In der vorliegenden Masterarbeit wird das Phänomen der Stimme im postdramatischen Theater am Beispiel von Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" (2013) und René Polleschs "Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr" (2000) untersucht. Zunächst werden nach einer kurzen Einführung in das Verhältnis von Drama und Theater, die Studien "Der nicht mehr dramatische Theatertext" (1997) von Gerda Poschmann und "Postdramatisches Theater" (1999) von Hans-Thies Lehmann vorgestellt. Während Gerda Poschmann sich zeitgenössischen Theatertextformen widmet und diese als nicht mehr dramatisch bewertet, bezeichnet Hans-Thies Lehmann gegenwärtige Inszenierungsformen des Theaters als postdramatisch. Sie führen somit Begriffe ein, um die zeitgenössische heterogene Theatert(text-)landschaft, die nicht mehr von Drama bestimmt ist, zu beschreiben. Beide kommen zu dem Ergebnis, dass sowohl der Theatertext als auch das Theater die dramatische Form nicht negieren, sondern ihre gattungskonventionellen Kategorien wie "Handlung" und "Figur" destabilisieren oder überwinden.
Diese Bezugnahme kann unterschiedlich radikal ausfallen, womit die Vielfalt der gegenwärtigen Theater(text-)formen begründet wird. Beiden Praxisformen ist gemein, dass sie sich verstärkt an performativen Strategien orientieren und sich infolgedessen immer mehr von einer repräsentationalen Ästhetik distanzieren. Aufgrund dessen, dass sie sich stärker in ihren performativen Funktionen erschöpfen, wird die Studie Ästhetik des Performativen (2004) von Erika Fischer-Lichte kurz vorgestellt. In dieser beschreibt sie in Anlehnung an Austins Sprechakttheorie, die performative Dimension von Aufführungssituationen. Diese besteht darin, dass sich in der Aufführungssituation Handlungen im Moment ihrer Durchführung herstellen und zugleich präsentieren. Sie sind in diesem Moment selbstreferentiell und wirklichkeitskonstituierend. In dem darauffolgenden Kapitel wird die Kategorie der Stimme vorgestellt, welche sich als Verkörperungsmöglichkeit von Performativität erweist, und selbst performative Qualitäten besitzt. Ihre performative Wirkungskraft soll dann im Theatertext und im Theater herausgearbeitet werden. Hierfür wird die Stimme zum einen in Anlehnung an Poschmanns Studie als szenisch-theatrales Mittel definiert, das Theatralität im Text erzeugt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Das postdramatische Theater
1. Die Entfremdung von Theater und Drama
2. Gerda Poschmann: Der nicht mehr dramatische Theatertext (1997)
3. Hans-Thies Lehmann: Postdramatisches Theater (1999)
4. Ausblick
II. Performativität
1. Definition
2. Erika Fischer-Lichte: Die Ästhetik des Performativen (2004)
3. Performativität im postdramatischen Theater
III. Die Stimme im postdramatischen Theater
1. Das Phänomen der Stimme
2. Die Stimme als performatives Phänomen
3. Die Stimme im postdramatischen Theater
IV. Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen (2013)
1. Einführung in Jelineks Theaterästhetik
2. Die Schutzbefohlenen (2013)
a) Einführung in den Theatertext
b) Die Stimmästhetik in Die Schutzbefohlenen
c) Zusammenfassung
V. René Pollesch: Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr (2000)
1. Einführung in Polleschs Theaterästhetik
2. Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr (2000)
a) Einführung in den Theatertext
b) Die Stimmästhetik in Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr
c) Zusammenfassung
VI. Fazit
Zielsetzung & Forschungsthemen
Diese Arbeit untersucht das Phänomen der Stimme im postdramatischen Theater unter dem Aspekt ihrer performativen Qualitäten. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie zeitgenössische Theatertexte, insbesondere von Elfriede Jelinek und René Pollesch, die Stimme nicht primär als Bedeutungsträger, sondern als materialen, auf die Aufführungssituation bezogenen Parameter einsetzen.
