Moralentwicklung beim Kind - Jean Piaget


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

22 Seiten, Note: 2,0

Evelyn Habel (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Moralentwicklung bei Piaget

3 Das Murmelspiel
3.1 Versuchsaufbau und Versuchsobjekt
3.2 Die Regeln des Murmelspiels
3.3 Die Stadien der Regelpraxis

4 Heteronome und autonome Moral

5 Fazit

1 Einleitung

Das Thema Moral ist sehr wichtig für das Zusammenleben in einer Gesellschaft. Die Auseinandersetzung wie sich eine solche Moral entwickelt, ist nicht nur interessant sondern auch sehr aufschlussreich.

Diese Arbeit möchte sich vor allem mit Piagets Ideen zur moralischen Entwicklung beim Kind beschäftigen. Dazu wird es notwendig sein, einen Einblick in Piagets Untersuchungen des Murmelspiels zu geben. Das Hauptmerk dieser Arbeit soll allerdings auf Piagets Moraltheorie liegen, welche besonders zwischen einer heteronomen Moral und einer autonomen Moral unterscheidet. Wie wird die heteronome Moral dargestellt? Was macht die autonome Moral im Gegensatz zur heteronomen Moral aus? Kann es auch Mischformen aus diesen beiden Moraltypen geben? Solche Fragen werden im Mittelpunkt der Diskussion stehen. Zur Verdeutlichung der Moraltheorie wird es von Nutzen sein, auch Piagets Untersuchungsmethoden zur Erarbeitung und Bestätigung seines Modells in Ansätzen offen zu legen. Auch eine Kritik zur Moralkonzeption Piagets soll nicht ausgespart werden.

2 Die Moralentwicklung bei Piaget

Jean Piagets Theorie der Entwicklung des moralischen Urteils bei Kindern ist weniger bekannt als andere seiner Schriften. Für den gegenwärtigen Stand der moralischen Urteilsforschung ist Piagets frühe Arbeit eine Inspiration und eine Darstellung seiner Aussagen und Ergebnisse erscheint daher sinnvoll.

Piagets Untersuchungen waren durch die Ergebnisse der Arbeiten von Durkheim[1], Fauconnet[2], Bovet[3] und Baldwin[4] geprägt. Auf deren Arbeiten aufbauend, sah er folgende Problemstellung als zentral für seine theoretischen Analysen und empirischen Befragungen: Den Einfluss von Zwang durch die Erwachsenen auf das Kind, die Auswirkungen der sozialen Kooperation auf das moralische Urteil, sowie den Einfluss der intellektuellen Entwicklung auf die Prozesse des moralischen Denkens und die Wechselwirkung dieser drei Faktoren.

Piagets Arbeit liegen Verhaltensbeobachtungen und Interviews von ungefähr 100 Kindern im Vor- und Grundschulalter zugrunde. Er beobachtete die Kinder beim Murmelspiel, befragte sie zu den Regeln des Spiels und erzählte ihnen kleine Geschichten alltäglicher Probleme, zu denen sie moralische Urteile abgeben sollten. Durch diese Beobachtungen vermutete Piaget, dass es zwei unterschiedliche Moralitätstypen gibt: heteronome und autonome Moral.[5]

3 Das Murmelspiel

3.1 Versuchsaufbau und Versuchsobjekt

Piaget geht bei seiner Untersuchung nach der Klinischen Methode vor. Er erforscht das Einhalten der Spielregeln sowie das Nichteinhalten der Spielregeln von Seiten der Kinder. Dieser Vorgang findet auf zwei verschiedenen Ebenen statt. Piaget spricht mit den Kindern und beobachtet sie.

Er beobachtet gleichzeitig zwei Gruppen von Erscheinungen:

1. Das Praktizieren der Regeln, dass heißt die Art, wie die Kinder verschiedenen Alters die Regeln tatsächlich anwenden.
2. Das Bewusstsein der Regel, dass heißt die Art, wie die Kinder verschiedenen Alters sich den verpflichtenden Charakter, die Heteronomie oder die Autonomie der Spielregeln vorstellen.

