In dieser Arbeit geht es um die Untersuchung von Kasusfähigkeiten im monolingual deutschen Spracherwerb. Zunächst wird dazu das deutsche Kasussystem aus linguistischer Perspektive betrachtet, bevor sich eine Zusammenfassung des Forschungsstandes in Bezug auf den Kasuserwerb anschließt.
Aus diesen Grundlagen werden die drei folgenden Hypothesen in den Fokus gestellt und mittels empirischer Daten geprüft: Die erste Annahme ist, dass sich der Kasuserwerb in seinem zeitlichen Verlauf mit starker individueller Varianz vollzieht. Die zweite Annahme ist, dass sich aus den Daten keine Erwerbssequenz der Kasus ableiten lässt, wonach bspw. der Akkusativ vor dem Dativ erworben würde. Die dritte Annahme ist, dass auch in Bezug auf die Zuweisungsart der Kasus keine Tendenz auszumachen ist, der zufolge der strukturell zugewiesene Kasus vor dem lexikalisch zugewiesenen Kasus erworben würde.
Die verwendeten empirischen Daten speisen sich aus dem Forschungsprojekt zur Normierung des Testverfahrens MuSE-Pro, das aktuell unter der Leitung von Prof. Dr. Margit Berg an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg durchgeführt wird. Dabei wurden die grammatischen Fähigkeiten von u.a. 50 monolingual deutsch aufwachsenden Kindern im Alter zwischen 5; 0 und 7; 6 Jahren querschnittlich erhoben. Der Darstellung von den Ergebnissen, die die statistische Auswertung der erhobenen Daten in Bezug auf die Hypothesen ergeben, folgt jeweils eine Diskussion, in der die Ergebnisse in einem Vergleich mit den im Grundlagenteil vorgestellten Untersuchungen, wie bspw. den Erkenntnissen des GED-Projektes eingeordnet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Vierkasussystem des Deutschen
2.1. Die Klassifizierung der Kasus als morphosyntaktische Kategorie
2.2. Die Art der Kasuszuweisung
2.3. Die Funktion der Kasus
3. Empirische Befunde zum Erwerbsverlauf der Kasusfähigkeiten
3.1. Exkurs: Erwerbsmodelle
3.2. Die Darstellung der empirischen Befunde
3.2.1. Annahmen zum Erwerbsablauf und beeinflussenden Faktoren
3.2.2. Zeitliche Verortung
4. Die diagnostische Erfassung von Kasusfähigkeiten
5. Die empirischen Befunde
5.1. Proband:innen
5.2. MuSE-Pro
5.2.1. Subtests zum Kasus in der Nominalphrase
5.2.2. Subtests zum Kasus in der Präpositionalphrase
5.3. Durchführung
5.4. Forschungsfrage 1: Das durchschnittliche Korrektheitsniveau
5.5. Forschungsfrage 2: Die Erwerbsreihenfolge der Kasus
5.6. Forschungsfrage 3: Der Erwerb des strukturellen und des lexikalischen Kasus
5.7. Ergebnisse und Beantwortung der Fragestellung 1
5.8. Ergebnisse und Beantwortung der Fragestellung 2
5.9. Ergebnisse und Beantwortung der Fragestellung 3
5.10. Methodenkritische Reflexion
5.11. Diskussion der Ergebnisse
5.11.1. Diskussion der Ergebnisse zur Fragestellung 1
5.11.2. Diskussion der Ergebnisse zur Fragestellung 2
5.11.3. Diskussion der Ergebnisse zur Fragestellung 3
6. Fazit
Zielsetzung und Forschungsfragen
Die vorliegende Bachelorarbeit untersucht den Kasuserwerb monolingual deutschsprachiger Kinder unter besonderer Berücksichtigung des Testverfahrens MuSE-Pro. Ziel ist es, den zeitlichen Verlauf und die Reihenfolge des Erwerbs von Akkusativ und Dativ sowie den Einfluss der Kasuszuweisungsart (strukturell vs. lexikalisch) empirisch zu analysieren und mit bestehenden Spracherwerbstheorien abzugleichen.
- Analyse des zeitlichen Verlaufs des Kasuserwerbs im Kindesalter.
- Untersuchung einer generalisierbaren Erwerbssequenz (Akkusativ vor Dativ).
- Vergleich der Erwerbsgeschwindigkeit von strukturellem und lexikalischem Kasus.
- Validierung der Ergebnisse auf Basis produktiver Sprachdaten mittels MuSE-Pro.
- Diskussion theoretischer Modelle vor dem Hintergrund empirischer Befunde.
