Den aristotelischen Regeln entsprechend, liegt die positive Seite der Ganzheit darin, dass sie dem Prinzip der Vollständigkeit entspricht, die negative Seite der Einheit darin, dass Unentbehrliches weggelassen wird, und somit das Prinzip der Unersetzlichkeit der Teile gewahrt wird. Weiterhin gilt die Bestimmung der Unversetzbarkeit der Teile, d.h. dass das Kunstwerk einer höheren Ordnung unterliegt.
Das geschlossene Drama besitzt stets eine eindeutige Haupthandlung, die kontinuierlich, gemäß einem roten Faden verfolgt wird. Besitzt ein Drama außer der Haupthandlung andere Seitenstränge, so dienen sie einzig dem Prinzip der Ganzheit. Sie stehen nicht im Widerspruch zum Prinzip der Einheit, denn die Nebenhandlungen gewinnen niemals Autonomie, die zu einer Zersplitterung der Haupthandlung führen würde, sondern sie werden allein dazu benutzt, neue Aspekte, die Teil der Haupthandlung sein müssen, einzuführen und zu erklären. Somit erweisen sich die Seitenstränge als notwendiger Teil der Haupthandlung. Des Weiteren stellt die Handlung des geschlossenen Dramas nur den Höhepunkt einer vorangegangenen, räumlich, zeitlich und pragmatisch komplexeren Entwicklung dar. So könnte man annehmen, dass der dargestellte Teil dieser Entwicklung nur Partielles eines Größeren ist, dem ist nicht so, der dargestellte Teil wird zum Ganzen, indem er die Vorgeschichte integriert. Die Handlungsführung konstituiert ihr eigenes Ordnungsgefüge, welches die pragmatisch außerhalb liegende Entwicklung zwingt, sich ihr zu unterwerfen.
Inhaltsverzeichnis
1. Handlung
1.1 Einheit • Ganzheit
1.2 Kontinuität
1.3 Exposition
1.4 Duel
1.5 Entstofflichung • Verdeckte Handlung
1.6 Verzicht auf Charakteristisches
1.7 Mittelbarer Stil
2. Zeit
2.1 Zeiterstreckung und Zeitqualität
2.2 Zeit als Rahmen
2.3 Entgegenwärtigung • Reine Sukzession
2.4 Überlagerung des Augenblicks
3. Raum
3.1 Keine sprechende Verwandlung
3.2 Erlesene, hinweisende Dinge
3.3 Choreographie
3.4 Der Gesellschaftsraum
3.5 Innerer Agon
4. Personen
4.1 Hoher Stand
4.2 Rolle
4.3 Personifikation der Eigenschaft
4.4 Ordnung in der Emotion
4.5 Personenbindung
4.5 Der Vertraute
5. Kompositionen
5.1 Betonung des Akts
5.2 Geringes Gewicht der Szene
5.3 Symmetrie
6. Raum
6.1Distanz
6.2 Dialoge
6.3 Umstellen und Verstellen
6.4 Genitivus Explicativus
6.5 Metaphorik
6.6 Syntax
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die strukturellen und stilistischen Merkmale der geschlossenen Dramenform unter Bezugnahme auf die Analysen von Volker Klotz. Ziel ist es, die spezifischen Gesetzmäßigkeiten wie Einheit, Ganzheit, Entstofflichung und die höfisch-aristokratische Ordnung darzulegen, die diese Dramen konstituieren.
- Prinzipien der Handlungseinheit und Kontinuität
- Die Rolle von Zeit und Raum als statische Rahmenbedingungen
- Charakterisierung und Personifikation in geschlossenen Dramen
- Kompositionstechniken und symmetrische Strukturen
- Sprachstil, Metaphorik und syntaktische Ordnung
Auszug aus dem Buch
1.1 Einheit • Ganzheit
Den aristotelischen Regeln entsprechend, liegt die positive Seite der Ganzheit darin, dass sie dem Prinzip der Vollständigkeit entspricht, die negative Seite der Einheit darin, dass Unentbehrliches weggelassen wird, und somit das Prinzip der Unersetzlichkeit der Teile gewahrt wird. Weiterhin gilt die Bestimmung der Unversetzbarkeit der Teile, d.h. dass das Kunstwerk einer höheren Ordnung unterliegt.
