„In einem Punkt“, so schreibt Hartmut Rosa in seinem 2005 erschienenen Werk "Beschleunigung: Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne", „sind sich die Verfechter wie die Verächter der Moderne von Anfang an [...] einig: ihre konstitutive Grunderfahrung ist diejenige einer ungeheuren Beschleunigung der Welt und des Lebens und des je individuellen Erfahrungsstromes“. Die von Rosa getroffene Feststellung, dass die „Erfahrung von Modernisierung [...] eine Erfahrung der Beschleunigung“ ist, führt zu der Frage, wie diese durch eine Erhöhung des Lebenstempos gekennzeichnete Moderne individuell und kollektiv wahrgenommen, bewertet und medial inszeniert wird.
Die vorliegende Arbeit will dieser Fragestellung am Beispiel des Dokumentarfilms Berlin – Die Sinfonie der Großstadt von Walter Ruttmann aus dem Jahre 1927 nachgehen. Der Film zeigt in dokumentarischen Aufnahmen, die mittels der Montagetechnik verbunden werden, in fünf ‚Akten‘ einen Tag im Leben der Großstadt Berlin. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie der für die Selbstwahrnehmung der Moderne entscheidende Topos des ‚Tempos‘ in Berlin inszeniert und bewertet wird. Entgegen vieler zeitgenössischer Wahrnehmungen und den meisten wissenschaftlichen Analysen3, die den Film als unkritische Apotheose des Tempos interpretieren, wird dabei die These vertreten, dass Berlin nicht ausschließlich, aber auch als eine Kritik an der als Beschleunigungsphänomen verstandenen Moderne gelesen werden kann.
Vor der formalen wie inhaltlichen Analyse des Films soll in einem theoretischen Teil dargestellt werden, warum gerade Berlin als paradigmatisch für die Auseinandersetzung mit dem Topos des ‚Tempos‘ in der Weimarer Republik gelten kann. Zunächst wird auf die enge Verbindung der Stadt als Ort der Moderne mit dem ‚Tempo‘ und dem Medium Film eingegangen. Anschließend wird die besondere Rolle gezeigt, die Berlin im Diskurs über den Topos des ‚Tempos‘ einnimmt. Den Hauptteil der Arbeit bildet dann die Analyse des Films Berlin – Die Sinfonie der Großstadt. Nach dem Nachweis, dass der Film auf bekannte Topoi über Berlin zurückgreift, wird die Inszenierung des Tempos im Film analysiert. Schließlich wird gezeigt, wie der Film die negativen Folgen des großstädtischen Tempos darstellt und somit als Kritik an einer als Beschleunigung verstandenen Moderne gesehen werden kann.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Theorie
1. Stadt – Film – Tempo
1.1. Stadt und Tempo
1.2. Stadt und Film
2. Berlin als Stadt des Tempos
III. Berlin – Die Sinfonie der Großstadt
1. Topos Tempo vs. Objektivitätspostulat
2. Inszenierung von Tempo
2.1. Inszenierung von Tempo auf technisch-formaler Ebene
2.2. Inszenierung von Tempo auf inhaltlicher Ebene
3. Tempokritik
3.1. Tempokritik als Sozialkritik
3.2. Die Spirale als Leitmotiv überforderter Wahrnehmung
IV. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie der Dokumentarfilm "Berlin – Die Sinfonie der Großstadt" (1927) von Walter Ruttmann das Phänomen des "Tempos" in der Moderne wahrnimmt, bewertet und medial inszeniert. Dabei soll die These untermauert werden, dass der Film nicht bloß als unkritische Apotheose der modernen Beschleunigung zu lesen ist, sondern zugleich als eine tiefgreifende Kritik an den negativen sozialen und individuellen Folgen der großstädtischen Dynamik fungiert.
- Die theoretische Verknüpfung von Großstadt, Moderne und Beschleunigung.
- Die filmische Inszenierung von Tempo auf technisch-formaler und inhaltlicher Ebene.
- Die Rolle des "Topos Tempo" im Berlin-Diskurs der Weimarer Republik.
- Die Analyse der Spirale als Leitmotiv für die Überforderung des Individuums.
- Die kritische Auseinandersetzung mit der sozialen Indifferenz und Mechanisierung.
