Migration und sozialer Wandel im Verlauf des Urbanisierungsprozesses im subsaharischen Afrika - Allgemein und anhand ausgewählter Beispiele


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2007

7 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Migration und sozialer Wandel im Verlauf des Urbanisierungsprozesses im subsaharischen Afrika: Allgemein und anhand ausgewählter Beispiele
1.1 Urbanisierung und Verstädterung – Definitionen
1.2 Verstädterung und Urbanisierung in Schwarzafrika – ein geschichtlicher Rückblick
1.2.1 Entwicklungen in der Vorkolonialzeit
1.2.2 Entwicklungen in der Kolonialzeit
1.2.3 Entwicklungen in der Postkolonialzeit
1.3 Verstädterung, Urbanisierung, Migration und sozialer Wandel im gegenwärtigen Afrika
1.4 Fazit

1 Migration und sozialer Wandel im Verlauf des Urbanisierungsprozesses im subsaharischen Afrika: Allgemein und anhand ausgewählter Beispiele

1.1 Urbanisierung und Verstädterung – Definitionen

In der vorliegenden Arbeit wird es um den Urbanisierungsprozess im subsaharischen Afrika und um die damit einhergehenden Begrifflichkeiten Migration und Sozialer Wandel gehen.

Die Begriffe Urbanisierung und Verstädterung müssen voneinander abgegrenzt werden. Im Alltag erfahren sie häufig eine Gleichsetzung. Dies führt in diversen Fachbüchern-/

zeitschriften oftmals zu einer ausführlich beschriebenen Richtigstellung.

Unter dem Begriff Urbanisierung ist die Ausbreitung und Verstärkung städtischer Le-bens, Wirtschafts- und Verhaltensweisen zu verstehen, was unter anderem zum Teil das Loslassen (die Lockerung) von traditionellen Strukturen und Werten zur Folge haben kann.

Des Weiteren muss angemerkt werden, dass die Urbanisierung logischerweise mit dem Verstädterungsprozess in Verbindung steht. Dehnen, vermehren, vergrößern sich Städte nach Zahl, Fläche oder Einwohner, so spricht man von der so genannten Verstädte-rung[1].

1.2 Verstädterung und Urbanisierung in Schwarzafrika – ein geschichtlicher Rückblick

1.2.1 Entwicklungen in der Vorkolonialzeit

Im subsaharischen Afrika bildeten sich zwischen dem 6. und 9. Jahrhundert, laut Auf-zeichnungen, unter anderem ostafrikanische Städte wie Kampala (Uganda), was vor al-len Dingen auf den seegestützten Handel mit den arabischen Reichen zurückzuführen ist[2].

In den Küstenzonen West- und Südafrikas (z.B. Great Zimbabwe Ruins) kam es auch zu einer verstärkten Städtebildung, die ebenfalls durch den Seehandel, insbesondere mit den Europäern, hervorgerufen wurde[3].

1.2.2 Entwicklungen in der Kolonialzeit

Im 19. Jahrhundert trieb der europäische Kolonialismus den Verstädterungs- und Urba-niesierungsprozess in Schwarzafrika erheblich voran. Die Kolonialmächte strebten nach Expansionen ihrer Märkte und Rohstoffe. Ein entscheidender Schritt hierzu war der Ei-senbahnbau der Europäer in Afrika Anfang des 19. Jahrhunderts.

Die ,,europäisch-afrikanische“ Wirtschaftskraft nahm zu dieser Zeit immer mehr zu. Die afrikanische Bevölkerung konnte hieraus jedoch keinerlei Profit ziehen – im Gegenteil, sie litt unter der diktatorischen europäischen Führung.

Mit steigender Wirtschaftskraft vergrößerten sich die afrikanischen Siedlungen immer stärker, sodass es an der Küste Afrikas zur Entstehung vieler Küstenstädte wie z.B. Lamu (Kenia), Malindi (Kenia), Mombasa (Kenia) und Sansibar (Tansania) kam. Die Wirtschaftsmacht der Küstenstädte ließ einige alte inländische Handelszentren wie Salaga (Ghana) in ihrer Bedeutung verblassen bzw. untergehen.

