Diversität von Erziehungsvorstellungen am Beispiel vom Modell von Erik H. Erikson


Hausarbeit, 2020

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmungen
2.1 Diversität
2.2 Erziehung
2.3 Erziehungsvorstellungen und Kultur

3. Eriksons Stufenmodell

4. Kultureller Einfluss auf Erziehungsvorstellungen

5. Erziehungsstile nach Lippitt und White
5.1 Übertragbarkeit

6. Grenzen und Kritik

7. Fazit

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Erik Homburger Erikson wurde am 15. Juni 1902 in der Nähe von Frankfurt a. M. geboren und gilt als einer der bedeutendsten und populärsten Vertreter der Psychoanalyse von Freud. „[…] sein entschiedenes Eintreten gegen Gewaltherrschaft, Rassismus und Krieg prägte in den 60er- und 70er- Jahren das Denken einer ganzen Ära“ (Conzen, 2010, S.9). Sieben Jahre nachdem er sein Abitur absolvierte, half er beim Aufbau einer Privatschule in Österreich für Psychoanalyse. Als Pädagoge unterrichtete er von 1927 bis 1932 in Wien unkonventionell und antiautoritär Wiener Psychoanalytiker und absolvierte bei Anna Freud in Sigmund Freuds Privatpraxis täglich eine Stunde Lehranalyse. Erikson emigrierte im Jahr 1934 von Deutschland in die USA. Er wurde ohne Hochschulstudium in den kommenden Jahrzenten zum Professor an einer Elite- Universität ernannt und einige von ihm geprägte Begrifflichkeiten wie „Lebenszyklus (Stufenmodell)“, „Identitätskrise“ und „Urvertrauen“, wurden fester Bestandteil des fachwissenschaftlichen Wortschatzes. 1950 wurde er mit seinem Hauptwerk „Kindheit und Gesellschaft“ weltweit populär. Er fasste in diesem Hauptwerk seinen eigenen Ansatz der Psychoanalyse, seine neuen Erkenntnisse in der Ich- und Identitätspsychologie, der psychoanalytischen Sozialpsychologie, der Entwicklungstheorie/ Lebenszyklus (Stufenmodell) und der Psychosenforschung zusammen. Eriksons Modell des Lebenszyklus gilt in der Persönlichkeitsentwicklung als eines der bekanntesten Modelle und stellt den wichtigsten Teil von Eriksons theoretischer Arbeit dar. Am 12. Mai 1994 starb er und wurde vom Präsidenten Bill Clinton als Wissenschaftler und „Anwalt der Humanität“ gewürdigt (Conzen, 2010, S.11ff; Maschke, 2011, S.12ff.). Die vorliegende Studienarbeit beschäftigt sich mit Eriksons Stufenmodell und bezieht sich auf die Vielfalt (Diversität) von Erziehungsvorstellungen und Erziehungsstilen. Sie hat zum Ziel, in Form einer Literaturanalyse, Eriksons Modell zu erklären und einen Einblick in die Vielfalt an Erziehungsstilen und Mischformen der Erziehung zu geben. Darüber hinaus soll sein Modell auf die Erziehungsstile nach Lippitt und White übertragen und mögliche Grenzen des Modells aufgezeigt werden. Im Alltag und auch im wissenschaftlichen Umfeld neigen Menschen nach Leiprecht (2011, S.16) zu unterschiedlichen Lesearten, Interpretationen und Assoziationen. Bedingt ist dies durch unsere selektive Wahrnehmung. Damit ein besseres Leseverständnis gewährleistet werden kann und um Missverständnisse zu reduzieren, werden in Kapitel 2 zunächst wichtige Begrifflichkeiten, die diesem Diskurs zugrunde liegen, näher erläutert. Dazu gehören die Begriffe Diversität, Erziehung und Erziehungsvorstellungen, insbesondere im soziokulturellen Kontext. In Kapitel 3 erfolgt die Darstellung der ersten vier Stufen von Eriksons Stufenmodell, woraufhin in Kapitel 5 die Erziehungsstile nach Lippitt und White erläutert und auf Eriksons Stufenmodell bezogen werden. In Kapitel 4 folgt ein Einblick in Eriksons Vorstellungen von Kultur und wie diese Erziehungsvorstellungen prägen und beeinflussen. Ferner wird im Ansatz auf die Bedeutsamkeit/Rolle der sozialen Arbeit eingegangen. Kapitel 6 beinhaltet die kritische Würdigung von Eriksons Modell und thematisiert dessen Grenzen. Das abschließende Fazit der vorliegenden Studienarbeit erfolgt in Kapitel 7.

