Naive Persönlichkeitstheorie vs. wissenschaftliche Theorie


Seminararbeit, 2005
22 Seiten, Note: 1.7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Naive Persönlichkeitstheorie
2.1 Die naive Dispositionstheorie
2.2 Die naive Persönlichkeitstheorie
2.3 Bewertung der naiven Persönlichkeitstheorie

3 Wissenschaftliche Theorie
3.1 Individuumszentrierte Eigenschaftstheorie nach Allport
3.2 Differenzielle Eigenschaftstheorie nach Guilford
3.3 Die Big Five

4 Zusammenfassung und Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Hans schlägt Josef und Karl grundlos ins Gesicht. Warum wehrt sich Karl nicht und Josef schon? Oder: Warum hat Klara immer nasse Hände wenn sie eine Arbeit schreibt? Warum handeln wir so wie wir handeln? Solche Fragen hat sich bestimmt jeder von uns schon gestellt. Eine Erklärungsmöglichkeit ist dabei immer: „Das liegt eben in seiner Persönlichkeit!“

In der Tat versuchen Persönlichkeitstheorien das menschliche Handeln, das jeden Menschen von seinem Nachbar abgrenzt, zu beschreiben. Aber wie kann man Persönlichkeit definieren? Es gibt dazu viele Ansätze, ebenso hat fast jeder Begründer einer Persönlichkeitstheorie eine eigene Definition, die genau auf das von ihm behandelte Kernstück abzielt, geprägt. Dennoch ist es möglich eine allgemeine Definition anzugeben: „Persönlichkeit bezieht sich auf die einzigartigen psychologischen Merkmale eines Individuums, die eine Vielzahl von (offenen und verdeckten) charakteristischen konsistenten Verhaltensmustern in verschiedenen Situationen und zu verschiedenen Zeitpunkten beeinflussen.“ (Zimbardo & Gerrig, 1999, S. 520)

In dieser Seminararbeit will ich zunächst zwei Arten von Persönlichkeitstheorien vorstellen und dabei Unterschiede und Gemeinsamkeiten, Vor- und Nachteile herausstellen. Diese Theorien sind zum einen die naiven Persönlichkeitstheorien, also Alltagstheorien und zum anderen wissenschaftliche Theorien. Unter Letzteren habe ich die individuelle Eigenschaftstheorie nach Allport und die differenzielle Eigenschaftstheorie nach Guilford ausgewählt, zudem werden die Big Five als Vertreter eines moderneren Ansatzes vorgestellt.

Zunächst werde ich die naive Persönlichkeitstheorie vorstellen und bewerten. Danach folgen die drei wissenschaftlichen Theorien in o.g. Reihenfolge, ebenfalls mit Bewertung und Kritik. Den Abschluss bildet eine kurze Zusammenfassung und ein Fazit.

Die Einordnung meines Themas in den Kontext von „Persönlichkeitsentwicklung und Erziehung“ ist die, dass die Basis auf der jede Entwicklungstheorie und damit natürlich auch die Erziehung aufbaut, immer eine fundierte Theorie ist, die grundlegende Definitionen und Erklärungsmöglichkeiten bereitstellt. Erst nachdem man sich diesen Fundus an Wissen angeeignet hat, kann man darauf aufbauende Konstrukte, wie Erziehung, befriedigend differenzieren und kritisieren.

Doch welche Bedeutung hat die Persönlichkeitstheorie für den Lehrerberuf? In der Schule begegnet man als Lehrer tagtäglich verschiedenen Persönlichkeiten, es treten verschiedene Verhaltensmuster auf. Um dieses Verhalten differenziert beobachten und interpretieren zu können, muss der Lehrer einen reichen Fundus an Erklärungsmöglichkeiten haben. Dieser Fundus wird durch Persönlichkeitstheorien bereitgestellt. Ein Alltagswissen über Persönlichkeit wird sich wohl als nützlich erweisen, dennoch muss man gerade als Pädagoge weit aus mehr Einblicke in die Persönlichkeit seiner Schüler haben. Solch einen Einblick gewinnt man durch Studieren der wissenschaftlichen Theorien. Ich will diesen Unterschied an einem Beispiel aus der Naturwissenschaft deutlich machen: Warum regnet es? Im Altertum hat man geglaubt, der Regen würde von Göttern geschickt. Aus unserer Sicht ist diese Vorstellung naiv. Wir glauben daran, dass Regen durch den Wasserkreislauf entsteht, ohne Zutun von übernatürlichen Wesen. Doch aus heutiger wissenschaftlicher Sicht ist dies zwar nicht völlig falsch, aber zur genauen Erklärung des Phänomens Regen viel zu ungenau, also wiederum naiv. Ebenso verhält es sich mit den Persönlichkeitstheorien. Naive Vorstellungen sind zwar grundsätzlich nicht unbedingt falsch, aber bei detaillierter Beschreibung nicht anwendbar. Diesen Unterschied werde ich in den folgenden Seiten deutlich machen.

