Margaret Thatchers Wirtschaftspolitik und ihr Niederschlag in ausgewählten Romanen


Diplomarbeit, 1995
59 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Überblick
2.1 Politischer Konsensus 1945-1978
2.2 Ära Thatcher 1979-1990
2.2.1 Wirtschaftspolitik in der Praxis
2.2.1.1 Makroökonomische Maßnahmen
2.2.1.2 Mikroökonomische Maßnahmen
2.2.2 Wirtschaftliche Auswirkungen
2.2.3 Gesellschaftliche Veränderungen

3. Verhältnis von Realität und Fiktion

4. Margaret Thatchers Wirtschaftspolitik in der Literatur
4.1 Fay Weldon: The Life and Loves of a She-Devil
4.1.1 Darstellung wirtschaftlicher Aspekte
4.1.2 Darstellung gesellschaftlicher Aspekte
4.1.3 Formale und stilistische Aspekte
4.1.4 Kritische Würdigung
4.2 Malcolm Bradbury: Cuts: A Very Short Novel
4.2.1 Darstellung wirtschaftlicher Aspekte
4.2.2 Darstellung gesellschaftlicher Aspekte
4.2.3 Formale und stilistische Aspekte
4.2.4 Kritische Würdigung

5. Vergleichende Schlußbetrachtung

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Arbeitskämpfe in Großbritannien 1960-1989

Tabelle 2 Finanzielle Indikatoren 1979-1990

Tabelle 3 Staatshaushalt 1979-1990

Tabelle 4 Wichtige Indikatoren 1975-1990 (jährliche Durchschnittswerte).

Tabelle 5 Internationaler Vergleich der Steigerungsraten der Konsumenten- preise 1982-1990 (jährliche Durchschnittswerte in Prozent)

Tabelle 6 Entwicklung volkswirtschaftlicher Größen 1979-1990

Tabelle 7 Ökonomische Indikatoren regionaler Unterschiede

Tabelle 8 Registrierung und Abmeldung von Unternehmen im Nord-Süd-

Vergleich 1982-1989

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Wichtige Indikatoren 1975-1990 (jährliche Durchschnittswerte)

1. Einleitung

Nach über vierzig Jahren politischen Konsensus in Großbritannien läutete Margaret Thatchers Wahlsieg im Mai 1979 eine neue Ära ein. In den folgenden elf Jahren wurden politische Entscheidungen getroffen, die eine radikale Veränderung der sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zur Folge hatten.

Diese Umwälzungen wurden von vielen Autoren in ihren Werken reflektiert. Es seien beispielhaft Martin Amis (Money: A Suicide Note, 1984), Margaret Drabble (The Radiant Way, 1987), Salman Rushdie (The Satanic Verses, 1988) und David Lodge (Nice Work, 1988) genannt.

Die vorliegende Arbeit gibt einen Überblick über die Wirtschaftspolitik von Margaret Thatcher und zeigt auf, wie diese ihren Niederschlag in der Literatur ge­funden hat. Die Analyse beschränkt sich auf zwei Romane: The Life and Loves of a She-Devil (1983) von Fay Weldon und Cuts: A Very Short Novel (1987) von Malcolm Bradbury. Diese Auswahl erhebt nicht den Anspruch, repräsentativ zu sein, sondern erfolgt, weil die beiden Autoren unterschiedliche inhaltliche Schwer­punkte setzen, die zusammen ein großes Spektrum der Veränderungen ab­decken. Die Romane empfehlen sich auch deshalb für eine Analyse, da sie formal beziehungsweise stilistisch differieren.

Der Einleitung folgt ein geschichtlicher Überblick über die Nachkriegszeit und die Thatcher-Ära. Dem Leser soll dadurch das Verständnis für die Analyse wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Schwerpunkte in den folgenden Kapiteln erleichtert werden. Der getrennten Untersuchung der Werke wird eine generelle Betrachtung des Verhältnisses von Realität und Fiktion vorangestellt. Auf dieser theoretischen Grundlage aufbauend, werden je Roman zuerst bedeutende wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte untersucht. Nach der inhaltlichen Diskussion erfolgt dann eine Analyse wichtiger formaler und stilistischer Punkte. Die beiden Kapitel enden jeweils mit einer kritischen Würdigung. Abgeschlossen wird die Untersuchung durch einen Vergleich der betrachteten Erzählungen in bezug auf den Niederschlag des Thatcherismus.

