Analyse von Phone-In Sendungen als Orte der unmittelbaren Selbstoffenbarung am Beispiel der Radio- und Fernsehsendung "Domian"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

28 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Selbstoffenbarung bei Domian – Austausch von Intimitäten zwischen Exhibitionisten und Voyeuren
a.) Einleitung
b.) Talkshow Genres und ihre Charakteristika
c.) Domian – das Talk-Radio
d.) Seelenstriptease am Telefon - Exhibitionisten
e.) Der Blick durch das Schlüsselloch – Voyeure
f.) Therapie oder Bloßstellung
g.) Die Rolle des Moderators – Domian als Spielleiter und Therapeut
h.) Kirchliche Beichte vs. mediale Bekenntnisse oder: das Verhältnis von Innen und Außen

2. Das Talk-Radio – Privatheit im öffentlichen Raum Zusammenfassung

3. Quellenangaben

1. Selbstoffenbarung bei Domian – Austausch von Intimitäten zwischen Exhibitionisten und Voyeuren

a) Einleitung

Der angewachsene Fernseher lässt sich kollektiv nicht mehr abschalten, ohne dass wir fürchten müssen, halbblind zu werden. Denn: heute gibt es Segmente von Wirklichkeit, die nur deshalb wirklich (und wahr) sind, weil sie auf dem Bildschirm des Fernsehens erscheinen. Die wirkliche Wirklichkeit findet im Fernsehen statt.[1]

Jeden Tag laufen in Deutschland unzählige Talkshows, angefangen bei dem morgendlichen „Frühstücksfernsehen“ über die mittägliche „Oliver Geißen“ Show bis zum Late Night Talker „Beckmann“. Alle haben sie eines gemeinsam, sie wollen dem Publikum, zum Zwecke der Befriedigung voyeuristischer Begierden, das Innenleben unserer Mitmenschen, egal ob prominent oder nicht, auf dem Präsentierteller anrichten, auf das sich jeder den Sensationshappen rauspicke, der ihn interessiert.

Das klingt so, als wenn das Publikum an seinem Ruf schuld sei, indem es den Moderator als seinen Vertreter aussendet, den Gast dazu zubringen, sich für die Zuschauer zu prostituieren. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn auch wenn dem Geständigen das Ausmaß seiner Offenbarung vielleicht nicht so bewusst ist, haben die Menschen heute ein starkes Interesse daran, Details aus ihrem Privatleben preiszugeben, ihr Inneres nach Außen zu kehren. Und die Zuschauer lassen die Flut der alltäglichen Probleme, mit denen sie medial konfrontiert werden, bereitwillig über sich zusammenbrechen. Lieber beim Konsumieren fremden Lebens untergehen, als sich aus dem Meer der Geständnisse ans Ufer der eigenen Identität zu retten.

Im Rahmen dieser Abhandlung habe ich mich mit dem Format Domian auseinandergesetzt, das bis auf sonntags täglich bimedial im WDR und auf 1Live gesendet wird.

Hingegen vieler anderer Talkshows hat sich Domian seit der Erstausstrahlung 1995 zu einer festen Institution etabliert mit konstant guten Einschaltquoten. Durchschnittlich rufen zu jeder Sendung, sei es mit thematischer Festlegung oder nicht, 40 bis 60.000 Menschen an, von denen etwa einhundert bis zu den Rechercheuren weitergeleitet werden, die wiederum die zehn interessantesten und geprüften Fälle zu Domian ins Studio durchstellen, damit sie sich ihre Sorgen von der Seele reden können.

b) Talkshow Genres und ihre Charakteristika

Jeder Daily Talk weist sich aus durch die Verknüpfung eines Moderatornamens mit einer Themenformel, durch die definiert wird, wer als Betroffener gelten kann. Den Betroffenen wächst damit zugleich die Aufgabe zu, sich als Betroffene nur im Hinblick auf dieses Thema zu performieren.[2]

Im deutschen Fernsehprogramm gibt es eine Vielfalt an unterschiedlichen Talkshowformaten. In nahezu jeder Sendung, die keinen dokumentarischen, fiktionalen oder Nachrichten-Charakter hat, finden Gespräche zwischen Moderatoren, Zuschauern, Gästen, Experten und dem Publikum im Studio statt. Dabei sind die Typen genauso verschieden wie ihre jeweiligen Themen. So kann man Kochprofis und solchen, die es werden wollen, bei einer Unterhaltung am Herd zuschauen, während zur gleichen Zeit auf einem anderen Kanal darüber debattiert wird, ob sich 13jährige Mädchen als Mütter eignen.