2. Begriffsbestimmungen

Im folgenden Kapitel werden die Begriffe Diversität, Erziehung, Erziehungsvorstellungen und der soziokulturelle Kontext erläutert.

2.1 Diversität

Der Begriff „Diversität“ wird in verschiedenen Disziplinen verwendet und ist somit jeweils anders konnotiert. In der Biologie existiert dieser schon seit über 30 Jahren, bezeichnet die biologische Vielfalt der Arten und Ökosysteme auf der Erde und ist damit positiv konnotiert. Im Kontext der sozialen Arbeit, beziehungsweise der Erziehungswissenschaften, bezieht sich Diversität jedoch auf die spezifisch menschliche Vielfalt und ist als Prozess zu verstehen, weil Menschen nicht auf das Biologische zu reduzieren sind. Diese anthropogenen Einteilungen (menschliche Vielfältigkeit/ Verschiedenartigkeit) innerhalb der menschlichen Individuen erwachsen aus historischen und gesellschaftlichen Prozessen und werden mit bestimmten sozialen Bedeutungen versehen. Diversität muss in der sozialen Arbeit thematisiert werden, weil entsprechende Einteilungen dazu führen können, dass soziale Ungleichheiten und Benachteiligungen unterstützt und gerechtfertigt werden. Eine Ignoranz dieser vorfindbaren Einteilungen bietet nach Leiprecht (2011, S.16f) keine Möglichkeit, diese kritisch zu thematisieren und diesbezüglich Veränderungsprozesse einzuleiten. Menschen können sich durch Einteilungen in einer privilegierten Position befinden, mit der Macht und Dominanz einhergeht (Leiprecht, 2011, S.16ff.). In der Sozialen Arbeit gibt es verschiedene Interpretationen zu dem Begriff Diversität. Je nach Kontext, in dem Diversität angewendet werden soll, existieren verschiedene Variationen von Kategorien, anhand derer Menschen Ausgrenzung oder Diskriminierung erfahren. Zu diesen Diversitätsmerkmalen, die häufig als „the big six“ bezeichnet werden, gehören: 1. Alter, 2. Geschlecht, 3. sexuelle Orientierung, 4. Behinderungen und Fähigkeiten, 5. Religion, 6. sozikultureller Hintergrund und Hautfarbe 7. Stellung in der institutionellen Hierarchie und 8. der Familienstand. (Van Keuk, 2011, S.83ff.).

2.2 Erziehung

Der Begriff „Erziehung“ bezeichnet bei Kindern und Jugendlichen (Heranwachsenden) die Weitergabe von moralischen und normativen Regularien und Verständigungsformen der Gesellschaft durch ältere Individuen. Es geht somit um die Kompetenzvermittlung, die charakterlicher, intellektueller und körperlicher Natur sein kann. Erziehung konstituiert immer ein Gewaltverhältnis von Menschen über Menschen. In der Regel erfolgt dies von bestimmten Erwachsenen über Heranwachsende, wobei sie darauf abzielen die Regularien sowie die Kompetenzvermittlung habituell zu verankern. Der Begriff hat allerdings an Unbestimmtheit gewonnen, weil in der heutigen Zeit Heranwachsende bisherige Erziehungsverhältnisse teilweise umkehren, indem sie z.B. Älteren Menschen den Umgang mit neueren technologischen Errungenschaften wie dem „Smart TV“, „Smartphone“, etc., beibringen (Thole & Pfaffenberger, 2007, S.269ff.).