Festzuhalten ist, dass in Afrika zu dieser Zeit drei funktionale Stadttypen existierten:

1. Marktstadt, 2. Verwaltungsstadt, 3. Bergbaustadt[4].

1.2.3 Entwicklungen in der Postkolonialzeit

Seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts ist in Schwarzafrika eine überdurchschnittlich hohe Verstädterung zu entdecken, die von einer zunehmenden Urbanisierung begleitet wird. Der Wissenschaftler Thomi stellte im Jahre 1989 eine Tabelle auf, die den Anteil der städtischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung sowie den Anteil der Primate Cities an der städtischen Bevölkerung in ausgewählten Ländern Afrikas aufzeigt. Hierzu lässt sich festhalten, dass der städtische afrikanische Bevölkerungsanteil im Bezug auf die Gesamtbevölkerung zwar nur sehr gering ist (Beispiele: 1950: Senegal → 21,7%, 1980: Senegal → 25,4%; 1950: Angola → 7,6%, 1980: Angola → 21,0%), die ,,Küs-tenhauptstädte“ hingegen über ein noch steigerbares Bevölkerungswachstum verfügen (= Primate Cities; Beispiele: 1950: Senegal → 46,2%, 1980: Senegal → 64,9%;

1950: Angola → 44,5%, 1980: Angola → 63,6%), was durch verstärkte Investitionen, beispielsweise im Infrastrukturbereich, hervorgerufen wird[5].

1.3 Verstädterung, Urbanisierung, Migration und sozialer Wandel im gegenwärtigen Afrika

Global betrachtet besitzt Afrika im Jahre 2005 im Vergleich zu Europa (74,2%), Latein-amerika/Karibik (77,4%), Nordamerika (78,5%) und Ozeanien (75,1%) nur eine geringe Urbanisierungsrate, jedoch ein relativ dynamisches Wachstum. Innerhalb Afrikas exis-tiert ein sehr unterschiedlich hoher Verstädterungsgrad (Bespiele: 2005: Südafrika → 57,7%; 2005: Ostafrika → 27,5%)[6].

Wie eingangs erwähnt wurden ist, führt die Urbanisierung normalerweise, zumindest teilweise, zum Loslassen (zur Lockerung) traditioneller Strukturen und Wertsysteme. Dies ist im subsaharischen Afrika jedoch nur relativ gering ausgeprägt. Hier dominieren die so genannten zirkulären Migrationsformen. Die Migranten halten Verbindungen zwischen ihrem Herkunftsort und ihrem Zielort aufrecht, da sie nur in ihrem Heimatge-biet beispielsweise über Landeigentumsrechte verfügen[7].

Doch wie sehr halten die Migranten wirklich an ihrem Heimatareal, an ihren Traditio-nen fest? Karl Vorlaufer hat sich 1985 unter anderem mit Brautpreiszahlungen in den afrikanischen Städten Dakar (Senegal) und Mombasa (Kenia) beschäftigt. Brautpreis-zahlungen werden aus westlicher Perspektive als herabwürdigend angesehen, da hier die Frau mit einer Ware ihre Gleichsetzung erfährt. Folglich könnte das Verschwinden dieser Tradition in den Städten als ein Indikator für eine Modernisierung/Urbanisierung stehen, so Vorlaufer. Er hält fest, dass in Dakar fast alle Migranten sowie die in der Stadt Geborenen die Tradition des Brautpreises akzeptieren.

Auf Mombasa trifft dies zum größten Teil auch zu. Das Überraschende in der letzt ge-nannten Stadt ist, dass dort etwa 45% der in der Stadt geborenen Verheirateten keinen Brautpreis mehr gezahlt haben. Ebenso ist zu erwähnen, dass durch die Monetarisierung die klassische Form der Brautpreiszahlungen, nämlich in Vieh, immer mehr abgenom-men hat und bis heute abnimmt, in Dakar mehr als in Mombasa. Die Brautpreiszahlun-gen mittels Vieh spiegeln die enge Bindung der städtischen Migranten an den länd-lichen Heimatraum wieder. Die nun folgende Tatsache stellt somit keine Überraschung dar: Circa 80% der Befragten Verheirateten gaben im Jahre 1985 an, dass sie nicht in Mombasa, sondern in ihrer Heimat den Bund der Ehe schlossen und mehrheitlich Geld oder Sachgüter als Brautpreis verwendeten.

Als kleines Zwischenfazit lässt sich festhalten, dass der afrikanische Urbanisierungspro-

zess keine generelle Abnahme der Brautpreiszahlungen nach sich zieht. Der Brautpreis-zahlungsverkehr hat sich allerdings mit zunehmender Stadtaufenthaltsdauer verändert (Vieh → Geld/Sachgüter)[8].