Das geschlossene Drama besitzt stets eine eindeutige Haupthandlung, die kontinuierlich, gemäß einem roten Faden verfolgt wird. Besitzt ein Drama außer der Haupthandlung andere Seitenstränge, so dienen sie einzig dem Prinzip der Ganzheit. Sie stehen nicht im Widerspruch zum Prinzip der Einheit, denn die Nebenhandlungen gewinnen niemals Autonomie, die zu einer Zersplitterung der Haupthandlung führen würde, sondern sie werden allein dazu benutzt, neue Aspekte, die Teil der Haupthandlung sein müssen, einzuführen und zu erklären. Somit erweisen sich die Seitenstränge als notwendiger Teil der Haupthandlung. Des Weiteren stellt die Handlung des geschlossenen Dramas nur den Höhepunkt einer vorangegangenen, räumlich, zeitlich und pragmatisch komplexeren Entwicklung dar. So könnte man annehmen, dass der dargestellte Teil dieser Entwicklung nur Partielles eines Größeren ist, dem ist nicht so, der dargestellte Teil wird zum Ganzen, indem er die Vorgeschichte integriert. Die Handlungsführung konstituiert ihr eigenes Ordnungsgefüge, welches die pragmatisch außerhalb liegende Entwicklung zwingt, sich ihr zu unterwerfen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Handlung: Beschreibt die Prinzipien der Einheit und Ganzheit, die eine schlüssige, lineare und kontinuierliche Handlungsführung ohne Sprunghaftigkeit sicherstellen.
2. Zeit: Erläutert, wie Zeit in dieser Dramenform lediglich als enger, unselbstständiger Rahmen fungiert, in dem sich die Handlung entstofflicht vollzieht.
3. Raum: Analysiert den Raum als qualitätslose, abgeschirmte Kulisse, wobei Dinge und Naturerscheinungen nur als hinweisende Symbole für die handelnden Personen dienen.
4. Personen: Untersucht die Typisierung der Akteure als soziale Funktionsträger, deren Emotionen strengen Ordnungsgesetzen unterworfen sind.
5. Kompositionen: Erläutert die Architektur des Dramas, insbesondere die Bedeutung des Akts und die Anwendung strenger symmetrischer Strukturen.
6. Raum: (Hinweis: Inhaltlich Sprache) Erörtert die tragikwürdige Sprache, die Distanz, den Dialogbau, die Metaphorik und die ordnende Syntax in geschlossenen Dramen.
Schlüsselwörter
Geschlossene Form, Drama, Volker Klotz, Aristotelische Poetik, Handlungseinheit, Ganzheit, Entstofflichung, Statik, Symmetrie, Aristokratische Ordnung, Personifikation, Sprachstil, Sentenzen, Mittelbarkeit, Dramentheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die spezifischen Merkmale der geschlossenen Dramenform und wie diese nach den Regeln der Poetik, insbesondere unter Rückgriff auf die Thesen von Volker Klotz, konstruiert ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Einheit von Handlung, Zeit und Raum, die statuarische Konzeption der Personen, die symmetrische Komposition sowie die distanzierte, höfisch geprägte Sprache.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das funktionale Zusammenspiel der einzelnen dramatischen Elemente aufzuzeigen, die gemeinsam eine in sich geschlossene und von der Realität abgehobene Weltordnung erzeugen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die sich stark auf die theoretischen Ausführungen von Volker Klotz stützt und diese anhand von Textbeispielen, vornehmlich von Goethe und Schiller, erläutert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Untersuchung von Handlung, Zeit, Raum, Personencharakteristik, Kompositionsprinzipien und sprachlichen Stilmitteln.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem: Geschlossene Form, Einheit, Ganzheit, Entstofflichung, Symmetrie, Distanz, Typisierung und Metaphorik.
Wie wird das Verhältnis zwischen Handlung und verdeckter Handlung definiert?
Die verdeckte Handlung dient dazu, die offene Szene von "greller Aktion" zu befreien, um den Fokus auf die innere Reflexion und das statische Konstruktionsschema zu legen, oft vermittelt durch den Botenbericht.
Welche Rolle spielen die Vertrauten in diesen Dramen?
Vertraute fungieren als Abspaltungen des Helden, deren Aufgabe es ist, das Innere des Protagonisten zu enthüllen, ohne dabei jedoch den Verlauf der Handlung eigenmächtig zu verändern.
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- Daniel Engert (Author), 2000, Geschlossene Form in Dramen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12810