Zur Norm in den Vorwörtern der Wörterbücher der Académie française


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

26 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Erläuterung des Normbegriffs

2. Die Académie und Vaugelas’ „Remarques“

3. Zur Norm in den einzelnen Vorwörtern
3.1 1. Vorwort…
3.2 2. Vorwort
3.3 3. Vorwort
3.4 4. Vorwort
3.5 5. Vorwort
3.6 6. Vorwort
3.7 7. Vorwort
3.8 8. Vorwort
3.9 9. Vorwort

4. Schlusswort

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Normbegriff

Les grandes dates historiques. 14 juillet 1789: prise de la Bastille – juillet-octobre 1829: fondation du « Temps » – 5 mars 1953: mort de Staline – 28 septembre 1976: « Merde » entre au « Monde » sur toute la largeur d’une page (publicitaire).[1]

Diese Gedenktafel aus der Satirezeitschrift Canard enchaîné zeigt uns wieder einmal das besondere Verhältnis, das Franzosen zu ihrer Sprache haben. In diesem Fall geht es insbesondere um das Normbewusstsein, das gestört wurde, als Le Monde den, wie sagen wir so schön im Deutschen, Kraftausdruck merde veröffentlichte. Betonen möchte ich dabei, dass es sich um eine Werbeseite handelte; in einem seriösen Artikel ist dergleichen selbstverständlich bis heute undenkbar. Meines Wissens blieb das erste Auftauchen von scheiße in deutschen Zeitungen undokumentiert, aber wir haben auch keine jahrhundertealte Institution, die sich um die Sprachpflege kümmert und keine Politik, die bereits seit dem 16. Jahrhundert[2] die Bedeutung der Sprache erkannt und genutzt hat.

Mit der eben erwähnten Institution ist natürlich die 1635 gegründete Académie française gemeint, die einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet hat, dass wir heute ohne große Probleme, die französische Literatur ab dem 17. Jahrhundert lesen können. Sie hat also dem Französischen eine Norm gegeben und tut dies bis heute in der Schriftsprache.

In der vorliegenden Arbeit soll aufgezeigt werden, wie sich diese Normgebung in den Vorwörtern der Wörterbücher der Académie äußert und welche zum Teil subtilen normativen Setzungen sich hinter deskriptivem Anspruch verbergen. Dazu zunächst einige erläuternde Anmerkungen zum Normbegriff. Ich begrenze mich dabei auf die für diese Arbeit einzig relevanten Sprachnormen, die einen Teil der sozialen Normen bilden. Sprachnormen umfassen alle Regeln, ob bewusst oder unbewusst, die wir in einer Kommunikationssituation anwenden und die das gegenseitige Verständnis gewährleisten. Der Spracherwerb erfolgt vor allem anhand von impliziten Normen; wir lernen sozusagen unbewusst, in erster Linie durch sprachliche Vorbilder in unserer Umgebung. Die der Sprache zugrunde liegenden Regulierungen lassen aufgrund ihrer Komplexität nur im bestimmten Maße ein Lernen durch explizit formulierte Normen zu.[3]

Hier stehen jedoch die expliziten Normen im Vordergrund, also alle Regeln, die uns zum Beispiel in Grammatiken begegnen und die die Sprache systematisieren und normieren.[4] Das ist jetzt zwar sehr verkürzt, reicht für diesen Rahmen allerdings aus. Wir können es im Fall des Französischen sogar noch kürzer fassen: Norm = bon usage. Dieser ist terminologisch nur leider noch schwieriger zu fassen als der der Norm. Wie Normen im Allgemeinen ist auch er historisch geprägt, doch bezieht sich dieser jeweils auf eine bestimmte Gesellschaftsschicht, die nicht leicht zu umgrenzen ist. Da das Verständnis des bon usage jedoch unabdingbar für die Thematik des französischen Norm- und Sprachbewusstseins ist, soll nun der Begriff mithilfe Vaugelas’ erhellt werden.

