Eduard Mörikes "An Longus", der jambische Senar und die Metrik


Seminararbeit, 2007

20 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

An Longus

Eine kleine ars poetica (Anstelle einer Einleitung)

Fragestellung

Analyse der metrischen Brüche

Verzeichnis der verwandten Literatur

An Longus

Von Widerwarten eine Sorte kennen wir Genau und haben ärgerlich sie oft belacht, Ja einen eignen Namen ihr erschufest du, Und heute noch beneid ich dir den kühnen Fund.

Zur Kurzweil gestern in der alten Handelsstadt, Die mich herbergend einen Tag langweilete, Ging ich vor Tisch, der Schiffe Ankunft mit zu sehn, Nach dem Kanal, wo im Getümmel und Geschrei Von tausendhändig aufgeregter Packmannschaft, Faßwälzender, um Kist und Ballen fluchender, Der tätige Faktor sich zeigt und, Gaffens halb, Der Strassenjunge, beide Händ im Latze, steht. Doch auf dem reinen Quaderdamme ab und zu Spaziert' ein Pärchen; dieses fasst ich mir ins Aug.

Im gruenen, goldbeknöpften Frack ein junger Herr Mit einer hübschen Dame, modisch aufgepfauscht. Schnurrbartsbewusstsein trug und hob den ganzen Mann Und glattgespannter Hosen Sicherheitsgefühl, Kurz, von dem Hütchen bis hinab zum kleinen Sporn Belebet' ihn vollendete Persönlichkeit. Sie aber lachte pünktlich jedem dürftgen Scherz.

Der treue Pudel, an des Herren Knie gelockt, Wird, ihr zum Spaße, schmerzlich in das Ohr gekneipt, Bis er im hohen Fistelton gehorsam heult, Zu Nachahmung ich weiß nicht welcher Sängerin.

Nun, dieser Liebenswerte, dächt ich, ist doch schon Beinahe was mein Longus einen Sehrmann nennt; Und auch die Dame war in hohem Grade sehr.

Doch nicht die affektierte Fratze, nicht allein Den Gecken zeichnet dieses einzge Wort, vielmehr, Was sich mit Selbstgefälligkeit Bedeutung gibt, Amtliches Air, vornehm ablehnende Manier, Dies und noch manches andere begreifet es.

Der Principal vom Comptoir und der Canzellei Empfängt den Assistenten oder Commis - denkt, Er kam nach elfe gestern nacht zu Hause erst - Den andern Tag mit einem langen Sehrgesicht. Die Kammerzofe, die kokette Kellnerin, Nachdem sie erst den Schäker kühn gemacht, tut bös, Da er nun vom geraubten Kusse weitergeht: "Ich muss recht, recht sehr bitten!" sagt sie wiederholt Mit seriösem Nachdruck zum Verlegenen.

Die Tugend selber zeiget sich in Sehrheit gern. O hättest du den jungen Geistlichen gesehn, Dem ich nur neulich an der Kirchtür hospitiert! Wie Milch und Blut ein Männchen, durchaus musterhaft; Er wußt es auch: im wohlgezognen Backenbart, Im blonden, war kein Härchen, wett ich, ungezählt. Die Predigt roch mir seltsamlich nach Leier und Schwert, Er kam nicht weg vom schönen Tod fürs Vaterland; Ein paarmal gar riskiert' er liberal zu sein, Hoechst liberal, - nun, halsgefährlich macht' ers nicht, Doch wurden ihm die Ohren sichtlich warm dabei.

Zuletzt, herabgestiegen von der Kanzel, rauscht Er strahlend, Kopf und Schultern wiegend, rasch vorbei Dem duftgen Reihen tiefbewegter Jungfräulein, Und richtig macht er ihnen ein Sehrkompliment. Besonders ist die Grossmut ungemein sehrhaft. Denn der Student, von edlem Burschentum erglueht, Der hochgesinnte Leutnant, schreibet seinem Feind (Ach eine Träne Juliens vermochte das!) Nach schon erklärtem Ehrenkampfe, schnell versöhnt, Lakonisch schön ein Sehr-Billett - es rührt ihn selbst.

So ein Herr X, so ein Herr Z, als Rezensent, Ist grosser Sehrmann, Sehr-Sehrmann, just wenn er dir Den Lorbeer reicht, beinahe mehr noch, als wenn er Sein höhnisch Sic! und Sapienti sat! hintrumpft.

Hiernächst versteht sich allerdings, dass viele auch Nur teilweis und gelegentlich Sehrleute sind.

So haben wir an manchem herzlich lieben Freund Ein unzweideutig Aderchen der Art bemerkt, Und freilich immer eine Faust im Sack gemacht. Doch wenn es nun vollendet erst erscheint, es sei Mann oder Weib, der Menschheit Afterbild - o wer, Dem sich im Busen ein gesundes Herz bewegt, Ertraegt es wohl? wem krümmte sich im Innern nicht Das Eingeweide? Gift und Operment ist mirs! Denn wären sie nur lächerlich! sie sind zumeist Verrucht, abscheulich, wenn du sie beim Licht besiehst. Kein Mensch beleidigt wie der Sehrmann und verletzt Empfindlicher; wärs auch nur durch die Art wie er Dich im Gespräch am Rockknopf fasst. Du schnöde Brut! Wo einer auftritt, jedes Edle ist sogleich Gelähmt, vernichtet neben ihnen, nichts behält Den eignen, unbedingten Wert. Geht dir einmal Der Mund in seiner Gegenwart begeistert auf, Und was es sei - der Mann besitzt ein bleiernes, Grausames Schweigen; völlig bringt dichs auf den Hund.

- Was hieße gottlos, wenn es dies Geschlecht nicht ist? Und nicht im Schlaf auch fiel es ihnen ein, dass sie Mit Haut und Haar des Teufels sind. Ich scherze nicht. Durch Busse kommt ein Arger wohl zum Himmelreich: Doch kann der Sehrmann Busse tun? O nimmermehr! Drum fürcht ich, wenn sein abgeschiedner Geist dereinst Sich, frech genug, des Paradieses Pforte naht, Der rosigen, wo, Wache haltend, hellgelockt Ein Engel lehnet, hingesenkt ein träumend Ohr Den ewgen Melodien, die im Innern sind: Aufschaut der Wächter, misset ruhig die Gestalt Von Kopf zu Fuß, die fragende, und schüttelt jetzt Mit sanftem Ernst, mitleidig fast, das schöne Haupt, Links deutend, ungern, mit der Hand, abwärts den Pfad.

Befremdet, ja beleidigt stellt mein Mann sich an, Und zaudert noch; doch da er sieht, hier sei es Ernst, Schwenkt er in höchster Sehrheit trotziglich, getrost Sich ab und schwänzelt ungesäumt der Hölle zu.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Eduard Mörikes "An Longus", der jambische Senar und die Metrik
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V127921
ISBN (eBook)
9783640344772
ISBN (Buch)
9783640344505
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eduard, Mörikes, Longus, Senar, Metrik
Arbeit zitieren
Jan Henrik Hartlap (Autor), 2007, Eduard Mörikes "An Longus", der jambische Senar und die Metrik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127921

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