Die Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg in der Sowjetunion unter Breschnew und Gorbatschow


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schönfärberei
2.1 Änderung nach Chruschtschow
2.2 Forschung
2.3 Heldenverehrung

3. Perestroika
3.1. Die Umgestaltung
3.2 Beseitigung der weißen Flecken
3.3 Veröffentlichungen

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Große Vaterländische Krieg nimmt einen wichtigen Platz in der sowjetischen Geschichte ein. Nichts hat das Gedächtnis der UdSSR und ihrer Nachfolgestaaten so sehr geprägt, denn der Sieg über das nationalsozialistische Deutschland wurde als Beweis für die Überlegenheit des sozialistischen Gesellschaftssystem angesehen. Selbst im Kalten Krieg war er immer wieder ein Bezugspunkt für Propaganda, um sowohl den Gegner einzuschüchtern als auch die eigene Bevölkerung zu ermutigen. Doch mit der Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg in der Sowjetunion ist es nicht so einfach – es müssen mehrere Phasen der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte unterschieden werden. Es begann damit, dass alles von Stalin bestimmt wurde und niemand seiner Version des Krieges widersprechen durfte. Unter seinem Nachfolger Chruschtschow wurde das Ganze lockerer und es kam zur Entstalinisierung, doch mit Breschnew ergab sich eine schlaghafte Änderung. Die Phase der Schönfärberei begann, die wiederum von der Umgestaltung der Gesellschaft durch Gorbatschow abgelöst wurde.

Leider ist der Umfang dieser Hausarbeit zu gering, um sich mit all diesen Phasen zu beschäftigen, weshalb ich meinen Fokus auf die Zeit von 1964 bis 1991 legen werde und mich damit beschäftige, wie sich die Erinnerung in der Sowjetunion unter Breschnew und Gorbatschow entwickelte. Dafür werde ich, getrennt für die Zeit der Schönfärberei und der Perestroika untersuchen, welche Aspekte der Erinnerung relevant waren. Für die Schönfärberei muss dafür erst einmal eine Grenze zu dem Tauwetter unter Chruschtschow gezogen und anschließend ein Blick auf die Forschung und die Heldenverehrung geworfen werden. Bei der Perestroika beschäftige ich mich allgemein mit der Umgestaltung und der Beseitigung der weißen Flecken und wie sich das in den Veröffentlichungen aus dieser Zeit zeigt.

Wichtige Literatur zu diesem Thema stammt vor allem von der Seite Dekoder, auf der viele Artikel zur russischen Geschichte zu finden sind. Außerdem wäre da noch Bernd Bonwetsch, der selber zur Zeit der Perestroika schrieb und sich viel mit der Erinnerung in Russland und dem Großen Vaterländischen Krieg beschäftigte. Dazu kommen verschiedene Monographien über die Kriegserinnerung in der Sowjetunion, sodass sich eine gute Grundlage für die Bearbeitung dieser Fragestellung ergibt.

2. Schönfärberei

2.1 Änderung nach Chruschtschow

Im November 1964 wurde Chruschtschow als Generalsekretär abgesetzt und sein ehemaliger Schützling Leonid Breschnew wurde zu seinem Nachfolger.1 Mit ihm begann die wichtigste Phase in der Entwicklung des Gedenkens an den Krieg, das sogenannte „goldene Zeitalter“ der sowjetischen Geschichte. Das war die Breschnew-Ära, die von 1964 bis 1982 andauerte.2 Nun sollte der bereits existierende Kult des Großen Vaterländischen Krieges durch Bemühungen der neuen Staatsspitze vereinheitlicht und im ganzen Land etabliert werden, bis der Krieg neben der Oktoberrevolution als wichtigstes Ereignis in der russischen Geschichte angesehen wurde.3

Der damaliger KPdSU Chef war dafür verantwortlich, dass die Siegesfeiern sowie die Anerkennung der Leistungen der Veteranen in den Mittelpunkt der sowjetischen Geschichtspolitik gerückt wurden. Dabei sollte wohl die damals unheroische Alltäglichkeit der UdSSR den vergangenen heldenhaften Leistungen im Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland gegenübergestellt werden.4 Deswegen hatten viele Kriegsteilnehmer schließlich das Gefühl, der Krieg, wie die Historiker ihn erzählen, hat mit dem, an dem sie teilgenommen hatten, „nicht das Geringste zu tun“, was an der Praxis der „Beschönigung“ in der sowjetischen Geschichtswissenschaft lag.5