Bezugnehmend auf das jeweilige Milieu, den kulturellen Hintergrund und die Lebenswelt eines Individuums, besteht eine Vielfalt an Erziehungsstilen und -vorstellungen (Leiprecht 2011, S.16). Nach deutschem Gesetz (§1 Abs.1 SGB VIII) folgt die Erziehung allerdings bestimmten Richtlinien. Dazu gehören einerseits die Schulpflicht, die stets zu gewährleisten ist, sowie andererseits gesetzlich festgelegte Rechte für Kinder. So haben Kinder das Recht auf Bildung und eine gewaltfreie Erziehung. Die Erziehung soll sich weiterhin grundlegend an dem Wohl des Kindes orientieren, indem über die Erziehung die Förderung zur Entwicklung einer eigenständigen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit gesichert wird. Dies ist nach §1626 BGB nur möglich, indem adäquat – also dem Alter und Entwicklungsstand des Kindes entsprechend – wachsende Bedürfnisse, wie das Mitspracherecht oder die Einsichtsfähigkeit, mitberücksichtigt werden. Weitere Bestandteile der Kindeserziehung stellen gemäß §1626 BGB das Ermöglichen von selbstständigem, verantwortungsbewusstem Handeln und die Partizipation (Mitspracherecht, Mitteilhabe etc.) des Kindes dar. Der in Deutschland gesetzlich geforderte Erziehungsstil sieht somit einen partnerschaftlichen Dialog zwischen Erziehungsberechtigten und Kind vor.

2.3 Erziehungsvorstellungen und Kultur

Bei dem Begriff „Erziehungsvorstellung“ handelt es sich nach Kärtner & Keller (2011) um eine kulturspezifische Sichtweise über das Kind, die sich soziokulturell als adaptiv erwies. Dazu bestehen Vorstellungen, was ein Kind ausmacht, wozu es sich entwickelt und was der beste Umgang mit dem Kind ist, etc. Erziehungsvorstellungen können sich, je nach kulturellem Hintergrund stark voneinander unterscheiden. Es bestehen verschiedene Definitionen des Begriffs „Kultur“. In dieser Studienarbeit sind jedoch nicht Kategorien wie Herkunftsland, ethnische Gruppe oder Religion gemeint, sondern soziokulturelle Kontexte. Dabei handelt es sich um Lebenswelten mit bestimmten soziodemographischen Charakteristika. Menschen, die in der gleichen Lebenswelt leben, teilen gemeinsame Normen, Werte und Einstellungen und weisen zudem ähnliche Verhaltensweisen auf. Es bestehen somit keine kulturellen Grenzen zwischen Nationen, denn Kulturen sind durchlässig. Jede soziale Gruppe entwickelt ihre eigene Kultur – jede Familie, jede Gemeinschaft, jede Schulklasse hat demnach eine eigene Kultur (Van Keuk, 2011, S.92ff.). Die jeweiligen Lebenswelten und dazugehörigen Erziehungsvorstellungen sowie die Aufgaben der Eltern und die Vorstellungen über den optimalen Entwicklungsverlauf eines Kindes können nach Kärtner & Keller (2011) mit zwei „Prototypen“ beschrieben werden: 1. den Prototyp der psychischen Autonomie und 2. den der relationalen Anpassung. Neben diesen beiden Prototypen bestehen kulturelle Modelle, die Aspekte von beiden Prototypen miteinander vereinbaren. Die Autonomie (psychische Autonomie) und Verbundenheit (relationale Anpassung) sind zwei grundlegende Themen für die Erziehungsvorstellungen in allen soziokulturellen Kontexten. Mit Autonomie ist die Selbstständigkeit des Individuums in Bezug auf die Willensbildung, Emotion, Motivation und Kognition gemeint. Grundlegend ist die Autonomie unter anderem deshalb, weil es für Individuen zentral ist, die eigenen Gedanken und Gefühle zu erleben, sich eine Meinung zu bilden und Urteile zu fällen, etc.