Der additive Wechsel der Gesprächseinheiten und Themenschwerpunkte erhöht das Empathiepotenzial. Unterschiedliche Charaktere bilden eine weitere Fläche an Identifikationsmöglichkeiten und erhöhen so auch die Sendungsbindung des Zuschauers.[3]

Im Allgemeinen geht es bei jeder Talkshow darum, etwas über sich und seine Erfahrungen zu erzählen, entweder damit sich die heimischen Zuschauer darin bestätigt sehen oder um sie aus Neugier an der für sie fremden Erfahrung an die Sendung zu binden. „Mit der Übernahme der Kommunikationsform des zwischenmenschlichen Gesprächs in die Sendungsinszenierung ist die Talkshow schon in ihrer Sendungsstruktur auf die Medialisierung von Privatheit ausgerichtet.“[4] Was den Menschen am meisten interessiert, ist die Person des Gegenübers mitsamt seinem Gefühlsleben.

Die beiden wichtigsten Genres mit der größten Resonanz bilden im deutschen Fernsehen die Daily Talkshows und die Late Night Talkshows. Erstgenannte sind nahezu alle nach dem gleichen Schema aufgebaut. Zu einem bestimmten Thema, das sich in leicht abgewandelter Form regelmäßig wiederholt, werden Vertreter kontroverser Parteien eingeladen, um lautstark ihre Meinung zu äußern. Dabei geht es weniger darum, sich am Ende auf ein allgemeingültiges Fazit zu einigen, als sich gegenseitig emotionale Vorwürfe zu machen und sich in peinlichen Äußerungen zu übertrumpfen. So lässt sich der Daily Talk, zu dem beispielsweise Formate wie „Britt – Entscheidung am Nachmittag“ oder „Oliver Geißen“ gezählt werden können, dem „confessional talk“ zuordnen, da hier „die Empfindungen der Gäste wichtiger sind als ihre Meinungen.“[5]

Demgegenüber stehen die Late Night Talkshows, wie „Johannes B. Kerner“, „Beckmann“ oder „Riverboat“, in denen mit Gästen auf humoristische oder ernste Weise über biographische oder aktuelle Themen aus Kultur und Politik gefachsimpelt wird. „Im ‚confrontational talk’ stehen dagegen Inhalte von Aussagen, Meinungen und kontroverse Beiträge im Zentrum.“[6]

In diesem Zusammenhang lässt sich die Sendung Domian weder dem confessional noch dem confrontational talk zuordnen. Einerseits können sich die Anrufer zu verschiedenen Themen äußern oder z.B. an vorherige Aussagen anknüpfen und diese mit Domian diskutieren, andererseits findet diese Auseinandersetzung an thematisch festgelegten oder offenen Abenden oft auf der Basis des momentanen Gefühlschaos statt. Einmal angefangen, taucht der Anrufer, auf Nachfragen von Domian, immer weiter in seine Gefühlswelt ein, was zur Folge hat, dass immer delikatere Informationen an die Öffentlichkeit dringen, deren Anwesenheit dem Anrufer wohlmöglich irgendwann nicht mehr bewusst ist, worauf ich später noch näher eingehen werde. Für den Anrufer ist Domian der primäre Gesprächspartner, so als wenn er mit einem Bekannten ein vertrauliches Gespräch über das Telefon führen würde. Für den Zuschauer hingegen macht gerade diese Redseligkeit, die meist von der anfänglich zurückhaltenden Themennennung und –ausführung eine dramatische Steigerung erfährt, mitsamt der charakteristischen technischen Qualität des Telefongesprächs den Reiz der Sendung aus. Beim Radio-Talk „wirkt die schlechte akustische Qualität, sofern sie nicht viel schlechter ist als die alltäglicher Telefonate, nicht störend, sondern transportiert eine eigene Qualität: die Authentizität des O-Tons mit seinen vielfältigen Funktionen.“[7]