Die Trennung in wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte - sowohl beim geschichtlichen Überblick als auch bei der Analyse der Literatur - führt in einzelnen Randbereichen zu Überschneidungen.

Die vorliegende Arbeit versteht unter Wirtschaftspolitik alle Regierungsmaßnahmen, die auf die Erfüllung folgender Ziele ausgerichtet sind: Preisniveaustabilität, stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum, hoher Beschäftigungsstand sowie außenwirtschaftliches Gleichgewicht.[1] Bei der Darstellung wird das letztgenannte Ziel weitgehend ausgeklammert, da es während der Regierungszeit von Margaret Thatcher von untergeordneter Bedeutung war.[2]

2. Geschichtlicher Überblick

2.1 Politischer Konsensus 1945-1978

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Großbritannien die Rollen von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft neu definiert. Die Labour-Regierung unter Premierminister Clement Attlee (1945-1951) legte den Grundpfeiler zum Wohlfahrtsstaat mit der Gründung des „National Health Service“ im Jahre 1948, dessen Ein­führung als die größte Errungenschaft des britischen Sozialstaates der Nachkriegszeit gilt.[3]

Die Wirtschaftspolitik war in der Zeit von 1945 bis 1978 von einem Allparteienkonsensus gekennzeichnet.[4] Die Parteien waren sich einig, daß der Staat auch in Friedenszeiten seine Verantwortung für Wirtschaft und Gesellschaft beibehalten und regulierend in die ökonomischen Abläufe eingreifen sollte, um weitere Wirtschaftskrisen zu verhindern.[5] Wechselnde Regierungen hatten dasselbe Ziel: Sie strebten einen hohen Beschäftigungsgrad an und bedienten sich hierzu keynesia­nischer[6] Maßnahmen. Bei Anzeichen einer Rezession wurde die staatliche Nachfrage erhöht, um die Wirtschaft zu beleben (antizyklische Fiskalpolitik). Die Regierungen kooperierten mit den Gewerkschaften, schlichteten bei Arbeitskämpfen und erhöhten die Sozialausgaben. Diese erhöhten Kosten wurden durch eine wachsende Kreditaufnahme finanziert. Die Bekämpfung der Inflation wurde als sekundäres Ziel angesehen.[7]

Keine der Regierungsparteien wollte in dieser Zeit die britische Gesellschaft dramatisch verändern: „The Labour and Conservative governments between Attlee and Thatcher did not aim to reshape or restructure British society.“[8] Kenneth Harris nennt die beiden wesentlichen Gründe für diese Einmütigkeit:

The post-war consensus between the two major parties emerged partly because they agreed that some features of British political society should be preserved whoever was in power, and partly because they feared they would lose electoral support if they tried to undo everything the other party had done, or openly attacked what the other party stood for.[9]

Der Konsensus wurde erst Mitte der 70er Jahre durch die sogenannte „british disease“ in Frage gestellt, die unter anderem auf die bislang betriebene keynesianische Politik zurückzuführen war.[10] Der Ausdruck stand für viele Symptome: Die geringe Produktivität und Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft gingen einher mit einer hohen Inflationsrate. Die öffentlichen Ausgaben stiegen nicht zuletzt wegen der Subventionen für unrentable Unternehmen stark an und das Britische Pfund verlor deutlich an Wert. Ferner erlangten die Gewerkschaften so viel Macht, daß sie die Wirtschaft schädigten.[11]

2.2 Ära Thatcher 1979-1990

Margaret Thatcher wuchs in einem puritanischen Elternhaus mit streng mora­lischen Grundsätzen auf. Die Erziehung durch ihren Vater hat sie zu der Überzeugung kommen lassen, daß viktorianische Werte die politische und moralische
Basis der Gesellschaft sein sollten. Diese sind Sparsamkeit, harte Arbeit, Ehrlichkeit, Selbsthilfe und ein Verantwortungsbewußtsein für die sozial Schwachen,[12] wobei die vorliegende Arbeit zeigen wird, daß der letzte Punkt bei der Ausgestaltung ihrer Politik nur unzureichend umgesetzt wurde.