Verhalten und Erleben, welches sich am kulturellen Modell der Verbundenheit orientiert, ist hingegen an normative Rollenmodelle gebunden. Erwartungen, Rechte und Verantwortlichkeiten sind an Normen geknüpft. Diese normative Orientierung ist eine Anpassungsleistung an bestehende Umwelt- und Kontextbedingungen (wie Ökologie, Ökonomie) und prägt die Familienstruktur. Ein Beispiel für solch eine Lebenswelt ist die westliche Mittelschichtfamilie. Diese steht nach Kärtner & Keller (2011) für einen spezifischen soziokulturellen Prototypen und lässt sich folgendermaßen beschreiben: Beide Eltern sind hoch gebildet und leben unter guten ökonomischen Umständen. Das erste Kind wird in der Regel geboren, nachdem die Mutter ihre Berufsausbildung beziehungsweise ihre akademische Ausbildung abgeschlossen hat. Möglicherweise entscheidet sich das Elternpaar noch zu einem zweiten Kind - selten zu mehr. Die Erziehung ist Privatangelegenheit, es soll also keine Einmischung von außen geben, und die Reflektion des Elternverhaltens erfolgt über das Konsultieren von Elternratgebern. Die westliche Mittelschichtfamilie verkörpert den Prototypen der psychologischen Autonomie. Der Nachwuchs wird dabei ins Zentrum gestellt. Wenn sich die Mutter mit dem Kind beschäftigt, versucht sie ihm ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken, wobei die Sprache eine wichtige Rolle spielt. In der Interaktion mit dem Kind werden jegliche Äußerungen aufgegriffen, Gesichtsausdrücke imitiert, es wird viel in seinen Verhaltensäußerungen bestärkt und Diskurse werden geführt („Bist du Müde“; „was möchtest du tun“ „Möchtest du spielen“ etc.). Auf die Erziehungsvorstellung bezogen handelt es sich dabei um einen Kind-zentrierten Ansatz mit dem Ziel, Individualität zu vermitteln und auszudrücken.

Ein entgegengesetzter Prototyp ist nach Kärtner & Keller (2011) die relationale Anpassung. Ein gegenwärtiges Beispiel ist die Lebenswelt ländlicher Familien. Eine Bäuerin heiratet mit 17/18 Jahren und lebt dann in der Großfamilie ihres Mannes. Es ist die Pflicht der Mutter, möglichst schnell Kinder zu bekommen, denn Kinder werden als helfende Hände in der Familie gebraucht. Die Erziehung der Kinder ist öffentlich, denn das ganze Dorf ist daran beteiligt und wacht über die psychische Gesundheit und moralischen Werte der Kinder, die die kulturelle Identität prägen. Als oberste Verhaltensmaxime gelten der Gehorsam und Respekt der Kinder gegenüber Älteren. Die Norm bilden geteilte Aufmerksamkeitsmuster, weil die Mutter oft mit vielen Dingen gleichzeitig beschäftigt ist. Das Kind ist nicht stets im Zentrum. Es hat allerdings viele enge Bezugspersonen und in der Interaktion dominieren Körperkontakt und Körperstimulation. Diese Interaktionen werden häufig mit sprachlichen Äußerungen verknüpft. Dadurch wird die Entwicklung der Wahrnehmung von sich selbst als Teil eines sozialen Systems unterstützt. In der Hierarchie steht die Mutter über dem Kind. Sie weiß immer, was das Beste für ihr Kind ist und muss keine Signale des Kindes explorieren – Ratgeber sind nicht notwendig. Die Anpassung und Eingliederung in das soziale System ist bei dem Prototyp der relationalen Anpassung zentral.

Die Prototypen unterscheiden sich in ihren Erziehungszielen und dem Elternverhalten, beide Systeme sind jedoch als gleichwertig anzusehen, weil Anpassungsstrategien an verschiedene Umwelten dargestellt werden. Kulturelle Familienmodelle werden eher von soziodemographischen Faktoren beeinflusst. Dies lässt sich durch unterschiedliche Erziehungsvorstellungen in Indien zeigen. Bei einigen Erziehungsvorstellungen existieren einzelne Aspekte von Autonomie und Bezogenheit nebeneinander.