Hingegen vieler anderer Talk-Formate kann Domian nicht aufgezeichnet werden, da sonst die Möglichkeit der unmittelbaren Partizipation der Zuschauer natürlich nicht gegeben wäre. Der Anrufer kann seine Sorgen und Probleme live schildern und erhält eine direkt daran anknüpfende Reaktion seitens Domians, „live ist dann verknüpft mit Unvorhersehbarkeit, Unkalkulierbarkeit, und daraus folgt: mit Risiko und mit Spannung.“[8] Demnach muss Domian spontan auf Äußerungen reagieren, die sich der Anrufer zuvor überlegt hat oder zu denen er sich im Laufe des Gesprächs verleiten lässt. Allerdings hat der Anrufer nur solange das Ruder in der Hand, wie er die Nummer gewählt und sein Problem genannt hat. Ab diesem Zeitpunkt dominiert Domian den weiteren Verlauf der Unterhaltung.

Aufgrund der angebotenen und oft genutzten Möglichkeit der Beteiligung und Sendungsgestaltung via Telefon, wird Domian auch als Phone-In-Show bezeichnet. Hier ist täglich die Interaktion mit den Zuschauern möglich, was sonst nur selten in Talkshow-Formaten gegeben ist.

Die Phone-In-Show ist ein Extremfall und hat Minimalformen der medialen Kommunikation ausgebildet. Ein Raum, eine Person im Spot, nichts geschieht: Eine spartanischere Ausstattung einer Fernsehsendung als die der Phone-In-Shows ist kaum noch denkbar. Man zeige jemanden, der telefoniert, sonst nichts. Keine dramatische Aktion, keine lebhafte Interaktion außerhalb des Gesprächs, selbst das Mienenspiel des Angerufenen ist ruhig und kontrolliert.[9]

Damit wird die Aufmerksamkeit des Zuschauers nicht von unwesentlichen Dingen, wie beispielsweise der Studio-Dekoration, abgelenkt. Man fühlt sich, als würde man ein persönliches und vertrauliches Gespräch mit Domian führen oder zumindest bei besagtem heimlich anwesend sein.

c) Domian – das Talk-Radio

Wer bei Domian anruft, will reden – über Einsamkeit, Dreiecksbeziehungen oder Haustiere. Über Trauriges, Bizarres, Skurriles oder Alltägliches.[10]

Domian braucht nicht viel mehr als eine Kamera, einen Notizzettel und ein Team, das ihm einerseits therapiebedürftige Anrufer durchstellt und sich andererseits um die Nachbetreuung kümmert. „Die visuell äußerst karge Fernsehsendung lebt von der Intensität der Gespräche, die Domian mit seinen Anrufern über ihre Probleme, Schwierigkeiten und Hoffnungen führt.“[11] Ohne größere stilistische Mittel nur mit der Macht der Rhetorik ausgestattet widmet sich Domian seinen Zuschauern, immer konzentriert auf den momentan aktuellen Fall.

Jürgen Domians ‚Domian’ (WDR) markiert die wohl extremste ästhetische Position, die in Phone-In-Sendungen bezogen werden kann – die Sendung kann dem Television of Poverty zugeordnet werden, verfügt nur über eine einzige starre Kamera und illustriert eigentlich eine Anrufsendung des Radios.[12]

Bei Domian ist jedem Anrufer zehn Minuten Aufmerksamkeit garantiert, ob der Umgang mit dem thematisierten Problem danach leichter fällt oder nicht. „Die professionelle Empathie seines Gastgebers ist darauf gerichtet, ihn zu entlasten. Als Klient, als Ratsuchender vertraut er sich dem Moderator an.“[13]

Dabei wird Domian von einem qualifizierten Team unterstützt, das sich aber aus dem primären Beratungsgespräch raushält. „Ich agiere absolut frei und autonom. Niemand macht mir inhaltliche Auflagen, es darf wirklich über alles gesprochen werden, und ich stehe während der Interviews unter keinem Zeitdiktat.“[14]

Außer der groben thematischen Festlegung, kann bei Domian alles besprochen werden, was eine Relevanz für den momentanen Emotionshaushalt hat, solange man zuvor aus den unzähligen Anrufen als interessant filtriert wurde. Nach dem Motto, es gibt nichts, was es nicht gibt, ist selbst Domian oft erstaunt, mit welchen kuriosen Geschichten er konfrontiert wird.

Dabei wollen die Anrufer zum einen über bisher ungekannte oder totgeschwiegene Dinge aufklären und damit Verständnis und Akzeptanz seitens Domians und der Bevölkerung erreichen und sich andererseits exhibitionieren, der Sensation und Neugier halber.