Um die Moralentwicklung zu erforschen, gesellte er sich zu Kindern im Alter von fünf bis dreizehn Jahren. Es stellte sich heraus, dass Kinderspiele spontane und durchaus einflussreiche Elemente im Leben von Kindern sind und dass diese nicht durch Erwachsene „gefiltert“ werden. Die Spiele sind „Spiele von Kindern für Kinder.“[6] Bei seinen Versuchen wurde Piaget klar, dass die Kinder in verschiedenen Altersstufen das Spiel und seine Regeln in verschiedenen Perspektiven sehen und ein unterschiedliches Verständnis im Praktizieren der Regeln zeigen. Er analysierte seine Beobachtungen und konnte darauf basierend eine bis heute bedeutende Stufentheorie in der Moralentwicklung beim Kind entwickeln. Wichtig zum Verständnis ist die Tatsache, dass er aus dem jeweiligen Regelverständnis der Kinder ihre jeweilige Stufe in der Moralentwicklung ableitete. Er setze beide Begriffe somit gleich. Wie sich in den folgenden Untersuchungen zeigt, beinhalten beide Begriffe sehr viele Parallelen. Um nun mit der Herleitung und Veranschaulichung der Moralentwicklungsstufen zu beginnen, gilt es im Anschluss erst einmal das Murmelspiel vorzustellen.[7]

3.2 Die Regeln des Murmelspiels

Was haben die Regeln des Murmelspielens mit Moral zu tun? Für Piaget stellt jede Moral ein System von Regeln dar. Das Wesen der Sittlichkeit besteht für ihn in der Achtung, welche das Individuum für diese Regeln empfindet. Schwierigkeiten in der Analyse der kindlichen Moral sieht er darin, dass Kinder mit einer Erwachsenenmoral konfrontiert werden, die auf Bedürfnisse und Entwicklungsstand eines Kindes keine Rücksicht nehmen. Da es schwer ist, herauszufinden, inwieweit ein Kind tatsächlich Regeln „an sich“ berücksichtigt oder sich nur der Autorität Erwachsener fügt, beginnt Piaget seine Analyse anhand eines von Kindern erstellen Regelsystems, den Regeln des Murmelspiels.[8]

„Die Regeln des Murmelspiels werden genau wie die sogenannten moralischen Tatsachen von Generation zu Generation überliefert und verdanken ihre Fortdauer lediglich ihrer Beachtung durch die Individuen. Der einzige Unterschied ist, daß es sich hier um Beziehungen der Kinder untereinander handelt.“[9]

Die Analyse der Regeln des Murmelspiels ist für Piaget deshalb ein interessanter Bereich, weil der Einfluss Erwachsener gering ist. Zudem ermöglichte die Untersuchung sowohl die Praxis der Einhaltung der Regeln als auch das Bewusstsein der Regeln zu erforschen. Die Beziehungen zwischen diesen beiden Bereichen sind besonders wichtig für die „Bestimmung des psychologischen Charakters der moralischen Tatsachen“[10]. Die Beziehungen zwischen „Praxis“ und „Bewusstsein“ sind identisch mit dem, was wir heute als Zusammenhang zwischen Handeln und Denken bezeichnen würden.[11]

Die einzelnen Regeln variieren, da sie immer mündlich weitergegeben und von Zeit zu Zeit abgewandelt wurden.

Zu Beginn des Spiels wird auf dem Boden ein Viereck gezeichnet und in einem gewissen Abstand eine Startlinie. Jetzt muss jedes Kind seine „Einlage“ machen, dass heißt jeder Spieler muss Murmeln in der gleichen Wertigkeit wie seine Mitspieler in das Quadrat legen. Die Wertigkeit hängt von dem Material und dem Verkaufspreis der Murmeln ab.

Der Spielverlauf gestaltet sich so, dass die Murmeln im Quadrat mit Hilfe von größeren Kugeln herausgestoßen werden müssen. Bei der ersten Spielrunde kommt jedes Kind einmal dran. Es muss sich hinter der Startlinie aufstellen und seinen Wurf tätigen. War es erfolgreich, darf es die gewonnene Murmel behalten. In der zweiten Runde werfen die Kinder von dem Punkt aus, wo ihre große Kugel zu Anfang liegen geblieben ist. Hier gilt es nach bestimmten Taktiken zu spielen, da man sonst von Mitspielern blockiert werden kann. Ist man erfolgreich, darf man noch einmal werfen, so lange bis man keinen Treffer mehr erzielt. Gewinner des Spiels ist derjenige, der am Ende die meisten Murmeln getroffen hat.

