Im zweiten Teil von Goethes Drama Faust kommt es zu einer bemerkenswerten Situation: der durch die Explosion im ersten Akt bewusstlose Faust liegt auf einer Liege in seinem alten Studierzimmer und scheidet damit plötzlich als Protagonist der ersten Szene des zweiten Aktes aus. Auch Mephisto, der als Ersatzprotagonist vielleicht am wahrscheinlichsten wäre, kann diese Rolle nicht einnehmen, da er dem ohnmächtigen Helden nicht helfen kann und dadurch überfordert scheint. Stattdessen inszeniert Goethe einen vollkommen neuen, künstlich geschaffenen Charakter: Homunculus. Dieses wunderliche Wesen steht fortan im Mittelpunkt der Handlung, selbst über die erste Szene hinaus, nach der Faust wieder zu Bewusstsein kommt. Daher ist es interessant zu verfolgen, wie die Homunculus- Figur konzipiert ist und welche Rolle sie sowohl für den zweiten Akt als auch für das Drama insgesamt spielt.
Dem im Seminar Goethes Faust gehaltenem Referat über die Szenen Laboratorium und Klassische Walpurgisnacht soll mit der hier vorliegenden Hausarbeit eine nähere Untersuchung der Homunculus- Figur folgen. Zunächst soll mit einer kurzen Situationsbeschreibung der Szenen ein Einstieg in die Thematik gegeben werden. Ein Rückblick auf den historischen Ursprung der künstlichen Erschaffung eines Menschen namens Homunculus wird erfolgen. Dadurch soll aufzeigt werden, wie Goethes Homunculus- Idee entstanden sein könnte. Im letzten Teil der Arbeit soll eine Reflexion von Wissen und Wissenschaft in den Homunculus- Szenen vorgenommen werden. Es wird darum gebeten, zu berücksichtigen, dass Homunculus „das Problem der Probleme in 'Faust II' [ist]“ und es bei „rund 100 Texte[n]“ sehr differenzierte, einander oft adversative Interpretationen gibt, die das Verfassen dieser Arbeit umso komplizierter gemacht haben.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Homunculus im Werk
3 Historischer Ursprung der Erschaffung eines künstlichen Menschen
3.1 Alchemie
3.2 Die Entstehung eines Menschen bei Paracelsus
4 Wissen und Wissenschaft
5 Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konzeption der Figur Homunculus in Goethes „Faust II“ und analysiert deren Bedeutung im Kontext der zeitgenössischen Naturwissenschaft sowie der modernen Wissensproduktion. Ziel der Untersuchung ist es aufzuzeigen, wie Goethe historische alchemistische Motive in sein Drama integriert, um eine kritische Reflexion über das Verhältnis von theoretischem Wissen, technischer Machbarkeit und der Entfremdung von der Natur darzustellen.
- Die Entstehungsgeschichte und literarische Tradition des künstlichen Menschen.
- Die symbolische Bedeutung des Homunculus im zweiten Akt von „Faust II“.
- Reflexion des Spannungsfeldes zwischen alchemistischer Tradition und moderner Chemie.
- Der Homunculus als Verkörperung des reinen Intellekts und dessen Grenzen.
- Gesellschaftskritische Aspekte der modernen Wissenschaftsdarstellung im Drama.
Auszug aus dem Buch
3.1 Alchemie
Das entscheidende Ereignis der Szene Laboratorium ist die Erschaffung des Homunculus. Das Laboratorium ist charakterisiert „im Sinne des Mittelalters“. Es ist altmodisch und nicht modern. Die Apparate werden als „weitläufig“ und „unhülflich“ beschrieben. Sie sind demnach noch unentwickelt und nicht zweckmäßig. Durch die Hinzufügung, dass sie „zu phantastischen Zwecken“ verwendet werden, wird das ganze Laboratorium entwertet. Diese Beschreibung ist negativ zu deuten und es stellt sich die Frage: Was für Leistungen kann man von solch einer alten Anlage erwarten? Die Arbeitsstätte scheint die Größe der folgenden Leistung auszuschließen. Sie ist aber objektiv gegeben und daher muss etwas anderes gemeint sein, nämlich der Hinweis auf die Unzulänglichkeit der Mittel, mit denen sie erreicht wurde. Goethe leugnet den erzielten Fortschritt nicht, aber er bringt zum Ausdruck, dass die Mittel zum Ziel lächerlich und unangemessen sind. Die Geräte spielen keine Rolle, alles konzentriert sich auf die Phiole, eine retortenähnliche, kugelförmige und langhalsige Glasflasche.
