Auswirkungen psychosozialer Belastungsfaktoren auf die Lebenswelt der Kinder bipolar erkrankter Eltern. Sozialpädagogische Interventionsmöglichkeiten


Bachelorarbeit, 2022

57 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Kapitel I – EINFÜHRUNG INS THEMA
1. Einleitung
1.1. Problemstellung und Motivation
1.2. Zielsetzung und Forschungsfrage
1.3 Aufbau der Arbeit
1.4 Darstellung der Methodik
1.4.2 Vor- und Nachteile der Literaturarbeit

Kapitel II - Kinder psychisch kranker Eltern
2. Lebensort der betroffenen Kinder
2.1. Alter und Störungsbilder betroffener Kinder
2.2. Häufigkeit psychischer Erkrankungen bei Erwachsenen

Kapitel III – Störungsbilder
3. Affektive Störungen
3.1. Definition und Klassifikation affektiver Störungen nach dem ICD-10
3.2. Symptome der manischen und der depressiven Episode
3.3 Depressive Episode (F32)
4. Bipolare affektive Störung nach dem ICD-10
4.1. Bipolare affektive Störung nach dem DSM-5
4.2 Rapid Cycling
4.3 Komorbide Erkrankungen
4.4 Gemischte Episode
4.5 Epidemiologie
4.6. Beginn der Ersterkrankung
4.7. Behandlungsmöglichkeiten der bipolaren Störungen

Kapitel IV - Zur Lebenssituation der betroffenen Kinder
5. Kinder als Angehörige bipolar erkrankter Eltern
5.1 Kinder bipolar erkrankter Eltern: Zum Stand der Forschung
5.2 Zusammenspiel von genetischen und psychosozialen Belastungsfaktoren
6. Zur Lebenssituation der Kinder bipolar erkrankter Eltern
6.1 Auswirkungen einer depressiven Erkrankung der Eltern für die Kinder
6.2. Faktoren für eine positive Entwicklung
6.3. Bindungsverhalten psychisch kranker Eltern
6.4 Unmittelbare und Folgeprobleme betroffener Kinder psychisch kranker Eltern
6.5. Risikofaktoren psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in bildungsschwachen Haushalten
7. Psychisch kranke Eltern als Risikogruppe für Kindeswohlgefährdung

Kapitel V – Hilfsangebote und sozialpädagogische Interventionsmöglichkeiten
8. Aufgaben und Leistungen der Psychiatrie
8.1 Ambulante Angebote
8.2 Teilstationäre Angebote
8.3 Stationäre Angebote
8.4 Die Rolle der Sozialen Arbeit in der Psychiatrie
9. Hilfsangebote für Kinder mit psychisch kranken Eltern
9.1 Leistungen der Jugendhilfe
9.2 Aufgaben Jugendhilfe
10. Einbeziehung der Kinder in die Behandlung
10.1. Ressourcen fördern
10.2 Bindungsbezogene Intervention
10.3. Die Mutter- Kind- Behandlungen
11. Netzwerkförderung und Hilfsangebote für Kinder psychisch erkrankter Eltern

Kapitel VI – Schlussbetrachtung
12. Reflexion und Auswertung
12.1 Schlusswort

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Einteilung der affektiven Störungen nach dem ICD-10

Tabelle 2 Symptome der Hypomanie (F 30.0)

Tabelle 3 Symptome der Manie ohne psychotische Symptome (F30.1)

Tabelle 4 Symptome der Manie mit psychotischen Symptomen (F30.2)

Tabelle 5 Zentrale Kennzeichen der Depressiven Episoden nach dem ICD-10

Tabelle 6 Häufige Symptome der Depressiven Episoden nach dem ICD-10

Tabelle 7 Somatisches Syndrom

Tabelle 8 Klassifikation bipolar affektiver Störungen nach ICD-10

Abkürzungsverzeichnis

ADHS Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung

AG Arbeitsgemeinschaft

Aufl. Auflage

BD- I Bipolar I –Störung

BD- II Bipolar II –Störung

BGB Bürgerliches Gesetzbuch

BPtK Bundes Psychotherapeuten Kammer

bzgl. bezüglich

DSM-5 Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen)

ca. circa

et al. und andere

e.V. eingetragener Verein

DGPPN Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V.

DGBS Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störung e.V.

f. folgend, bzw. auf der nächsten Seite

ff. folgend, bzw. auf den nächsten Seiten

H. Heft

ICD-10 International Classification of Diseases and Related Health Problems (10. Revision)

Jg. Jahrgang

KJHG Kinder- und Jugendhilfegesetz

o.O. ohne Verlagsort

SGB VIII Sozialgesetzbuch, Achtes Buch Kinder- und Jugendhilfe

S. Seite

SGB VIII Sozialgesetzbuch - Achtes Buch

Tab. Tabelle

vgl. vergleiche

u.a. unter anderem

z.B. zum Beispiel

Kapitel I – EINFÜHRUNG INS THEMA

1. Einleitung

„Durch ihre Erkrankung lebte meine Mutter in ihrer eigenen Welt. Von dieser war ich ausgeschlossen. Sie verhielt sich – für mich jedenfalls– unberechenbar, war stundenlang für mich und meinen Bruder nicht ansprechbar. Ich war ständig in „Hab acht Stellung“, unter Spannung, weil ich nicht wusste, wann „normales“ Verhalten in etwas anderes umschlagen würde. Ich lernte, ihr nicht mehr zu vertrauen. Liebe konnte von einer Minute auf die andere in Aggressionen umschlagen. Der Eindruck, dass nichts mehr planbar ist, dass nichts mehr sicher ist, dass von einem Tag auf den anderen alles umgeworfen werden kann (…). Ich konnte mich noch so sehr bemühen, irgendetwas ging dann doch schief. Ich bin heute noch erstaunt, wenn etwas wie geplant funktioniert und nicht irgendetwas dazwischen kommt. Auf meine Mutter konnte ich mich nicht verlassen “ ( Scherber 2009, S.14 f.).

