Die Stoa, Seneca und der Suizid. Relevanz der stoischen Ethik in der Moderne


Hausarbeit, 2021

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Ethik der Stoa – Ein Leben gemäß der Natur und der Vernunft

3 Die Stoa, Seneca und der Tod
3.1 Voraussetzungen für den Suizid
3.1.1 Dringende sittliche Notwendigkeit
3.1.2 Tyrannengewalt
3.1.3 Langwierige Krankheit
3.1.4 Armut
3.1.5 Geisteskrankheit
3.2 Notwendigkeit außerhalb der Notwendigkeit
3.3 Seneca und der Selbstmord
3.4 Seneca und das Alter
3.5 Suizid als Äußerung individueller Freiheit

4 Die Stoa, Seneca und die Sterbehilfe
4.1 Bewertung moderner medizinischer Maßnahmen
4.2 Naturgemäßes Handeln in der Moderne
4.3 Bedeutung der Philosophie der Stoa für Philosophie-Laien

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

D.L. = Diogenes Laertius: Vitae philosophorum

De fin. = Marcus Tullius Cicero: De finibus bonorum et malorum

Epist. = Lucius Annaeus Seneca: Epistulae morales ad Lucilium

1 Einleitung

Was macht ein Leben zu einem guten Leben? Für die Stoa war die Antwort auf diese Frage ‚ein Leben gemäß der Natur‘ (D.L. VII: 85-86). Nun läuft eine solche Aussage bei Laien vermutlich eher zu der Vermutung, die Stoa empfehle ein Leben als Jäger und Sammler, fernab der Zivilisation und jeglichen industriellen Fortschritts. Betrachtet man jedoch die Lebensläufe sämtlicher Mitglieder der Stoa wird recht schnell klar, dass dem nicht so ist. Ein Leben gemäß der Natur bedeutet für die Stoiker ein Leben im Einklang mit der Vernunft. Mit dieser wurden die Menschen, ebenso wie die Tiere mit Trieben, von der Natur ausgestattet. Der Mensch ist zwar ebenfalls mit Trieben ausgestattet, kann diese jedoch dank der Vernunft prüfen und regulieren und muss sie nicht zwanghaft, wie es das Tier tut, verfolgen. Daher muss es für den Menschen ebenso naturgemäß sein, seiner Vernunft nach zu handeln, wie es für das Tier naturgemäß ist, seinen Trieben nach zu handeln (D.L. VII: 85-86).

Selbsterklärend stellt sich hierbei die Frage, welche Handlungen der Vernunft widersprechen und welche Handlungen ihr entsprechen. Vor allem stellt sich jedoch die Frage: Was, wenn es einem Menschen nicht mehr möglich ist, seiner Vernunft entsprechend zu handeln? Ist ein nach der Stoa unnatürliches Leben gleichzeitig auch ein sinnloses Leben? Und wenn absehbar ist, dass das restliche Leben in solch einem unnatürlichen Zustand gelebt werden muss, gebietet es die Lehre der Stoa, aus einem solchen Leben vorzeitig und eigenhändig auszuscheiden?

Diesen Fragen soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden. In einem ersten Abschnitt soll die Ethik der Stoa in ihren Grundzügen dargestellt werden, um eine Grundlage für das im zweiten Teil behandelte Thema des Suizids zu legen. Hierbei wird neben anderen Philosophen vor allem Seneca‘s Position einen großen Platz einnehmen. Zuletzt soll die Relevanz der stoischen Haltung zum Suizid in der gegenwärtigen Debatte rund um die Sterbehilfe geprüft werden, um danach mit einem Fazit die Arbeit abzuschließen.

2 Die Ethik der Stoa – Ein Leben gemäß der Natur und der Vernunft

Wie in der Einleitung bereits angeschnitten, halten die Stoiker ein naturgemäßes und vernunftbestimmtes (und damit auch ein tugendhaftes) Leben (homologoumenos zên), für ein gutes Leben. Die Vernunft ist jedoch zu Beginn des Lebens noch nicht ausgebildet und entwickelt sich kontinuierlich während der Kindheit und Jugend (Guckes, 2004: S. 18). In dieser vernunftarmen Zeit ist für die Stoiker die Selbsterhaltung der primäre Impuls und das Befolgen dieses Impulses ist, da dieser, ebenso wie die Vernunft, naturgegeben ist, auch naturgemäß. Mit dieser Sichtweise stehen die Stoiker gleichzeitig im starken Gegensatz zu Epikur, welcher das Streben nach Lust als primären Trieb bezeichnete (Guckes, 2004: S. 18). Lust war für die Stoiker jedoch nichts weiter als das Resultat eines naturgemäßen Lebens, nicht jedoch sein Ziel. Gelangt der Mensch irgendwann in den Besitz seiner Vernunft, so wandelt sich auch die Reihenfolge seiner Impulse und er erkennt, dass ein vernunftbestimmtes Leben ein naturgemäßes und somit gutes Leben ist.