2 Naive Persönlichkeitstheorie

2.1 Die naive Verhaltenstheorie

Laucken schrieb 1974 seine Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades Doktor der Philosophie über das Thema „Naive Verhaltenstheorie. Ein Ansatz zur Analyse des Konzeptrepertoires mit dem im alltäglichen Lebensvollzug das Verhalten der Mitmenschen erklärt und vorhergesagt wird“. Er unterteilte die deutsche Alltagspsychologie in zwei Arten: die naive Prozesstheorie und die naive Dispositionstheorie.

Die naive Prozesstheorie besteht dabei aus „Vorstellungen über aktuell ablaufende Prozesse der Informationsverarbeitung“ (Laucken, S. 27). Damit sind vor allem Wahrnehmungsprozesse, kognitive, motivationale und emotionale Prozesse, aber auch Prozesse der Verhaltensaktivierung gemeint.

Die naive Dispositionstheorie wird im Grunde aus der folgenden Definition des Begriffs Disposition klar: „Eine Disposition ist ein Merkmal einer Person, das eine mittelfristige zeitliche Stabilität aufweist, d.h. zumindest Wochen oder Monate überdauert. Eine Disposition disponiert die Person dazu, in bestimmten Situationen ein bestimmtes Verhalten zu zeigen. Die Dispositionen einer Person müssen streng von ihrem Verhalten unterschieden werden. Verhalten fluktuiert von Sekunde zu Sekunde und ist direkt beobachtbar. Dispositionen sind zeitlich stabiler und nicht direkt beobachtbar, sondern nur aus den beobachtbaren Verhaltensregelmäßigkeiten einer Person erschließbar. In der Alltagspsychologie werden Dispositionsbegriffe intuitiv zur Beschreibung von Verhaltensregelmäßigkeiten und zur Erklärung und Vorhersage von Verhalten verwendet.“ (Asendorpf, S. 2)

Die naive Dispositionstheorie beschreibt also die stetigen Merkmale einer Person, auf denen ihr Verhalten fußt.

Laucken (1974) nimmt an, dass die Persönlichkeit eines Menschen mittels dieser beiden Ansätze beschrieben werden kann. Allerdings sind diese Theorien alltagspsychologisch nicht repräsentiert. Man kann sie damit vergleichen, wie in der Muttersprache grammatikalische Regeln angewandt werden.

Häufig kann das Verhalten eines Menschen sowohl auf Dispositionen als auch auf Prozesse gründend angesehen werden. Eine weit verbreitete Meinung baut darauf auf, dass das konkrete Verhalten (Prozess) immer auf Dispositionen beruht.

Detaillierter bedeutet dies, dass ein Zusammenhang zwischen motivationalen, emotionalen und kognitiven Prozessen besteht, die Grundlage der naiv psychologischen Theorie der Verhaltensaktivierung ist; sie haben wiederum ein bestimmtes Verhalten zur Folge. In Korrelation mit der Umwelt entsteht die Wahrnehmung. Demgegenüber steht als Grundlage der Prozesse die dispositionale Ausstattung eines Menschen. (Laucken, 1974)

Die naive Prozesstheorie lässt sich in Akte (Handeln, Denken) und Inhalte (Gefühle, Wahrnehmungsinhalte) unterteilen. Ebenso kann man auch Dispositionen in aktbestimmende und inhaltsbestimmende Dispositionen unterteilen. Dispositionen werden vor allem dazu eingesetzt das Handeln eines Menschen zu erklären.

Weiter unterscheidet man in der naiven Persönlichkeitstheorie sechs verschiedene Dispositionsarten (Laucken, 1974).

Die aktbefähigenden Dispositionen beschreiben soziale, körperliche, und intellektuelle Fähigkeiten; aktgestaltendende Dispositionen wie die Akte ausgeführt werden.