Mein Interesse für dieses Thema wurde insbesondere durch meine jahrelange Arbeit als systemischer Familientherapeut im ambulanten Dienst geweckt. Dort habe ich immer wieder erlebt, wie sehr die Kinder unter einer psychischen Erkrankung der Eltern leiden, aber oft übersehen werden, bzw. dass die Verhaltensweisen der betroffenen Kinder nicht in einem Zusammenhang der psychischen Erkrankung des Elternteiles gebracht werden. Die Arbeit mit Kindern psychisch kranker Eltern findet besonders an der Schnittstelle von Erwachsenenpsychiatrie und Jugendhilfe statt (vgl. Wagenblass / Schone 2001, S. 583). Da stellt sich die Frage, welche Hilfemöglichkeiten gibt es für betroffenen Familien und wie kann eine Frühprävention1 entwickelt werden, damit nicht in das Recht der Eltern aufgrund einer Kindeswohlgefährdung eingegriffen werden muss, infolgedessen das Kind aus der Familie genommen wird.

1.1. Problemstellung und Motivation

Kinder, die mit psychisch kranken Eltern- oder Elternteilen zusammen leben, werden nach Geiger et al. (2021) von der Gesundheitsversorgung häufig nicht wahrgenommen. Eltern die von einer psychischen Erkrankung betroffen sind, werden in vielen Fällen bei der psychiatrischen Behandlung nicht zu ihren Kindern befragt und somit werden mögliche Unterstützungsmöglichkeiten nicht angesprochen. Doch erleben Kinder die elterliche Erkrankung als sehr belastend, was nachhaltige Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung haben kann, sodass Hilfsangebote für betroffene Kinder erst dann involviert werden, wenn bereits eine psychische Störungen entwickelt wurde oder sie durch ihr Verhalten auffällig geworden sind (vgl. Geiger et al., 2021, S. 624). Kinder die Betroffen sind, haben ein drei- bis vierfaches erhöhtes Risiko selbst ein entsprechendes Krankheitsbild zu entwickeln und in ihrer Entwicklung beeinträchtigt zu werden (vgl. Meinhold 2020). Nach Geiger et al. (2021) sind ca. 15% der Bevölkerung in Deutschland von einer psychischen Erkrankung betroffen. Die Häufigkeit einmal in ihrem Leben an einer psychischen Störung zu erkranken liegt bei ca. 50%. Viele Erwachsene, mit psychischen Beeinträchtigungen, sind demnach auch Eltern und tragen neben den Herausforderungen, die solch eine Erkrankung mit sich bringt, auch die Verantwortung für eine Familie. Nach den letzten Hochrechnungen wachsen in Deutschland etwa drei bis vier Millionen Kinder und Jugendliche mit mindestens einem Elternteil auf, das psychisch erkrankt ist. Dabei haben zwischen 10 bis 30 % der betroffenen Mütter noch minderjährige Kinder (vgl. Geiger et al., 2021, S. 624).

Das dieses Thema keine Randerscheinung ist zeigt vor allem, dass es immer mehr Bedeutung in der Öffentlichkeit einnimmt. Insbesondere durch die Coronapandemie gab es einen erhöhten medialen Fokus auf die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Diverse Zeitungsartikel, wie z.B. „Die meisten sind sehr einsam“ in Psychologie Heute (vgl. Psychologie Heute 2020), machen auf das belastende Zusammenleben zwischen Kindern und Eltern mit einer psychischen Erkrankung aufmerksam. Auch im Bundestag wurde im Jahr 2021 schriftlich Stellung bezogen, wie weit die Empfehlungen für die Arbeitsgruppe Kinder psychisch und suchtkranker Eltern umgesetzt wurden und welche Förderprogramme betroffene Kinder unterstützen können (vgl. Deutscher Bundestag – 19 - Wahlperiode 2021, S. 4f).

1.2. Zielsetzung und Forschungsfrage

Nach der Ausgangslage im Punkt 1.1 zeigt sich, dass Kinder in Deutschland, die mit psychisch erkrankten Eltern oder Elternteile leben, häufig nicht wahrgenommen werden. Deswegen wird folgende Hauptfrage für die Bearbeitung der Thesis abgeleitet:

Welche Auswirkungen haben die psychosozialen Belastungsfaktoren auf die Lebenswelt der Kinder bipolar erkrankter Eltern und welche sozialpädagogischen Interventionsmöglichkeiten gibt es?

In dieser Arbeit wird primär auf die betroffenen Kinder eingegangen, die noch im Haushalt der psychisch erkrankten Eltern, bzw. Elternteile leben. Kinder, die aufgrund der elterlichen Erkrankung fremduntergebracht wurden, werden deswegen nicht Gegenstand dieser Arbeit sein. Die Soziale Arbeit ist geprägt durch ein vielfältiges Arbeitsfeld mit vielen unterschiedlichen Aufgabenbereichen. Da der Fokus dieser Arbeit auf die Kinder bipolar erkrankter Eltern und die psychosozialen Belastungsfaktoren liegt sowie die daraus benötigten sozialpädagogischen Interventionsmöglichkeiten, wird insbesondere die Schnittstelle der betroffenen Familien dargestellt. Primär werden deswegen die Aufgabenbereiche der Jugendhilfe sowie der Erwachsenenpsychiatrie aufgezeigt. Um die oben genannte Frage umfassend zu beantworten, wird in dieser Arbeit zusätzlich auf diese spezifischen Fragen eingegangen:

