Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Hexenprozesse in der alten und neuen Welt am Beispiel Salem und Lemgo


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

24 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe


Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Untersuchung der Grundvoraussetzungen
2.1 Die verschiedenen Hexenbegriffe:
2.1.1 Salem
2.1.2 Lemgo
2.1.3 Zwischenfazit
2.2 Ausgangslage
2.2.1 Salem
2.2.2 Lemgo
2.2.3 Zwischenfazit
2.3 Initialer Auslöser
2.3.1 Salem
2.3.2 Lemgo
2.3.3 Zwischenfazit

3. Untersuchung der begünstigenden Faktoren
3.1 Politische und wirtschaftliche Faktoren
3.1.1 Salem
3.1.2 Lemgo
3.1.3 Zwischenfazit
3.2 Soziale und psychologische Faktoren
3.2.1 Salem
3.2.2 Lemgo
3.2.3 Zwischenfazit
3.3 Religiöse Faktoren
3.3.1 Salem
3.3.2 Lemgo
3.3.3 Zwischenfazit
3.4 Besonderheiten und individuelle Faktoren
3.4.1 Salem
3.4.2 Lemgo
3.4.3 Zwischenfazit

4. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenn man heute in einer deutsche Fußgängerzone eine Umfrage startete und Passanten fragen würde, was sie mit dem Thema Hexerei verbinden, bekäme man wahrscheinlich Schlagwörter zu hören wie: „Alte Frau mit warziger Nase“, „finsteres Mittelalter“, „Flug auf dem Besen um den Blocksberg“ und ähnliches hören. Nur die wenigsten würden vermutlich den Begriff Hexerei mit unsrer heutigen Zeit und dann auch noch mit den USA verbinden. Doch gerade dort erregte vor kurzem ein Fall Aufmerksamkeit welcher einen Lehrer betraf, der einen Zahnstocher vor seinen Schülern verschwinden ließ und bald darauf von seinem Vorgesetzten einen Anruf bekam. Von diesem wurde er informiert dass sich Eltern eines verängstigten Schülers bei der Schulleitung beschwert hätten und verkündete ihm seine Entlassung wegen „wizardry“.[1] So bizarr dieser Vorfall auch scheinen mag, zeigt er doch auch dass wir in unserer heutigen aufgeklärten Zeit nicht vor solchen längst vergangen zu scheinenden Episoden unsrer Geschichte eingeholt werden können.

Und es zeigt, dass auch in den jungen USA der Glaube an Hexen und Zauberei vorhanden ist und war. Dieser war auch der Grund für einen der wenigen Hexenprozesse im frühneuzeitlichen Nordamerika, genauer gesagt in Salem. Diese Prozeßwelle, welcher 1692 20 Menschen zum Opfer fielen, möchte ich mit der dritten Prozeßwelle im westfälischen Lemgo von 1653 bis 1681 vergleichen und so die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Hexenprozessen auf zwei verschiedenen Kontinenten herauszuarbeiten.

Meine Wahl fiel auf diese beiden Städte weil beide Ereignisse gut erforscht sind und eine Vielzahl an Quellen und Literatur zu finden ist. Außerdem ist mein Interesse an der nordamerikanischen Geschichte auch durch mein Zweitfach Englisch bedingt und aus den Prozessen lassen sich durchaus Rückschlüsse auf die heutige Mentalität der US-Amerikaner ziehen, welche immer noch stark vom puritanischen Glauben ihrer Vorfahren geprägt sind.

An Literatur zu Lemgo habe ich mich hauptsächlich mit den beiden von Wilbertz und Scheffler herausgegebenen Sammelbänden zur Geschichte Lemgos beschäftigt, da diese relativ aktuell und umfangreich sind und eine Vielzahl von Forscherbeiträgen in sich vereinen. Zum Thema Salem habe ich mir das 2008 erschienene Buch von David Goss und den Sammelband von Winfried Herget, welche sich beide ausführlich diesem Thema widmen, zu Gemüte geführt.