Zu den inhaltsbestimmenden Dispositionen gehören der Wissensvorrat (alles, was man im alltäglichen Leben lernt), Gefühlsdispositionen (mit welchen Gefühlen in bestimmten Situationen reagiert wird), Neigungsdispositionen (spontane Neigungen) und Normdispositionen (in einer Gesellschaft akzeptierte Normen).

Die verschiedenen Dispositionen werden einem konkreten Handeln direkt aus dem beobachteten Verhalten zugeordnet. Die Zuordnung der Dispositionen wird genauer, indem das Verhalten genauer beobachtet wird und sich Verhaltensregelmäßigkeiten aufzeigen.

Vergleicht man nun die inhaltsliefernden Dispositionen mit den verschiedenen Prozesstypen von oben stellen sich Gemeinsamkeiten heraus. So kann man Wissen den kognitiven Prozessen, Neigungs- und Normdispositionen den motivationalen Prozessen und Gefühlsdispositionen der Gefühlstheorie zuordnen. Prozesse steuern auch die Aktualisierung der inhaltsliefernden Dispositionen. Dies geschieht z.B. folgendermaßen: Ein bisher unbekanntes Problem soll gelöst werden. Um diesem Auftrag gerecht zu werden, wird bei der Bestimmung des Handelns immer auf bereits bekanntes Wissen, auf Dispositionen, zurückgegriffen.

Wie später noch genauer untersucht wird, bilden die Dispositionen kein zusammenhangloses Gemenge, sondern eine Dispositionshierarchie, in der jeder Mensch einzigartig ist. Es werden verschiedene Dispositionen zu einer horizontal angeordneten Äquivalenzklasse zusammengefasst, die wiederum einer übergeordneten (vertikal angeordneten) Disposition zugeordnet werden können. Verfolgt man dies immer weiter, so gelangt man zu einem Oberbegriff. Auf diese Art und Weise kann man z.B. die Dispositionshierarchie der Ängstlichkeit eines Menschen aufstellen.

Eine Dispositionshierarchie entsteht durch Vererbung und Lernen. So wird angenommen (Asendorpf, 1996), dass bis auf den Wissensvorrat (ihn erlangt jeder Mensch unabhängig) alle Dispositionen vererbbar sind. Die vererbten Dispositionen gelten als nur sehr schwer änderbar. Allgemein werden Dispositionen durch direkte Auseinandersetzung mit der Umwelt erlernt.

2.2 Die naive Persönlichkeitstheorie

Die naive Persönlichkeitstheorie wurde von Kluckhohn et al. (1953) (in Asendorpf, 1996) erweitert.

Beobachtet man das Verhalten von Menschen und vergleicht es, so stellt man intuitiv fest:

1. Im Großen und Ganzen ist es bei allen Menschen gleich.
2. In einigen Fällen bei vielen Menschen, aber lange noch nicht bei allen Menschen.
3. In konkreten Fällen jedoch bei keinem anderen Menschen.

Diese sehr unwissenschaftliche Ausdrucksweise lässt sich auch auf den Dispositionsbegriff anwenden. Der Mensch verfügt also über verschiedene Dispositionen: viele teilt er mit allen, manche nur mit einigen anderen Menschen, einige wenige mit gar keinem Anderen. Stellt man nun jedoch eine Dispositionshierarchie auf, in der alle Dispositionen, über die ein Mensch verfügt, zusammengefasst werden, so ist jeder Mensch einzigartig.

In der Alltagspsychologie werden zwei Arten von Dispositionen unterschieden, universelle Dispositionen und Persönlichkeitsdispositionen.

Universelle Dispositionen besitzen annähernd alle Menschen. Diese Dispositionen beschreiben die grundlegenden Eigenschaften von Menschen, wie z.B. Denken oder Sprechen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Naive Persönlichkeitstheorie vs. wissenschaftliche Theorie
Hochschule
Universität des Saarlandes
Veranstaltung
Persönlichkeitsentwicklung und Erziehung
Note
1.7
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V128261
ISBN (eBook)
9783640364701
ISBN (Buch)
9783640364596
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Persönlichkeitstheorie, naiv, wissenschaftlich, persönlichkeit
Arbeit zitieren
Andreas Johann (Autor), 2005, Naive Persönlichkeitstheorie vs. wissenschaftliche Theorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128261

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