- Was ist eine bipolar affektive Störung und wie wirkt sich diese aus?
- Welche Auswirkungen hat eine bipolar affektive Störung eines Elternteils auf die Lebenswelt der Kinder und wie wirkt sich diese Erkrankung auf das Zusammenleben zwischen dem betroffenen Elternteil und auf das Kind aus?
- Unter welchen Belastungsfaktoren leben die Kinder von betroffenen Familien?
- Welche Bewältigungskompetenzen entwickeln die betroffenen Kinder und welche Risiko- und Belastungsfaktoren sind dabei zu beobachten?
- Wann muss in das Recht der Eltern aufgrund einer Kindeswohlgefährdung eingegriffen werden?
- Welche Hilfs- und Förderungsangebote gibt es für betroffene Familien?

1.3 Aufbau der Arbeit

Da diese Fragen sehr komplex sind, wird diese Arbeit auf einer Literaturarbeit mit einer umfassenden systematischen Literaturrecherche basieren, um so qualitativ hochwertige Informationen zur Beantwortung der formulierten Fragestellungen zu bekommen.

Im Kapitel I wird nach der Einleitung, Zielsetzung und dem Aufbau der Arbeit spezifisch auf die Methodik und das Forschungsdesign eingegangen, sowie die jeweiligen Vor- und Nachteile einer Literaturarbeit.

Im Kapitel II wird die Familiensituation von psychisch erkrankten Eltern und ihrer Kinder dargestellt sowie die Häufigkeit der psychischen Erkrankungen bei Erwachsenen und die Störungsbilder betroffener Kinder. Dadurch soll ein Einblick in die Lebenswelt und den Lebensort der betroffenen Kinder gegeben werden, die mit ihren psychisch erkrankten Eltern oder einem Elternteil zusammen leben.

Im Kapitel III. wird auf die Bedeutung der affektiven Störungen eingegangen und die am häufigsten vorkommenden Symptome. Je nach Krankheitsbild leiden die Betroffenen an dem klinischen Bild von Depression und Manie, sowie an der bipolar affektiven Störung. Dabei wird die bipolar affektive Störungen spezifisch ausgeführt, da die Betroffenen mit dem Krankheitsbild ungewöhnlich oft zwischen zwei gegensätzlichen Gefühlen aus Niedergeschlagenheit und Unberechenbarkeit schwanken und somit eine hohe Belastung für die restlichen Familienmitglieder darstellen (vgl. Schädle – Deiningen 2006, S. 259 f.).

Im Kapitel IV wird beschrieben, welche Folgen eine depressive und eine bipolare Störung auf die Eltern- Kind- Beziehung haben können. Abgerundet wird das Kapitel durch die Darstellung der Belastungsfaktoren und resultierenden Bewältigungsstrategien der betroffenen Kinder. Nach Wagenblass / Schone (2001) entwickeln insbesondere Kinder in den Familien destruktive Bewältigungsstrategien um die Belastung auszuhalten.

Im Kapitel V werden die unterschiedlichen Hilfsangebote für psychisch erkrankte Eltern und ihren Kinder dargestellt. Dabei werden die Aufgaben und Leistungen der Psychiatrie sowie die der Jugendhilfe eruiert. Zudem werden noch unterschiedliche Formen der Einbeziehung der Kinder und Jugendliche in die Behandlung beschrieben und wird mit einer Reflexion und Auswertung sowie einer eigenen Schlussbetrachtung abgeschlossen.

1.4 Darstellung der Methodik

Bei dieser Literaturarbeit wurde eine theoretische Fragestellungen entwickelt, die sich sehr gut mit Hilfe von wissenschaftlicher Literatur beantwortet lässt. Gemäß Gilbert (2020) steht bei der Literaturarbeit die Bearbeitung der Forschungsfrage mit vorhandener Fachliteratur im Mittelpunkt (vgl. Gilbert, 2020 S. 4). Da es sich bei der Forschungsfrage dieser Abschlussarbeit um eine komplexe Problemsituation handelt, wird zur Beantwortung auf hochwertige wissenschaftliche Literatur zurückgegriffen, um eine eigene qualitätsvolle Hypothese abzuleiten. Dabei stellen die gewonnenen Erkenntnisse aus der Literatur den aktuellen Stand der Forschung dar und es werden aus dieser wissenschaftlichen Perspektive Antworten auf die Fragestellung der Abschlussarbeit abgeleitet und beurteilt. Dies hat das Ziel, die Forschungsfragen auf der Grundlage von Fachliteratur beantworten zu können. Dafür braucht es keine empirische Überprüfung von Sachverhalten, sodass eine empirische Abschlussarbeit ausgeschlossen wurde (vgl. Karmasin / Ribing 2017, S. 31 ff.).

1.4.1 Literaturrecherche

Um qualitativ hochwertige Informationen zur Beantwortung der formulierten Forschungsfrage zu bekommen, wurde die Literaturrecherche systemisch durchgeführt. Dafür wurden folgende Fragestellungen entwickelt:

- Gibt es aktuelle wissenschaftliche Abhandlungen zu den Belastungsfaktoren von Kinder bipolar erkrankter Eltern?
- Wie hat sich die Forschung zum Thema Belastungsfaktoren auf die Lebenswelt der Kinder bipolar erkrankter Eltern in den letzten Jahren entwickelt?
- Wie kann das komplexe Thema der affektiven Störung theoretisch rekonstruiert werden und welche Literatur wird dafür benötigt?
- Welche sozialpädagogischen Interventionsmöglichkeiten werden für die Beantwortung der Forschungsfrage benötigt?
- Gibt es wissenschaftliche Abhandlungen zu Hilfsangebote für psychisch kranke Eltern und ihre Kinder?

Nach Eco (2005), ist der wichtigste Gegenstand einer wissenschaftlichen Arbeit die Zugänglichkeit der benötigten Literatur. Auch im digitalen Zeitalter, wo man nicht mehr ausschließlich auf Bibliotheken angewiesen ist, ist die Beschaffung der relevanten Literatur und damit die Erschließung der benötigten Quellen für eine wissenschaftliche Literaturarbeit elementar (vgl. Eco 2005, S. 64 f.). Um diese zu beschaffen, wurde in Bibliotheken und Fachhandlungen nach relevanten Publikationen aus Primär- und Sekundärquellen gesucht. Bei dieser Suche wurden Artikel aus wissenschaftlichen Zeitschriften, Fachbüchern, Sammelwerken und Literaturverzeichnisse mit einbezogen. Zusätzlich wurden auch Suchmaschinen aus elektronischen Datenbanken wie die Online-Bibliothek der internationalen Hochschule, SpringerLink, Google sowie Google Scholar verwendet. Diese Datenbanken wurden mit Schlüsselbegriffen durchsucht und die Ergebnisse nach Qualität und Relevanz für die Abschlussarbeit überprüft, sodass die gefundene Literatur in die Arbeit miteinbezogen oder verworfen wurde. Zu den Ausschlusskriterien gehören z.B. Krankheitsbilder die nicht zu den affektiven Störungen zählen sowie die Lebenswelten von Kindern bipolar erkrankten Eltern, die nicht mehr im häuslichen Umfeld leben. Die angeführten Suchbegriffe lauten u.a.: Kinder psychisch erkrankter Eltern, Belastungsfaktoren von Kindern mit psychisch erkrankten Eltern, Entwicklungspsychologie, sozialpädagogische Interventionen, affektive Störungen, bipolar affektive Störung, bipolare Erkrankung, DSM-5, ICD-10, Therapieformen bei bipolar Erkrankten, Familienhilfen, Psychiatrie und Beratung, Betreuung, Beratungsstellen, Soziale Arbeit in der Psychiatrie.

1.4.2 Vor- und Nachteile der Literaturarbeit

Eine reine Literaturarbeit bringt Vorteile mit sich. Zum einen stehen alle Daten bereits zur Verfügung und man ist von der Datenerhebung sowie der komplexen empirischen Vorarbeit befreit. Zum anderen ist man bei der Literaturarbeit komplett Unabhängigkeit von anderen Menschen, da man nicht auf deren Kooperation angewiesen ist, sodass die Abschlussarbeit im eigenen Tempo geschrieben werden kann, da nichts Unvorhergesehenes passiert (vgl. Pfeifer 2018). Es gibt allerdings auch Nachteile die eine Literaturarbeit mit sich bringt. Für eine Literaturarbeit sind sehr umfangreiche und zeitaufwändige Literaturrecherchen notwendig. Die vorhandene Literatur muss bearbeiten werden, um eigene Gedanken zu entwickeln. Die Gefahr eines Plagiats ist demnach sehr hoch. Viele Quellen auf die man angewiesen ist, sind veraltet und nicht mehr aktuell. Zudem ist der Untersuchungsgegenstand begrenzt. Neue Erkenntnisse werden nicht gewonnen, da ausschließlich auf bestehende Literatur zurückgegriffen wird (vgl. Pfeifer 2018). In dieser Abschlussarbeit wurde mit Hilfe der oben genannten Methodik, der umfassenden Literaturrecherche, sowie dem Abwägen und der Berücksichtigung der Vor- und Nachteile, die Forschungsfrage beantwortet.

Kapitel II - Kinder psychisch kranker Eltern

2. Lebensort der betroffenen Kinder

Nach Mattejat / Remschmidt (2008) leben bis zur Hälfte der psychisch kranken Kinder oder Jugendliche auch bei einem psychisch erkrankten Elternteil und sind somit eine besondere Risikogruppe im Hinblick auf die Entwicklung von weiteren psychischen Störungen (vgl. Mattejat / Remschmidt 2008, S. 213). Nach einer Hochrechnung aus dem Jahr 2010 haben von den insgesamt 20 Millionen minderjährigen Kinder in Deutschland 1.230.000 Kinder ein Elternteil, dass an einer affektiven Störung erkrankt ist (vgl. Richard Schmid 2015, S. 3). Die affektiven Störungen und ihre unterschiedlichen Symptome werden in Kapitel III beschrieben. Laut einer Stichprobe aus dem Jahr 2011 waren von den psychiatrischen Patienten insgesamt 28 % Eltern und 17 % von den Eltern hatten minderjähriger Kinder, die zu ca. zwei Drittel noch bei ihren Eltern lebten. Die höchste Elternschaftsrate wiesen in dieser Stichprobe mit knapp 70 Prozent affektiv Erkrankte auf. Davon waren ca. 42 % Mütter und 28 % Väter (vgl. Pass / Wiegemann 2012. S. 18 f.). Aus dieser Erhebung geht deutlich hervor, dass ein Großteil der Kinder, trotz einer psychischen Erkrankung der Eltern, bei einem erkrankten Elternteil leben. Dabei wurde laut Schone / Wagenblass (2006) die Lebenssituation sowie die Belastungs- und Risikofaktoren die eine psychische Erkrankungswahrscheinlichkeit von betroffenen Kindern deutlich erhöhen, weder von der Psychiatrie, noch in der Sozialpädagogik fachlich ausreichend berücksichtigt (vgl. Schone / Wagenblass 2006, S. 9).

2.1. Alter und Störungsbilder betroffener Kinder

Die Erkenntnis aus dem Bericht der Expertenrunde zur Kinderschutzkonferenz zum Thema ,,Kinder psychisch kranker Eltern" (2015) besagt, dass etwa bei einem Drittel aller Kinder psychisch kranker Eltern anhaltende Störungen auftreten. Bei einem weiteren Drittel treten zumindest vorübergehende Störungen auf. Kinder alleinerziehender psychisch kranker Eltern sind besonders gefährdet, da sie keine gesunde Bezugsperson haben. Wenn der Vater erkrankt, wirkt dies auf das Kind zwar belastend, doch zerbricht nach Schmidt (2015) die stabilisierende Struktur für das Kind nicht, da die Mütter überwiegend bei ihren Partnern bleiben. Dies ändert sich allerdings, wenn die Mutter erkrankt. Väter fühlen sich überforderter mit der psychischen Erkrankung ihrer Partnerinnen umzugehen und gleichzeitig ein minderjähriges Kind zu versorgen. Es kommt zu einer Trennung, was zu einer instabilen Struktur für das Kind führt, da es keine gesunde Bezugsperson im Familiensystem mehr hat (vgl. Schmid 2015, S. 3 f.). Nach Sommer (2020) haben Kinder psychisch kranker Eltern nicht nur eine 30 bis 50 % Chance selbst an eine psychische Störungen zu erkranken, auch das allgemeine Risiko für eine psychische Erkrankung steigt insgesamt. Demnach haben Kinder von Betroffenen ein signifikant erhöhtes Risiko, als Kinder aus der Allgemeinbevölkerung, die ein Erkrankungsrisiko von ca. 25% aufweisen (vgl. Sommer et al., 2020, S.427 f.). Um die Lebenswelt der betroffenen Kinder psychisch kranker Eltern besser zu verstehen, benötigt man weitere Informationen anhand von empirischen Forschungen2, da Kinder die Erkrankung der Eltern unterschiedlich, aber mit teils erheblichen psychosozialen Belastungsfaktoren3 erleben (vgl. Sommer et al., 2020, S. 426). Diese psychosozialen Belastungsfaktoren werden ausführlich in Kapitel IV beschrieben. Als häufigste Störungen treten im Laufe des Kindes- und Jugendalters Ängste bei 10,0%, Störungen des Sozialverhaltens bei 7,6% und Depressionen bei 5,4% auf (vgl. Griepenstroh / Schmuhl 2010, S. 124). Die häufigsten psychischen Erkrankungen kommen in verschiedenen Altersgruppen bei Kinder und Jugendlichen unterschiedlich vor:

- Kleinkinder bis zum 4. Lebensjahr: Entwicklungsstörungen
- Schulkinder zwischen den 5. bis zum 14. Lebensjahr: Ängste und Depressionen4, überdurchschnittlichem Bewegungsdrang, ADHS5, aufsässiges und aggressives Verhalten
- Jugendliche zwischen den 15. bis 18. Lebensjahr: Depressionen, psychosomatische Erkrankungen6, Suchterkrankungen wie Alkohol, Computerspiele und illegale Drogen (vgl. BPtK 2022, S. 1).

Bei der Häufigkeitsverteilung zeigt sich, dass Kinder und Jugendliche in allen Lebensjahren von einer psychischen Erkrankung betroffen sein können. Unter 15 Jahren erkranken Jungen häufiger an einer psychischen Erkrankung als Mädchen, da sie viermal so häufig an ADHS leiden oder zu aggressivem und oppositionellem Verhalten neigen. Danach kehrt sich der Geschlechtsunterschied um. Mädchen neigen ab dem 15. Lebensjahr vermehrt an Essstörungen und psychosomatischen Leiden. Darüber hinaus erkranken sie doppelt so häufig an Depressionen und Antriebslosigkeit, als Jungen. Kinder mit chronischen körperlichen Erkrankungen zeigen zudem häufiger auch psychische Beschwerden (vgl. BPtK 2020, S. 1 ff.). Nicht unbeachtet sollte auch der hohe Wert von rund 20 % der substanzbezogenen Störungen von Kindern psychisch erkrankter Eltern sein. Im Vergleich liegt der Anteil von Kindern mit einer substanzbezogenen Störung in der Allgemeinbevölkerung etwa bei 4,5 % (vgl. Mattejat / Remschmidt 2008, S. 213).

2.2. Häufigkeit psychischer Erkrankungen bei Erwachsenen

Nach Lenz / Wiegand - Grefe (2017) erleiden in der deutschen Bevölkerung ca. 30% in ihrer Lebenszeitprävalenz7 eine behandlungsbedürfte psychische Erkrankung. Geht man davon aus, dass bei 25% der Betroffenen, aufgrund des Schweregrades der Erkrankung eine Behandlung benötigen, sind es etwa 4,5 Millionen erwachsene Menschen in Deutschland, die je nach Ausprägung des Störungsbildes eine psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen (vgl. Plass / Wiegand - Grefe 2012, S. 18). Schätzungsweise haben 65 % der Frauen und 52 % der Männer mit psychischen Erkrankungen, minderjährige Kinder. Ein Großteil der psychischen Erkrankung treten zudem in Familien gehäuft auf (vgl. Sommer et al., 2020, S. 427). Nach dem DGPPN e.V. (2022) sind jährlich in Deutschland etwa 27,8 % der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen. Zu den häufigsten Erkrankungen zählen:

- Angststörungen 15,4 %
- affektiven Störungen → 9,8 %
- unipolaren8 Depression → 8,2%
- Störungen durch Alkohol- oder Medikamentenkonsum → 5.4 % (vgl. DGPPN e.V. 2022, S. 1).