2. Untersuchung der Grundvoraussetzungen

2.1 Die verschiedenen Hexenbegriffe:

2.1.1 Salem

Die Grundlage im Salemer Hexenprozess war wie in Europa der Glaube an einen der Hexerei vorausgegangenen Pakt mit dem Teufel welcher der Hexe ihre übermenschlichen Fähigkeiten verleiht.[2] Der Hexenbegriff in England, welcher großen Einfluss auf denjenigen in den Kolonien hatte, kannte einige Tests um Hexen zu bestimmen. Manche überschneiden sich mit denen auf dem Festland angewandten, manche sind einzigartig. Hexenmale oder die Suche nach magischen Puppen waren auch im Resteuropa bekannt. Der Begriff des spectral evidence, des Spektralbeweises, welcher die Erscheinung der Hexe als Geist bezeichnet, war allerdings speziell in Neu-England und in Salem ein Hauptmerkmal zur Überführung von Hexen. Hierbei kam es oft vor dass gewisse Personen (hier Kinder) angaben, von anderen, ihnen bekannten Personen besessen (afflicted) zu sein und dass jene für ihr Leiden verantwortlich wären. Auch kamen zum Erkennen von Hexen Touch and Sight Tests ins Spiel. Entweder wurde der Blick des Täters von seinem Opfer erkannt oder die Berührung des Täters löste Anfälle beim Opfer aus.[3] In Europa waren diese Tests schon seit langem umstritten und auch in Salem fanden sie nicht ungeteilten Zuspruch. Angewandt wurden sie dennoch.

Einer der geistigen Väter des puritanischen Hexenbegriffes war William Perkins mit seinem 1608 erschienenen Buch A Discourse On The Damned Art Of Witchcraft. Das Buch erklärt die Charakteristika einer Hexe oder eines Hexers. Zu diesen zählen das freie Geständnis des Verbrechens und die Besagung durch zwei Zeugen. Als mindere Beweismittel zählt er dann noch Feuer- und Wassertests sowie das Abrennen des Daches des Hauses des Beschuldigten auf. Falls diese in ihr Haus rennen würde, was viele vermutlich taten um ihr Hab und Gut zu retten, wäre dies ein Zeichen dass sie eine Hexe sei.[4] Die Aussagen einer der Beschuldigten in Salem ergeben ein Hexenbild welches sich mehr mit dem europäischen deckt: Sie beschreibt Treffen beim Hexensabbat und gibt an dass sie mit sticks dort hingeflogen sei, ferner berichtete sie von zwei Personen welche sie schon in anderem Zusammenhang besagt hatte und schreibt ihnen Fantasietiere zu, z.B. ein Wesen mit dem Kopf einer Frau, zwei Beinen und zwei Flügeln.[5]

Cotton Mathers, eine der zentralen Figuren der Salemer Prozesse, präzisiert dass Hexen sündige Menschen seien welche sich dem Teufel andienten um einen Pakt mit ihm zu schließen. Mit sogenannten specters (Gespenstern) ziehen sie übers Land und verursachen mit ihren unsichtbaren Waffen realen Schaden, wahrnehmbare Verletzungen. Und diese Wunden sind für Mathers der Beweis dass es Hexen, invisible furies, tatsächlich gibt.[6] Die Hexen stammen nach einem seiner Bücher aus der "Unsichtbaren Welt", einer neben der sichtbaren Welt existierenden. Diese ist von spiritueller, geistiger Natur und neben Geistern auch vom Teufel und seinen Agenten bevölkert. Und diese spirituellen Kräfte manifestierten sich nach damaliger Überzeugung auch in der materialistischen Welt. Gewitter, Flutwellen und Erdbeben wurden als Vorzeichen aus dieser unsichtbaren Welt gesehen und konnten als Warnungen Gottes, andersherum aber auch als Zeichen des Teufels und seiner Agenten den Hexen interpretiert werden.

