Das Böse in Mary Shelleys Roman "Frankenstein" oder der Glaube an das Gute vereint das Moralische wie das Unmoralische


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
28 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsangabe

1.) Der moderne Prometheus und sein ungeliebtes Geschöpf
1.1.) Einleitung
1.2.) Die fünf Akte des Bösen
I. Akt: Der Wille, Gutes zu tun
II. Akt: Die Schöpfung
III. Akt: Die Sünde
IV. Akt: Die Wiedergutmachung
V. Akt: Die Rache

2.) Rezeption

3.) Von Natur aus gut und zum Bösen getrieben oder Das Gute und das Böse in Frankenstein – Zusammenfassung

4.) Quellenangabe

1.) Der moderne Prometheus und sein ungeliebtes Geschöpf

1.1.) Einleitung

Frankenstein – Ein Name, der bei jedem, der ihn hört, eine bestimmte Assoziation hervorruft. Oft verbindet man damit das Bild von Boris Karloff, der als Monster Kinobesucher in Angst und Schrecken versetze. Selten hingegen denkt man an den eigentlichen Inhaber des Namens, den Wissenschaftler Frankenstein, der mit dem Willen Gutes zu tun eine menschenähnliche Kreatur schafft. Diese schwört ihrem Schöpfer, aufgrund entsagter Liebe, Rache.

Beide Figuren sind auf eine andere Art tragisch, durchleben Zeiten voller Kumme und Leid und verändern daraufhin ihren Charakter.

Der eine erleidet einen Mangel an Liebe, der andere einen Verlust an geliebten Menschen, denn das Monster mordet analog zum steigenden Gefühl von Ungerechtigkeit und Einsamkeit. Schließlich kommt es zum finalen Kampf im arktischen Eis, in dem beide den Tod finden.

In dieser Abhandlung möchte ich anhand des Romans von Mary Shelley das Verhältnis von Gut und Böse herausarbeiten. Dabei soll es um die Frage gehen, ob die Protagonisten moralisch böse handeln, welche Motivationen sie haben und ob ihre Taten zu rechtfertigen sind.

Zunächst werde in fünf Abschnitten die Entwicklung der Geschichte und der Charaktere darlegen und analysieren. Am Ende soll unter einem ethischen Gesichtspunkt geklärt werden, in welchem moralischen Sinne die Protagonisten handeln und wie ihre Taten zu bewerten sind.

1.2.) Die fünf Akte des Bösen

I. Akt: Der Wille, Gutes zu tun

Victor Frankenstein, von Robert Walton als bewundernswerter und Sympathie erweckender Mann bezeichnet, wollte große Taten im Sinne der Menschheit vollbringen. „Ich hatte mein Leben mit menschenfreundlichen Absichten angetreten, und mich hatte nach der Gelegenheit gedürstet, diese in die Praxis umzusetzen und mich für meine Mitmenschen nützlich zu machen.“[1] Genauso wie Walton, der für neue Erkenntnisse sein und das Leben seiner Mannschaft riskiert, stürzte sich Frankenstein früh mit ganzem Eifer in die Erforschung unergründeter Gebiete, ohne Rücksicht auf seine Gesundheit und die langfristigen Konsequenzen der Arbeit. „Leben oder Tod eines Mannes scheinen nur ein geringer Preis zu sein für die Kenntnisse, nach denen ich suche“[2]. Im Nachhinein zeigt sich Frankenstein zwar besorgt über Waltons Eifer und sinniert über die unheilvolle Rolle des Ehrgeizes, aber in jungen Jahren zeigte er ein ähnlich engagiertes Verhalten, weshalb Frankenstein ihm seine Lebensgeschichte erzählt. „Lernen Sie von mir, wennschon nicht aus meinen Lehren, so doch wenigstens aus meinem Beispiel, wie gefährlich es ist, Wissen zu erwerben, und wie viel glücklicher jener Mann ist, der seine Heimatstadt für die Welt hält, als jener, der über seine Natur hinauswachsen will!“[3]

Frankenstein bezeichnet seine Kindheit als eine einzige Kette von Freuden[4]. Weder im Zusammenleben mit seiner „Schwester“ Elizabeth noch mit seinen Eltern wurde er mit Streitsituationen konfrontiert. „Ich brauche nicht zu sagen, daß uns alle Arten von Streit und Unannehmlichkeit fremd blieben.“[5] Diese Ausschließlichkeit einer harmonischen Gemeinschaft, machte ihn möglicherweise blind dafür, an das Böse und seine Ursachen zu glauben.

