Gesundheitsindikatoren (wie etwa die Anzahl der Arztbesuche, vergangene Krankenhausaufenthalte oder Kuren, der Behinderungsgrad oder das Vorhandensein chronischer Leiden), eine weitgehende Determination existiert allerdings nicht. Somit stellt sich die Frage nach den übrigen Determinanten des subjektiven Gesundheitsempfindens. Der vorliegende Beitrag zeigt anhand von Befragungsdaten des Sozio-ökonomischen Panel zum einen die Entwicklung des subjektiven Gesundheitsempfindens im Lebensverlauf und zum anderen die Einflußfaktoren auf das subjektive Gesundheitsempfinden auf. Befragte, die unter objektiven Kriterien als gleich krank resp. gesund einzustufen sind, unterscheiden sich in ihrem subjektiven Gesundheitsempfinden: So fühlen sich unter Konstanthaltung verfügbarer objektiver Indikatoren Ältere, Befragte mit geringer Schulbildung und Befragte aus den neuen Bundesländern subjektiv kranker. Mit fortschreitendem Alter geht - ceteris paribus - ein zunehmender pessimistic bias, also eine zunehmende Schlechtereinstufung der eigenen Gesundheit einher. Im Anschluß an die empirischen Analysen werden mögliche Ursachen für die gefundenen Effekte diskutiert.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Forschungsstand
3 Hypothesen
4 Daten
5 Ergebnisse
6 Interpretation
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung und die Einflussfaktoren des subjektiven Gesundheitsempfindens im Lebensverlauf unter Berücksichtigung objektiver Gesundheitsindikatoren. Das zentrale Ziel besteht darin, die "Restvarianz" des subjektiven Empfindens zu erklären, die nicht durch den objektiven Gesundheitszustand abgedeckt wird, und insbesondere die Bedeutung des Lebensalters als Determinante zu analysieren.
- Analyse der Diskrepanz zwischen subjektivem Gesundheitsempfinden und objektiven Indikatoren
- Einfluss des Lebensalters auf die subjektive Gesundheitsbewertung (pessimistic bias)
- Multivariate Analyse soziostruktureller Faktoren wie Bildung und Wohnregion
- Validierung der Referenzgruppen- und Self-Labeling-Hypothesen
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
Die zentrale Bedeutung der Gesundheit in unserer Gesellschaft ist unbestritten. Ein erheblicher Anteil der volkswirtschaftlichen Gesamtleistung des Sozialstaates dient der Aufrechterhaltung respektive der Wiederherstellung der Gesundheit seiner Bürger. Auch ist die herausragende Bedeutung des Gesundheitszustandes für die Lebenszufriedenheit des Individuums hinreichend bekannt, insbesondere die Bedeutungszunahme des individuellen Gesundheitszustandes in der zweiten Lebenshälfte (Larson 1978, Schuhmacher 1996). So verwundert es nicht, daß die Erhebung des Gesundheitszustandes zu den Standardfragen sozialwissenschaftlicher Erhebungen gehört.
In der Regel wird dabei die subjektive Einschätzung durch den Befragten ermittelt. Dies geschieht meist mittels einer Globalfrage beispielsweise nach dem Muster ‘Wie zufrieden sind sie mit Ihrer Gesundheit?’ (Sozioökonomisches Panel) oder ‘Ist Ihr gegenwärtiger Gesundheitszustand sehr gut / gut / zufriedenstellend / weniger gut / schlecht?’ (Familiensurvey). Als Antwortvorgaben finden sich meist drei- bis elfstufige Skalen. Eine derartige Operationalisierung anhand einer subjektiven Einstufung hat den Vorteil, schneller, billiger und praktikabler zu sein, als den Gesundheitszustand durch einen externen Sachverständigen (Arzt, Pflegepersonal) nach standardisierten medizinischen Kriterien einschätzen zu lassen oder eindeutig meßbare Angaben wie etwa die Anzahl der Arztbesuche innerhalb der letzten drei Monate oder die Anzahl einzunehmender Medikamente o.ä. zu erheben.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Relevanz des subjektiven Gesundheitsempfindens in der modernen Gesellschaft und diskutiert die methodischen Vor- und Nachteile der Operationalisierung mittels Globalfragen gegenüber objektiven medizinischen Kriterien.