Auch das Gemeinwesen oder das Gemeinschaftsgefühl wird aus der Vernunft abgeleitet. Die Vernunft nämlich sei Teil der Natur und entstamme ihr somit. Sie ist ein Teil des logos. Dies gilt für jeden einzelnen Menschen, was gleichzeitig jeden einzelnen Menschen zum Teil eines Ganzen macht. Der Selbsterhaltungstrieb und somit auch die Selbstliebe weiten sich aus auf den logos und somit auf die gesamte Menschheit (De fin. 63-64).

Wenn die Stoa also ein naturgemäßes Leben als gutes Leben charakterisiert, stellt sich automatisch die Frage, was einem naturgemäßen Leben zuträglich ist und was nicht. Die Stoa unterscheidet hierbei drei Güter: die der Tugend ausschließlich zuträglichen Güter, die der Tugend ausschließlich abträglichen Güter und die sog. indifferenten Güter (adiaphora). Der Tugend zuträglich seien Dinge wie Einsicht, Tapferkeit oder Maßhaltung während der Tugend abträglich beispielsweise Unverstand oder Ungerechtigkeit seien. Die adiaphora jedoch vereinen die Gegensätzlichkeit der Güter. Diogenes Laertius berichtet beispielhaft von Dingen wie Gesundheit, Lust, Reichtum, Ruhm, etc. aber gleichzeitig auch von Gegenteiligem wie Krankheit, Schmerz, Armut oder Ruhmlosigkeit (D.L. VII, 101-103). Das liegt daran, dass die Stoa diesen Dingen keinen objektiven Wert zuschreibt, sondern das Werturteil über diese dem Subjekt in die Hand legt: Reichtum ist per se nichts schlechtes, es sei denn, man macht sich davon abhängig und lässt die negativen Seiten von Reichtum (Habgier, Geiz, etc.) auf die eigene Person Einfluss nehmen. Erreicht man jedoch bezüglich der adiaphora den Zustand der Gleichgültigkeit, der apathie, so spricht nach stoischer Auffassung nichts gegen den Genuss dieser Güter.

Aus der stoischen Haltung gegenüber den adiaphora lässt sich dementsprechend ableiten, dass der gesellschaftliche Stand im Grunde nicht darüber entscheidet, ob ein Mensch ein gutes Leben führen kann. Indem sie nämlich lediglich ein tugendhaftes und vernunftgeleitetes Leben als ein gutes Leben deklarieren und somit die Lebensqualität von der Verfügbarkeit der adiaphora trennen, halten sie selbst einem Sklaven die Möglichkeit offen, ein gutes Leben zu führen. Dies zeigt sich auch in den Lebensläufen der Mitglieder der Stoa: Während Seneca zeitweilig ein Leben in Ruhm und Reichtum an Nero’s Hof verbrachte, lebte Epiktet vorrübergehend als Sklave in Rom (Forschner, 2018: S. 29).

Folgt man dieser Argumentation, so scheint es nichts zu geben, was den Menschen an einem guten Leben hindert: jedem steht es frei, naturgemäß und tugendhaft zu leben. Letztlich scheint nur der Umgang mit den adiaphora darüber zu entscheiden, ob ein Mensch ein gutes Leben führen kann oder nicht. Einzig und allein die Haltung gegenüber den Umständen scheint wichtig, nicht jedoch die Umstände selbst. Doch trotz aller ‚stoischer Gelassenheit und Gleichgültigkeit‘ halten die Stoiker manche Umstände für so einschränkend, dass die einzig angemessene Reaktion auf diese der Suizid ist. Allen voran Seneca.

3 Die Stoa, Seneca und der Tod

Der Tod ist ein viel behandeltes Thema in der antiken Philosophie. Die Philosophen der Stoa sind nicht die einzigen, die ihn sich zum Thema machen. Epikur’s Ansicht, der Tod habe keine Relevanz, da der Tod sich erst dann einstelle, wenn der Mensch nicht mehr da sei (D.L. VII, 125), ist auch außerhalb der Philosophie weitläufig bekannt. Seneca bezieht sich in seinen Briefen sogar direkt auf Epikur.

Kritik übt Epikur nicht weniger an denen, die sich den Tod wünschen, sondern auch an denen, die ihn furchten, und spricht: »Lächerlich ist es, dem Tod entgegenzueilen aus Lebensüberdruß, wenn man es durch seine Lebensweise erreicht hat, daß man dem Tod entgegeneilen muß.« (23) Desgleichen sagt er an anderer Stelle: »Was ist so lächerlich als sich den Tod zu wünschen, nachdem man sein Leben unruhig gemacht hat durch Todesfurcht?« Dazu kannst Du auch jenen Spruch noch hinzunehmen, der denselben Tadel enthält: »So groß ist der Unverstand, ja der Irrsinn der Menschen, daß manche die Todesangst in den Tod zwingt.« (24) Was immer davon Du überdenkst, Du wirst Dein Herz stärken, um entweder den Tod oder das Leben zu ertragen. Für beides muß man uns nämlich ermahnen und stärken, sowohl, damit wir nicht zu sehr das Leben lieben, als auch, damit wir es nicht zu sehr verabscheuen. Auch wenn die Vernunft dazu rät, mit sich ein Ende zu machen, darf man das nicht unbesonnen und übereilt in Angriff nehmen. (Epist. 24: 22-24)

Dieser Auszug aus Seneca’s Briefen an Lucilius enthält mehrere Hinweise darauf, wie Seneca zu Leben, Tod und Selbstmord stand. Zunächst einmal scheint er Epikurs Auffassung zu teilen, dass der Tod im Grund nichts sei, wovor der Mensch sich zu fürchten habe. Der „Lebensüberdruss“, welcher zum Todeswunsch führen könne, sei selbstverschuldet. Auch der Todeswunsch, entstanden durch die Unruhe, welche durch die Todesfurcht entstehe, gehöre in den Bereich des Selbstverschuldeten. Dies passt eindeutig in das zuvor beschriebene Bild der Ethik der Stoa und ihre Lehre der adiaphora. Bis zu diesem Punkt scheint jedoch noch offen, ob ein auf den Todeswunsch folgender Suizid eine moralisch verwerfliche Handlung wäre. Was jedoch folgt ist Seneca’s Einteilung von Leben und Tod in den Bereich der adiaphora. Weder Leben noch Tod sind somit ausschließlich wünschenswert oder verwerflich. Das Leben dürfe weder zu sehr geliebt, noch zu sehr verabscheut werden und das Beenden des eigenen Lebens dürfe nicht „unbesonnen und übereilt in Angriff“ genommen werden. Somit ist klar: Seneca rät zwar von einem voreiligen Suizid ab, hält ihn jedoch, logisch folgend aus der Einteilung von Leben und Tod in die adiaphora, nicht per se für moralisch verwerflich oder vernunftwidrig.

Seneca macht diese Position mehrfach in seinen Briefen deutlich.

Der Tod kommt auf dich zu. Er wäre zu fürchten wenn er bei dir bliebe. Doch zwangsläufig ist er entweder noch nicht da oder schon vorüber. (Epist. 4: 3)

Doch dass es nicht Notwendig sei, den Tod zu fürchten, legitimiert noch lang nicht dazu, ihn selbst herbeizuführen. Seneca beklagt sich im selben Brief darüber, aus welchen „jämmerlichen Gründen“ ein mancher das Leben verachte und sich deshalb das Leben nehme. Fest steht: Seneca hält den Suizid durchaus für eine legitime moralische Handlung, jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen.

3.1 Voraussetzungen für den Suizid

In der späteren Stoa werden fünf Fälle aufgezählt, in welchen der Suizid als naturgemäß gilt: „erstens eine dringende sittliche Notwendigkeit, etwa Aufopferung für das Vaterland, zweitens Tyrannengewalt, die uns zum Unsittlichen zwingen will, drittens langwierige Krankheit, die den Leib verhindert, der Seele als Werkzeug zu dienen, viertens Armut, endlich Geisteskrankheit“ (Pohlenz, 1950: S. 146). Im Folgenden soll jeder Fall einzeln betrachte und analysiert werden.