Victor, der wohlerzogene Sohn puritanischer Eltern, hat Aggressivität und Eigensinn, Sexualität und Erotik, libidinöse Wünsche und inzestuöse Ängste erfolgreich unterdrückt, weggedrängt und verdrängt, bis ihm das psychisch Verdrängte als monströses Alter ego begegnet, das seit seiner frühesten Jugend an verabscheut, gehaßt und verfolgt wurde.[6]

Früh beginnt Frankenstein sich für die metaphysischen Geheimnisse der Welt zu interessieren. Zwar studierte er intensiv Physik und Chemie, aber genauso begeistert befasste er sich mit den geheimen Bräuchen der Alchimisten. „Das Beschwören von Geistern oder Teufeln war ein von meinen Lieblingsautoren großzügig gegebenes Versprechen, dessen Erfüllung ich eifrig anstrebte.“[7]

Alle Theorien und Pseudowissenschaften, die ihm etwas über das Leben und insbesondere die Zusammensetzung des menschlichen Körpers verrieten untersuchte er mit einer Leidenschaft, die ihn blind machte für das Leben seiner Mitmenschen und die Gefahren, die mit seinen Forschungen und Handlungen einhergingen. „Es ist der Gedanke an eine heroische Tat im Dienste des Fortschritts, der ihn seine Eltern und seine Freunde vergessen läßt und der ihn in die Isolation seines Laboratoriums treibt.“[8] Erst im Nachhinein erkennt er den Wahnsinn und seine Besessenheit, die den Weg ins Unglück ebneten:

wenn ich mir selbst Rechenschaft abzulegen suche nach der Geburt jener Leidenschaft, die später mein ganzes Dasein beherrschte, so finde ich, daß sie wie ein Bergfluß aus unbekannten oder fast vergessenen Quellen entsprang; doch im weiteren Lauf schwoll sie an und wurde schließlich der Strom, der all meine Hoffnungen und mein Glück davongeschwemmt hat.[9]

Zwar erscheinen seine Vorhaben, den Menschen unverwundbar bzw. unangreifbar für Krankheiten zu machen, zunächst eher wohltätig und im Sinne der Menschheit, bei genauerer Betrachtung wird aber Frankensteins Egoismus und seine Hoffnung auf Ruhm deutlich.

So vieles ist schon getan worden, schrie meine Seele, doch mehr, weit mehr will ich erreichen! Von den Fußstapfen des schon Erreichten ausgehend, will ich einen neuen Weg erschließen, unbekannte Kräfte entdecken und der Welt die tiefsten Geheimnisse der Schöpfung entschleiern.[10]

Dieser Wunsch, auch das letzte Rätsel zu entschlüsseln, nach dem göttlichen Geheimnis oder gleich nach Gott selbst zu suchen, ist dann auch der Beginn von Frankensteins Unglück.

Seine [Mensch] Lust am Tabubruch, seine Bereitschaft, das Gesetz zu brechen, wird als Freiheitsanspruch verstanden, aber auch blasphemisch, als Herausforderung aller göttlichen Ordnung. Der Tabubruch enthält noch ein anderes, ein ernsteres Element, die Suche nach dem, was sich hinter dem Schein verbirgt: dem Geheimnis.[11]

Kein Wunder also, dass Mary Shelley Frankenstein als einen neuen Prometheus bezeichnet. „Prometheus ist der Wohltäter der Menschheit“[12], der sich mittels der Technik bzw. der Verfügung über die Kräfte der Natur neue Erkenntnisse erhofft.

So verwirrend vielfältig dieser Mythos sein mag, immer dreht er sich um die ersten und letzten Fragen, die die Menschen sich selber stellen und an die Welt richten: Wer sind wir, woher kommen wir, wohin gehen wir? Wie weit reicht unsere Macht? Woher rührt unsere Schuld? Was sind das für Kräfte, die von uns ausgehen, die uns in der Natur, im Leben, in der Welt entgegentreten oder zu Hilfe kommen?[13]

Und meist folgt die Erfindung prometheischer Geschöpfe einer bestimmten Logik. Entweder könnte es perfekter ausfallen oder aber, was in Shelleys Geschichte der Fall ist, der innovatorische Kraftakt misslingt und die Unvollkommenheit spiegelt sich in dem Geschöpf wieder, ein nicht zu verbesserndes Stigma.[14]