Im Mittelpunkt ihrer Weltanschauung stand die Eigenverantwortung des
Menschen für sich und seine Umwelt. Sie kritisierte den bestehenden Wohlfahrtsstaat, der den Bürgern die Wahl zwischen Arbeit und Sozialhilfe ermöglichte.[13] Der Markt war in ihren Augen ein funktionierender Mechanismus, der möglichst sich selbst überlassen werden sollte.[14] Diese Einstellung spiegelte sich in der von ihr verfolgten Wirtschaftspolitik wider.

Margaret Thatcher konnte im Mai 1979 mit dem Slogan „It’s time for a change!“ einen spektakulären Wahlsieg erringen. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern trat Margaret Thatcher ihr Amt mit dem Ziel an, die britische Gesellschaft grund­legend zu verändern: „By contrast with the consensus leaders, Attlee and Thatcher not only accepted but explicitly stated that the programmes which they intended to put into effect would mean major breaks with the past.“[15] Die Enttäuschungen über das keynesianische Konzept der Nachfragesteuerung und die anhaltend
hohen Inflationsraten und Budgetdefizite führten zur „monetaristischen Revolu­tion“[16] unter Thatcher.[17] Das offenkundige Scheitern des Nachkriegskonsensus versetzte sie in die Lage, Grundüberzeugungen britischer Wirtschafts- und Sozialpolitik in Frage zu stellen, die bisher nicht zur Disposition standen.[18]

Der Rücktritt von Margaret Thatcher im November 1990 hatte seine Ursachen vor allem in ihrem Führungsstil und den Auseinandersetzungen um die Europäische Union. Konkrete Anlässe waren die Diskussionen um die „Poll Tax“[19] und den Eintritt Großbritanniens in das Europäische Währungssystem.[20]

2.2.1 Wirtschaftspolitik in der Praxis

Der spätere Schatzkanzler Nigel Lawson äußerte sich 1981 zu den wirtschafts­­- politischen Zielen der Regierung:

Right from the outset we have had [...] a macroeconomic and a microeconomic policy objective. The macroeconomic policy objective is the conquest of inflation, to be achieved by the monetary and fiscal stance [...]. The microeconomic policy objective is the improvement of the performance of the supply-side of the economy by the removal of unnecessary market distortions [...] and the enhancement of incentives.[21]

Demnach sah die Regierung die Bekämpfung der Preissteigerung und die
Schaffung wachstumsfreundlicher Rahmenbedingungen als zentrale Aufgaben an. Die Mittel zur Erreichung dieser Ziele werden in den nächsten beiden Unter­kapiteln dargestellt, wobei eine Trennung in makro- und mikroökonomische[22] Aspekte erfolgt.

2.2.1.1 Makroökonomische Maßnahmen

Die makroökonomischen Maßnahmen dienten vorrangig der Inflationsbe­kämpfung. Das zentrale Instrument war die mittelfristige Steuerung der Geld­menge und der Staatsausgaben.[23] Im Rahmen der ersten vier Regierungsjahre sollten beide Größen kontinuierlich abnehmen.[24] Diese Politik wurde - wenngleich abgeschwächt[25] - bis 1987 fortgeführt. Die permanente Wahl falscher Zielgrößen - dokumentiert durch deren mehrfachen Wechsel - rief allerdings ernsthafte Zweifel an der Glaubwürdigkeit der britischen Geldmengensteuerung hervor.[26] Die Bekämpfung der Inflation erfolgte auch durch eine Hochzinspolitik.[27] Als
negativ erwies sich hierbei, daß das Wirtschaftswachstum gebremst und Investitionen behindert wurden, was kontraproduktiv zur propagierten Investitions-
förderung war.