3.1.1 Dringende sittliche Notwendigkeit

Umgekehrt muß derjenige gelobt werden, der für den Staat den Tod auf sich nimmt, da es sich schickt, daß uns das Vaterland teurer sei als wir selber. (De fin. III: 64)

Der Mensch ist von Natur aus zum gesellschaftlichen Leben bestimmt. Für die Stoa scheint dies nach Cicero aus den gegebenen Verhältnissen eindeutig hervorzugehen (De fin. III: 63-64). Auch im Tierreich fänden sich genügend Beispiele, in welchen sich Tiere bewusst für das Überleben ihre Artgenossen bemühten, um somit auch zum Überleben der eigenen Art beizutragen. Und da nun Menschen in Gemeinschaften leben und dies für die Stoa den naturgemäßen Zustand repräsentiert, muss es folgerichtig auch naturgemäß sein, das Wohl des Nächsten vor das Eigene zu stellen. Und eben dazu gehöre auch im Notfall das Aufgeben des eigenen Lebens zum Wohle der Leben der Gesellschaftsmitglieder.

Umgekehrt muß derjenige gelobt werden, der für den Staat den Tod auf sich nimmt, da es sich schickt, daß uns das Vaterland teurer sei als wir selber. (De fin. III: 64-65)

Nun stellt sich die Frage, wie ein Suizid das Wohlergehen der Gemeinschaftsmitglieder retten könnte. Es ist jedoch davon auszugehen, dass hierbei nicht der selbst herbeigeführt Tod gemeint ist, sondern eher das Eingehen des Risikos, einen möglichen Tod durch die Hand eines Feindes erleiden zu müssen. Abgesehen davon ist es nur schwer vorstellbar, dass es tatsächlich eine Situation geben könne, in der ein gezielter Suizid einen solchen Nutzen erbringen könne, dass die Gemeinschaft in einem solchen Maß davon profitiere, dass es den Akt des Suizids wieder ausgleicht. Es fällt außerdem auf, dass häufig vom „menschlichen Geschlecht“ die Rede ist, in der Realität aber nur die MitbürgerInnen gemeint sind. Ob und inwiefern jedoch in der Stoa mit der Gesellschaft auch das menschliche Geschlecht an sich gemeint ist, würde den Bogen dieser Arbeit überspannen.

3.1.2 Tyrannengewalt

Im Vergleich zur restlichen Lehre der Stoa ist ihre politische Lehre nur noch in Fragmenten erhalten (vgl. Forschner, 2018: S. 245). Vor allem Zenon’s Schrift Politeia dient hinsichtlich der politischen Theorie der Stoa als Hauptquelle. Bei diesem Werk handelt es sich jedoch nur „um eine spekulative Theorie über die Form der weder zeitlich noch örtlich fixierten politischen Gemeinschaft von Weisen“ (Forschner, 2018: S. 247). Selbsterklärend ist jedoch, dass jede politische Lehre der Stoa auf dem Grundsatz des naturgemäßen Lebens basieren muss und somit jedes politische System als naturwidrig angesehen wird, welches gegen diesen elementaren Grundsatz der Stoa verstößt.

Ein römischer Kaiser, der wohl mehrfach gegen diesen Grundsatz der Stoa verstoßen haben wird, ist Nero. Wie bereits erwähnt, war Seneca für geraume Zeit ein Berater an Nero’s Hof und ist somit mehr oder weniger mit dessen Taten in Verbindung zu bringen. Seneca’s Beziehung zu Nero wird in den Überlieferungen als amicus oder magister (vgl. Griffin, 1976: S. 67) beschrieben, wodurch sein Einfluss an Nero’s Hof keinen offiziellen Charakter hatte. Dennoch ist Seneca laut Überlieferungen und der Meinung moderner Historiker für einige positive Reformen verantwortlich, konnte jedoch (offensichtlich) nicht immer seine eigene Ideologie gegen die des Kaisers durchsetzen (ebd. S. 68f.).

Nun wurde Seneca wohl nicht zu unsittlichen Taten gezwungen, sondern war lediglich Teil einer Herrschaft, die Individuen zu unsittlichen Taten zwang. Ob dies allein schon als unsittlich angesehen werden kann, geht aus der Quellenlage nicht hervor. Für Seneca schien dies nicht der Fall zu sein, auch wenn er sich auf Geheiß Kaiser Nero’s das Leben nahm (vgl. Griffin, 1976: S. 383). Ironischer weise müsste jedoch gerade nach stoischer Auffassung der befohlene Selbstmord in die Kategorie einer widernatürlichen und unsittlichen Handlung gehören. Da Seneca jedoch vor die Wahl gestellt wird, entweder das eigenen Leben zu nehmen oder hingerichtet zu werden, entscheidet er sich für den Suizid.