Das Geschehen in der Retorte wird durch verschiedene Lichteindrücke (u. a. glühen, blitzen, leuchten) beschrieben. Es handelt sich um chemische Verfahren, die stets von Lichterscheinungen begleitet werden. Die Beschreibung ist aber vage, so dass man nichts Bestimmtes folgern kann. Es ist daher nicht angebracht auf ein modernes chemisches Verfahren zu schließen, dessen Ergebnis eine menschenähnliche Gestalt ist. Der Hergang scheint eher in den Bereich der Alchemie zu fallen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die dramaturgische Situation des zweiten Aktes ein und skizziert die methodische Vorgehensweise sowie den Forschungsstand zur Homunculus-Figur.
2 Homunculus im Werk: Hier wird der Handlungsverlauf der Figur im zweiten Akt beschrieben, von der Erschaffung im Laboratorium bis zu ihrem Ende in der Klassischen Walpurgisnacht.
3 Historischer Ursprung der Erschaffung eines künstlichen Menschen: Dieses Kapitel beleuchtet die alchemistischen Wurzeln des Motivs und die Einflüsse von Paracelsus auf die literarische Gestaltung des künstlichen Menschen.
4 Wissen und Wissenschaft: Der Autor reflektiert hier die Thematisierung der neuzeitlichen Wissenschaft im Drama und die Rolle der Figur als reiner Intellekt in einer durch Theorie produzierten Welt.
5 Fazit: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Einordnung des Homunculus als kritische Reflexion des Idealismus und als Ausdruck einer geforderten Rückkehr zur Natur.
Schlüsselwörter
Goethe, Faust II, Homunculus, Alchemie, Paracelsus, Naturwissenschaft, Wissen, Wissenschaft, Moderne, Laboratorium, Klassische Walpurgisnacht, Anthropologie, Literaturgeschichte, Chemie, Erkenntnistheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle und Konzeption der Figur Homunculus in Goethes „Faust II“ und deren Bezug zur zeitgenössischen Naturphilosophie und Wissenschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die literarische Tradition des künstlichen Menschen, die Darstellung der Alchemie sowie die kritische Reflexion des Wissensbegriffs in der Moderne.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin mit dieser Arbeit?
Ziel ist es, die Verbindung zwischen Wagners Labor-Experimenten und dem wissenschaftsgeschichtlichen Fortschrittsglauben von Goethes Zeit herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text im Kontext geistesgeschichtlicher und soziologischer Interpretationen, insbesondere unter Heranziehung der Forschung von Arens und Schlaffer, betrachtet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Herkunft des Homunculus-Motivs bei Paracelsus und untersucht, wie Goethe moderne wissenschaftliche Bestrebungen durch die Figur des Homunculus hinterfragt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Faust II, Homunculus, Alchemie, Moderne, Naturwissenschaft und Erkenntnistheorie geprägt.
Warum spielt das Laboratorium in „Faust II“ eine so wichtige Rolle für das Verständnis der Figur?
Das Laboratorium dient als Schauplatz, an dem der Übergang vom überkommenen, fast alchemistischen Denken hin zum abstrakten, theoretischen Wissen der Moderne verdeutlicht wird.
Welche Schlussfolgerung zieht die Arbeit hinsichtlich der Bedeutung des Homunculus für Faust?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass Homunculus durch sein Scheitern und seinen Wunsch nach Naturverbundenheit einen bewussten Gegenpol zur technokratischen Welt der Moderne bildet.
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- Evelyn Habel (Autor:in), 2008, Reflexion der modernen Naturwissenschaft in den Homunculus- Szenen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128388