2.1.2 Lemgo

Am Beispiel Marie Rampendahls, der letzten beschuldigten, aber nicht hingerichteten Hexe lässt sich das Hexenbild der Lemgoer Hexenprozesse gut abbilden. Auch hier tritt wieder eine Besagung durch insgesamt 13 Personen hervor aufgrund welcher die Vorwürfe gegen sie erhoben wurden. So wurde sie von einer Frau beschuldigt dass sie auf dem Hexensabbat als "Hexenprinzessin"[7] aufge- treten sei, von einer anderen wird sie des Schadenzaubers, genauer des Giftmordes an einem Jungen, welchen sie gemeinsam durchgeführt haben wollen, bezichtigt. Eine andere führte aus dass die Rampendahl deren Mutter am Krankenbett besucht habe woraufhin diese verstorben sei. Ein Zeuge sagt aus dass seine Kälber erst wieder überlebt hätten als seine Nachbarin Rampendahl weggezogen sei. Typische Hexencharakteristikum scheint auch der Diebstahl von Milchprodukten gewesen zu sein. Auch ihr Charakter, welcher als gemein und streitlustig bezeichnet wurde, fällt unter das damalige Bild einer Hexe und auch das Beten und Singen bei ihr daheim habe sie nicht erlaubt.[8] Hinzu kommt noch dass sie versucht habe Nachwuchs zu werben und diesem dann das Zaubern beizubringen, was ihr an zwei Kindern auch gelungen sein soll. Außerdem stand Rampendahl schon seit angeblich 20 Jahren unter generellem Hexenverdacht.[9] Ihr Mann hatte ferner in seiner Tätigkeit als Barbier durch Indiskretion noch eine Geschichte verbreitet in der er bei einem Spaziergang gesehen haben will wie aus einer Dame zwei Männer entstanden, wovon einer schwarz und groß gewesen sei. Diese Geschichte wurde dann auf dem Weg durchs Dorf um einige Details erweitert und so wurde schließlich noch der Teufel ins Spiel gebracht und das Hexenbild nahezu komplettiert.

Hexen konnten darüber hinaus auf vielerlei Art ihre Opfer schädigen, z.B. durch Geschenke in welchen sich der böse Zauber verbarg oder das Vergraben von Kräutern unter der Türschwelle am Haus des Opfers. Das Motiv des Wetterzaubers, in anderen Gegenden und auch in Salem übliches Merkmal eines Hexenprozesses, wird in den Lemgoer Gerichtsakten nur ein Mal erwähnt, wohingegen der direkte, Personen oder Tiere betreffende Schadenszauber, wie an den obigen Beispielen ersichtlich ist, eine größere Rolle spielte. Auch die Wasserprobe, welche eigentlich als nicht legal galt, wurde immer wieder angewandt. Meistens wurde sie auf Wunsch der Beschuldigten vollzogen welche sich davon eine zusätzliche Methode des Beweises ihrer Unschuld versprachen.

Zu gefährdeten Personen zählten auch streitlustige und spitzzüngige, vielleicht auch nicht gut genug angepasste Frauen. Diese zogen mehr Aufmerksamkeit und Gerede auf sich als angepasste und gut integrierte Personen. Weitere Risikofaktoren waren; "Fressen und Saufen (...) Dominanz gegenüber dem Ehemann, Müßiggang, liederliches Verhalten, unregelmäßiger Kirchenbesuch".[10]

2.1.3 Zwischenfazit

Gemeinsamkeiten gibt es beim Hexenbild beider Städte dahingehend dass in Salem alle Punkte des klassischen europäischen Hexenbildes auftauchen. Bei den Beweismitteln hingegen sind Unterschiede erkennbar: Während in Salem die Wetterzauber, Touch and Sight Tests und besonders der Spektralbeweis Besonderheiten sind, ist in Lemgo die Wasserprobe und der Diebstahl von Milchprodukten hervorzuheben.

2.2 Ausgangslage

2.2.1 Salem

Nach einem langen, von neuenglischen Siedlern mit vereinigten Indianerstämmen geführten Krieg, welcher 17 Jahre vor den Ereignissen in Salem geendet hatte, war ein Zehntel der erwachsenen weißen Männer tot, zwölf Siedlungen waren ausgelöscht und große Anbauflächen lagen brach. Die Region litt unter dem Eindruck der im Krieg begangenen Grausamkeiten und die Angst hatte sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Aus diesem Krieg ergaben sich langandauernde und schwerwiegende Auswirkungen auf das Leben in Neuengland. Der Krieg führte durch seine enormen Kosten zu starken Belastungen der Zivilbevölkerung und die bald um sich greifende Armut führte dazu dass das Zusammengehörigkeitsgefühl durch Egoismus, Misstrauen und Fremdenfeindlichkeit untergraben wurde.[11]

Aufteilungsbestrebungen, die abnehmende Moral und die auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich waren nur einige der Veränderungen welche die Massachusetts Bay Colony zu dieser Zeit veränderten. Doch spielen sie eine wichtige Rolle im Verständnis der Motivationen der Akteure der Salemer Hexenprozesse. Denn neben dem beliebten Motiv diese Veränderungen dem wachsenden Einfluss des Teufels zuzuschieben, setzte nun durch eine aufkommende Atmosphäre des Misstrauens und des Neids auch eine Suche nach Sündenböcken ein.

