Der ornamentale Stil der Kurzgeschichte Drakon ermöglicht durch die mythische Darstellung des Drachen die kritischen Ansichten des Autors zu verschleiern. Da eine direkte Kritisierung der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung fatale Folgen gehabt haben könnte, stellt sich die stilistisch eigensinnige Entwicklung des Autors als vorteilhaft für sein persönliches Schicksal heraus. Im vorliegenden Referat soll somit durch eine Analyse stilistischer und inhaltlicher Auffälligkeiten sowie der politischen und gesellschaftlichen Ansichten des Autors erörtert werden, inwiefern der ornamentale Stil und der gesellschaftskritische Inhalt der Erzählung Drakon miteinander verknüpft sind.
Darüber hinaus bezieht sich der Begriff der Archaik auch auf das von primitiven, ursprünglichen Bedürfnissen geleitete menschliche Handeln und bildet damit eine Opposition zum rationalen Denken und modernen Ideologien der Gegenwart. Dieser Gegensatz wird bereits in der zum früheren Werk Zamjatins zählenden Kurzgeschichte Drakon deutlich, findet allerdings noch stärkeren Ausdruck in späteren Geschichten wie Attila, My oder Peščera. Auch in Ostrovitjane und Lovec čelovekov wird eine archaische, also vorrationale und triebhafte Existenz als eine Art Gegenmodell zur rationalen Welt dargestellt. Die vorliegende Arbeit berücksichtigt diesen Aspekt im Rahmen des für die Kurzgeschichte Drakon relevanten Umfangs. Zur Recherche nach relevanter Sekundärliteratur wurde der Campuskatalog der Universität Hamburg, die online Bibliographie MLA und die im Rahmen des Seminars von Herrn Professor Schmid zur Verfügung gestellte Zamjatin Bibliographie berücksichtigt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Archaik, Mythos und Ornamentalismus
2.1. Archaische Elemente der Erzählung
2.2. Die mythenhafte Darstellung des Rotgardisten
3. Bezüge zur Gegenwart des Autors
3.1. Zamjatins gesellschaftskritischer Anspruch
3.2. Der Rotgardist als Verkörperung des Unberechenbaren
3.3. Das revolutionäre St. Petersburg
3.4. Die Straßenbahn als Verkörperung von Mechanik und Urbanität
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Kurzgeschichte "Drakon" von Evgenij Zamjatin unter besonderer Berücksichtigung des ornamentalistischen Stils. Dabei wird analysiert, wie mythopoetische Darstellungsverfahren und archaische Motive genutzt werden, um eine verschleierte Gesellschaftskritik an den politischen Umständen des Revolutionswinters 1917/18 in St. Petersburg zu üben.
- Stilistische Analyse des Ornamentalismus bei Zamjatin
- Die Funktion der Metaphorik und Mythifizierung in "Drakon"
- Zusammenhang zwischen archaischen Bewusstseinsstrukturen und gesellschaftlicher Realität
- Untersuchung der Figur des Rotgardisten als ambivalente Verkörperung der Revolution
- Leitmotive der Mechanik und Urbanität am Beispiel der Straßenbahn
Auszug aus dem Buch
2.2. Die mythenhafte Darstellung des Rotgardisten
Die Hauptfigur der Geschichte wird bereits im Titel metaphorisch angedeutet: der Rotgardist wird als Drache bezeichnet, wobei die geteilte Eigenschaft zerstörerischer Unberechenbarkeit die Basis der Metapher bildet. Die Darstellung der Person zeigt somit archaische Strukturen, da durch das Auslassen von Vergleichsworten eine reale Identität entsteht. Diese mythische Metamorphose und archaisierende Identifikation führt zu dem Schluss, dass der Rotgardist nicht wie ein Drache ist, sondern buchstäblich einen Drachen darstellt. Hierin wird die im Ornamentalismus allgemein verbreitete Tendenz der Dehumanisierung deutlich, da der Soldat nicht primär als Mensch, sondern als Tier dargestellt wird. Erst die Erwähnung seines Gewehrs und des Soldatenmantels machen deutlich, inwiefern die Metapher einen Bezug zur Realität hat.
Die deutliche Klangwiederholung und Anapher in der Beschreibung der Kleidungsstücke („pustoj kartuz, pustye sapogi, pustaja šinel’“) betont jedoch ausdrücklich die phantomhafte Erscheinung und Identitätslosigkeit des Rotgardisten. Er wird mit einem Drachen gleichgesetzt und hat als Rotgardist keine individuellen Züge. Im Vordergrund liegen demnach die Charakterzüge, die er mit dem Drachen teilt. Das rätselhafteste und bedeutungsvollste Element der Geschichte ist das widersprüchliches Verhalten des Rotgardisten. Im ersten Moment brüstet er sich mit dem kaltblütigen Mord an einem Zivilisten und schützt kurz darauf einen jungen Vogel vor dem Erfrieren. Diese Wandlung vom Mörder zum Tierfreund wird im vierten und fünften Absatz der Geschichte durch eine Metamorphose angedeutet: nachdem er vom Mord am Bourgeois berichtet hat, schließt sich sein Mund und er scheint sich in Luft aufzulösen, da nur die leere Mütze, die leeren Stiefel und der leere Mantel zurückbleiben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Kurzgeschichte "Drakon" ein und erläutert, wie Zamjatin den ornamentalistischen Stil einsetzt, um kritische Ansichten über politische Entwicklungen zu verschleiern.