Dabei ist zu beachten, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen eine bis zu 10 Jahre verringerte Lebenserwartung haben und zu den vier wichtigsten Ursachen für den Verlust gesunder Lebensjahre in Deutschland zählt. Auch gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit der psychischen Erkrankung und der Selbstmordrate in Deutschland. Im Jahr 2020 nahmen sich in Deutschland etwa 9200 Menschen das Leben. Dabei lassen sich zwischen 50 % und 90 % der Suizide auf eine psychische Erkrankung zurückführen (vgl. DGPPN e.V. 2022, S. 1). Etwa 10- bis 20- mal häufiger werden Suizidversuche unternommen (vgl. DGBS e.V. 2011, S. 1). Somit sind Kinder psychisch erkrankter Eltern der latenten Gefahr einer Suizidhandlung des Elternteiles ausgesetzt.

Kapitel III – Störungsbilder

Um eine klare Vorstellung über das Krankheitsbild zu bekommen, wird in diesem Kapitel umfassend die affektiven Störungen, insbesondere die bipolare Störung beschrieben und wie sich die gegensätzlichen Pole aus manischen und depressiven Episoden auf die Betroffenen auswirken und medizinisch behandelt werden können.

3. Affektive Störungen

Psychische Erkrankungen können ganz unterschiedliche Symptome haben. Sie treten nicht nur als Wahnidee oder als Realitätsverzerrung auf, sondern auch als starke Beeinträchtigung des emotionalen Zustandes, also den Affekt. Dies führt zu deutlichen Veränderungen des Gefühls und des Antriebs. Affektive Störungen können in vielfältigen Formen und in unterschiedliche Verläufen in Erscheinung treten, u.a. in manisch9 - depressive Erkrankungen, bipolare Störungen, Manien, Melancholien10, Depressionen, Zyklothymien11, und Dysthymien12. Charakteristisch bei den Gefühlsstörungen sind die Unterschiedlichkeit der gegensätzlichen Pole. Auf der einen Seite die Depression und die Manie auf der anderen Seite (vgl. Clausen / Eichenbrenner 2016, S. 196). Das ICD-10 definiert eine affektive Störung als eine psychische Erkrankung, bei denen emotionale Störungen in Form von Depressionen und Manie über eine lange Zeit, oftmals über mehrere Monate andauernden Krankheits­episoden, bestehen bleiben. Der Beginn einzelner Episoden13 können durch belastende Ereignisse ausgelöst werden. Zusammengefasst bestehen die Hauptsymptome einer affektiven Störung also durch eine Veränderung der Stimmung oder der Affektivität (vgl. Dilling / Freyberger 2019, S. 119 ff.). Dabei ist bei den Verlaufsformen zu beobachten, dass ca. 65% unter einer rein depressiven Störung, ca. 30 % unter bipolare Verläufe mit depressiven und manischen Episoden und ca. 5 % von ausschließlich manische Phasen betroffen sind (vgl. Clausen / Eichenbrenner 2016, S. 196 ff).

3.1. Definition und Klassifikation affektiver Störungen nach dem ICD-10

Tabelle 1 Einteilung der affektiven Störungen nach dem ICD-10

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Abkürzung ICD steht für „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems”. In Deutschland wird das ICD auch als „Internationale Klassifikation der Krankheiten“ genannt. Der ICD-Code ist ein weltweit anerkanntes System, um medizinische Diagnosen einheitlich zu benennen und zu klassifizieren. Beim ICD-Code gibt der Buchstabe am Anfang und die drauf folgenden zwei Ziffern die Hauptkategorie einer Diagnose an. F31 steht z.B. für eine bipolar Affektive Störung. Das ICD-11 wurde im Mai 2019 von der Weltgesundheitsversammlung verabschiedet und trat am 01. Januar 2022 in Kraft. Für diese Abschlussarbeit wurde mit dem ICD-10 gearbeitet, da für eine Übergangsfrist von 5 Jahren beide Versionen verwendbar waren (vgl. Bundesministerium für Gesundheit 2022).14

Quelle: Volz, 2009, S.118

3.2. Symptome der manischen und der depressiven Episode

Im Folgendem werden die Symptome der manischen (F30) und der depressiven Episode (F32) nach dem ICD-10 dargestellt. Auf die rezidivierende depressive Störung (F33), also Störungen die durch wiederholte depressive Episoden charakterisiert sind, wird nicht spezifisch eingegangen. Die Kriterien der psychischen Störungen sind in Deutschland verbindlich und von der Weltgesundheitsorganisation erarbeitete, diagnostischen Leitlinien.15

3.2.1 Manische Episode (F30)

Die manische Episode kann sich in einer hypomanische oder manische Episode äußern. Diese Kategorien dürfen jeweils nur für eine einzelne Episode verwendet werden. Betroffene, die schon früher eine oder mehrere affektive Episoden hatten, werden direkt unter den bipolaren affektiven Störungen klassifiziert (vgl. Dilling / Freyberger 2019, S. 122).

3.2.2 Symptome der Hypomanie (F30.0)

Für die diagnostischen Kriterien einer Hypomanie sollte bei den Betroffenen auf mindestens vier aufeinander folgenden Tagen die Stimmung deutlich gereizt oder gehoben sein. Zudem müssen mindestens drei der in Tab. 2. genannten Symptome die Lebensführung beeinträchtigen (vgl. Dilling / Freyberger 2019, S. 122 f.).

Tabelle 2 Symptome der Hypomanie (F 30.0)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an: Dilling / Freyberger, 2019, S.122 f.

3.2.3 Symptome der Manie ohne psychotische Symptome (F30.1)

Für die diagnostischen Kriterien einer Manie ohne psychotische Symptome, muss die Stimmung für die Betroffenen deutlich gehoben oder gereizt sein und sich grundlegend von der normalen Stimmung abweichen. Dieser Stimmungswechsel kann zwischen Sorglosigkeit und fast unkontrollierbarer Erregung schwanken. Es müssen mindestens drei der in Tab. 3. genannten Symptome auftreten und eine schwere Störung der Lebensführung verursachen (vgl. Dilling / Freyberger 2019, S. 123 f.).

Tabelle 3 Symptome der Manie ohne psychotische Symptome (F30.1)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an: Dilling / Freyberger, 2019, S. 123 f.

3.2.4 Symptome der Manie mit psychotischen Symptomen (F30.2)

Für die diagnostischen Kriterien einer Manie, mit psychotischen Symptomen, müssen die Kriterien für eine schwere Manie (F30.1) erfüllt sein. Des Weiteren muss eines der in Tab. 4. genannten Merkmale zusätzlich zutreffen. Zu beachten ist, dass Wahnideen und Halluzinationen zwar vorkommen, allerdings sind die Wahngedanken nicht bizarr oder kulturell unangemessen. Am häufigsten treten Verfolgungs- , Größen-, Beziehungs- oder Liebeswahn auf (vgl. Dilling / Freyberger 2019, S. 124 f.).

Tabelle 4 Symptome der Manie mit psychotischen Symptomen (F30.2)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an: Dilling / Freyberger, 2019, S.124 f.

3.3 Depressive Episode (F32)

Depressionen werden unter typisch leichten (F32.0), mittelgradigen (F32.1) und schweren (F32.2) Episoden unterschieden. Bei jeder Episode leiden die Betroffenen unter einer gedrückten Stimmung, sowie unter einer Verminderung des Antriebs und Aktivität. Nach diagnostischen Kriterien sollte der Zustand mindestens zwei Wochen andauern (vgl. Dilling / Freyberger 2019, S. 132 f.).

Tabelle 5 Zentrale Kennzeichen der Depressiven Episoden nach dem ICD-10

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an: Schaub / Bernhard / Gauck, 2004, S.16

Tabelle 6 Häufige Symptome der Depressiven Episoden nach dem ICD-10

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an: Schaub / Bernhard / Gauck, 2004, S. 16

Ein somatisches Syndrom16 kann diagnostiziert werden, wenn mindestens vier der in Tab. 7. aufgeführten Symptome auftreten.

Tabelle 7 Somatisches Syndrom

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an: Schaub / Bernhard / Gauck, 2004, S. 16

3.3.1 Schweregrade der Depressionen

Depressionen können je nach Schweregrad mit unterschiedlichen Symptomen und Krankheitsverläufen auftreten. Jeder Schweregrad wird im ICD-10 einzeln kodiert.

- Leichte Episode (F32.0): Die Betroffenen sind im Allgemeinen beeinträchtigt, geben aber ihre Aktivitäten nicht vollständig auf. Für eine Diagnose sollten zwei der zentralen Kennzeichen und zwei der häufigen Merkmale zutreffen und kein Symptom sollte dabei besonders ausgeprägt sein (vgl. Schaub / Bernhard / Gauck 2004 S. 17).
- Mittelgradige depressive Episode (F32.1): Es müssen mindestens zwei der zentralen Kennzeichen vorhanden sein. Zusätzlich führen vier oder mehr der häufigen Symptome zu einer großen Anstrengung, den Alltag fortzusetzen und ist mit einem erheblichen Leidensdruck verbunden. Der Verlust des Selbstvertrauens, das Gefühl der Wertlosigkeit sowie Gedanken an den Tod sind stark ausgeprägt, sodass soziale oder berufliche Aktivitäten nur noch schwer auszuüben sind (vgl. Dilling / Freyberger 2019, S. 136 f.).
- Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome (F32.2): Bei einer schweren depressiven Episode, ohne psychotische Symptome, sind alle zentralen Kennzeichen der depressiven Episode vorhanden und mindestens vier der häufigen Merkmale führen bei den Betroffenen zu einem erheblichen Leidensdruck und zu einer Beeinträchtigungen im Alltag. Insbesondere sind soziale und berufliche Aktivitäten kaum noch auszuführen (vgl. vgl. Schaub / Bernhard / Gauck 2004 S. 17). Verlust des Selbstwertgefühl, Suizidgedanken- und handlungen sind häufig zu beobachten. Zudem liegen eine Anzahl von somatischen Symptomen ohne Halluzinationen und Wahnvorstellungen vor (vgl. Dilling / Freyberger 2019, S. 136 f.).
- Schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen (F32.3): Alle Kriterien einer schweren depressiven Episode, ohne psychotische Symptome (F32.2), sind bei diese Symptomatik erfüllt. Zusätzlich treten Wahnideen und Halluzinationen oder depressiver Stupor17 auf. Alltägliche Aktivitäten sind unmöglich. Es besteht für die Betroffenen eine akute Lebensgefahr durch Suizid oder mangelhafte Flüssigkeits- sowie Nahrungsaufnahme (vgl. Dilling / Freyberger 2019, S. 136 f.).

