dürfen, auch wenn der Mensch den oben genannten Konzepten zufolge dem Tier doch als überlegen gilt? Und wie plausibel ist auf der anderen Seite eine selbstverständliche Grenzziehung zwischen den auf Basis ihrer Leidensfähigkeit schützenswerten Tieren und den Pflanzen, die der Mensch selbstverständlich töten darf?
Schließlich handelt es sich auch bei Pflanzen um Lebewesen, denn einiges spricht dafür, dass nicht nur ‚das liebe Vieh, sondern auch Gemüse- und Getreidepflanzen empfindungsfähig sind. Auch hier kommt es, zugeschrieben durch den Menschen, zu einer Überhöhung der Tiere gegenüber den Pflanzen. Woher kommt diese Selbstverständlichkeit, mit der wir Menschen anderen Arten ihren Platz zuweisen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Überhöhung des Menschen gegenüber anderer Lebewesen
2.1 Das Konzept des Speziesismus
3. Das Kriterium der Empfindungs- / Leidensfähigkeit
3.1 Das Problem mit der Leidensfähigkeit
3.2 Die Empfindungsfähigkeit der Pflanzen als entkräftigendes Argument?
4. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die ethische Rechtfertigung des Tötens und Verzehrens von Tieren durch den Menschen. Dabei wird kritisch hinterfragt, inwieweit philosophische Konzepte wie die anthropologische Differenz und der Speziesismus sowie das Kriterium der Empfindungsfähigkeit als tragfähige Begründungen für die menschliche Überlegenheit und den Fleischkonsum dienen können.
- Kritische Analyse der anthropologischen Differenz
- Untersuchung des Konzepts des Speziesismus
- Diskussion der Leidensfähigkeit als moralisches Kriterium
- Reflektion über die Empfindungsfähigkeit bei Pflanzen
- Dilemma der menschlichen Existenz im Kontext moralischer Überlegungen
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Problem mit der Leidensfähigkeit
Damit ein Wesen im strengen, nichtmetaphorischen Sinne Interessen haben kann, muss es Leid und Freude empfinden können. Leidet ein Wesen, kann es keine moralische Rechtfertigung für die Missachtung dieses Leidens geben und ebenso wenig für die Weigerung, es gleich zu gewichten wie ein ähnliches Maß an Leiden bei jedem anderen Wesen. Doch das Gegenteil gilt ebenso. Ist ein Wesen nicht fähig, zu leiden oder Freude zu empfinden, gibt es auch nichts zu berücksichtigen (Singer 1990: 423).
Nach der Ansicht SINGERS muss ein jedes Lebewesen, das Leid empfindet, ähnlich gewichtet werden wie eines, dass ein ähnliches Maß an Leidensfähigkeit besitzt. Problematisch ist dabei jedoch die Grenzziehung, welche auf der Annahme begründet werden muss, wann ein Lebewesen leidensfähig ist. Sind Schweine leidensfähig? Sind Fische es? Wie steht es um Muscheln oder Insekten?
In vielen Fällen nehmen wir Tiere als fühlende Lebewesen wahr und machen uns Sorgen um ihr Wohlergehen, beispielsweise bei unseren Haustieren. Dabei machen wir jedoch einen großen Unterschied zwischen z.B. Hunden und Schweinen, denn „wenige Menschen würden es (hierzulande) in Ordnung finden, gesunde Hunde zu töten, um sie zu essen – auch wenn sie bisher ein gutes Leben hatten“ (Schmitz 2020: 66). Psychologische Studien haben nachgewiesen, dass die Wahrnehmung von Tieren als ‚Fleisch‘ häufig damit einhergehe, dass den Tieren geringe geistige Fähigkeiten zugeschrieben werden (vgl. ebd.). SINGER schlägt vor die Diskussion der Beweise für die Leidensfähigkeit nichtmenschlicher Tiere anhand von zwei Kriterien zu führen:
1. dem Verhalten eines Tieres (z.B. schreien, sich winden, versuchen einer Quelle des Schmerzes zu entkommen) und
2. die Ähnlichkeit des Nervensystems zu dem des Menschen (vgl. Singer 1990: 423).