2. Vaugelas’ « Remarques sur la langue françoise »

Claude Favre de Vaugelas (1585-1650) war selbst Mitglied der Académie francaise, eines der Schillernsten dazu und wurde mit der Verfassung des ersten Wörterbuchs der Académie betraut, an dem er bis zu seinem Lebensende arbeitete. Diese ehrenvolle Aufgabe wurde ihm deshalb zuteil, weil er « auf dem Boden dessen [stand], was Sprachanschauung und Ziel der Académie ausmachte.»[5] Worin diese Sprachanschauung besteht, wird bei einer Beschäftigung mit dem Vorwort seiner 1647 veröffentlichten « Remarques sur la langue françoise » deutlich. Nicht nur inhaltlich, sondern auch terminologisch ist dieses Vorwort zweifelsohne in eine Reihe mit den Vorwörtern der Akademiewörterbücher zu stellen. Allen voran finden wir dort die Defintion des bereits erwähnten bon usage: « C’est la façon de parler de la plus saine partie de la Cour, conformément à la façon d’escrire de la plus saine partie des Autheurs du temps. »[6]

Eine erste wichtige Erkenntnis können wir aus dieser Definition von Vaugelas ziehen, nämlich die, dass die mündliche Sprache vor die schriftliche gestellt wird. Das heißt, als maßgeblich für das, was bon usage ist, gilt die mündliche Sprache am Hof: « Car enfin la parole qui se prononce, est la premiere en ordre et dignité, puis que celle qui est escrite n’est que son image ».[7] Nicht jedoch verhält es sich so, dass es jeweils einen bon usage für das Mündliche und einen für das Schriftliche gäbe.[8] Vielmehr ergibt sich der bon usage aus der conformité zwischen Hof und Schriftstellern, so zeigt es uns das conformément an.[9] Doch wen genau umfasst die Cour beziehungsweise deren plus saine partie ? Vaugelas versteht unter Cour:

Quand je dis la Cour, j’y comprens les femmes comme les hommes, et plusieurs personnes de la ville où le Prince reside, qui par la communication qu’elles ont avec les gens de la Cour participent à sa politesse.[10]

Wie man bereits bei dem Begriff Cour erwartet, erfolgt eine geographische Eingrenzung, nämlich die auf Versailles. Jedoch bezieht diese auch andere Personen aus der ville, also aus Paris, mit ein. Dies weist darauf hin, dass neben der Lage vor allem die soziale Schicht und die Zugehörigkeit zur « communauté culturelle »[11] entscheidend dafür ist, ob man zu denen gehört, die den bon usage ausmachen. Wichtig ist der enge Kontakt mit den Leuten am Hofe. Die Trägergruppe der Norm wird ferner eingeschränkt durch la plus saine partie, das sowohl für den Hof als auch für die Autoren gilt. Damit beschreibt Vaugelas « une élite à l’intérieur de l’élite constituée par la cour et les écrivains. »[12] Es sind diejenigen, deren Sprache nicht verseucht von Regionalismen, Neologismen und sonstigen Zeichen des mauvais usage ist. Sie werden als honnêtes hommes bezeichnet und bilden das Ensemble der plus saine partie de la Cour. Indirekt, aber entschieden ausgenommen, sind von der Cour jegliche Adligen aus dem übrigen Frankreich. Die Menschen jenseits von Paris werden schlicht als Provinciaux bezeichnet, deren Stellung bezüglich des Französischen klar wird, wenn man sieht, dass sie in einem Atemzug mit den Estrangers genannt werden.[13]

Genauer beleuchtet muss an dieser Stelle noch der eben angesprochene mauvais usage werden. Das, was ihn ausmacht, hilft zu verstehen, worin genau die angestrebte Norm des Französischen zur damaligen Zeit besteht beziehungsweise wodurch sie verletzt wird. Eine Gruppe der verpönten Wörter bilden die provincialismes. Paris ist der Nabel Frankreichs, so auch die Sprache betreffend und alle anderen Varianten des Französischen können demnach nicht Teil des bon usage sein. Vaugelas empfiehlt daher auch einen längeren Aufenthalt außerhalb von Paris zu vermeiden.[14] Ebenfalls zum mauvais usage gehört le langage populaire. Ob in Paris oder im Rest Frankreichs, le peuple kann immer nur Träger des mauvais usage sein.[15] Für Vaugelas ist peuple folglich stark negativ konnotiert, im Sinne des Lateinischen plebs, das die unteren Schichten bezeichnet.

