Was ist es, was uns von einem Text als Gedicht sprechen lässt? Ist der Reim ausschlaggebend, die Metrik oder ist es die poetische Qualität eines Textes?
Verse sind, wenn um das Gedruckte herum viel weißer Raum ist, schlug Wolfgang Kayser als Definition in seinem Buch "Die kleine deutsche Versschule" vor.
Diese Definition bringt die meisten Gedichte auf einen gemeinsamen Nenner, ist aber in gewisser Weise auch das Grab der Lyrik als
Inhaltsverzeichnis
An Longus
Eine kleine ars poetica (Anstelle einer Einleitung)
Fragestellung
Analyse der metrischen Brüche
Zielsetzung & Themen der Publikation
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die metrischen Abweichungen in Eduard Mörikes Epistel "An Longus" und analysiert, ob diese Brüche als bewusste dichterische Absicht zur Nuancierung von Rhythmus und Tonfall zu verstehen sind oder als Unvermögen bei der Einhaltung des jambischen Senars gewertet werden müssen.
- Metrische Analyse des jambischen Senars in "An Longus"
- Untersuchung von Zusammenhängen zwischen inhaltlichen Absichten und metrischen Regelverstößen
- Diskussion über die Rolle des Enjambements in lyrischen Texten
- Vergleichende Betrachtung mit zeitgenössischen Verslehren (u.a. Wolfgang Kayser)
- Analyse der Wirkung des "Sehr-Wortes" und der komischen Effekte durch metrische Dehnungen
Auszug aus dem Buch
Analyse der metrischen Brüche
Im verlaufe seines Gedichtes bricht Eduard Mörike an die dreißig Mal mit dem jambischen Senar. Bei einhundertsechs Versen kommt im Durchschnitt auf alle vier Zeilen ein Verstoß gegen die Metrik. Die erstaunlich hohe Zahl spricht auf den ersten Blick für Mörikes Unvermögen den jambischen Senar über ein so langes Gedicht hinweg durchzuhalten. Führt man sich jedoch seine Übersetzungstätigkeit aus dem Lateinischen und seine klassische Bildung vor Augen, fällt es schwer zu glauben, dass Mörike nicht in der Lage gewesen sei im Jambus zu bleiben. Zumal von ihm bekannt ist, dass er sich im Laufe der Jahre immer wieder seine alten Gedichte (etwa Der Feuerreiter) vorgenommen und Änderungen an ihnen durchgeführt hat. Wären diese Brüche also tatsächlich auf Nachlässigkeit zurückzuführen, so ist sicher, dass diese dem Dichter selbst im Laufe der Jahre aufgefallen und von ihm verbessert worden wären.
Da nun Flüchtigkeit und Unvermögen als Fehlerquellen gänzlich unwahrscheinlich geworden sind, liegt die Vermutung nahe hinter den Brüchen stecke ein System, etwa ein Zusammenhang zwischen dem Inhalt des Gedichtes und der Metrik, wie beim Besuch in der Kartause zu beobachten ist, wenn das Ticken der Uhr den Jambus in einen Trochäus umschlagen lässt, oder bei Edgar Allen Poes Mask of the Red Death, wo es gleichfalls das Schlagen einer Uhr ist, das den Erzähler die Zeit wechseln lässt. Allerdings spricht schon die hohe Brüche gegen ein solches System, da dieser Effekt behutsam eingesetzt werden will, um in seiner Bedeutung vom Leser gewürdigt werden zu können.
Zusammenfassung der Kapitel
An Longus: Wiedergabe des Ausgangstextes von Eduard Mörike, der als Basis für die folgende metrische Untersuchung dient.
Eine kleine ars poetica (Anstelle einer Einleitung): Theoretische Herleitung der Bedeutung von Metrik, Rhythmus und Enjambement als fundamentale Gestaltungsmittel lyrischer Texte.
Fragestellung: Formulierung der zentralen Untersuchungshypothese, ob Mörikes metrische Brüche eine inhaltliche Funktion erfüllen oder den Charakter der Epistel als Brief widerspiegeln.
Analyse der metrischen Brüche: Detaillierte Untersuchung der festgestellten Abweichungen, Einordnung der Befunde in den Kontext der Verslehre und kritische Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur zu Mörikes Werk.
Schlüsselwörter
Eduard Mörike, An Longus, jambischer Senar, Metrik, Rhythmus, Enjambement, Verslehre, Lyrikanalyse, Gedichtanalyse, Literaturwissenschaft, Versfuß, Daktylus, Trochäus, Sprachrhythmus, Epistel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die metrische Struktur von Eduard Mörikes Gedicht "An Longus" und analysiert, warum der Dichter wiederholt vom angestrebten jambischen Senar abweicht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die deutsche Verslehre, die Anwendung metrischer Schemata in der Lyrik des 19. Jahrhunderts und die bewusste oder unbewusste Handhabung von Rhythmusstörungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Mörikes Brüche mit der Metrik kein bloßes Unvermögen darstellen, sondern ein gezieltes stilistisches Mittel sind, um den Briefcharakter und den Inhalt der Satire zu unterstützen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine detaillierte textimmanente Analyse der Metrik, ergänzt durch einen Vergleich mit literaturwissenschaftlichen Standardwerken zur Verslehre und einer versuchsweise durchgeführten Umdichtung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die metrischen Abweichungen kategorisiert, statistisch erfasst und in den Kontext von Mörikes dichterischem Schaffen und der zeitgenössischen Sekundärliteratur gestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Autor Eduard Mörike sind es Begriffe wie jambischer Senar, Metrik, Enjambement und Epistel, die den Kern der Arbeit definieren.
Wie bewertet der Autor die Kritik von Gerhard Storz?
Der Autor der Publikation widerspricht Gerhard Storz, der Mörike eine "Lässlichkeit" bei der Handhabung des Versmaßes unterstellt, und führt stattdessen eine bewusste Gestaltung der Übergänge an.
Warum wird im Anhang eine Umdichtung präsentiert?
Die Umdichtung dient als Experiment, um zu prüfen, wie sich ein konsequenter Jambus auf die inhaltliche und ästhetische Wirkung der Epistel auswirken würde, um so Mörikes ursprüngliche Intention besser zu beleuchten.
Welche Rolle spielt die schwäbische Mundart für die Analyse?
Die Arbeit greift Wolfgang Kaysers Hinweis auf, dass im Schwäbischen eine Neigung zur Betonung unbetonter Endsilben existiert, was einige der metrischen Phänomene bei Mörike erklärbar macht.
- Quote paper
- Jan Henrik Hartlap (Author), 2007, Eduard Mörikes "An Longus", der jambische Senar und die Metrik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127921