Die Staatsausgaben wurden in den ersten Regierungsjahren in Teilbereichen gekürzt. Finanzielle Einschnitte wurden schwerpunktmäßig im Bereich der öffent­lichen Verwaltung und bei den Universitäten vorgenommen.[28] Sozialstaatliche Leistungen, wie zum Beispiel Arbeitslosen- und Krankengeld, wurden in Höhe und Umfang reduziert. Das System der Altersversorgung wurde 1986 geändert, und es mußte infolgedessen vermehrt private Vorsorge betrieben werden.[29] Es wurde keine antizyklische Fiskalpolitik betrieben, da die Regierung die Meinung vertrat, daß eine Zunahme des Wettbewerbs auf dem Arbeitsmarkt über flexiblere Reallöhne zur Vollbeschäftigung führen würde. Später sah sich die Regierung jedoch aufgrund der zunehmenden Arbeitslosigkeit gezwungen, Beschäftigungsmaßnahmen zu ergreifen.[30] Während für jeden einzelnen Betroffenen die finanziellen Kürzungen zu verringerten Einnahmen führte, konnte der Staat aufgrund der steigenden Zahl der Bedürftigen insgesamt nicht einmal den um Preissteigerungen bereinigten Etat konstant halten. Es kam absolut gesehen zu Steigerungen der gesamten Staatsausgaben, und die Regierung gab sich mit der Abnahme der Staatsquote zufrieden.[31]

2.2.1.2 Mikroökonomische Maßnahmen

Die umfangreichen mikroökonomischen Maßnahmen der Regierung Thatcher
orientierten sich an der neoklassischen Wirtschaftstheorie und waren auf die Erhöhung von Angebot und Nachfrage nach dem Produktionsfaktor Arbeit gerichtet.[32] Gleichzeitig sollten Forschung und Entwicklung[33] vorangetrieben, Investitionen gefördert und eine bessere Allokation der Produktionsmittel erreicht werden.[34] Diese Maßnahmen zielten im Endeffekt auf ein höheres Wirtschaftswachstum ab. Sie wurden allerdings erst ab 1982 ergriffen, als ein merklicher Rückgang der Inflationsrate zu verzeichnen war,[35] und Margaret Thatcher genügend Stärke und Selbstvertrauen für ihre Durchsetzung gesammelt hatte.[36]

Die für viele Briten bedeutendste Veränderung war die Reform des Steuerwesens. Margaret Thatcher wollte die Privatinitiative stärken und eine Umverteilung zugunsten höherer Einkommensgruppen erreichen. Bereits im Haushaltsjahr 1979/80 wurden die steuerliche Progression erheblich abgeflacht und zusätzliche Freibeträge gewährt. Die Senkung der Steuersätze begünstigte die verschiedenen Einkommensgruppen relativ in unterschiedlicher Höhe: Bis 1988 wurde der Spitzensteuersatz von 83 Prozent auf 40 Prozent gesenkt, während sich der Eingangs­steuersatz lediglich von 33 Prozent auf 25 Prozent verminderte.[37] Finanziert wurden diese Erleichterungen vor allem durch Erlöse aus Privatisierungen öffentlicher Unternehmen und Erhöhungen der indirekten Steuern.[38] Die Regierung ver­doppelte die Mehrwertsteuer nahezu, wodurch Geringverdiener überproportional stark belastet wurden.[39] Andere Verbrauchssteuern wurden auch in den folgenden Haushaltsjahren angehoben, Einkommens- und Körperschaftssteuern gleichzeitig weiter gesenkt.[40]

Durch eine Verringerung der direkten Steuerlast sollten Anreize für die Marktteilnehmer geschaffen werden, ihre Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital verstärkt anzubieten. Außerdem erhoffte sich die konservative Regierung eine Verringerung des Anteils der Schattenwirtschaft[41] und eine Belebung der Investitionen.[42]