Dabei sei die Beweislage für eine starke Ähnlichkeit der Leidensfähigkeit zu der des Menschen bei Vögeln und Säugetieren eindeutig, jedoch auch Reptilien und Fische haben, trotz einiger Abweichungen, die Grundstruktur des zentral organisierten Nervensystems mit dem des Menschen gemeinsam, während sich das Nervensystem von Krustentieren beispielsweise stark von dem Menschlichen unterscheide (vgl. ebd. S. 424-426).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die gesellschaftliche Debatte um Tierwohl und Fleischkonsum und führt die zentralen Thesen zur anthropologischen Differenz sowie zum Speziesismus ein.
2. Die Überhöhung des Menschen gegenüber anderer Lebewesen: Dieses Kapitel untersucht die historische und philosophische Sonderstellung des Menschen sowie das Konzept des Speziesismus als Begründung für die menschliche Privilegierung.
2.1 Das Konzept des Speziesismus: Der Unterpunkt definiert und differenziert das Konzept des Speziesismus und beleuchtet die damit einhergehende moralische Diskriminierung anderer Arten.
3. Das Kriterium der Empfindungs- / Leidensfähigkeit: Hier wird die Perspektive der Tierschutzbewegung analysiert, die die Fähigkeit zum Empfinden von Leid als zentrales moralisches Kriterium für den Schutz von Tieren anführt.
3.1 Das Problem mit der Leidensfähigkeit: Dieser Abschnitt thematisiert die Schwierigkeiten bei der Grenzziehung und der Bestimmung, welche Lebewesen tatsächlich leidensfähig sind und moralische Berücksichtigung verdienen.
3.2 Die Empfindungsfähigkeit der Pflanzen als entkräftigendes Argument?: Dieser Teil hinterfragt die Konsequenz der Argumentation für Tierschützer, da auch Pflanzen als Lebewesen empfindungsfähig sein könnten.
4. Resümee: Das Resümee zieht ein Fazit aus den diskutierten Thesen und stellt fest, dass die Leidensfähigkeit als alleiniges Argument gegen das Töten von Tieren inkonsistent bleibt.
Schlüsselwörter
Tierethik, Anthropologische Differenz, Speziesismus, Leidensfähigkeit, Empfindungsfähigkeit, Mensch-Tier-Beziehung, Fleischkonsum, Tierschutz, Philosophische Ethik, Tierwohl, moralischer Status, Lebensansprüche, Moralität, Identität, Diskriminierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der ethischen Rechtfertigung des menschlichen Umgangs mit Tieren, insbesondere im Hinblick auf das Schlachten und Verzehren von nicht-menschlichen Lebewesen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die philosophische Anthropologie, die Tierethik, das Konzept des Speziesismus sowie die wissenschaftliche Debatte um Leidens- und Empfindungsfähigkeit bei Tieren und Pflanzen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel der Arbeit ist es zu ergründen, warum der Mensch das Töten und Verzehren von Tieren als selbstverständlich ansieht, und zu prüfen, ob die dafür angeführten Argumente wie die anthropologische Differenz oder die Leidensfähigkeit philosophisch haltbar sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-philosophische Untersuchung, die auf Basis bestehender Literatur (Tierethik, Philosophiegeschichte) eine logische Analyse der Argumentationsstrukturen vornimmt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert kritisch die anthropologische Differenz, das Speziesismus-Konzept sowie die Schwierigkeiten, Empfindungsfähigkeit als objektives moralisches Trennkriterium zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen zu verwenden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Speziesismus, anthropologische Differenz, Leidensfähigkeit, moralische Relevanz, Tierethik und die Reflexion menschlicher Privilegierung.
Wie bewertet der Autor die anthropologische Differenz?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die anthropologische Differenz in ihrer klassischen Form faktisch nicht haltbar ist, da die angenommenen exklusiven menschlichen Fähigkeiten auch bei Tieren beobachtet werden können.
Warum stellt die Empfindungsfähigkeit von Pflanzen ein "Dilemma" dar?
Weil die Argumentation, Tiere aufgrund ihrer Empfindungsfähigkeit schützen zu müssen, logisch auch auf Pflanzen ausgeweitet werden müsste, sobald diesen ebenfalls diese Eigenschaft zugesprochen wird, was den Nahrungserwerb des Menschen grundlegend infrage stellt.
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- Anonym (Autor), 2022, Die Überhöhung des Menschen gegenüber anderen Lebewesen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1279059