Gottgleich möchte Frankenstein sich in der Erschaffung einer neuen Spezies probieren, die Krankheiten und dem Tod trotzen kann, schließlich aber Unglück sät. „Eine aus Menschlichkeit gezeugte Tragödie. So kann es also kommen, wenn man sich an Gott versucht!“[15] Damit lästert er auf eine ganz andere Art und Weise Gott, indem er keinen neuen neben ihm anbetet, sondern sich selbst für einen ebenbürtigen Schöpfer hält. „Das eigentliche Drama liegt in diesem unbändigen Willen, sich in der Ordnung des Universums an die Stelle eines anderen Schöpfers zu setzen.“[16] Anstatt die Schöpfung Gottes mit ihrer Lebensdauer und den unter Umständen einsetzenden Krankheiten zu akzeptieren, sucht er nach einer perfektionierten Wesensform, die ihn ihren Vater nennt. „Eine neue Rasse würde mich als ihren Schöpfer segnen; viele glückliche und ausgezeichnete Wesen würden ihre Existenz mir verdanken.“[17]

Dass Frankenstein schließlich ein Wesen erzeugt, das weder proportional noch optisch an das harmonisch schöne Äußere des Menschen erinnert, zeigt nur einen Aspekt seiner Überschätzung und Fehlbarkeit auf.

Das Monster ist, [...] absichtlich häßlich, denn in dieser Häßlichkeit spiegelt sich die ganze irdische Unfähigkeit Frankensteins wider, seine Schuld, nicht in der Lage zu sein, etwas Menschenähnliches zu schaffen. Er ist zwar Schöpfer, aber nur Schöpfer niederer Lebewesen. Die menschliche Vollkommenheit liegt immer noch in der Sphäre der potentiellen göttlichen Eigenschaften.[18]

Das Geschöpf trägt also den ästhetischen Makel als eine Art Kainsmal, welches für die moralisch verwerfliche Hybris steht, mit der Frankenstein sich neben Gott stellen wollte.[19]

Frankenstein nimmt sich also mit dem Vorsatz, der Menschheit Gutes zu leisten, der Belebung toter Materie an, doch schon während seiner Studien und Experimente lässt er die Menschen im Stich, die ihm eine glückliche Kindheit bescherten und für seine Nachlässigkeit und Verantwortungslosigkeit später mit dem Leben bezahlen müssen. „Und die gleiche Besessenheit, die mich abstumpfte gegen die Szenen um mich herum, ließ mich auch die lieben Menschen vergessen“[20]. Erst in der Rekapitulation seiner Geschichte gegenüber Walton wird ihm die damalige Vergiftung seines Geistes durch seinen übertriebenen Forschungsdrang bewusst.

Wenn die Arbeit, der man sich widmet, die Tendenz hat, unsere Zuneigung zu schwächen und unseren Geschmack für jene einfachen Vergnügungen, in die sich keine unedle Beimengung mischen kann, zu zerstören, dann ist jene Arbeit zweifellos unrecht, das heißt, sie dient nicht dem menschlichen Geist.[21]

Ehrgeizig arbeitete er an seinem Werk und damit gleichzeitig an seinem und dem Untergang seiner Familie. „’Hoffnung auf eine große Zukunft schien mich fortzutragen, bis ich stürzte, um mich nie wieder zu erheben.’“[22]

II. Akt: Die Schöpfung

Ein typisches Merkmal der Literatur der Romantik sind Träume als Inspiration für eine Geschichte. Mary Shelley versuchte verzweifelt eine Gruselgeschichte zu ersinnen, um sie im Kreise der intellektuellen Freunde zu erzählen und erwähnt in der Vorgeschichte zu Frankenstein einen Alptraum über die Erschaffung eines menschenähnlichen und beseelten Wesens, dessen Anblick selbst bei seinem Schöpfer Angst und Abscheu verursachte.

Das Ergebnis seiner Arbeit mußte den Künstler entsetzen; von Grauen gepackt würde er vor dem abscheulichen Werk seiner Hände flüchten. Er würde hoffen, der winzige Lebensfunke, den er ihm eingegeben hatte, würde wieder erlöschen, wenn das Wesen sich selbst überlassen blieb; er würde hoffen, daß dieses Geschöpf mit seiner so unvollkommenen Belebung wieder zu toter Materie zerfiele; und er würde einschlafen im Glauben, das Schweigen des Grabes würde für immer die vergängliche Existenz des gräßlichen Leichnams auslöschen, den er als Wiege des Lebens angesehen hatte.[23]

Diese Vision bildet den imaginativen Nukleus für die Geschichte des modernen Prometheus Victor Frankenstein. Auch die eigene traumatische Biographie, von Fehlgeburten bis zu Selbstmorden in der Familie, hatte Einfluss auf Mary Shelleys Roman.

