Reflexion der modernen Naturwissenschaft in den Homunculus- Szenen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

15 Seiten, Note: 2,5

Evelyn Habel (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Homunculus im Werk

3 Historischer Ursprung der Erschaffung eines künstlichen Menschen
3.1 Alchemie
3.2 Die Entstehung eines Menschen bei Paracelsus

4 Wissen und Wissenschaft

5 Fazit

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1 Einleitung

Im zweiten Teil von Goethes Drama Faust kommt es zu einer bemerkenswerten Situation: der durch die Explosion im ersten Akt bewusstlose Faust liegt auf einer Liege in seinem alten Studierzimmer und scheidet damit plötzlich als Protagonist der ersten Szene des zweiten Aktes aus. Auch Mephisto, der als Ersatzprotagonist vielleicht am wahrscheinlichsten wäre, kann diese Rolle nicht einnehmen, da er dem ohnmächtigen Helden nicht helfen kann und dadurch überfordert scheint. Stattdessen inszeniert Goethe einen vollkommen neuen, künstlich geschaffenen Charakter: Homunculus. Dieses wunderliche Wesen steht fortan im Mittelpunkt der Handlung, selbst über die erste Szene hinaus, nach der Faust wieder zu Bewusstsein kommt. Daher ist es interessant zu verfolgen, wie die Homunculus- Figur konzipiert ist und welche Rolle sie sowohl für den zweiten Akt als auch für das Drama insgesamt spielt.

Dem im Seminar Goethes Faust gehaltenem Referat über die Szenen Laboratorium und Klassische Walpurgisnacht soll mit der hier vorliegenden Hausarbeit eine nähere Untersuchung der Homunculus- Figur folgen. Zunächst soll mit einer kurzen Situationsbeschreibung der Szenen ein Einstieg in die Thematik gegeben werden. Ein Rückblick auf den historischen Ursprung der künstlichen Erschaffung eines Menschen namens Homunculus wird erfolgen. Dadurch soll aufzeigt werden, wie Goethes Homunculus- Idee entstanden sein könnte. Im letzten Teil der Arbeit soll eine Reflexion von Wissen und Wissenschaft in den Homunculus- Szenen vorgenommen werden. Es wird darum gebeten, zu berücksichtigen, dass Homunculus „das Problem der Probleme in 'Faust II' [ist]“ und es bei „rund 100 Texte[n]“[1] sehr differenzierte, einander oft adversative Interpretationen gibt, die das Verfassen dieser Arbeit umso komplizierter gemacht haben.

2 Homunculus im Werk

Homunculus tritt ausschließlich im zweiten Akt von Faust II auf. Seine Existenz als künstliches Wesen beginnt in der Szene Laboratorium und endet in der Szene Klassische Walpurgisnacht. Die Existenz des Homunculus ist bestimmt von zwei treibenden Kräften, dem Drang, tätig zu sein und dem sich daraus entwickelnden Wunsch, zu entstehen. Beide Kräfte beeinflussen den Handlungsverlauf des zweiten Aktes entscheidend: Nachdem Homunculus in Wagners Laboratorium erschaffen wurde, richtet der anwesende Mephistopheles seinen Tätigkeitsdrang auf den bewusstlosen Faust. Homunculus betrachtet Fausts Traum und schließt daraus auf dessen Bedürfnis nach der antiken griechischen Mythologie. Homunculus, Mephistopheles und Faust begeben sich in die Klassische Walpurgisnacht, eine Versammlung antiker mythologischer Gestalten. Dort erwacht Faust und die Wege der drei Figuren trennen sich. Homunculus schließt sich den Philosophen Thales und Anaxagoras an und erhofft sich von ihnen Hilfe bei der Verwirklichung seines Wunsches, zu entstehen. Er wird Zeuge eines Krieges zwischen Pygmäen und Kranichen sowie des Entstehens eines neuen Berges. Anaxagoras bietet Homunculus die Herrschaft über die Pygmäen an, doch dieser wendet sich Thales zu, der ihm das Meer als Entstehungsort empfiehlt. Thales führt Homunculus zu Nereus, der ihn an Proteus weiterleitet. Proteus schließlich fordert Homunculus auf, ihm in das Meer zu folgen. Als die Meernymphe Galatee erscheint, zerschellt sich Homunculus an ihrem Muschelthron und beendet auf diese Weise seine künstliche Existenz.

3 Historischer Ursprung der Erschaffung eines künstlichen Menschen

3.1 Alchemie

Das entscheidende Ereignis der Szene Laboratorium ist die Erschaffung des Homunculus. Das Laboratorium ist charakterisiert „im Sinne des Mittelalters“. Es ist altmodisch und nicht modern. Die Apparate werden als „weitläufig“ und „unhülflich“ beschrieben. Sie sind demnach noch unentwickelt und nicht zweckmäßig. Durch die Hinzufügung, dass sie „zu phantastischen Zwecken“ verwendet werden, wird das ganze Laboratorium entwertet. Diese Beschreibung ist negativ zu deuten und es stellt sich die Frage: Was für Leistungen kann man von solch einer alten Anlage erwarten? Die Arbeitsstätte scheint die Größe der folgenden Leistung auszuschließen. Sie ist aber objektiv gegeben und daher muss etwas anderes gemeint sein, nämlich der Hinweis auf die Unzulänglichkeit der Mittel, mit denen sie erreicht wurde. Goethe leugnet den erzielten Fortschritt nicht, aber er bringt zum Ausdruck, dass die Mittel zum Ziel lächerlich und unangemessen sind. Die Geräte spielen keine Rolle, alles konzentriert sich auf die Phiole, eine retortenähnliche, kugelförmige und langhalsige Glasflasche.[2]