Auszug aus dem Buch
2.1. Die Klassifizierung der Kasus als morphosyntaktische Kategorie
Dass der Kasus als grammatische Kategorie eine Schnittstelle zwischen Morphologie und Syntax besetzt, wird weithin angenommen. (Vgl. Cholewa, Mantey 2008, S.16; Ulrich 2017, S.200) Es erscheint zunächst jedoch fraglich, inwieweit die Charakterisierung der Kasus als primär morphologisch zu Tage tretende Kategorie noch gerechtfertigt ist: An Substantiven kommt es kaum noch zu eindeutigen Markierungen der Kasus, Homonymie und der Zusammenfall mit Flexionsmorphemen anderer Kategorien, wie dem Genus oder Numerus, sowie der Kasusverfall, der sich insbesondere auf die Genitivmarkierungen auswirkt und in der mündlichen Sprache in größerem Maße fortgeschritten ist, sorgen dafür. (Vgl. Ulrich 2017, S.208f.; Wegener 1995, S.143f. i.V.m. S.155, S.166f.) An den verbleibenden deklinierenden Wortarten, den Determinantien, Adjektiven und Pronomina, werden die Kasusmarkierungen jedoch regulärer, eindeutiger und in salienterer Weise vollzogen, weshalb der Kasus nach wie vor als eine grammatische Kategorie gelten kann, die sich morphologisch äußert. (Vgl. Cholewa, Mantey 2008, S.86; Wegener 1995, S.153f.) Ihre Relevanz in Bezug auf die Syntax haben die Kasus durch ihre Funktion, den Nominalphrasen syntaktische Rollen zuzuweisen; dies wird nachfolgend besprochen. (Vgl. Kapitel 2.3.)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Thematik der Sprachentwicklung bei Kindern ein und stellt die drei Forschungsfragen zum Kasuserwerb, zum Erwerbsverlauf und zum Einfluss der Kasuszuweisung vor.
2. Das Vierkasussystem des Deutschen: Es werden linguistische Grundlagen zur Kasusklassifizierung, zur Kasuszuweisung und zur funktionalen Rolle der Kasus im Deutschen dargelegt.
3. Empirische Befunde zum Erwerbsverlauf der Kasusfähigkeiten: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über Erwerbsmodelle und bisherige Forschungsergebnisse zum Kasuserwerb im Kindesalter.
4. Die diagnostische Erfassung von Kasusfähigkeiten: Hier werden verschiedene diagnostische Verfahren zur Erfassung grammatischer Fähigkeiten, insbesondere evozierte Sprachproben, diskutiert.
5. Die empirischen Befunde: Das zentrale Kapitel stellt die Stichprobe, das Testverfahren MuSE-Pro und die Durchführung der empirischen Erhebung vor, präsentiert die Ergebnisse zu den drei Forschungsfragen und diskutiert diese kritisch.
6. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse, die zeigen, dass beim Kasuserwerb keine starren Zeitpunkte postuliert werden können und keine eindeutige Überlegenheit einer Zuweisungsart existiert.
Schlüsselwörter
Kasuserwerb, Grammatikentwicklung, MuSE-Pro, Sprachentwicklung, monolingual, Akkusativ, Dativ, struktureller Kasus, lexikalischer Kasus, Rektion, Kindersprache, linguistische Diagnostik, Erwerbssequenz, Erwerbsmodell, Sprachtherapie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Erwerb des deutschen Vierkasussystems bei monolingual aufwachsenden Kindern im Alter von fünf bis acht Jahren, wobei der Fokus auf dem produktiven Gebrauch von Akkusativ und Dativ liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit verknüpft linguistische Grundlagen mit der diagnostischen Praxis und untersucht empirisch den Erwerbsverlauf, die Reihenfolge der Kasus sowie den Einfluss der Zuweisungsart.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, ob der Kasuserwerb einem generalisierbaren zeitlichen Muster folgt, ob der Akkusativ zwingend vor dem Dativ erworben wird und ob strukturelle Kasus leichter erlernbar sind als lexikalische.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für die Untersuchung verwendet?
Die Arbeit nutzt die Ergebnisse von 50 monolingualen Kindern, deren Sprachfertigkeiten mittels des Testverfahrens MuSE-Pro erhoben wurden, und wertet diese deskriptiv sowie inferenzstatistisch (u.a. mit abhängigen t-Tests) aus.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, diagnostische Überlegungen und die eigentliche empirische Untersuchung, in der Daten zu den drei Forschungsfragen ausgewertet und interpretiert werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Kasuserwerb, MuSE-Pro, grammatische Entwicklung, strukturelle und lexikalische Kasuszuweisung sowie produktive Sprachfähigkeiten.
Welchen Einfluss hatte die Corona-Pandemie auf die Erhebung?
Die Autorin reflektiert kritisch, dass die Datenerhebung während der Pandemie stattfand, was durch den Wegfall sozialer Kontakte in Kitas und Schulen die Sprach- und Grammatikentwicklung der Kinder beeinflusst haben könnte.
Was wurde bezüglich der Erwerbsreihenfolge von Akkusativ und Dativ festgestellt?
Die Arbeit widerlegt die Annahme einer starren Erwerbssequenz, da auch Gruppen von Kindern identifiziert wurden, die den Dativ vor oder ohne den Akkusativ korrekt anwenden können.
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- Anne Maurer (Author), 2022, Kasusfähigkeiten monolingualer Kinder: Eine Erhebung mit dem MuSE-Pro, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1280134