Eine größtmögliche Resonanz der Zuschauer und Anrufer wird dadurch erzielt, dass es einerseits offene Abende gibt, an denen jedes therapierbedürftige Anliegen seziert wird und andererseits die festgelegten Themen so offen gehalten werden, dass sich fast jeder darin wieder finden und dazu äußern kann. „Auf der anderen Seite sind aber viele Themenformeln so beschaffen, daß jeder Zuschauer sich durch sie als Betroffener verstehen kann.“[15]

[...]


[1] Tholen, Christoph: Talkshow als Selbstbekenntnis. Zur Diskursanalyse der ‚Affekt-Talks’ im Fernsehen. Veränderte Fassung eines Artikels. In: Flach, Sabine / Grisko, Michael: Fernsehperspektiven. Aspekte zeitgenössischer Medienkultur. München 2000. Seite 3.

[2] Niehaus, Michael: Action talking und Talking cure. Der Spielleiter als Therapeut. In: Parr, Rolf / Thiele, Matthias: Gottschalk, Kerner & Co.. Funktionen der Telefigur ‚Spielleiter’ zwischen Exzeptionalität und Normalität. F. a. M. 2001 Seite 146.

[3] Bleicher, Joan Kristin: Formatiertes Privatleben: Muster der Inszenierung von Privatem in der Programmgeschichte des deutschen Fernsehens. In: Weiß, Ralph / Groebel, Jo (Hrsg.): Privatheit im öffentlichen Raum. Medienhandeln zwischen Individualisierung und Entgrenzung. Opladen 2002. Seite 221.

[4] Bleicher, Joan Kristin: Formatiertes Privatleben. Seite 221.

[5] http://www.textmachina.unizh.ch/ds/documents/document1625.rtf

[6] http://www.textmachina.unizh.ch/ds/documents/document1625.rtf

[7] Burger, Harald: Das Gespräch in den Massenmedien. Berlin 1991. Seite 46.

[8] Burger, Harald: Das Gespräch in den Massenmedien. Seite 414.

[9] Wulff, Hans Jürgen: Phone-In-Shows und Therapie-Talks. Kommunikationstheoretische Überlegungen. In: Tenscher, Jens / Schicha, Jens (Hrsg.): Talk auf allen Kanälen. Angebote, Akteure und Nutzer von Fernsehsendungen. Wiesbaden 2002. Seite 183.

[10] Katz, Klaus und andere Hrsg.: Am Puls der Zeit. 50 Jahre WDR. Der Sender im Wettbewerb 1985 – 2005. Köln 2006. Seite 112.

[11] Katz, Klaus und andere Hrsg.: Am Puls der Zeit. 50 Jahre WDR. Seite 224.

[12] Wulff, Hans Jürgen: Phone-In-Shows und Therapie-Talks. Seite 182.

[13] Plake, Klaus: Reden und Redlichkeit. In: Tenscher, Jens / Schicha, Jens (Hrsg.): Talk auf allen Kanälen. Angebote, Akteure und Nutzer von Fernsehsendungen. Wiesbaden 2002. Seite 82.

[14] Domian, Jürgen: Extreme Leben. Protokolle & Kommentare. Köln 1996. Seite 13.

[15] Niehaus, Michael: Action talking und Talking cure. Seite 149.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Analyse von Phone-In Sendungen als Orte der unmittelbaren Selbstoffenbarung am Beispiel der Radio- und Fernsehsendung "Domian"
Hochschule
Universität Paderborn
Veranstaltung
Im Beichtstuhl der Medien: Geständnispraktiken und Bekenntnisrituale
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
28
Katalognummer
V127973
ISBN (eBook)
9783640345304
ISBN (Buch)
9783640345144
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exhibitionismus, Voyeurismus, Domian, Talkshow, Beichte, Öffentlichkeit, Privatheit
Arbeit zitieren
Kristina Hötte (Autor), 2007, Analyse von Phone-In Sendungen als Orte der unmittelbaren Selbstoffenbarung am Beispiel der Radio- und Fernsehsendung "Domian", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127973

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Analyse von Phone-In Sendungen als Orte der unmittelbaren Selbstoffenbarung am Beispiel der Radio- und Fernsehsendung "Domian"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden