Das kunsthistorische Zitat-Arrangement im Videoclip 'closer' und dessen Bedeutung


Hausarbeit, 2007

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit

2. closer – Die Lyrics
2.1. The Downward Spiral
2.2. Das Lied closer
2.3. Zusammenfassung der Zwischenergbnisse

3. closer – Das Video
3.1. Francis Bacons Figure with Meat
3.2. Joel-Peter Witkins Manuel Osorio
3.3. Rudolf Hausners Forum der einwärts gewendeten Optik

4. Zusammenfassung der Ergebnisse

Literaturverzeichnis

Ehrenwörtliche Erklärung

Nine Inch Nails represents perhaps the most unlikely success story in contemporary popular culture, having bludgeoned the mainstream into submission with a distinctly individual brand of music that’s as uncompromising as it is personal. Combining the aggression of heavy metal, the tribal rhythms of dance music, the unyielding clatter of industrial rock and unflinchingly lurid lyrics that confront alienation, obsession, twisted sex, torture, self-destruction, rage and despair, Nine Inch Nails takes the dance-noise style […] to its logical extreme.“[1]

„What am I hearing here that my own garbage dispoal can’t tell me?“[2]

1. Einleitung: Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit

Es ist inzwischen gängige Lehrmeinung, dass Videoclips über ihre Funktion als reine Instrumente der Verkaufsförderung hinausgehen. Mit der Geburt des Fernsehsenders MTV im Jahre 1981 kam es zu einer intensiven Symbiose von Musikindustrie, Werbung, Fernsehen und Unterhaltung[3]: die bereits zuvor verschränkten Bereiche arbeiteten nun an einer Dauerwerbesendung für ein vorwiegend junges Publikum, welche unter dem Tarnmantel der Unterhaltung Werbe-Musikclips quasi endlos aneinanderreihte. Neumann-Braun spricht von einer „Ästhetisierung von Werbung und Konsum“[4], bei der Programm und Werbung zusammenfallen und zu einem werbestrategischen Mittel zur Musikvermarktung verschmelzen. Mit der Konzeption des neuen Senders wurden laut Keazor und Wübbena „die einzelnen Clips in einen völlig neuen Kontext gerückt, der in der Folge entscheidend auf ihre Produktion und ihr Erscheinungsbild einwirken sollte.“[5] In der Konsequenz wandte sich die Videoclip-Produktion ab von der standardisierten Fließbandproduktion hin zu der Entwicklung einer eigenständigen Kunstform. Videoclips waren nicht länger Pausenfüller, sondern Mittel zur Karriereförderung und zur Steigerung des Bekanntheitsgrads. Um sich von der Konkurrenz zu unterscheiden und einen eigenen Stil zu etablieren, kreierten einige Künstler und Bands komplexe Strukturen aus Zeichen- und Verweissystemen, die weit über einen reinen Vermarktungsfilm hinausgehen. Bei diesen Formen des Musikvideos sind die Bilder ein vollwertiger Teil des Ganzen, sodass von Gesamtkunstwerken die Rede ist.[6]

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht der aufmerksamkeitserregende Videoclip closer von Nine Inch Nails, welcher der ohnehin erfolgreichen Band einen enormen Popularitätsschub bescherte. Das Video thematisiert Masochismus, Gewalt, Sex und Kontroll- und Machtausübung und greift einmal mehr Tabuthemen auf. Trent Reznor, Gründer und einziges festes Mitglied der Band, erzählt selbst von seinem „obsessive desire to find extremes.“[7]

Eine kurze Episode aus der Geschichte der Band soll als Einstieg dienen und einen Einblick in die außergewöhnliche Thematik der Songs und Musik geben: Im Jahre 1992 produzierte Nine Inch Nails ein Musikvideo zu happiness in slavery, welches kurze Zeit später auf den Index gesetzt wurde. Das Video zeigt einen Mann, dargestellt von dem Performance-Künstler Bob Flanagan, der sich in eine Foltermaschine schnallt, die ihn vergewaltigt und anschließend tötet. Das Video wurde häufig als „the most shockingly graphic thing in the history of music video“[8] bezeichnet. Reznor erläutert in einer Stellungnahme seine Motivation für den Dreh:

It wasn’t a conscious decision to make the most vulgar thing we could do to get press, which it could easily be attacked as being. But it was a chance for me to finally be able to do something I wanted without having to ask someone who has no fucking idea. The question came up: How far can we take this? I said, ‚Let’s just take it as far as we think is right. Forget that it’s a music video, forget standards and censorship.’ Fortunately or unfortunately, depending on how you look at it, it’s unplayable.[9]

Nine Inch Nails greift kontroverse und tabuisierte Themen wie Folterung und Sadomasochismus auf. Der Sänger Reznor erklärt: „I’m not afraid to think about certain things you aren’t supposed to think about. I mean, I do wonder what it would be like to kill somebody, though I’m not going to do it. But I know why people idolize serial killers.“[10] Die Band überschreitet alle Grenzen des Schicklichen und setzt sich über Normen und Regeln hinweg. Insofern ist es wenig erstaunlich, dass sich Nine Inch Nails gerade aufgrund ihrer Umstrittenheit großer Beliebtheit erfreuen.

Die vorliegende Arbeit untersucht Kunstzitate und deren Bedeutung in Nine Inch Nails Videoclip closer. Im ersten Teil werde ich zunächst den Liedtext, die Lyrics, vor dem Hintergrund des Gesamtalbums analysieren. Der zweite Teil widmet sich der visuellen Umsetzung des Textes in Bilder. Dabei stehen kunsthistorischen Zitat-Arrangements im Vordergrund der betrachtung. Ziel ist, deren Bedeutung für das Video closer exemplarisch an drei Beispielen aufzuzeigen und zu erläutern.

2. closer – Die Lyrics

Das Lied closer erschien 1994 und ist Teil des Konzeptalbaums The Downward Spiral. Ein Konzeptalbum „ist ein Musikalbum, bei dem die einzelnen Titel nicht isoliert, sondern in ihrer Beziehung zu den anderen Teilen des Albums als Gesamtwerk betrachtet werden“[11]. Im Gegensatz zu einem normalen Album erzählt ein Konzeptalbum also eine zusammenhängende Geschichte. Wie Salvatore und Cancellieri feststellen, kann closer daher nicht unabhängig vom Gesamtkontext, sondern nur vor dem Hintergrund des kompletten Albums analysiert werden: „It is a concept work with a definite and perceivable story and development of ideas. Because of this, each song can only be fully realized within the body of the whole. Any given track, taken out of context, is incomplete.”[12] Im Folgenden werde ich daher zunächst auf das Gesamtwerk The Downward Spiral eingehen, bevor ich im zweiten Abschnitt das Lied closer ausführlich bespreche.

2.1. The Downward Spiral

Das 1994 veröffentlichte Album handelt von den Bemühungen einer Person, sich der Kontrolle durch Religion und Gesellschaft zu entziehen; die Mittel zum Erreichen dieses Ziels sind Sex und Gewalt. Die tragische Entwicklung des Protagonisten gipfelt im Titeltrack, der zugleich Höhepunkt und tiefen Absturz verdeutlicht: Der Protagonist begeht Selbstmord, erfährt jedoch im letzten Song eine Katharsis. Huxley kommentiert: „The songs chroninicle a willing descent into self-destruction, via sex, drugs, violence and suicide“[13] und Reznor selbst spezifiziert:

The big overview was of somebody who systematically throws away every aspect of his life and what’s around him, from personal relationships to religion. This person is giving up to a certain degree, but also finding some peace by getting rid of things that were bogging him down.[14]

Das Album beginnt mit dem Lied mr. self destruct, welches als Einleitung dient und künftige Geschehnisse vorwegnimmt. mr. self destruct handelt von einem Mann, der gefoltert wird; ob durch sich selbst oder durch einen zweiten bleibt dabei unklar und erscheint zweitrangig. Im Vordergrund steht die Ausgeliefertheit des Protagonisten gegenüber seinem Peiniger. Er ist Mr. Self Destruct hilflos ausgesetzt und kann oder will sich nicht zur Wehr setzen. Der Text beginnt mit der Zeile „i am the voice inside your head – and i control you“[15] und listet Möglichkeiten der Selbstzerstörung und Manipulation auf: von Hass und Sex über Religion bis hin zu Drogenmissbrauch. Der immer wiederkehrende Refrain „i control you” kann als leitmotivisch angesehen werden: Die Frage der Kontroll- und Machtausübung zieht sich durch das gesamte Album. Wie sich im Laufe des Werks herausstellt, ist das primäre Ziel des Protagonisten, selbst wie Mr. Self Destruct zu werden, um absolutistische Macht ausüben zu können und gottgleich zu sein.

Der zweite Song piggy markiert den eigentlichen Einstieg in das Album. Der Protagonist wurde von seiner Partnerin wegen eines Dritten verlassen; einsam und ziellos bleibt er zurück („you left me here i'm all alone – my little piggy needed something new“). Dem Protagonisten ist von nun an alles gleichgültig; ihn kann nichts mehr aufhalten („nothing can stop me now – i don't care any more – nothing can stop me now – i just don't care“). Er rebelliert gegen Gott und die Gesellschaft und begibt sich dadurch auf den Weg ‚down the spiral’: die Spirale abwärts. Es sei an dieser Stelle bereits darauf hingewiesen, dass der Protagonist Macht und Sex in gewissen Grenzen gleichsetzt. Wie wir sehen werden, definiert sich der Protagonist maßgeblich durch seine persönliche Macht und Kontrolle über andere; ohne diese ist er seiner Identität beraubt. Insofern wird deutlich, weshalb der Verlust seiner Partnerin den Protagonisten in eine Tiefe Existenzkrise stürzt: Nicht nur verliert er das Objekt seiner Begierde, sondern auch das Opfer seiner Kontrollausübung und damit gleichermaßen seinen Lebensinhalt. In dem Moment, in dem sich seine Partnerin von ihm trennt, bleibt der Protagonist impotent und somit identitätslos zurück.

In heresy richtet der Protagonist seine Wut und Leere gegen den Herrn und die Religion. Er wirft Gott nicht nur die Schuld am eigenen Leid vor, sondern macht ihn gleichsam für das Leiden der gesamten Menschheit verantwortlich. Seine Vorwürfe wandeln sich vom Konkreten zum Allgemeinen: Während er Gott zunächst mit der Krankheit AIDS konfrontiert, zieht er ihn in einem nächsten Schritt für alle Bluttaten zur Rechenschaft, welche in seinem Namen begangen wurden und werden. Die Aggression des Protagonisten gipfelt im Sturz des Herrn: Er entthront Gott und befreit sich somit von dessen Kontrolle. Die Machtverhältnisse werden nun umgekehrt: Während der Protagonist in piggy von seiner Partnerin fallen gelassen worden ist, lässt der Protagonist in heresy nun Gott fallen. Mit dem vernichtenden Ergebnis, dass Gott tot sei („god is dead“) fallen jedoch auch alle moralischen Werte und ethischen Normen. Es deutet sich an, dass die absolute Freiheit für den Protagonisten nicht nur positive Seiten aufweist. Wie sich zeigt, wird er bald Sklave seiner eigenen Freiheit, da mit dem Sturz Gottes ein Werte- und Sinnverfall einhergeht. In dem Moment, in dem Maßstäbe irrelevant sind, wird auch das eigene Leben bedeutungslos. Die Tatsache, dass der Mensch kein bedeutungsloses Leben führen kann, wird dem Protagonisten zum Verhängnis.

[...]


[1] Huxley (1997): S.3.

[2] Huxley (1997): S.131.

[3] Vgl. Keazor/Wübbena (2005): S.67.

[4] Neumann-Braun (2006): S.15.

[5] Keazor/Wübbena (2005): S.67.

[6] http://de.wikipedia.org/wiki/Videoclip – 15.05.2007.

[7] Huxley (1997): S.9.

[8] Huxley (1997): S.89.

[9] Huxley (1997): S.89.

[10] Huxley (1997): S.4.

[11] http://de.wikipedia.org/wiki/Konzeptalbum – 15.05.2007.

[12] Salvatore/Cancellieri, http://www.4degreez.com/nailz/ninterpretations/downspiral.html – 15.05.2007.

[13] Huxley (1997): S.120.

[14] Huxley (1997): p.120.

[15] http://www.lyricsfreak.com/n/nine+inch+nails/ – 18.05.2007. Alle folgenden Zitate aus Songtexten stammen von dieser Website.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das kunsthistorische Zitat-Arrangement im Videoclip 'closer' und dessen Bedeutung
Hochschule
Universität Mannheim  (Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Bild und Raum im Videoclip
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V128143
ISBN (eBook)
9783640343379
ISBN (Buch)
9783640343799
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zitat-Arrangement, Videoclip, Bedeutung
Arbeit zitieren
Lydia Prexl (Autor), 2007, Das kunsthistorische Zitat-Arrangement im Videoclip 'closer' und dessen Bedeutung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128143

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