Großfamilien im ländlichen Indien entsprechen beispielsweise dem Prototypen der relationalen Anpassung, weil sie die Facetten Respekt und Gehorsam bevorzugen und autonome Erziehungsvorstellungen eher ablehnen. Nach einer Studie von Kärtner & Keller (2011) unterscheiden sich ländliche indische Mütter jedoch viel stärker von indischen Müttern aus Delhi als von ländlichen Müttern aus Kamerun, obwohl sie Religion und Nationalität teilen. Daraus lässt sich schließen, dass kulturelle Familienmodelle eher von soziodemographischen Faktoren (Bildungsgrad, Umwelt, Kinderzahl etc.) und nicht von Religion oder Nationalität beeinflusst werden (Kärtner & Keller, 2011, S. 303ff.). Festzuhalten bleibt, dass eine Diversität von Erziehungsvorstellungen besteht, welche durch die spezifischen Lebenswelten, in denen Familien sich befinden, bedingt sind.

3. Eriksons Stufenmodell

Das Stufenmodell von Erikson ist eine Weiterführung von Freuds Psychoanalyse. Es beschreibt und erklärt Wechselwirkungen zwischen individuellen Entwicklungen und gesellschaftlichen Umgebungen. Affektive und soziale Entwicklungen des Kindes werden in Eriksons Modell beschrieben und zu verstehen versucht. Das Entwicklungsmodell ist in acht Stufen unterteilt, die Erikson als Krisen bezeichnet. In diesen stehen jeweils zwei Pole gegenüber (z.B. Stufe eins: Urvertrauen gegen Urmisstrauen). Die Stufen bestehen das ganze Leben hindurch und wirken in einer bestimmten Altersphase des Lebens dominierend. Die Pole führen zu einer kritischen Phase, indem diese einen Höhenpunkt erreichen, den Erikson als Krise bezeichnet. Ausgelöst werden Krisen durch soziale Umwelteinflüsse. Laut Erikson kann eine positive Entwicklung nur stattfinden, wenn eine Krise überwunden wurde, welche auch Voraussetzung für das Bestehen der darauffolgenden Krise ist. Krisen geben Individuen die Chance, Entwicklungsschritte nachzuholen, die aufgeschoben wurden. Jede der acht Stufen ist eine Grundaufgabe, mit der sich das Individuum auseinandersetzen muss. Wenn diese Aufgaben unerledigt bleiben, kann dies zu einer Quelle von Angst, Stagnation und Neurose werden. Die Stufen eins bis vier beziehen sich auf das Kindesalter, wohingegen sich die Stufen fünf bis acht auf das Jugend- und Erwachsenenalter beziehen, weshalb sie in dieser Arbeit nicht näher erläutert werden können (Conzen, 2010, S.63; Maschke, 2011, S.17ff.).