Beim Murmelspielen ist die geplante Handlung vorher genau zu benennen. Es gibt zum Beispiel für bestimmte Techniken oder Angriffe genau definierte Begriffe. Die Handlung gilt als gemogelt, wenn man diese Ankündigung vergisst. Die Spielregeln sind sehr komplex und es gibt viele Besonderheiten. An dieser Stelle soll nur ein Beispiel genannt werden:

Gewinnt ein Spieler alle Murmeln des Spiels, so soll er aus Ehrenpflicht eine Revange anbieten. Hierbei muss er die gewonnenen Kugeln wieder einsetzen. Dies dient zur Rückgewinnung. Weigert er sich, so ist das legitim. Spricht jedoch ein anderer das Wort „glain“ aus, dann dürfen alle über ihn herfallen und ihm die Kugeln wegnehmen. Normalerweise ist das eine Zuwiderhandlung gegen die Moral, da es sich um einen Raub handelt. Nur durch die Anwendung des Wortes „glain“ verwandelt es sich in eine erlaubte Handlung und ist ausgleichende Gerechtigkeit.[12]

3.3 Die Stadien der Regelpraxis

Nach Meinung von Piaget entspringt das Bewusstsein der Moral bereits in frühster Kindheit, in der vorsprachlichen Phase. Die Moral kann sich jedoch erst im Handeln des Kindes äußern, wenn das Erlernen der Sprache einsetzt. Für Piaget ist die Einheit von Denken und Handeln Voraussetzung für die Entwicklung des Kindes.

Piaget hat die Praxis des Murmelspiels sorgfältig untersucht und er unterscheidet vier Stadien der Anwendung der Regeln:

1. Rein motorisches und individuelles Stadium

Im Alter von null bis drei Jahren spielt das Kind mit Murmeln nach eigenen Wünschen und motorischen Gewohnheiten. Es gibt also noch keine Regeln sondern nur Regelmäßigkeiten, so dass Kinder diesen Alters schon Spielhandlungen wiederholen können. Dabei spielt das Kind überwiegend allein. Es handelt sich um motorische Regeln und nicht um Regeln des Zusammenspiels.

„Jacqueline (3 Jahre, 4 Monate) betrachtet neugierig die Murmeln, die sie in den Händen hat und welche sie zum ersten Male sieht, dann läßt sie sie auf den Teppich fallen. Dann legt sie sie in einen Sessel in eine Vertiefung. ‚Sind das kleine Tiere?‘ - ‚ Aber nein.‘ - ‚Sind es Kugeln?‘ - ‚ Ja.‘ Sie legt sie wieder auf den Teppich, nimmt sie dann und läßt sie einzeln aus einer gewissen Höhe fallen. Dann legt sie sie wieder auf den Sessel, zuerst an denselben Platz, dann in andere Löcher. (…) An den folgenden Tagen legt Jacqueline von neuem die Murmeln auf die Sessel und Stühle und in ihren Kochtopf, um das Essen zu bereiten. Oder sie wiederholt die soeben beschriebenen Handlungen“[13]

2. Egozentrisches Stadium

Von zwei bis sechs Jahren bereitet sich das Kind auf das gemeinsame Spiel vor. Die Kinder wollen zusammen spielen, doch sie spielen noch nicht nach den gleichen Regeln, sondern sie versuchen die Regeln des Älteren nachzuahmen. Dabei steht die Spielaufgabe im Mittelpunkt und nicht das Siegen. Durch die Spielregeln erlangen sie Sicherheit, dass sie sich richtig verhalten.

„Baum (6 1/2 Jahre) zieht ohne weiteres ein Viereck und legt drei Kugeln hinein. Er bemerkt dazu: ‚ Manchmal tut man vier oder drei oder zwei hinein.‘ - ‚Oder fünf?‘ - ‚ Nein, fünf nicht, aber manchmal sechs oder acht.‘ ‚Wer fängt an, wenn Du mit den Kindern spielst?‘ - ‚ Manchmal ich, manchmal der andere.‘ - ‚Gibt es nicht ein Mittel, um zu wissen wer anfängt?‘ - ‚ Nein.‘ - ‚Weißt Du, was eine ‚coche‘ ist?‘ - ‚ Oh ja.‘ - In der Folge zeigt es sich jedoch, daß er gar nichts über die ‚coche‘ weiß und glaubt, daß dieses Wort ein anderes Spiel bezeichnet. (…) Wir spielen eine kurze Zeit und ich frage, wer gewonnen hat. ‚ Der, der eine Murmel berührt

hat, nun der hat gewonnen.‘ - ‚Also, wer hat gewonnen?‘ - ‚ Ich, und dann Sie.‘[14]