Alles, was einen negativen Eindruck von der Sowjetunion vermitteln würde, wurde aus der Darstellung entfernt. Die Opfer, Entbehrungen und Leiden der Bevölkerung wurden verschwiegen, egal, ob sie durch den Gegner erzwungen oder durch die Sowjetunion selbst verschuldet wurden, bis die dargestellte Realität keinen Realismus mehr enthielt.6 Auch die Offenheit unter Chruschtschow zum Thema Säuberung endete und es musste wieder Stillschweigen darüber bewahrt werden.7 Noch nach seinem Sturz wurde frei über viele Aspekte des zweiten Weltkrieges gesprochen, doch unter Breschnew wurden immer engere Grenzen gezogen und Unangenehmes wurde einfach übergangen. So durfte etwa bei höheren Offizieren, die durch die Säuberung umgekommen waren, die Todesursache nicht erwähnt werden.8 Chruschtschows Kritik an Stalin, die er in seiner Geheimrede geäußert hatte, war der Öffentlichkeit bekannt, doch auch sie sollte verschwiegen werden.9 Es war der Presse in den 70er Jahren nicht erlaubt, Kritik an Stalin zu äußern und so wurde er möglichst gar nicht erst erwähnt.10 Selbst in seiner Rede am 09. Mai 1965 sprach Breschnew nur ein einziges Mal von Stalin, da dieser ein heikles Thema war, von dem man befürchtete, dass es die Partei spalten könnte.11 Auch bei der Beschäftigung mit der sowjetischen Periode im Geschichtsunterricht der 10. und 11. Klasse taucht Stalins Name lediglich auf zwei Seiten des Lehrplans auf.12

2.2 Forschung

Von 1968 bis 1974 wurden die kritischen Forschungen zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Vergangenheit abgebrochen.13 Autoren durften nichts über den Krieg schreiben, was nicht schon woanders veröffentlicht worden war und so gab es zwar immer mehr Literatur über den Krieg, doch diese entsprach immer weniger der Wahrheit.14 Veröffentlichungen von Militärs mussten Ereignisse oder Personen so darstellen, wie in anderen bereits erschienenen Memoiren. Sonst wurden sie als zweifelhaft angesehen und die fragwürdigen Abschnitte mussten entfernt oder angepasst werden.15 Vieles wurde aus den Manuskripten getilgt oder es wurden Sachen eingefügt, die der Autor gar nicht so geschrieben hatte. Breschnew als damaliger Staatschef übernahm die Prüfung und Druckfreigabe der Manuskripte sogar selber, um sicherzustellen, dass alles ordnungsgemäß ablief. Ein Beispiel für die Tilgung sind die Memoiren des ehemaligen Generalstabschefs Mereckov, die nicht erwähnen, dass er am 23. Juni 1941 verhaftet wurde und anschließend Verhör und Folter durchstand, bevor er im September 1941 wieder freigelassen wurde.16

[...]


1 Krüger, J.: Entstalinisierung unter Chruschtschow, 2018 <https://www.dekoder.org/de/gnose/entstalinisierungchruschtschow-geheimrede-tauwetter> (25.11.2020)

2 Zägel, J.: Vergangenheitsdiskurse in der Ostseeregion. Die Sicht auf Krieg, Diktatur, Völkermord und Vertreibung in Russland, Polen und den baltischen Staaten 2 (Kieler Schriften zur Friedenswissenschaft 15), Berlin 2007, S. 28.

3 Gabowitsch, M.: Großer Vaterländischer Krieg, 2015 <https://www.dekoder.org/de/gnose/grosser-vaterlaendischer-krieg> (17.01.2021).

4 Zägel 2007, S. 28.

5 Bonwetsch, B.: Der „Große Vaterländische Krieg“ und seine Geschichte, in: D. Geyer: Geschichte und Gesellschaft Sonderheft 14. Die Umwertung der sowjetischen Geschichte, Göttingen 1991, S. 167-187, S. 167.

6 Bonwetsch 1991, S. 167.

7 Bonwetsch, B.: „Die Geschichte des Krieges ist noch nicht geschrieben“. Die Repression, das Militär und der „Große Vaterländische Krieg“, in: Osteuropa 39, 11/12 (1989), S. 1021-1034, S. 1024.

8 Davies, R. W.: Perestroika und Geschichte. Die Wende in der sowjetischen Historiographie, München 1991, S. 128f.

9 Zägel 2007, S. 38f.

10 Davies 1991, S. 80.

11 Davies 1991, S. 12f.

12 Davies 1991, S. 217.

13 Hösler, J.: Aufarbeitung der Vergangenheit? Der Große Vaterländische Krieg in der Historiographie der UdSSR und Rußlands, in: Osteuropa 55, 4/6 (2005), S. 118f.

14 Davies 1991, S. 129; Bonwetsch 1991, S. 168f.

15 Davies 1991, S. 129.

16 Bonwetsch 1991, S. 168f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg in der Sowjetunion unter Breschnew und Gorbatschow
Hochschule
Universität Hamburg
Veranstaltung
Deutsch-russische Beziehungen 1917-2020
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
16
Katalognummer
V1281665
ISBN (Buch)
9783346735102
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zweiter Weltkrieg, Großer Vaterländischer Krieg, Sowjetunion, Breschnew, Gorbatschow, Erinnerungskultur
Arbeit zitieren
Sara Görmann (Autor:in), 2021, Die Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg in der Sowjetunion unter Breschnew und Gorbatschow, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1281665

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