In der ersten Stufe stehen sich die Pole „Urvertrauen“ und „Urmisstrauen“ gegenüber. Diese Phase erfolgt in der Säuglingszeit im ersten Lebensjahr. Erikson hat diese Phase neben der Adoleszenz am ausführlichsten beschrieben. Er sieht die wichtigste/ essenziellste Prägung der Persönlichkeit in dieser ersten Phase des Lebenszyklus (Conzen, 2010, S.68). Ein Säugling ist in einer totalen Abhängigkeit, weil er auf Nahrungsversorgung angewiesen ist, sich nicht gezielt und koordiniert bewegen kann und allein nicht überlebensfähig ist. Der Mund des Säuglings hat in dieser Phase eine zentrale Bedeutung, weil das Baby nur über den Mund mit der Außenwelt in Kontakt treten kann. Es saugt, schluckt und verleibt sich Milch ein, etc. Freud bezeichnet das Säuglingsalter als „orale Phase“. Erikson bezeichnet diese erste soziale Verhaltensweise als „Modalität des Bekommens“, denn es besteht ein „Geben und Gegeben-Bekommen“ zwischen der Mutter und dem Kind. Das Kind entwickelt somit ein grundlegendes Vertrauen, weil es mit Nahrung versorgt wird, geliebt wird, es das Gefühl des „sich-verlassen-Könnens“ entwickelt und seine Bedürfnisse gestillt werden. Dies nennt Erikson „Urvertrauen“ (basic trust) und ist die Basis für eine weitere positive Persönlichkeitsentwicklung (Erikson, 2005, S.241ff; Maschke, 2011, S.22). Das Vertrauen ist nach Erikson (2005, S.243) jedoch nicht von der Quantität an Nahrung und Zuneigung, etc. abhängig, sondern von der Qualität der Mutter-Kind-Beziehung. Eltern müssen nicht nur ihr „[…] Kind durch gewisse Verbote und Erlaubnisse lenken, sondern ihrem Kind vermitteln, dass Handlungen von der Elternseite ausgehend sinnvoll sind“. Die spezifische Krise dieser Stufe entsteht, sobald sich Zähne beim Säugling entwickeln. Das Kind fängt an zu beißen und wenn es beim Stillen beißt, kann es von der Brust der Mutter entzogen werden. Dadurch kann es zu Zornausbrüchen in der Beiß-Phase kommen. Das Kind muss somit lernen zu saugen ohne zu beißen. Diese zweite orale Phase geht nach Erikson bei allen Kindern mit einem Maß an Verunsicherung und Enttäuschung einher, weil für eine positive Entwicklung Erlebnisse von Misstrauen gemacht werden müssen, die durch Enttäuschung und Zurückweisung erzeugt werden. Wenn das Kind jedoch plötzlich und radikal von der Brust entzogen wird, können sich seelische und körperliche Schäden entwickeln. Ein schwach entwickeltes Vertrauen führt unter Umständen zu schizoiden und depressiven Persönlichkeitsstörungen (Erikson, 2005, S.241ff.). Überwiegen somit in der ersten Stufe Verlässlichkeit, liebevolle Zuwendung und eine erfahrene Freundlichkeit einer Bezugsperson, so bilden sich die Anfänge des Urvertrauens. Die Beziehung zwischen Mutter und Kind sowie dem Verständnis davon, was und wie dem Säugling „gegeben“ werden sollte (Art, Dauer und Weise des Stillens, etc.) hängt jedoch vom kulturellen Kontext der Familie ab (Conzen, 2010, S. 66ff; Maschke, 2011, S.22).