Les langues techniques sind ein weiterer Bereich der Wörter, die man in einer Konversation vermeiden sollte, denn der honnête homme verfügt über ein Allgemeinwissen, ist aber kein Spezialist in irgendeiner Richtung. Etwas schwieriger zu definieren sind die mots bas. Unter ihnen finden sich « d’une part les mots triviaux, obscènes ou simplement réalistes, d’autre part les archaïsmes. »[16] Auch veraltete, nicht mehr gebräuchliche Wörter sind vom bon usage ausgeschlossen, was dessen modernen Charakter zeigt. Modern darf hierbei allerdings nicht zu progressiv aufgefasst werden. Die Erklärung führt uns direkt zur Gruppe der néologismes. Grundsätzlich gilt für Vaugelas, dass niemand neue Wörter kreieren darf, auch nicht der König[17]. Gewisse Zugeständnisse werden dann doch gemacht, nämlich wenn ein bestimmter privilegierter Personenkreis – « un Souverain, ou un Favory, ou un principal Ministre »[18] - sozusagen zufällig ein Wort erfindet, das aufgrund der Stellung eben jener Person so schnell von den Höflingen aufgenommen wird und sich alsbald so verbreitet, dass es Teil des usage wird.

Dies soll als Abriss über das, was den bon usage ausmacht, genügen. Wichtig für das eigentliche Thema der Arbeit ist diese von Vaugelas aufgestellte Norm deshalb, weil wir sie in großen Teilen so auch in den Vorwörtern der Akademiewörterbücher finden werden und so deren Ursprung deutlich wurde. Doch würde Vaugelas nach diesem Satz wahrscheinlich protestieren: hat er die Norm aufgestellt? « [J]e ne pretens passer que pour un simple tesmoin, qui depose ce qu’il a veu et oüi »[19], hätte wohl seine Antwort gelautet. Er wollte keine Gesetze schaffen und forderte keine alleinige Autorität.[20] Seine Funktion sah er lediglich in der Übermittlung des bon usage. Demnach war der Anspruch der Remarques deskriptiv und nicht normativ. Wie weit allerdings zum Teil Anspruch und Wirklich auseinanderklaffen, auch das wird sich uns noch in den Vorwörtern der Académie zeigen.

3. Zur Norm in den einzelnen Vorwörtern

Vor der Einzelanalyse der Vorwörter werfen wir noch einen Blick auf das Projekt des dictionnaire im Allgemeinen und dessen Ziel. Die wichtigsten Aufgaben der Académie bestanden und bestehen noch in der Reinhaltung und Fixierung der französischen Sprache sowie in der Erläuterung der besonderen Schwierigkeiten dieser.[21] Dadurch sollte nichts Geringeres erreicht werden, als Französisch in den Rang zu erheben, den einst Latein innehatte, und so zu dessen Nachfolger zu werden.[22] In diesem Zeichen stand also die Entwicklung des dictionnaire de l’usage. Mittlerweile zählen wir dessen 9. Auflage und jede ist einer genauen Betrachtung wert:

L’ensemble de la publication académique représente aujourd’hui une suite neuf ouvrages, tous singuliers, à l’image du « peuple d’uniques » dont ils émanent, et pourtant tous homologues, en réponse à un objectif inchangé. De plus, chaque édition apporte une nouvelle mise en perspective de l’ensemble et accuse le caractère plus ou moins original ou rémanent des parutions antérieures.[23]

Zwischen traditionsbewusstem Festhalten an der grundlegenden Konzeption und stetiger Anpassung an die Entwicklung und Wandlung der Sprache bewegen sich das Wörterbuch und damit auch die in ihnen vertretene Norm. Um dies aufzuzeigen, folgen die Analysen der Vorwörter einer festen Struktur: Einführung, Gruppen der unerwünschten Wörter, Rechtschreibung und, gegebenenfalls, sonstige Bemerkungen. Auf diesem Wege soll erkennbar werden, was gleich bleibt und was sich verändert.

3.1 1. Vorwort

1694 ist das Jahr, in dem der erste dictionnaire der l’Académie française veröffentlicht wurde. Zu diesem Zeitpunkt befand diese sich bereits seit 22 unter dem Protektorat Ludwigs des XIV. Seinen Einfluss hat er durchaus zu nutzen gewusst und nicht zuletzt wegen ihm konnten sich einige progressivere Stimmen in der Académie erst viele Jahre später Gehör verschaffen.[24]

Bevor wir im Vorwort erfahren, was den bon usage, also die Norm ausmacht, wird zunächst erklärt, für wen diese Norm als Richtschnur dienen soll:

Le dictionnaire de l’Académie ne sera pas moins utile, tant à l’esgard des Estrangers qui aiment nostre Langue, qu’à l’esgard des François mesmes qui sont quelquefois en peine de la veritable signification des mots, ou qui n’en connoissent pas le bel usage, & qui seront bien aises d’y trouver des esclaircissements à leurs doutes.[25]

[...]


[1] Christmann, Hans Helmut : Das Französische der Gegenwart. Zu seiner Norm und seiner « défense ». In: Die französische Sprache von heute. Hrsg. Von Franz Josef Hausmann. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1983. (Wege der Forschung. 496.), S. 423.

[2] Genauer gesagt seit 1539, als François I mit der Ordonnace de Villers-Cottêrets Französisch als Amtssprache

eingeführt hat.

[3] Vgl Settekorn, Wolfgang: Sprachnorm und Sprachnormierung in Frankreich. Einführung in die begrifflichen, historischen und materiellen Grundlagen. Tübingen: Niemeyer 1988, S. 8.

[4] Vgl. Weinrich, Harald: Wege der Sprachkultur. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1985, S. 13.

[5] Frey, Brigitte : Die Académie Française und ihre Stellung zu anderen Sprachpflegeinstitutionen. Bonn: Romanistischer Verlag 2000. (Abhandlungen zur Sprache und Literatur. 130.), S. 23.

[6] Vaugelas, Claude Favre de: La préface des « Remarques sur la langue fraçoise ». Éditée avec introduction et notes par Zygmunt Marzys. Neuchâtel : Université de Neuchâtel 1984. (Receuil de travaux publiés par la faculté des lettres. 37.), S. 40.

[7] Ebenda, S. 41.

[8] vgl. Marzys, Zygmunt: La préface des « Remarques sur la langue françoise ». Neuchâtel : Université de Neuchâtel 1984. (Receuil de travaux publiés par la faculté des lettres. 37.), S. 14.

[9] vgl. ebenda.

[10] Vaugelas, Claude Favre de: La préface des « Remarques sur la langue fraçoise ». Éditée avec introduction et notes par Zygmunt Marzys. Neuchâtel : Université de Neuchâtel 1984. (Receuil de travaux publiés par la faculté des lettres. 37.), S. 41. Im Folgenden belege ich Zitate aus diesem Buch mit nachstehender Sigle : (Vaugelas, S.X .)

[11] Marzys, Zygmunt: La préface des « Remarques sur la langue françoise ». Neuchâtel : Université de Neuchâtel 1984. (Receuil de travaux publiés par la faculté des lettres. 37.), S. 13.

[12] Ebenda, S. 14.

[13] vgl. Vaugelas, S. 41.

[14] vgl.ebenda, S. 43.

[15] vgl.ebenda, S. 54.

[16] Marzys, Zygmunt: La préface des « Remarques sur la langue françoise ». Neuchâtel : Université de Neuchâtel 1984. (Receuil de travaux publiés par la faculté des lettres. 37.), S. 23.

[17] vgl. Vaugelas, S. 67.

[18] Ebenda, S. 68.

[19] Ebenda, S. 39.

[20] vgl.ebenda.

[21] vgl. http://www.academie-francaise.fr/role/statuts.pdf, Art. 6.

[22] vgl. Stackelberg, Jürgen von: Die Académie Française. In: Der Akademiegedanke im 17. und 18. Jahrhundert. Hrsg. von Fritz Hartmann und Rudolf Vierhaus. Bremen und Wolfenbüttel: Jacobi Verlag 1977, S. 30.

[23] Baddeley, Susan : Les préfaces du dictionnaire de l’Académie française. 1694- 1992. Hrsg. von Bernard Quemada. Paris: Champion 1997, S. 462.

[24] vgl. Catach, Nina : Norme et variation. Autour de l’académie française, au XVIIe siècle. In : La variation dans la langue en France du XVIe au XIXe. Paris : Éd. du Centre National de la Recherche Scientifique 1989, S. 46f.

[25] Préface de la première édition, S. 1.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Zur Norm in den Vorwörtern der Wörterbücher der Académie française
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
26
Katalognummer
V128075
ISBN (eBook)
9783640352074
ISBN (Buch)
9783640351961
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Norm, Vorwörtern, Wörterbücher, Académie
Arbeit zitieren
Janine Kapol (Autor), 2007, Zur Norm in den Vorwörtern der Wörterbücher der Académie française, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128075

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