Der Produzent kann die Schrecken nicht ausmalen, die Reaktionen seiner Helden (und Monster) nicht glaubwürdig schildern, wenn er die Äußerungen von Grauen, Furcht und Panik nicht kennt. [...] Er muß also selbst Angst empfinden können – und gegebenenfalls sogar die Lust an der Grausamkeit, um seine Schreckgestalten damit ausstatten zu können.[24]

Während seiner Studien befasste sich Frankenstein intensiv mit dem Leben und der menschlichen Anatomie. Um hinter das Geheimnis des Lebens zu kommen, erforschte er auch den Tod, wozu er sich oft in Grüften oder Leichenschauhäusern aufhielt. „Ich sah, wie die schöne Gestalt des Menschen verfiel und zerstört wurde; ich beobachtete, wie die Macht des Todes über die blühenden Wangen des Lebens siegte“[25].

[...]


[1] Shelley, Mary: Frankenstein oder der moderne Prometheus. Frankfurt am Main 1988. S. 122.

[2] Ebd.. S. 37.

[3] Ebd.. S. 72.

[4] Ebd.. S. 46.

[5] Ebd.. S. 49.

[6] Liebertz-Grün, Ursula: Mary W. Shelleys Frankenstein: der neue Prometheus und ihre Familienbande. In: Drux, Rudolf (Hrsg.): Der Frankenstein-Komplex. Frankfurt am Main 1999. S. 50.

[7] Shelley: Frankenstein. S. 55.

[8] Kohl, Norbert: „Du bist mein Schöpfer, aber ich bin dein Herr!“. Marys Kopfgeburt und die Folgen. Nachwort zu Shelley, Mary: Frankenstein oder der moderne Prometheus. Frankfurt am Main 1988. S. 320.

[9] Shelley: Frankenstein. S. 53.

[10] Ebd.. S. 66.

[11] Schuller, Alexander: Das Böse – unsere letzte Rettung. In: Liessmann, Konrad Paul (Hrsg.): Faszination des Bösen. Über die Abgründe des Menschlichen. Philosophicum Lech. Wien 1997. S. 165.

[12] Peters, Günter: System Prometheus. Aktuelle Inanspruchnahme eines Mythos. In: Pankow, Edgar / Peters, Günter (Hrsg.): Prometheus. Mythos der Kultur. München 1999. S. 27.

[13] Ebd.. S. 26f.

[14] Koebner, Thomas: Wovon träumen die Geschöpfe des Prometheus? Künstliche Menschen im Film. In: Pankow, Edgar / Peters, Günter (Hrsg.): Prometheus. Mythos der Kultur. München 1999. S. 193.

[15] Bergmann, Wolfgang: Es sind wir. Frankenstein als Leitbild der zweiten Dominanzumkehr. In: Drux, Rudolf (Hrsg.): Der Frankenstein-Komplex. Frankfurt am Main 1999. S. 205.

[16] Massari, Robert: Mary Shelleys „Frankenstein“. Vom romantischen Mythos zu den Anfängen der Science Fiction. S. 24.

[17] Shelley: Frankenstein. S. 74.

[18] Massari: Mary Shelleys „Frankenstein“. S. 26.

[19] Kohl: „Du bist mein Schöpfer, aber ich bin dein Herr!“. S. 321.

[20] Shelley: Frankenstein. S. 75.

[21] Ebd.. S. 76.

[22] Ebd.. S. 283.

[23] Shelley: Frankenstein. S. 16.

[24] Baumann, Hans D.: Horror. Die Lust am Grauen. München 1993. S. 56.

[25] Shelley: Frankenstein. S. 71.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Das Böse in Mary Shelleys Roman "Frankenstein" oder der Glaube an das Gute vereint das Moralische wie das Unmoralische
Hochschule
Universität Paderborn
Veranstaltung
Das Böse
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
28
Katalognummer
V127976
ISBN (eBook)
9783640345328
ISBN (Buch)
9783640345168
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: "Eine sehr ausführliche, sorgfältig ausgearbeitete und qualitativ sehr gute Seminararbeit. Klare Fragestellung mit rotem Faden durch die gesamte Arbeit, gute Analyse."
Schlagworte
Frankenstein, Shelley, Prometheus, Moral, Monster, Rache, Mythos, Schöpfung, Horror
Arbeit zitieren
Kristina Hötte (Autor), 2008, Das Böse in Mary Shelleys Roman "Frankenstein" oder der Glaube an das Gute vereint das Moralische wie das Unmoralische, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127976

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