Der Suizid als Folge von Tyrannengewalt hat gerade im Lichte der Geschichte des 20. Jahrhunderts nur wenig an Bedeutung verloren. Man denke hierbei vor allem an die vielen Deutschen, die während der NS-Zeit unmenschliche Taten vollbrachten; häufig aus Überzeugung, häufig aus Angst vor dem Verlust des eigenen Lebens. Wie hätte wohl ein Stoiker über diese Menschen geurteilt? Betrachtet man die vielen Suizide von Wehrmachtssoldaten im zweiten Weltkrieg bleibt offen, wie viele dieser Soldaten die stoische Lehre kannten und ihr bewusst folgten (vgl. Mischler, 2000: S. 132ff.).

3.1.3 Langwierige Krankheit

Als dritte mögliche Notwendigkeit für den Selbstmord nennt die Stoa die „langwierige Krankheit, die den Leib verhindert, der Seele als Werkzeug zu dienen“ (Pohlenz, 1950: S. 146). Dass Gesundheit eigentlich unter die adiaphora fällt, schien der Stoa nicht entgangen zu sein, und so fügen sie den Zusatz „die den Leib verhindert, der Seele als Werkzeug zu dienen“. Doch was sagt dieser Zusatz aus?

Wie immer muss bei der Beantwortung der Frage das Hauptziel der stoischen Lehre in den Mittelpunkt gerückt werden und gefragt werden, in welchem Fall eine langwierige, körperliche Krankheit die Erreichung dieses Ziels, des naturgemäßen Lebens, behindert oder gar unmöglich macht. Hierbei eröffnen sich zwei Möglichkeiten: Die körperlichen Schmerzen sind so stark, dass sie einen vernünftigen Denkprozess behindern, oder die Schmerzen bzw. körperlichen Einschränkungen sind so stark, dass das Ausführen von vernünftigen Handlungen unmöglich ist. Außerdem ist zu beachten, dass es sich um eine langwierige Krankheit handeln muss und es nicht reicht, wenn die körperlichen Beschwerden nur über einen kurzen Zeitraum andauern werden. Desweiteren ist zu beachten, dass dank der modernen Medizin heute leicht zu behandelnde Krankheiten in der Antike größte Einschränkungen bedeuteten und daher wohl zu Zeiten der Stoa eine größere Zahl von Krankheiten als notwendige Bedingung für einen Suizid galten als sie dies heute tun. Dazu jedoch später mehr.

Wie im Kapitel zur Ethik der Stoa bereits erwähnt gehören Gesundheit und Krankheit zu den adiaphora. Das macht sie automatisch zu Dingen, die ein naturgemäßes Leben auf einer objektiven Ebene weder verhindern noch fördern. Lediglich die subjektive Einstellung des Individuums zu ihnen spricht ihnen einen Wert zu. Das dies jedoch nicht auf alle Krankheiten bezogen werden kann, scheinen auch die Stoiker gewusst zu haben. Indem sie die langwierigen Krankheiten auf die Liste der fünf Notwendigkeiten für einen Suizid aufnahmen, erschufen sie sozusagen eine Ausnahmeregelung. Die Frage jedoch, welche Krankheiten nun eine hinreichende Bedingung für einen Suizid darstellen, bleibt offen und wird es vermutlich auch, dank anhaltender Entwicklung auf dem Feld der Medizin, immer bleiben. Ein gebrochener Knochen als Folge eines Sturzes, welcher Zenon in hohem Alter als Anlass für einen Suizid nahm (vgl. Forschner, 2018: S: 16), würde heute wohl kaum als ausreichende Notwendigkeit gelten. Doch wie verhält es sich beispielsweise bei einer Tetraplegie oder ALS? Kann der Leib hier bereits der Seele nicht mehr als Werkzeug dienen? Diese Fragen sollen im Kapitel zur Sterbehilfe aufgegriffen werden.

3.1.4 Armut

Max Pohlenz fügte der vierten Notwendigkeit einen persönlichen Kommentar hinzu: „das hätten freilich die Schulstifter nur für den äußersten Fall zugegeben“ (Pohlenz, 1950: S. 146). Die Armut ist im Kontext der adiaphora wohl eine der am wenigsten erwarteten Notwendigkeiten für den Selbstmord. Klar ist jedoch, dass, wie Pohlenz bereits zum Ausdruck brachte, ein so hohes Maß an Armut vorliegen muss, dass nicht einmal das Lebensnotwendigste wie Essen, Trinken und Kleidung erworben werden kann; die Armut also so groß ist, dass sogar der Selbsterhaltungstrieb darunter leidet. Wäre Diogenes von Sinope einige Jahre später geboren, gäbe es auch hierzu sicherlich einige amüsante Anekdoten.