3. Beginnende Zusammenarbeit

Mit sieben bis zehn Jahren will das Kind Regeln einhalten und gewinnen. Es will andere beim Spielen verstehen und selbst verstanden werden. Die Freude am Spiel ist jetzt sozial bedingt. Es ergibt sich die Notwendigkeit einer gegenseitigen Kontrolle und Vereinheitlichung der Regeln. In der Praxis funktioniert dies meist so, dass die Kinder sich über die Spielregeln bereits einigen können. Befragt man die Mitspieler allerdings einzeln, ergeben sich überraschend widersprüchliche Auffassungen über einzelne Regeln. Sie verfügen noch nicht über gemeinsame Regeln sondern ahmen sich einander beim Spiel nach und vermeiden Regeln, die zu Streit führen. Es treten Spiele mit freier Durchführungsform in den Vordergrund, also Spiele für Eigeninitiative, Erfindungsgabe und Kombinationsvermögen.

„Als wir zu spielen anfangen, stelle ich es so an, daß ich im Viereck bleibe (…): ‚Sie sind erledigt!‘ ruft Ben begeistert. ‚Sie können nicht mehr spielen, bis ich Sie herausbringe!‘ Nus kennt diese Regel nicht. Ebenso ruft Ben, als wir ungeschickt spielen und die Kugel uns aus der Hand rollt ‚fan coup‘, um uns zu hindern, ‚coup passé‘ zu sagen und gleich wieder zu spielen.“[15]

4. Kodifizierung der Regeln

Ab einem Alter von elf Jahren sind nicht nur alle Spielpartien genau geregelt, sondern allen Mitspieler sind die Regeln in ihrer Gesamtheit bekannt. Es gibt kaum noch widersprüchliche Aussagen, selbst über die detailliertesten Regeln. Piaget bezeichnet dieses Stadium auch als „Interesse für die Regeln als solche“[16].

„Rit (12 Jahre), Gros (13 Jahre) und Vua (13 Jahre) spielen oft Murmeln. Wir haben jeden einzelnen befragt und Maßnahmen getroffen, um zu vermeiden, daß sie während unserer Abwesenheit den Inhalt unserer Befragung einander mitteilen. Hinsichtlich des Vierecks, der Einlage, der Art zu werfen und im allgemeinen der bereits zuvor untersuchten Regeln stimmen natürlich diese Kinder untereinander völlig überein. Um zu wissen, wie man anfängt, gibt es nach Rit, der zwei Ortschaften der Umgebung bewohnte, bevor er in die Stadt kam, zwei verschiedene Gebräuche. Man zieht eine Linie, die ‚coche‘, und derjenige, der ihr am nächsten kommt, fängt an. Wirft man über diese Linie hinaus, so macht dies nach einzelnen Mitteilungen entweder nichts, oder ‚es gibt ein anderes Spiel; wirft man über diese Linie hinaus, so ist man der letzte.‘ Gros und Vua kennen nur diese Art, die einzige, die von den Knaben dieses Viertels tatsächlich gespielt wird.“[17]

[...]


[1] Durkheim 1973.

[2] Fauconnet 1920.

[3] Bovet 1928.

[4] Baldwin 1906.

[5] Heidbrink 1999, S. 11.

[6] Piaget 1976, S. 83.

[7] Piaget 1976.

[8] Heidbrink 1999, S. 12.

[9] Piaget 1976, S. 8.

[10] Piaget 1976, S. 9.

[11] Heidbrink 1999, S. 12.

[12] Piaget 1976.

[13] Piaget 1976, S. 25f.

[14] Piaget 1976, S. 34.

[15] Piaget 1976, S. 42.

[16] Piaget 1976, S. 49.

[17] Piaget 1976, S. 45f.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Moralentwicklung beim Kind - Jean Piaget
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Moralische Erziehung
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V128393
ISBN (eBook)
9783640352494
ISBN (Buch)
9783640352319
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moralentwicklung, Kind, Jean, Piaget, Thema Jean Piaget
Arbeit zitieren
Evelyn Habel (Autor), 2008, Moralentwicklung beim Kind - Jean Piaget, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128393

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Moralentwicklung beim Kind - Jean Piaget



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden