Die vorliegende Arbeit wird den Prolog des ‚Iwein‘ vor dem Hintergrund seiner französischen Vorlage thematisieren. Es wird ein Vergleich der ‚Yvain‘/‚Iwein‘-Prologe angestrebt: Wie sind beide Prologe aufgebaut? Verfahren beide Dichter nach demselben Aufbauschema? Wo gibt es Abweichungen? Welche Themen/Motive/Begriffe werden übernommen? Was wird übernommen, aber anders konzipiert?
Mithilfe dieser Fragestellungen ist es das Ziel dieser Arbeit, herauszustellen, warum Hartmann bestimmte Veränderungen am Prolog vornimmt. Aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Arbeit, kann sich lediglich auf folgende, thematische Aspekte des Prologs fokussiert werden: Die Sentenz von Hartmann, das Motiv der laudatio temporis acti sowie auf die Selbstnennung des deutschen Dichters. Diese Punkte werden vor dem Hintergrund des mittelalterlichen Dichtungsverständnis der dilatatio materie analysiert, welches im ersten Kapitel genauer beleuchtet wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Dilatatio materie
3. Ein Vergleich der ‚Iwein‘/‚Yvain‘- Prologe
3.1 Hartmanns Exordialsentenz
3.2 Laudatio temporis acti
3.3 Ein riter, der geleret was […] daz er ouch tihtennes pflac
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die strukturellen und inhaltlichen Unterschiede zwischen den Prologen von Hartmann von Aues "Iwein" und Chrétien de Troyes' "Yvain". Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Hartmann durch gezielte Bearbeitung der französischen Vorlage den Prolog an die Erwartungshaltungen und das Verständnis des deutschen Publikums des 12. Jahrhunderts anpasst.
- Die Funktion und Gestaltung der Exordialsentenz bei Hartmann von Aue
- Anwendung und Umdeutung des Motivs der "laudatio temporis acti"
- Die Rolle des Autors und die Selbstnennung im Prolog
- Der Einfluss mittelalterlicher Dichtungstheorien ("dilatatio materie") auf die Textbearbeitung
- Literarische Strategien zur Lesersteuerung und Identitätsstiftung durch den Dichter
Auszug aus dem Buch
3.2 Laudatio temporis acti
Das Lob der vergangenen Zeit findet sich bei Chrétien gegen Ende des Prologs in den folgenden Versen: (‚Yvain‘, V. 29-32). Der Franzose fährt fort und rekurriert in diesem Zusammenhang auf König Artus, der „solchen Ruhm besaß, daß man nah und fern von ihm redet […]“ und dessen „Name allezeit lebendig bleiben wird; und um seinetwillen gedenkt man der guten Ritter […], die sich um Ehre mühten.“ (‚Yv.‘, V. 33-41). Chrétien hält eine Lobpreisung auf die damaligen Zeiten, in denen außerordentliche Taten vollbracht wurden. Er beklagt damit gleichzeitig die defizitäre Gegenwart, die vor dem Hintergrund der ruhmreichen Rittererscheinungen der Vergangenheit nur als unzulänglich betrachtet werden könne. Der Topos der laudatio temporis acti tritt hier deutlich zum Vorschein. Seinem Prolog zufolge ist für Chrétien ein toter Ritter mehr wert als ein lebender Mensch. Hier wird vom Dichter keineswegs auf eine Standesideologie verwiesen, sondern vielmehr die Bedeutung des Redens über die außerordentliche, ritterliche Vergangenheit in der Gegenwart hervorgehoben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Rezeptionsgeschichte der Artusromane ein und erläutert die Zielsetzung der Arbeit, die Prologe von Hartmann von Aue und Chrétien de Troyes vergleichend zu analysieren.
2. Dilatatio materie: In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen der mittelalterlichen Dichtkunst dargelegt, insbesondere das Konzept des "Wiedererzählens" und die Adaption vorhandener Stoffe zur Schaffung eigener, neuer Werke.
3. Ein Vergleich der ‚Iwein‘/‚Yvain‘- Prologe: Das Hauptkapitel untersucht detailliert die Gestaltung des Prologs bei Hartmann von Aue, angefangen bei der Exordialsentenz über die Rolle der "laudatio temporis acti" bis hin zur dichterischen Selbstnennung und -inszenierung.
4. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse, wobei betont wird, dass Hartmann durch strukturelle Straffung und inhaltliche Anreicherung den Prolog gezielt auf das deutsche Publikum ausrichtet.
Schlüsselwörter
Hartmann von Aue, Chrétien de Troyes, Iwein, Yvain, Prolog, Artusroman, Mittelhochdeutsch, Dilatatio materie, Wiedererzählen, Laudatio temporis acti, Literaturtheorie, Mittelalter, Rezeptionsästhetik, Exordialsentenz, Dichter
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Untersuchung widmet sich dem Vergleich der zwei Prologe von Chrétien de Troyes' "Yvain" und Hartmann von Aues "Iwein", um die Adaptionsleistung des deutschen Autors zu beleuchten.
Welche zentralen Themenfelder werden analysiert?
Im Zentrum stehen die poetologische Gestaltung, der Aufbau von Prologen in der mittelalterlichen Dichtung und die bewusste Anpassung literarischer Motive an die Erwartungen des zeitgenössischen Zielpublikums.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu ergründen, warum Hartmann von Aue gezielte Veränderungen an seiner französischen Vorlage vornahm und welche Rückschlüsse dies auf seine literarische Intention zulässt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit nutzt eine komparatistische Analyse, die durch literaturtheoretische Konzepte des Mittelalters – wie etwa die "dilatatio materie" – gestützt wird.
Welche Aspekte werden im Hauptteil explizit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Exordialsentenz, das Motiv des Lobes der vergangenen Zeit ("laudatio temporis acti") sowie die Bedeutung der Autoren-Selbstnennung und -Rollenbeschreibung.
Wie lassen sich die in der Arbeit zentralen Schlüsselwörter definieren?
Die Schlüsselwörter umfassen primär die Namen der Dichter und ihrer Werke sowie fachspezifische Begriffe der germanistischen Mediävistik wie Prologstruktur, Adaption und mittelalterliche Dichtungstheorie.
Was unterscheidet Hartmanns Ansatz der Prologgestaltung von dem des Chrétien de Troyes?
Während Chrétien beim "Yvain" ein eher lockeres Aufbaumodell wählt, setzt Hartmann auf eine strengere, auf das Publikum ausgerichtete Struktur, um die Vermittlung von Inhalten und Reflexion zu stützen.
Welche Funktion hat die "laudatio temporis acti" in Hartmanns Version im Vergleich zur Vorlage?
Hartmann nutzt das Lob der Vergangenheit, um die Überlegenheit der Literatur über die Faktizität zu betonen und den Wert des Erzählens als Mittel zur Glücksfindung in der Gegenwart hervorzukehren.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2022, Sinnstiftende Prologe? Ein Vergleich der "Iwein/Yvain"-Prologe von Chrétien de Troyes und Hartmann von Aue, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1284350