Das Geschehen in der Retorte wird durch verschiedene Lichteindrücke (u. a. glühen, blitzen, leuchten) beschrieben. Es handelt sich um chemische Verfahren, die stets von Lichterscheinungen begleitet werden. Die Beschreibung ist aber vage, so dass man nichts Bestimmtes folgern kann. Es ist daher nicht angebracht auf ein modernes chemisches Verfahren zu schließen, dessen Ergebnis eine menschenähnliche Gestalt ist. Der Hergang scheint eher in den Bereich der Alchemie zu fallen.[3]

Die Alchemie ist ein Zweig der Naturphilosophie und ein Vorläufer der modernen Chemie. Man beschäftigte sich mit chemischen Elementen vor allem mit deren Verschmelzung und Transmutation. Die bekanntesten Vorstellungen waren die künstliche Herstellung von Gold, die Schaffung des Steins der Weisen oder die Herstellung eines Allheilmittels. Die alchemistischen Vorstellungen sind angelehnt an die antike Vier- Elementen- Lehre (Erde, Wasser, Luft und Feuer), welche mit der Zeit aber immer mehr erweitert wurde. Nach alchemistischer Meinung sind alle chemischen Elemente aus den vier Primärelementen herstellbar beziehungsweise transformierbar.

Der Begriff „Homunculus“ erhält im 16. Jahrhundert bei Paracelsus erstmals wirkliche alchemistische Bedeutung, denn in seinem Werk „De natura rerum“ findet sich eine Anleitung zur Herstellung eines Homunculus.

In der Renaissance überwog das rationale Denken und man wandte sich von der Alchemie ab, weil sie sie sehr stark mit Mystik, Astrologie, dem Glaube an Geister und magischen Mittel in Verbindung gebracht wurde. Man wandte sich stattdessen der „neuen“ Chemie zu, bei der das Experiment, Verstand und Vernunft im Vordergrund standen.[4]

Die zu Anfang der Szene gegebene Beschreibung des Laboratoriums macht klar, dass es sich nicht um eine moderne Werkstätte handelt, sondern eher um eine Alchemistenküche, in der man Anorganisches in Organisches zu verwandeln bemüht war. Wagners Pläne und Ansichten sind aber phantastischer als die eines Alchemisten, wenn er nur noch künstliche Menschen in der Zukunft sieht. Sein Ausspruch „Behüte Gott! wie sonst das Zeugen Mode war / Erklären wir für eitel Possen.“ (V. 6838f.) ist so übersteigert, dass er lächerlich wird. Dafür hat Goethe massiv gesorgt. Es ist wahrscheinlich sein Spott über die übertriebenen Hoffnungen, die man zu seiner Zeit an die gelungene Synthese eines organischen Stoffes knüpfte.[5]

3.2 Die Entstehung eines Menschen bei Paracelsus

Die treibenden Kräfte des Homunculus ergeben sich aus den Umständen seiner Erschaffung und dem Wesen seiner Existenz: Homunculus ist ursprünglich geplant als ein künstlicher Mensch, den Wagner mit den Mitteln der Alchemie außerhalb des menschlichen Körpers erschaffen will. Das Motiv der Schaffung eines künstlichen Menschen findet sich bereits früher in der Literatur, zum Beispiel im sechzehnten Jahrhundert bei Paracelsus (Theophrastus Bombastus von Hohenheim), den auch Goethe gelesen hat.

Paracelsus ging von männlichem Sperma aus, das in Fäulnis versetzt, am 40. Tag, dem Höhepunkt der Zersetzung, lebendig und einem Menschen gleich sehen wird, jedoch durchsichtig und ohne einen Körper. Dann muss das Wesen 40 Wochen lang mit Menschenblut ernährt werden, um ein vollständiges menschliches Kind zu werden.[6]

Wagner ist überzeugt, dass ihm die Herstellung eines Menschen gelingt. Er glaubt, dass man sein Experiment beliebig oft wiederholen kann. Zuerst werden die „vielhundert“ (V. 6849) Stoffe vermischt und das Ergebnis wird dann in eine Retorte gefüllt. Alles muss luftdicht abgeschlossen werden, sodann es wiederholt destillieren kann, um die Masse immer mehr zu klären. Wagners Ausspruch „Es wird! Die Masse regt sich klarer!“ (V 6855) ist so vage, dass man nicht sagen kann, was eigentlich gemeint ist. Es zeigt nur, dass sich in der Materie irgendetwas verändert hat. Jede Veränderung verspricht ihm Erfolg und Wagner gelangt zu der Überzeugung, dass die Natur keine Geheimnisse mehr vor dem Menschen hat. Die Wagner- Figur demonstriert, dass das Begehren, zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, im Gegensatz zu Faust, auch konsequent praktisch verfolgt werden kann.

[...]


[1] Arens 1989, S. 372.

[2] Arens 1989, S. 365.

[3] Arens 1989, S. 366f.

[4] Arens 1989, S. 378.

[5] Arens 1989, S. 376.

[6] Arens 1989, S. 371f.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Reflexion der modernen Naturwissenschaft in den Homunculus- Szenen
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar: Goethes Faust
Note
2,5
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V128388
ISBN (eBook)
9783640352654
ISBN (Buch)
9783640352739
Dateigröße
385 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reflexion, Naturwissenschaft, Homunculus-, Szenen
Arbeit zitieren
Evelyn Habel (Autor), 2008, Reflexion der modernen Naturwissenschaft in den Homunculus- Szenen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128388

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