- Das Verhältnis von Drama und postdramatischem Theater
- Performativität als theoretische Kategorie im Theaterkontext
- Die Stimme als Schwellenphänomen und Verkörperung von Performativität
- Textgestalt und Stimmästhetik in den Werken von Elfriede Jelinek und René Pollesch
Auszug aus dem Buch
3. Die Stimme im postdramatischen Theater
Die Theateraufführung ist entscheidend durch Körperlichkeit und Lautlichkeit und damit auch durch Stimmlichkeit geprägt. Die Stimmlichkeit gilt daher als ein konstitutives Element des Theaters. So findet „die Bearbeitung, Erprobung und Formierung stimmlicher Möglichkeiten“ in der gesamten Theatergeschichte. Im klassischen Theater war die Wiedergabe von dramatischen Werken ausschlaggebend, sodass die Stimme primär als Medium von (dramatischer) Sprache oder als Ausdrucksträger für die darzustellenden Figuren eingesetzt wurde. Damit trat die ästhetische Stimmqualität hinter den zu transportierenden Inhalt. Zwar entwickelten sich traditionelle Rede- und Sprechstile, die an einer Stimmästhetik orientiert waren, jedoch waren diese lediglich an Wohlklang und Verständlichkeit interessiert und vernachlässigten damit eine „Enthemmung von (stimmlichen) Möglichkeiten, die jenseits dessen liegen, was kulturell, sozial oder auch moralisch akzeptiert werden kann.“ Eine Verschiebung des Interesses auf die ästhetische Kraft der Stimme im Theater wurde dann insbesondere durch Antonin Artauds Stimmexperimente ausgelöst und vorangetrieben.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Das postdramatische Theater: Erläutert den Wandel vom klassischen Drama hin zur postdramatischen Theaterform und definiert den Begriff des Theatertexts sowie die Theatralität in Studien von Poschmann und Lehmann.
II. Performativität: Setzt sich mit der Theorie des Performativen auseinander, basierend auf Austins Sprechakttheorie und Fischer-Lichtes Ästhetik des Performativen.
III. Die Stimme im postdramatischen Theater: Definiert die Stimme als Schwellenphänomen und untersucht ihre Materialität, Körperlichkeit und Wirkung als performatives Ereignis.
IV. Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen (2013): Analysiert Jelineks spezifische Ästhetik, bei der der Theatertext als intertextuelle Montage fungiert und die Stimme zur Strukturierung von Sprachflächen dient.
V. René Pollesch: Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr (2000): Untersucht Polleschs Theateransatz, bei dem das soziale Sprechen und die physische Verausgabung der Akteure im Sinne einer „Text-Performance“ im Vordergrund stehen.
VI. Fazit: Führt die Ergebnisse zusammen und bestätigt die zentrale Funktion der Stimme als Mittel zur Dynamisierung und Materialisierung des Theaters in der Postdramatik.
Schlüsselwörter
Postdramatisches Theater, Stimmästhetik, Performativität, Texttheatralität, Elfriede Jelinek, René Pollesch, Körperlichkeit, Materialität, Sprachflächen, Sprechakt, Aufführungssituation, Stimme, Theater des Präsens, Klanglichkeit, Intertextualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Stimme im postdramatischen Theater anhand zweier spezifischer Theatertexte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Begriffe der Performativität, der Texttheatralität und die spezifische klanglich-körperliche Gestaltung der Stimme bei Jelinek und Pollesch.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Stimme als performatives Mittel zu definieren, das sich von der bloßen Darstellung von Figurenrede emanzipiert hat.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Die Arbeit nutzt theaterwissenschaftliche Theorien, insbesondere Ansätze von Hans-Thies Lehmann, Gerda Poschmann und Erika Fischer-Lichte, um die performative Dimension der Texte zu erschließen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Nach einer theoretischen Rahmung folgen Analysen der Theatertexte "Die Schutzbefohlenen" von Elfriede Jelinek und "Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr" von René Pollesch hinsichtlich ihrer stimmlichen Ästhetik.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit zusammenfassen?
Begriffe wie Postdramatik, Stimme, Performativität, Texttheatralität und Sprachfläche charakterisieren den Fokus der Forschung.
Wie unterscheidet sich Jelineks Umgang mit der Stimme bei "Die Schutzbefohlenen" von traditionellen Texten?
Jelinek ersetzt die klassische Figurenrede durch vielstimmige, intertextuelle Sprachflächen, die den Text als ein autonomes, musikalisches Klanggeschehen strukturieren.
Welche Rolle spielt die physische Verausgabung in Polleschs Stück "Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr"?
Die Verausgabung dient dazu, die Grenze zwischen dem fixierten Text und der leiblichen Präsenz der Schauspieler auf der Bühne aufzuheben und die Stimme als Material auszustellen.
- Citation du texte
- Ana Novitovic (Auteur), 2016, Die Stimme im postdramatischen Theater, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1282155