Weiterhin ist anzumerken, dass der Aufenthalt der Migranten in den Städten zeitlich be-grenzt ist. Die Meisten von ihnen stammen aus einer im ländlichen Raum befindlichen Großfamilie. Ausgewählte Familienmitglieder ziehen in die Städte, um dort an den meist reichhaltigen Arbeitsmarktangeboten teilnehmen zu können. Folglich sind sie in der Lage ihre ,,Hinterbliebenen“ in der ländlichen Region finanziell zu unterstützen bzw. diese abzusichern.

Die starke Heimatverbundenheit der Migranten lässt das typische Erscheinungsbild ei-ner afrikanischen Stadt entstehen – es kommt zur Bildung ethnischer Cluster[9].

Zudem darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die Migranten in den Städten oft-mals nur unzulänglich versorgt werden. Da die Nachfrage nach billigem Wohnraum sehr häufig nicht erfüllt werden kann, entstehen Siedlungen auf ungeeigneten Frei-flächen (Bespiel: Überschwemmungsgebiet), die unter anderem Politiker kommerziell zur Verfügung stellen (Beispiel: Mathare Valley → citynahes Slumgebiet in Nairo-bi/Kenia, ehemalige Nutzung: Steinbruch). So wie für die arme Bevölkerung Wohn-fläche entsteht, so kommt es ebenso zur Bildung von Wohnvierteln für die Reicheren und folglich zur Ghettobildung. Aus dem sozialen Ungleichgewicht entwickelt sich wiederum eine hohe städtische Kriminalitätsrate.

Thomi spricht in diesem Zusammenhang drei positive Aspekte der eben beschriebenen sozialen Strukturen an. Sie stärken den Überlebenswillen, fördern die Kreativität des Einzelnen und lassen eine Stadtdynamik entstehen. All dies kann jedoch nicht in ein effektives Wirtschaftswachstum umgewandelt werden, da bestimmte Rahmenbedingun-gen gänzlich fehlen, so Thomi[10].

Weiterhin ist festzuhalten, dass die schwarzafrikanischen Städte nur sehr geringfügig bei der internationalen Städtekonkurrenz mithalten können. Die subsaharischen Städte produzieren zwar größere Mengen als ihr Umland, doch ihre hohen Konsumausgaben sind hierbei nicht kompensierbar[11].

1.4 Fazit

In Schwarzafrika wird überwiegend eine exzessive Land-Stadt-Wanderung betrieben. Durch die enormen sozialen Unterschiede, die in den Städten vorherrschen (Migranten meistens arm [Unterschicht] vs. Oberschicht), kommt es nicht selten zu Ghettobil-dungen.

Viele Migranten halten zwar an ihren Traditionen fest bzw. üben diese aus, doch hierbei darf nicht der Trugschluss entstehen, dass die ,,Gleichzeitigkeit des Lebens in zwei Welten“ von den Migranten nicht angenommen und auch nicht praktiziert wird, so Vor-laufer[12].

Verschiedene Traditionen und Normen stellen letztendlich eine Bereicherung für jede Gesellschaft dar. Sie lassen eine Stadt dynamisch bzw. lebendig erscheinen.

Weiterhin geben sie den Migranten in der Fremde psychische und soziale Stabilität.

Erst das Festhalten an traditionellen Wertsystemen leitet jeden sozialen Wandel ein und führt zu einer Modernisierung.

[...]


[1] Vgl. VORLAUFER 1992, 77

[2] Vgl. THOMI 2006, 94ff.

[3] Vgl. ebd. zit. n. THOMI, 95f.

[4] Vgl. a.a.O., 95ff.

[5] Vgl. a.a.O., 97f.

[6] Vgl. THOMI 2006, 100f.

[7] Vgl. ebd. zit. n. THOMI, 103

[8] Vgl. VORLAUFER 1992, 95ff.

[9] Vgl. THOMI 2006, 103

[10] Vgl. ebd. zit. n. THOMI, 104ff.

[11] Vgl. ebd. zit. n. THOMI, 108

[12] VORLAUFER 1992, 78

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Migration und sozialer Wandel im Verlauf des Urbanisierungsprozesses im subsaharischen Afrika - Allgemein und anhand ausgewählter Beispiele
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Seminar: Ausgewählte Themen der geographischen Entwicklungs-(länder)forschung
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
7
Katalognummer
V128386
ISBN (eBook)
9783640346899
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migration, Afrika, Schwarzafrika, Urbanisierungsprozess
Arbeit zitieren
Andrea Drobny (Autor), 2007, Migration und sozialer Wandel im Verlauf des Urbanisierungsprozesses im subsaharischen Afrika - Allgemein und anhand ausgewählter Beispiele, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128386

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