2 Forschungsstand: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über existierende bivariate und multivariate Studien, die den Einfluss des Lebensalters und weiterer soziostruktureller Variablen auf die subjektive Gesundheitsbewertung untersuchen.
3 Hypothesen: Hier werden theoretische Erklärungsmodelle wie die Referenzgruppen-Theorie und der Self-Labeling-Prozess herangezogen, um das subjektive Empfinden im Lebensverlauf und den Einfluss des Alters zu begründen.
4 Daten: Der Abschnitt beschreibt die Datengrundlage des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) sowie den Prozess der Stichprobenselektion für die empirischen Analysen.
5 Ergebnisse: Die Ergebnisse präsentieren altersspezifische Analysen sowie Korrelationen zwischen objektiven und subjektiven Indikatoren und führen eine multivariate Regressionsanalyse durch.
6 Interpretation: Das Schlusskapitel diskutiert die empirischen Befunde, insbesondere den "pessimistic bias" bei älteren Kohorten, und leitet daraus Thesen für die zukünftige Forschung ab.
Schlüsselwörter
Subjektives Gesundheitsempfinden, Objektiver Gesundheitszustand, Lebensverlauf, Multivariate Analyse, Sozio-ökonomisches Panel, Altersforschung, Pessimistic Bias, Referenzgruppen-Theorie, Self-Labeling-Prozess, Gesundheitsindikatoren, Bildungsniveau, Regionaleffekte, Mortalität, Morbidität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Untersuchung des subjektiven Gesundheitsempfindens und der Frage, welche Faktoren dieses beeinflussen, wenn der objektive Gesundheitszustand kontrolliert wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Zentrale Themen sind der Einfluss des Lebensalters, der Einfluss des Bildungsniveaus, regionale Unterschiede in Deutschland sowie die Rolle von sozialen Referenzgruppen bei der Gesundheitsbewertung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es zu klären, warum sich Individuen bei objektiv gleichem Gesundheitszustand in ihrem subjektiven Empfinden unterscheiden und wie sich dieses Empfinden im Lebensverlauf verändert.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor verwendet multivariate lineare Regressionsanalysen auf Basis der Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP).
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil behandelt die empirische Überprüfung der Einflussparameter, die Korrelationen zwischen Arztbesuchen und subjektivem Empfinden sowie die Diskussion der Ergebnisse im Kontext theoretischer Erklärungsmodelle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie subjektives Gesundheitsempfinden, Sozio-ökonomisches Panel, Altersforschung und multivariate statistische Analyse charakterisiert.
Was versteht der Autor unter dem Begriff "pessimistic bias"?
Der Autor nutzt diesen Terminus, um den signifikanten negativen Alterseffekt zu beschreiben, der auftritt, wenn das subjektive Gesundheitsempfinden bei Konstanthaltung objektiver Indikatoren im Alter tendenziell schlechter eingestuft wird.
Warum lassen sich Frauen nach den Erkenntnissen der Studie bei objektiver Betrachtung schwerer in eine "krank" oder "gesund" Kategorie einordnen?
Die Studie deutet an, dass Frauen häufiger die Gelegenheit und Bereitschaft haben, Ärzte aufzusuchen, was dazu führen kann, dass sie eher dazu neigen, sich den Status "krank" zuzuschreiben als Männer, obwohl ein signifikanter Geschlechtseffekt in der multivariaten Perspektive nicht nachweisbar ist.
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- Privatdozent Dr. Sven Schneider (Author), 1999, Das subjektive Gesundheitsempfinden im Lebensverlauf, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12796