Margaret Thatcher betrieb eine aktive Privatisierungspolitik, die im krassen Gegensatz zur Verstaatlichung wichtiger Industriezweige in der Nachkriegszeit unter Attlee stand.[43] Zu den offiziellen Zielen gehörten die Entbürokratisierung der
öffentlichen Unternehmen und eine Zunahme des wirtschaftlichen Wettbewerbs durch den Abbau staatlicher Monopole. Ferner erhoffte sich die Regierung von
einer breiten Streuung der Aktien eine bessere Akzeptanz marktwirtschaftlicher Prinzipien in der Bevölkerung und eine Belebung der Unternehmerkultur.[44]
Waren 1979 noch große Anteile an den wichtigsten Industrien[45] im Staatsbesitz, so zählten 1991 nur noch die Kohleindustrie und die Eisenbahnen dazu.[46]

Die von der Regierung vorgenommenen Deregulierungen sollten das Angebot an Arbeit und Kapital verbessern. Bereits 1979 wurden Lohn-, Preis- und Devisenkontrollen abgeschafft.[47] In den folgenden Jahren wurde speziell der Dienst­leistungssektor von vielen Vorschriften befreit, so erhielten zum Beispiel die
Banken mehr Freiheiten bei der Ausweitung ihres Kreditvolumens.[48] Im Jahre 1986 erfolgte die Deregulierung der Börse durch Abschaffung von Kapitalmarktbeschränkungen („Big Bang“).[49]

Die konservative Regierung wollte mit neuen Gesetzen die Macht der Gewerkschaften beschränken. So wurden zum Beispiel politisch motivierte Arbeitsniederlegungen verboten, und die Gewerkschaften hafteten nun auch für verursachte Schäden.[50] Als Folge ging die Anzahl der Streiks zurück, und der damit verbundene Produktionsausfall verringerte sich erheblich.[51] Einen endgültigen Beweis für die veränderten Machtverhältnisse lieferte Margaret Thatcher 1985, als sie den ein Jahr dauernden Bergarbeiterstreik ohne Zugeständnisse beenden konnte.[52] Allerdings stellen einige Kritiker die Frage, ob die Macht der Gewerkschaften nicht zu weit beschnitten wurde. Gerade in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit verschlechtert sich tendenziell die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer gegenüber den Arbeitgebern, so daß es zu unausgewogenen Machtverhältnissen kommen kann.[53]

2.2.2 Wirtschaftliche Auswirkungen

Es ist zu prüfen, ob die oben geschilderten wirtschaftspolitischen Maßnahmen den von der Regierung erhofften Erfolg bewirkten. Die folgende Abbildung gibt eine Übersicht der Entwicklung wichtiger Indikatoren während der Amtszeit von
Margaret Thatcher im Vergleich zur letzten Labour-Regierung.

Abbildung 1: Wichtige Indikatoren 1975-1990 (jährliche Durchschnittswerte)[54]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Erstellung.

Ein Vergleich der Inflationsraten zeigt, daß Margaret Thatcher eine erhebliche Reduzierung der Teuerungsrate von 15,5 Prozent auf durchschnittlich 7,5 Prozent bewirken konnte, das Ziel Preisniveaustabilität aber deutlich verfehlte. Auch im internationalen Vergleich blieb Großbritannien weit zurück. Nachdem die Regierung ein Jahrzehnt gegen die Inflation gekämpft hatte, war diese 1990 im Vergleich zu anderen bedeutenden Industrienationen fast doppelt so hoch. Dabei vergrößerte sich der Abstand zum Ende der Dekade sogar noch weiter.[55]

Das 1979 genannte Ziel einer Belebung des Wachstums der Volkswirtschaft wurde von der Thatcher-Regierung verfehlt. Der Vergleich mit der Periode 1975-1979 zeigt lediglich einen Anstieg des Wachstums von 2,0 auf 2,1 Prozent. Während
ihrer Amtszeit gab es einen Boom (1987-1989) sowie zwei Rezessionen (1979-1981 und 1990-1992). Das Ausmaß des ersten Konjunkturrückgangs und die lang andauernde Zunahme der Arbeitslosigkeit wurden vom Kabinett unterschätzt.[56] Bis 1981 kam es zu einer Schrumpfung der Wirtschaft um 4 Prozent und einer Verdoppelung der offiziellen Arbeitslosigkeit.[57] Speziell für diesen Zeitraum wurde der Regierung vorgeworfen, einen zu restriktiven Staatshaushalt durchgesetzt zu haben.[58]

Insbesondere die Fertigungsindustrien mußten unter anderem aufgrund fehlender Staatsaufträge die Kapazitäten um ungefähr 20 Prozent abbauen.[59] Der verarbeitende Bereich der britischen Industrie schrumpfte so stark, daß die heimische Nachfrage in der Wachstumsphase nicht mehr befriedigt werden konnte.[60] Diese Verkleinerung lag auch im relativ hohen Zinsniveau begründet, das die Industrie unverhältnismäßig hart traf, da sie einen hohen Verschuldungsgrad aufwies.[61]

Das Wachstum in Großbritannien wurde vor allem durch die positive Entwicklung des Dienstleistungssektors[62] bewirkt, die übrigen Bereiche schnitten dagegen
unterdurchschnittlich ab:

[...] it certainly has to be accepted that the services were the really bright spot in the British economy during the 1980s. Whilst manufacturing output grew to no more than 11.5 per cent above its 1979 level by the end of the decade, with manufacturing employment 2 million lower, service output jumped by 29 per cent and nearly all of the jobs that have been created since 1983 have been in the services [...].[63]

[...]


[1] Die Einteilung erfolgt in Anlehnung an Hans-Jürgen Ahrns, Hans-Dieter Feser, Wirtschaftspolitik: Problemorientierte Einführung, 6. Auflage (München, Wien, 1995), 90-92.

[2] Vgl. Gerhard Leithäuser, „Das Experiment Thatcher ist gescheitert: Großbritanniens Niedergang unter den Konservativen“, Blätter für deutsche und internationale Politik, 30.11 (1985), 1317-1327, 1319-1323.

[3] Vgl. Kenneth Harris, Thatcher (Boston, Toronto, London, 1988), 3.

[4] 1970 versuchte der damalige Premierminister Edward Heath, den eingeschlagenen Kurs zu verlassen, war aber schon 1972 zu einer Umkehr gezwungen („U-turn“). Vgl. Malcolm Rutherford, „Die Ära Thatcher“, Europäische Rundschau, 14.3 (1986), 3-11, 4-5.

[5] Vgl. Dennis Kavanagh, Thatcherism and British Politics: The End of Consensus? (Oxford, 1987), 34-42.

[6] John Maynard Keynes (1883-1946). Eine aktuelle Diskussion seiner Thesen findet sich unter anderem in Mario Baldassarri (ed.), Keynes and the Economic Policies of the 1980s (Rome, 1992).

[7] Vgl. Kenneth Harris, 14.

[8] Ebda., 2.

[9] Ebda., 3.

[10] Die Ursachen sind zum Teil immer noch umstritten. Eine umfassende Darstellung findet sich in Hans-Peter Fröhlich, Claus Schnabel, Das Thatcher-Jahrzehnt: Eine wirtschafts­politische Bilanz (Köln, 1990), 22-34.

[11] Vgl. ebda., 16. Dieser Tatbestand wird auch darin deutlich, daß der durch Streiks verursachte Arbeitsausfall in den 70er Jahren deutlich anstieg. Vgl. Tabelle 1 im Anhang.

[12] Vgl. Peter Jenkins, Mrs. Thatcher’s Revolution: The Ending of the Socialist Era (Cambridge, Massachusetts, 1988), 66-67.

[13] Margaret Thatcher äußerte sich wie folgt: „A man is now enabled to choose between earning his living and depending on the bounty of the State [...].“ Margaret Thatcher, 1976, zitiert nach: Jenkins, 66.

[14] Vgl. Kavanagh, 282. Vgl. auch Geoffrey Maynard, The Economy under Mrs Thatcher (Oxford, 1988), 31.

[15] Kenneth Harris, 3.

[16] Der Monetarismus bezeichnet eine Wirtschaftspolitik, die steigende Staatsausgaben zur Lösung des Beschäftigungsproblems für weitgehend unwirksam hält und statt dessen für eine Verstetigung des Geldmengenwachstums eintritt, weil sich nur auf diese Weise das Ziel der Preisstabilität erreichen läßt. Vgl. Hans-Werner Wohltmann, Grundzüge der makroökonomischen Theorie: Totalanalyse geschlossener und offener Volkswirtschaften (München, Wien, 1994), 20. Vgl. Dietmar Detter, Verschiedene Modellvarianten des Monetarismus und ihre Kritik (Krefeld, 1987). Vgl. auch Helmar H. Veltzke, Theorie und Politik des Monetarismus (Pfaffenweiler, 1987).

[17] Vgl. Manfred Wegner, „Das ‘britische Experiment’ nach sechs Jahren: Überblick über die Wirtschaftspolitik der Regierung Thatcher“, Ifo-Schnelldienst, 39 (14.3.1986), 3-14, 4.

[18] Vgl. Wolfgang-Ulrich Prigge, „Wirtschafts- und Sozialpolitik während der Regierung Thatcher“, Aus Politik und Zeitgeschichte: Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, 5.7.1991, 27-36, 28.

[19] Hierbei handelte es sich um eine Gemeindesteuer, die jeder Erwachsene einkommens­unabhängig in gleicher Höhe zahlen sollte („Kopfsteuer“). Vgl. Christopher Johnson, The Economy under Mrs Thatcher: 1979-1990 (London, 1991), 134-141.

[20] Vgl. unter anderem Ken Richards, „Redistribution under Conservatism: Past and Future“, in: Nigel M. Healey (ed.), Britain’s Economic Miracle: Myth or Reality? (London, 1993), 227-240, 238-239.

[21] Nigel Lawson, „The Budget Strategy“, speech to the Institute of Fiscal Studies, March 1981, zitiert nach: Nigel M. Healey, „The Conservative Government’s ‘Fight against Inflation’: Ten Years without Cheers“, in: Ders., Economic Miracle, 127-148, 131.

[22] Makroökonomische Maßnahmen sollen Vollbeschäftigung, Preisstabilität, außenwirt­schaft­­liches Gleichgewicht sowie ein stetiges Wirtschaftswachstum erreichen. Mikroöko­nomische Aktionen hingegen zielen auf eine optimale Faktorallokation ab, das heißt Produktions­faktoren sollen so in die verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten gelenkt werden, daß sich für die Haushalte eine maximale Bedürfnisbefriedigung ergibt. Vgl. Wohltmann, 11. Zwischen den beiden Bereichen kommt es zu Überschneidungen, da zum Beispiel eine optimale Faktorallokation ein höheres Wirtschaftswachstum bewirken kann.

[23] Diese Planung wurde als „Medium Term Financial Strategy“ (MTFS) bezeichnet.

[24] Vgl. Geoffrey Maynard, „Britain’s Economic Recovery“, in: Healey, Economic Miracle, 57-71, 57.

[25] Vgl. Prigge, 29.

[26] Vgl. Wegner, 7.

[27] Vgl. hierzu Tabelle 2 im Anhang.

[28] Vgl. Ian Carter, Ancient Cultures of Conceit: British University Fiction in the Post-war-Years (London, 1990), 248-251, 258.

[29] Vgl. Prigge, 33-34.

[30] Vgl. Maynard, „Britain’s Recovery“, 58.

[31] Vgl. Andrew Britton, „The Economy in the 1980s: A Review of the Decade“, in: Healey, Economic Miracle, 43-56, 44. Vgl. auch Tabelle 3 im Anhang.

[32] Vgl. Nigel M. Healey, „Preface“, in: Ders., Economic Miracle, XIV-XV, XIV.

[33] Hier besteht ein Widerspruch zu den vorgenannten Kürzungen im Bildungsbereich.

[34] Vgl. Nigel M. Healey, „From Keynesian Demand Management to Thatcherism“, in: Ders., Economic Miracle, 1-39, 37.

[35] Vgl. Kent Matthews, „Britains’s Economic Renaissance“, in: Healey, Economic Miracle, 72-90, 73-74.

[36] Vgl. Kent Matthews, Patrick Minford, „Mrs Thatcher’s Economic Policies 1979-87“, Economic Policy: A European Forum, 2.2 (1987), 57-101, 65.

