Diese Arbeit vertritt die These, dass die aktuelle Lage des Deutschen in Deutschland im Modell von Weiß einen zusätzlichen Zwischenschritt erforderlich macht, nämlich den Zwischenschritt eines Regionalstandard-Standard-Kontinuums. Das Dialekt-Standard-Kontinuum ist tatsächlich im Wandel – die Dialekte schwinden zwar, doch (noch) sind sie weder vollends verschwunden, noch ist der Nonstandard frei von unterschiedlichen regionalen Markierungen. Vielmehr scheinen Regiolekte die Dialekte abzulösen und dabei selbst zu Regionalstandards zu werden, während simultan der überregionale Nonstandard diese Entwicklung zwar beeinflusst, aber nicht dominiert. Somit muss die vierte Phase beim Modell von Weiß erst noch erreicht werden, die dritte Phase ist jedoch auch nicht mehr zutreffend. Interessanterweise wurde genau diese Entwicklung (sogar mitsamt Denaturierungstendenzen) bereits in den 1990ern prognostiziert.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Das Dialekt-Standard-Kontinuum
III. Das Nonstandard-Standard-Kontinuum
IV. Das Regionalstandard-Standard-Kontinuum
IV.1. Nativierung des Standarddeutschen
IV.2. Funktion und Prestige
IV.3. Bevölkerungsentwicklung
V. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die aktuelle sprachliche Situation des Deutschen in Deutschland und vertritt die These, dass das bestehende Modell der vier Lebensaltern einer Standardsprache von Helmut Weiß unvollständig ist. Ziel der Forschungsarbeit ist es, einen zusätzlichen Zwischenschritt, das „Regionalstandard-Standard-Kontinuum“, zu etablieren, um den Wandel des Dialekt-Standard-Kontinuums treffender abzubilden.
- Analyse des Dialektverfalls und der Bedeutung von Regiolekten.
- Untersuchung des Prestige- und Funktionsverlusts traditioneller Dialekte.
- Einfluss der Binnenwanderung und räumlichen Mobilität auf sprachliche Variationen.
- Bestimmung der Rolle von Regionalstandards als Ersatzfunktion für lokale Dialekte.
- Überprüfung und Erweiterung des Modells von Helmut Weiß hinsichtlich neuer linguistischer Phasen.
Auszug aus dem Buch
IV. Das Regionalstandard-Standard-Kontinuum
M.E. werden Regiolekte zu Unrecht von Weiß vernachlässigt. Natürlich wollte er in seinem Modell den Fokus auf den Wechsel der Medialität und der Spracherwerbsart legen, diese Funktion erfüllt das Modell auch zweifellos, außerdem ist es allein schon rein visuell ein ansprechendes Modell, wie die Tabelle von Pröll im letzten Kapitel darstellte. Dennoch: Zwischen dem Dialekt-Standard-Kontinuum und dem Nonstandard-Kontinuum werden Dialekte und Regiolekte im bedeutenden Zwischenschritt zuerst „überregionalisiert“. Wenn schon etwas die Dialekte funktional ablöst, dann ist nicht primär der Nonstandard, sondern zuallererst die Regiolekte, die die kleineren Dialekte „verschlucken“ und die größeren aneinander angleichen, dasselbe bei kleinregionalen Regiolekten passiert, sie sich dabei insgesamt dem Standard nähern und so ein Regionalstandard entsteht. Interessanterweise können sich z.T. aber auch ursprünglich kleinräumig verbreitete Dialektmerkmale ausbreiten. Da diese Entwicklung noch stattfindet, ist es zu früh, genaue Vorhersagen zu treffen, doch es scheint, dass sich so sechs bis neun Regionalstandards in Deutschland bilden.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Dialektschwunds ein und stellt die These auf, dass ein zusätzlicher Zwischenschritt in Form des Regionalstandard-Standard-Kontinuums im Modell von Weiß notwendig ist.
II. Das Dialekt-Standard-Kontinuum: Dieses Kapitel erläutert die plurizentrische Natur des Deutschen anhand des Modells von Heinrich Löffler und stellt das Kontinuum zwischen Dialekt und Standard dar.
III. Das Nonstandard-Standard-Kontinuum: Hier wird das Modell von Helmut Weiß diskutiert, insbesondere der Übergang von Dialekten zu N2-Sprachen, wie er für Norddeutschland beschrieben wird.
IV. Das Regionalstandard-Standard-Kontinuum: Dieses Kapitel bildet den Hauptteil der Arbeit, in dem die Nativierung, soziale Funktionen, Prestige und der Einfluss der Bevölkerungsentwicklung auf die Regionalstandards analysiert werden.
V. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die Notwendigkeit der Phase 3,5 als Zwischenschritt im theoretischen Modell.
Schlüsselwörter
Regionalstandard, Dialekt, Standarddeutsch, Sprachwandel, Nativierung, Regiolekt, Soziolinguistik, Dialektverfall, Sprachprestiges, Kontinuum, Binnenwanderung, Sprachdynamik, Sprachvariation, Helmut Weiß, Standardisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der aktuellen Entwicklung der deutschen Sprache in Deutschland, speziell dem Rückgang traditioneller Dialekte zugunsten von Regionalstandards und der Modellierung dieses Sprachwandels.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit untersucht den Übergang von Dialekten zu Regionalstandards, die soziale Akzeptanz bzw. das Prestige dieser Varietäten sowie gesellschaftliche Faktoren wie Binnenwanderung und Urbanisierung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist der Nachweis, dass das bestehende Modell von Helmut Weiß durch eine zusätzliche Phase, das Regionalstandard-Standard-Kontinuum, erweitert werden muss, um die aktuelle Situation korrekt abzubilden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Analyse bereits bestehender Studien, Statistiken und linguistischer Modelle, um die Thesen zu untermauern und das Modell von Weiß durch eine Synthese mit dem Nähe-Distanz-Modell von Koch und Oesterreicher zu ergänzen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil (Kapitel IV) werden der funktionale und prestigebedingte Wandel von Dialekten zu Regionalstandards, das Konzept der Nativierung und die Auswirkungen der Bevölkerungsentwicklung auf diesen Prozess tiefgehend beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Regionalstandard, Nativierung, Sprachwandel, Dialektverfall und Kontinuum.
Wie wirkt sich die Binnenwanderung auf die Dialekte aus?
Die Arbeit legt dar, dass Binnenwanderung in Städte ein Katalysator für den Dialektverlust ist, da Sprecher ihre heimatlichen Dialekte zugunsten der auffälligeren Merkmale von Regiolekten oder Regionalstandards ablegen.
Warum haben Regionalsprachen ein anderes Prestige als Dialekte?
Regionalstandards sind weniger stigmatisiert als traditionelle Dialekte, da sie in offiziellen Situationen als angemessener empfunden werden und für größere Bevölkerungsgruppen heimatnah klingen, ohne das Stigma der Bildungsferne zu tragen.
Was versteht die Arbeit unter dem Begriff "Enregisterment"?
Enregisterment beschreibt den Prozess, bei dem einzelne dialektale Ausdrücke in das linguistische Repertoire eingebunden werden, um soziale Identität zu vermitteln, ohne dass der gesamte Dialekt als System erhalten bleibt.
- Arbeit zitieren
- Pawel Bornstedt (Autor:in), 2022, Das Regionalstandard-Standard-Kontinuum als Zwischenschritt im Modell von Helmut Weiß, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1284347