Auszug aus dem Buch
3.2. Die Spirale als Leitmotiv überforderter Wahrnehmung
Nachdem bisher eher auf die sozialen Folgen des Tempos eingegangen worden ist, sollen nun die Folgen, die eine Beschleunigung des Lebens auf der Ebene der individuellen Wahrnehmung hat, näher betrachtet werden. Berlin lässt sich dabei als direkter Ausdruck der Steigerung des Nervenlebens verstehen, die Georg Simmel als Charakteristikum der Großstadt ausmacht. Die Vielzahl unterschiedlicher Sinneseindrücke, denen der Stadtbewohner ausgesetzt ist, versucht der Film durch das Mittel der Montage einzufangen, zeigt dabei auch die negativen Folge der ständigen Reizüberflutung, die Überforderung der individuellen Wahrnehmung durch das städtische Tempo. Durch die teilweise extrem schnellen Schnitte – besonders in der zu Beginn gezeigten Zugfahrt nach Berlin – überträgt sich diese Flut von Sinneseindrücken auf den Zuschauer, der von dem rasenden Wechsel der Bilder schlicht überwältigt wird. Auch wenn dies für den an rasante Schnitte gewöhnten heutigen Zuschauer nicht mehr ganz zutreffen mag, so lässt sich zumindest vermuten, dass für das Publikum der 20er Jahre die Überforderung der Wahrnehmung deutlich akuter war. Zum Symbol für diese Überforderung wird in Berlin die Spirale, wie Michael Minden bemerkt:
The spiral is a leitmotif which indicates perceptual overloading. When the images become so rapid as to block one’s ability to sustain, assimilate and align oneself with them, confusion intervenes. Urban experience can bewilder, it can even destroy the coherence of the mind.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Beschleunigung in der Moderne ein und formuliert die These, dass Ruttmanns Film Berlin als ambivalentes Werk zwischen Apotheose und Kritik des Tempos liest.
II. Theorie: Das Kapitel verortet das Phänomen der Beschleunigung als zentrales Merkmal der Großstadtsoziologie und beleuchtet die Rolle des Films als das Medium, welches die neue urbane Realität am besten abbilden kann.
III. Berlin – Die Sinfonie der Großstadt: Dieser Hauptteil analysiert, wie der Film das Tempo durch Montage und Inhalt inszeniert und dabei durch das Motiv der Spirale die Überforderung des Individuums offenlegt.
IV. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert die Ergebnisse und bestätigt die Ambivalenz des Films, der sowohl die Faszination für moderne Geschwindigkeit als auch die daraus resultierenden menschlichen Entfremdungsprozesse thematisiert.
Schlüsselwörter
Walter Ruttmann, Berlin – Die Sinfonie der Großstadt, Beschleunigung, Moderne, Tempo, Montage, Großstadt, Wahrnehmung, Spirale, Sozialkritik, Neue Sachlichkeit, Mediale Inszenierung, Nervenleben, Mechanisierung, Urbanisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Walter Ruttmanns Dokumentarfilm "Berlin – Die Sinfonie der Großstadt" im Kontext der Beschleunigungserfahrungen der 1920er Jahre.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Konzepte von Stadt, Tempo, Film-Ästhetik (Montage) und die psychologische Überforderung des Großstadtmenschen.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist der Nachweis, dass der Film nicht nur eine unkritische Feier der Geschwindigkeit ist, sondern eine versteckte Kritik an der Moderne enthält.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Arbeit kombiniert eine kulturhistorische Einordnung (unter Rückgriff auf Georg Simmel) mit einer formal-inhaltlichen Filmanalyse.
Was wird im Hauptteil der Publikation behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die formale Analyse der Inszenierung von Tempo im Film und die inhaltliche Interpretation der sozialkritischen und wahrnehmungspsychologischen Aspekte.
Welche Schlüsselbegriffe definieren den Kern dieser Arbeit?
Begriffe wie Beschleunigung, Montage, Spirale, Großstadt, Moderne und Ambivalenz sind entscheidend für die Argumentation der Arbeit.
Welche Bedeutung hat das Symbol der "Spirale" im Film laut der Arbeit?
Die Spirale fungiert als zentrales Leitmotiv für die Überforderung der menschlichen Wahrnehmung durch das rasende Tempo der Großstadt.
Warum wird Siegfried Kracauers Kritik am Film in der Arbeit diskutiert?
Kracauers Sichtweise dient als Kontrastfolie, um die eigene These der im Film enthaltenen, impliziten Sozialkritik zu schärfen und zu begründen.
- Citation du texte
- Thomas Neumann (Auteur), 2008, Tempo und Tempokritik in Berlin - Die Symphonie der Großstadt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128206