[37] Vgl. Prigge, 31.

[38] Vgl. ebda, 31.

[39] Die Mehrwertsteuer („Value Added Tax, VAT“) wurde 1979 von 8 Prozent (12,5 Prozent für einige Luxusgüter) auf 15 Prozent erhöht. Vgl. Christopher Johnson, 112.

[40] Vgl. Prigge, 31.

[41] Vgl. Phil Robins, „Government Policy, Taxation and Supply-Side Economics“, in: Healey, Economic Miracle, 151-173, 159.

[42] Vgl. Dagmar Sakowsky, Die Wirtschaftspolitik der Regierung Thatcher (Göttingen, 1992), 109-120, 123-131.

[43] Vgl. Kenneth Harris, 3.

[44] Vgl. Prigge, 30. Allerdings ist die konsequente Durchführung und Ausweitung des Privatisierungsprogramms vor allem mit seiner Bedeutung für die Entlastung des Staatshaushalts zu erklären. Von 1980 bis 1990 konnten insgesamt 33,3 Milliarden Britische Pfund erlöst werden. Vgl. David Parker, „Privatisation ten Years on: A Critical Analysis of its Rationale and Results“, in: Healey, Economic Miracle, 174-194, 174-182.

[45] Hierzu zählen die Industrien, welche die Grundversorgung der Bevölkerung sichern (zum Beispiel Kohlebergbau, Energieversorgung, Wasserwerke).

[46] Vgl. Parker, 174.

[47] Vgl. Fröhlich, 140-143.

[48] Vgl. Alec Cairncross, The British Economy since 1945 (Oxford, 1992), 267-277.

[49] Vgl. Fröhlich, 141.

[50] Vgl. Cairncross, 255-256.

[51] Vgl. Tabelle 1 im Anhang.

[52] Vgl. Rutherford, 9.

[53] Vgl. Ian Paterson, Leslie Simpson, „The Economics of Trade Union Power“, in: Healey, Economic Miracle, 195-210, 197.

[54] Exakte Daten können der Tabelle 4 im Anhang entnommen werden.

[55] Vgl. Tabelle 5 im Anhang.

[56] Vgl. Healey, „Conservative Government“, 145.

[57] Diese Entwicklung führte 1981 zu einem Protestschreiben von 364 britischen Wirtschaftswissenschaftlern an die Zeitung The Times. Vgl. unter anderem Wegner, 8.

[58] Vgl. John MacInnes, Thatcherism at Work: Industrial Relations and Economic Change (Milton Keynes, England and Boston, Philadelphia, U.S.A., 1987), 51.

[59] Vgl. John Wells, „The Economy after ten Years: Stronger or Weaker?“, in: Healey, Economic Miracle, 91-108, 93.

[60] Vgl. Tabelle 6 im Anhang. In der Boomphase 1987-89 stiegen die Importe über­proportional im Verhältnis zum Wachstum der Volkswirtschaft.

[61] Vgl. Healey, „Conservative Government“, 145.

[62] Hier war der Zuwachs im Bank- und Finanzbereich am stärksten. Vgl. unter anderem Prigge, 28.

[63] Wells, 101.

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Margaret Thatchers Wirtschaftspolitik und ihr Niederschlag in ausgewählten Romanen
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Englisches Seminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
1995
Seiten
59
Katalognummer
V12817
ISBN (eBook)
9783638186179
ISBN (Buch)
9783638736510
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Diplomarbeit gibt einen Überblick über die Wirtschaftspolitik von Margaret Thatcher und zeigt an zwei Beispielen auf, wie diese ihren Niederschlag in der Literatur gefunden hat (The Life and Loves of a She-Devil (1983) von Fay Weldon und Cuts: A Very Short Novel (1987) von Malcolm Bradbury)
Schlagworte
Wirtschaft; Thatcher; Literatur, Fay Weldon, Malcolm Bradbury
Arbeit zitieren
Timm-Daniel Köpke (Autor), 1995, Margaret Thatchers Wirtschaftspolitik und ihr Niederschlag in ausgewählten Romanen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12817

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