Die zweite Stufe beginnt ab dem zweiten und endet mit Vollendung des dritten Lebensjahres. Die Pole „Autonomie“ und „Scham/ Selbstzweifel“ stehen sich gegenüber. In dieser Stufe entsteht ein Zuwachs an Handlungsformen und Entscheidungsfreiheiten. Das Kind wird immer freier, weil es sich gezielter und koordinierter bewegen kann. Durch die Bewegungsfreiheit ist das Kind nun autonomer und in der Lage, Dinge nicht nur zu greifen, sondern auch loszulassen, herzugeben oder wegzuwerfen. Die spezifische Krise liegt in der Reinlichkeitserziehung/ Sauberkeitserziehung/ Triebverzicht, seine Ausscheidung zu bestimmten Zeiten an festen Orten (Toilette) vorzunehmen und bis dahin „zurückzuhalten“, um zu gegebener Zeit „loszulassen“. Das Verhältnis des Kindes wird dabei zu seiner gesamten Umwelt charakterisiert. Die Tätigkeiten „Festhalten“ und „Loslassen“/ „Hergeben“ werden dabei zu den psychosozialen Modalitäten in dieser Stufe. Freud bezeichnet diese Stufe als „anale Phase“. Das Kind entwickelt dabei ein Selbstbewusstsein und eine erste Form des eigenen Willens. Durch die steigende Bewegungsfreiheit kann und will es sich immer öfter selbstständig, autonom und selbstgesteuert bewegen, sich selbst beherrschen und kontrollieren. Die Welt (Wohnung, Garten, Spielplatz, etc.) wird autonom erkundet. Die neu erworbenen Fähigkeiten selbst sowie die freiere Bestimmung der eigenen Körperausscheidungen und das Erkunden der Welt werden – je nach Kultur – mit Forderungen, Einschränkungen, Vorschriften und Ordnungsregeln eingeschränkt. In dieser Stufe geht es um „richtiges“ oder „falsches“ Benehmen, um „gut“ oder „böse“ und um „rein“ oder „schmutzig“ (Conzen, 2010, S.69ff; Maschke, 2011, S. 23f.). Grundlage dafür ist ein vorhandenes Urvertrauen und daher auch mindestens eine Bezugsperson, auf die sich das Kind verlassen kann. Wenn das Kind bei seiner Erkundung und Entscheidungsfreiheit anhaltend eingeschränkt wird, Gefahren und Probleme durch Eltern beseitigt oder außer Reichweite gebracht werden, wird der Expansionsdrang des Kindes gehemmt, wodurch bei ihm Scham und Zweifel ausgelöst werden können. Scham tritt nach Conzen (2010, S.71 zit. nach Erikson) überall auf, wo ein Mensch in peinlicher Weise exponiert wird, sich öffentlich ertappt fühlt, bloßgestellt oder gedemütigt ist oder die Intimsphäre durch plötzliche Nähe oder überraschendes Lob oder Tadel verletzt wird. Das Erlernen einer neuen Fähigkeit benötigt Zeit, vor allem die Fähigkeit zum Triebverzicht, denn erst mit Ausreifung der Sphinkter-Muskulatur kann die Darm- und Blasenfunktion kontrolliert werden. Kinder benötigen Lob bei erfolgreicher „richtiger“ Ausscheidung, weil dies zu einem Gefühl des Stolzes und der Autonomie beiträgt. Gesunde Scham ist für eine positive Entwicklung nach Erikson (in Conzen, 2010, S. 71) in jeder Kultur unerlässlich. Eine übertriebene, hochgezüchtete Scham in der frühen Kindheit verletzt hingegen die Persönlichkeitsentwicklung und damit wäre die Krise in dieser Stufe nicht bewältigt. Wenn Eltern zu ungeduldig sind, dem Kind ihre Abscheu den Exkrementen gegenüber zeigen, sich über Ungeschicklichkeiten des Kindes lustig machen oder das Kind häufig drakonisch bestrafen, kann dies massive Schamgefühle und Zweifel erzeugen, weil das Kind seine Autonomie vor allem aus der Körperbeherrschung bezieht. Zudem entstehen nicht nur Zweifel und Scham, sondern es können sich im Erwachsenenalter paranoische Ängste entwickeln. Verweigerung und Trotz sind dann typische Protestformen des Kindes gegen die Sauberkeitserziehung. Dadurch kann das Kind kein gesundes Selbstbewusstsein aufbauen und konzentriert sich unter Umständen zwanghaft auf eigene wiederholende Körpervorgänge, die sich zu einer Zwangsneurose entwickeln können, da es sich hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt und nicht lernt loszulassen. Diese Stufe ist daher entscheidend für das Selbstbewusstsein, das Verhältnis von Liebe und Hass und den Eigensinn. Überwiegen ermutigende Erfahrungen, wird die Autonomie und Willenskraft gestärkt und dadurch auch die Selbstsicherheit und Durchsetzungsfähigkeit. Die Erziehung sollte nach Erikson daher konsequent, liebevoll und sicherheitsgebend sein und dem Kind genug Freiraum zur Selbstentfaltung überlassen (Conzen, 2010, S69ff; Erikson, 2005, S.245ff.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Diversität von Erziehungsvorstellungen am Beispiel vom Modell von Erik H. Erikson
Hochschule
Hochschule Fresenius Frankfurt
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
15
Katalognummer
V1282134
ISBN (Buch)
9783346738042
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vielfalt und Diversität in der Sozialen Arbeit, Integration und Interkulturalität, Diversität von Erziehungsvorstellungen, Erik H. Erikson, Stufenmodell, Entwicklungsmodell, Erziehungsvorstellungen und Kultur, Erziehung, Erziehungsvorstellungen, Erziehungsstile, Erziehungsstile nach Lippitt und White, Diversity, Soziale Arbeit, Hausarbeit Erik Homburger Erikson, Diversität von Erziehungsvorstellungen am Beispiel vom Modell von Erik H. Erikson, Pädagogik, Lebenszyklus, Eriksons Stufenmodell, Diversität, Kultureller Einfluss auf Erziehungsvorstellungen, Bezugspersonen, Vielfalt, Kindliche Entwicklung
Arbeit zitieren
Lars B. Appel (Autor:in), 2020, Diversität von Erziehungsvorstellungen am Beispiel vom Modell von Erik H. Erikson, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1282134

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