3.1.5 Geisteskrankheit

Die letzte Notwendigkeit, die „Geisteskrankheit“, ist bezüglich konkreter Fallbeispiele etwas komplizierter. Es stellt sich nämlich zunächst die Frage, was die Stoiker überhaupt unter einer „Geisteskrankheit“ verstehen. Klar ist zunächst, dass die Stoiker als Materialisten davon ausgehen mussten, dass psychische Vorgänge in gewisser Hinsicht auch physische Vorgänge sind. Doch wo genau ziehen die Stoiker dabei die Grenze? Eine genauere Untersuchung dieser Frage sprengt den Rahmen dieser Arbeit und bleibt somit an dieser Stelle aus. Aus den vorherigen Untersuchungen ergeben sich jedoch folgende Bedingungen: Erstens muss die psychische Erkrankung ein naturgemäßes Leben verhindern und zweitens muss die Erkrankung außerhalb menschlicher Beeinflussung liegen, also außerhalb des Individuums selbst, aber auch außerhalb jeglicher ärztlicher Einflussnahme. Ob und inwieweit die Stoiker also beispielsweise Tabletten gegen Depressionen akzeptiert hätten, bleibt ungewiss.

3.2 Notwendigkeit außerhalb der Notwendigkeit

Es wurde nun eingehend analysiert, welche objektiven Gegebenheiten vorhanden sein müssen, um einen Suizid rechtfertigen zu können. Doch darf an dieser Stelle nicht die Grundannahme der Stoiker vergessen werden: das Handeln gemäß der Vernunft und somit gemäß der Natur. Berücksichtigt man dies, trifft man auf ein weiteres ‚Problem‘: Nur, wenn die Intention des Handelnden der Vernunft und somit automatisch einem vernunftgemäßen Denkprozess entspricht, kann die Handlung als tugendhaft und somit als gut bezeichnet werden. Dies gilt in der Stoa für den Suizid wie für alle restlichen Handlungen. Nach Chrysipp gibt es somit Situationen, in denen der Weise vernunftgemäß aus dem Leben tritt, während es „die Pflicht des Toren (ist), im Leben zu bleiben“ (De fin. III: 60). Für einen vernunftgemäßen Suizid ist es nach den Stoikern also notwendig, neben den fünf genannten möglichen Bedingungen für einen Suizid eine aus der Vernunft entspringende, wohlüberlegte Entscheidung zu treffen (vgl. Rist, 1969: S. 233ff.).

3.3 Seneca und der Selbstmord

Während der Suizid zwar innerhalb der Stoa keineswegs ein ‚Tabu-Thema‘ war und von den meisten Philosophen der Stoa Schriftliches dazu vorliegt, war es doch Seneca, der sich diesem Thema annahm wie kaum ein anderer (vgl. Rist, 1969: S. 233). Vor allem in seinen Epistulae ad Lucilium finden sich zahlreiche Bezüge zum Thema. Im Folgenden soll nun versucht werden, Seneca’s Ansichten zum Suizid systematisiert darzustellen und zu überprüfen, inwiefern sich sein Ansatz von dem seiner philosophischen Schule abhebt oder übereinstimmt.

Wie bereits in vorherigen Kapiteln erwähnt, zählt Seneca sowohl das Leben als auch den Tod zu den adiaphora, wodurch beide somit weder uneingeschränkt gut, noch uneingeschränkt schlecht sind. Desweiteren ist der Tod nicht zu fürchten, denn er ist „entweder noch nicht da oder schon vorüber“ (Epist. 4: 3). Akzeptiert man diese beiden Annahmen als Wahrheit, folgt daraus, dass lediglich die Möglichkeit eines naturgemäßen Lebens den Menschen vor einem Suizid ‚bewahrt‘. Wann ist für Seneca also der Moment erreicht, an dem er „den Weg in die Freiheit“ (Epist. 70: 14) für vernunftgemäß hält?

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Stoa, Seneca und der Suizid. Relevanz der stoischen Ethik in der Moderne
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
21
Katalognummer
V1282989
ISBN (Buch)
9783346748836
Sprache
Deutsch
Schlagworte
stoa, seneca, suizid, relevanz, ethik, moderne
Arbeit zitieren
Frederik Bauer (Autor:in), 2021, Die Stoa, Seneca und der Suizid. Relevanz der stoischen Ethik in der Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1282989

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