4. Bipolare affektive Störung nach dem ICD-10

Die bipolare Störung ist eine affektive Störung, die nach dem ICD-10 durch mindestens zwei Episoden charakterisiert ist, in denen die Stimmung und die Aktivität deutlich gestört sind. Die Störung besteht aus einer gehobenen manischen Stimmung mit vermehrten Antrieb sowie Aktivität und wechselt zu einer depressiven Stimmung, in der Antrieb und Aktivität wieder vermindert werden. Diese abwechselnde manische, hypomanische, gemischte und depressive Episode sind im ICD-10 anhand der Symptome sowie des Schweregrades differenziert und von F31.0 bis F31.9 codiert (vgl. Dilling / Freyberger 2019, S. 127 f.).

[...]


1 Eine Prävention ist eine Maßnahme zur Abwendung von etwas Bevorstehendem (vgl. „Prävention“ beim Online-Wörterbuch Wortbedeutung.info)

2 Die empirische Forschung versucht durch einen systematischen und standardisierten Prozess Erkenntnisse über ein Untersuchungsobjekt zu finden, wobei die Erkenntnisse nachprüfbar und wiederholbar sein müssen. (vgl. Stangl, 2022).

3 Psychosoziale Belastungsfaktoren sind soziale Gegebenheiten, die die Psyche beeinflussen (vgl. „psychosoziale Belastungsfaktoren“ in Online-Wörterbuch Wortbedeutung.info)

4 Eine Depression ist eine psychische Störung mit Krankheitswert, die durch eine gedrückte Stimmung, Interesselosigkeit beziehungsweise Freudlosigkeit und Antriebsstörung gekennzeichnet ist (vgl. „Depression“ in DocCheck Flexikon).

5 ADHS ist eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Die bereits im Kindesalter beginnende psychische Störung wirkt sich auf die Aufmerksamkeit und Impulsivität aus sowie durch eine ausgeprägte körperliche Unruhe (vgl. „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivität“ in Online-Wörterbuch Wortbedeutung.info).

6 Psychosomatisch Erkrankungen können sowohl körperlich sowie seelisch hervorgerufen werden und sind nicht allein mit Medikamenten heilbar (vgl. „psychosomatisch“ beim Online-Wörterbuch Wortbedeutung.info )

7 Die Lebenszeitprävalenz ist die Wahrscheinlichkeit, im Laufe eines Lebens mindestens einmal von einer bestimmten Erkrankung betroffen zu sein (vgl. „Lebenszeitprävalenz“ in DocCheck Flexikon).

8 Unipolar oder monopolar bedeutet "mit einem Pol“ ausgestatte. Unipolare Depression ist eine rein Depressive Störung (vgl. „Unipolar“ in DocCheck Flexikon).

9 Die Manie ist ein psychischer Zustand von extrem aufgehellter, euphorischer Stimmung. Bei manischen Phasen handelt es sich jedoch nicht im eine gute Laune, sondern um eine akut behandlungsbedürftige affektive Störung (vgl. „Manie“ in Doccheck Flexikon).

10 Melancholien ist ein Zustand der Schwermut oder Depression, psychische Niedergeschlagenheit, große Traurigkeit ( vgl. „Melancholien“ in Doccheck Flexikon).

11 Die Zyklothymien ist durch eine chronisch verlaufende, dauerhafte Instabilität der Stimmung charakterisiert, in der sich Hypomanie, manische und depressive Episoden abwechseln (vgl. „Zyklothymien“ in Doccheck Flexikon).

12 Die Dysthymie ist eine anhaltende affektive Störung, bei der es zu einer chronischen depressiven Verstimmung bei den Betroffenen kommt, die jedoch schwächer ausgeprägt ist als bei einer depressiven Episode (vgl. „Dysthymie“ in Doccheck Flexikon).

13 Unter einer Episode versteht man in der Medizin einen durch Symptomverschlechterung oder andere Merkmale hervorgehobenen Abschnitt eines chronischen Krankheitsverlaufs bzw. einer Grunderkrankung (vgl. „Episode“ in Doccheck Flexikon).

14 Unter Libido wird der Geschlechtstrieb eines Individuums verstanden. Dahinter steht das Bedürfnis der Befriedigung des Triebes sexueller Lust (vgl. „ Libido“ in Doccheck Flexikon).

15 Als Agitiertheit oder Agitation bezeichnet man die übermäßige motorische Aktivität, mit hastigen und ziellosen Bewegungen aus. Sie ist oft mit einem Gefühl innerer Anspannung und Unruhe verbunden (vgl. Agitiertheit in Doccheck Flexikon).

16 Einige depressive Störungen haben eine allgemein anerkannte spezielle klinische Bedeutung und werden im ICD-10 somatisch genannt (vgl. Dilling / Freyberger 2019, S. 134)

17 Der Stupor ist ein pathologischer Zustand mit vollständigem Aktivitätsverlust, bei ansonsten wachem Bewusstseinszustand (vgl. Stupor in Doccheck Flexikon).

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Auswirkungen psychosozialer Belastungsfaktoren auf die Lebenswelt der Kinder bipolar erkrankter Eltern. Sozialpädagogische Interventionsmöglichkeiten
Hochschule
Internationale Fachhochschule Bad Honnef - Bonn
Note
1,3
Autor
Jahr
2022
Seiten
57
Katalognummer
V1283327
ISBN (Buch)
9783346740670
Sprache
Deutsch
Schlagworte
auswirkungen, belastungsfaktoren, lebenswelt, kinder, eltern, sozialpädagogische, interventionsmöglichkeiten
Arbeit zitieren
Michael Gruen (Autor:in), 2022, Auswirkungen psychosozialer Belastungsfaktoren auf die Lebenswelt der Kinder bipolar erkrankter Eltern. Sozialpädagogische Interventionsmöglichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1283327

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