2. Archaik, Mythos und Ornamentalismus: Dieses Kapitel erläutert den Begriff der Archaik und dessen Zusammenhang mit dem mythopoetischen Darstellungsverfahren des Ornamentalismus in Zamjatins Prosa.
2.1. Archaische Elemente der Erzählung: Hier wird untersucht, wie durch die Synthese von Kälte und Hitze sowie durch die Personifikation der Stadt eine phantastisch-mythische Welt entsteht, die die Realität substituiert.
2.2. Die mythenhafte Darstellung des Rotgardisten: Das Kapitel analysiert die Hauptfigur als metaphorischen Drachen und geht der Frage nach, wie durch die Dehumanisierung des Soldaten eine archaische Identität geschaffen wird.
3. Bezüge zur Gegenwart des Autors: Dieses Kapitel beleuchtet den historischen Kontext der Erzählung im Revolutionswinter 1917/18 und die politische Haltung des Autors.
3.1. Zamjatins gesellschaftskritischer Anspruch: Hier wird Zamjatins Einstellung zu gesellschaftlichen Entwicklungen diskutiert und der Frage nachgegangen, inwiefern die Geschichte seine Sorge um menschliche Werte widerspiegelt.
3.2. Der Rotgardist als Verkörperung des Unberechenbaren: Das Kapitel untersucht die ambivalente Rolle des Rotgardisten als Verkörperung der bolschewistischen Revolution, die Grausamkeit und Menschlichkeit vereint.
3.3. Das revolutionäre St. Petersburg: Hier wird die Rolle des Schauplatzes analysiert, der als nachrevolutionäre Stadt eine unbestimmte und groteske Atmosphäre ausstrahlt.
3.4. Die Straßenbahn als Verkörperung von Mechanik und Urbanität: Das Kapitel erläutert die Straßenbahn als Leitmotiv, das den zyklischen Automatismus der modernen Zeit und den Konflikt mit der menschlichen Freiheit darstellt.
4. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel fasst die Analyseergebnisse hinsichtlich der Verbindung von archaischen Strukturen und der gesellschaftskritischen Intention des Autors zusammen.
Schlüsselwörter
Evgenij Zamjatin, Drakon, Ornamentalismus, Archaik, Russisches St. Petersburg, Revolution, Rotgardist, Dehumanisierung, Mythopoetik, Gesellschaftskritik, Moderne, Mechanisierung, Urbanität, Leitmotiv, Symbolik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert Zamjatins Kurzgeschichte "Drakon" hinsichtlich ihrer stilistischen Besonderheiten und deren Bedeutung für die verschleierte Gesellschaftskritik an den politischen Umständen der russischen Revolution.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Archaik und Mythos, der ornamentalistische Erzählstil sowie die kritische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen und politischen Lage während des Revolutionswinters 1917/18.
Was ist die Forschungsfrage des Autors?
Die Forschungsfrage ergründet, inwiefern der ornamentale Stil und der gesellschaftskritische Inhalt in der Erzählung "Drakon" miteinander verknüpft sind und wie der Autor seine politischen Ansichten indirekt durch mythologische Motive ausdrückt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine stilistische und inhaltliche Analyse angewandt, die durch die Einbeziehung des historischen Kontexts und relevanter Sekundärliteratur zu Zamjatins Gesamtwerk unterstützt wird.
Welche inhaltlichen Aspekte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Bedeutung der archaischen Elemente, die mythenhafte Konstruktion der Hauptfigur (Rotgardist), den Schauplatz St. Petersburg sowie die symbolische Aufladung von Motiven wie der Straßenbahn als Zeichen der Mechanisierung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Arbeit ist stark geprägt durch die Begriffe Ornamentalismus, Mythifizierung, Archaik, Dehumanisierung und das Leitmotiv der Mechanik, die Zamjatins avantgardistische Schreibweise definieren.
Welche symbolische Bedeutung hat die Straßenbahn im Text?
Die Straßenbahn fungiert als Verkörperung der modernen, mechanisierten Welt und Urbanität; sie steht im Kontrast zur menschlichen Freiheit und unterstreicht den Eindruck eines zyklischen Automatismus in einer Zeit des Umbruchs.
Wie verhält sich Zamjatin zur politischen Revolution in seinem Werk?
Zamjatin vermeidet in "Drakon" eine direkte politische Bewertung der Ereignisse. Er betrachtet die Revolution vielmehr als ein zentrales Lebensgesetz der Geschichte, wobei er sich primär auf die Auswirkungen auf das zwischenmenschliche Verhalten konzentriert.
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- Jascha Walter (Author), 2008, Archaik und Gegenwart in Evgenij Zamjatins "Drakon", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128327