2.2.2 Lemgo

Auch die Grafschaft Lippe war vom Krieg nicht verschont geblieben. Neben den Verwüstungen welche der dreißigjährige Krieg angerichtet hatte, wurde sie, obgleich neutral, durch Einquartierungen und Plünderungen immer wieder in Mitleidenschaft gezogen.[12] Die aus dem dreißigjährigen Krieg zurückgekehrten Soldaten hatten durch die jahrelangen Kriegshandlungen und die damit verbundenen Verrohungserscheinungen keinen guten Ruf in den Gemeinden in welche sie zurückkehrten. Immer wieder kam es zu Schlägereien und auch das Plünderungsverhalten, welches sie im Krieg zum Überleben benötigt hatten, legten manche nur zögerlich ab. So waren die Folgen des Krieges noch lange Zeit gegenwärtig.[13] Heinz Schilling sieht eingeschränkte Vorräte wegen des vergangenen Dreißigjährigen Krieges und einen allgemeinen wirtschaftlichen Stillstand bei unverändert hohen Autonomitätsansprüchen von Lemgo mit als Punkte an welche die Hexenjagd begünstigten.[14] Zum Bekämpfen eines "rapiden ökonomischen Verfalls“ soll das durch "enge cliquenhafte Versippung"[15] verbundene Großbürgertum versucht haben die Hexenprozesse als Ausweg aus der Krise zu benutzen.

Lemgo besaß eine verfassungsrechtliche Sonderstellung welche die besondere Vielzahl der Hexenprozesse zu erklären hilft: Zum einen konnte sie weitgehend als Sieger aus Auseinandersetzungen mit lippischen Grafen hervorgehen und so z.B. das zentrale Hoheitsrecht einer eigenen Blutgerichtsbarkeit behalten. Die Stadt besaß seit 1492 das Schwertrecht und durfte Hinrichtungen ohne vorherige Nachfrage beim Grafen ausführen. Andererseits wurden durch den Erfolg des Fürstenstaates und die damit einhergehende Verkleinerung der Politik auf territorialen Rahmen der Grundstein für Entwicklungen wie Isolation, Erstarrung und Anachronismus gelegt. Diese Zustände könnten dann zu dem Klima beigetragen haben welches die Hexenprozesse erst ermöglichte. Man kann sagen dass die Stadt nach außen politisch und konfessionell weitgehend isoliert war. Außerdem fielen um 1676 Truppen des Bischofs von Galen in Lemgo ein und besetzten die Stadt was in den Bewohnern die Erinnerung an den vergangenen Krieg wieder geweckt haben wird.

2.2.3 Zwischenfazit

Lemgo und Salem waren beide von den Kriegsfolgen betroffen und hatten unter der abnehmenden Moral und wirtschaftlichen wie emotionalen Auswirkungen zu leiden. Im kleineren Salem war jedoch die Atmosphäre des Misstrauens und des Neids deutlich stärker ausgeprägt während in Lemgo eher die konfessionelle und wirtschaftliche Isolation sowie die eigene Blutgerichtsbarkeit zum großen Ausmaß der Prozesse beitrugen.

2.3 Initialer Auslöser

2.3.1 Salem

Der Auslöser in Salem war eine kindliche Hysterie zweier Mädchen welche sich durch krampfhafte Zuckungen, starre Blicke oder dem Nachahmen eines Hundes äußerte. Diese setzte ein nachdem die Mädchen versucht hatten, von einem in einem Glas Wasser schwimmendem Ei ihren zukünftigen Ehemann zu erfragen, was in der puritanischen Gesellschaft einer Zauberei gleichkam. Nach kurzer Zeit waren mehrere Mädchen zwischen 5 und 20 Jahren von dieser Hysterie erfasst und ein Doktor attestierte dass sie sich "under an evil hand"[16] befänden. Die darauffolgende "small panic"[17], ein Begriff welcher eine Hexenverfolgungswelle bezeichnet bei der innerhalb eines Jahres 20 Menschen zum Tode verurteilt werden, führte dazu das knapp sechs Monate später schon um die 70 Personen angeklagt waren.

2.3.2 Lemgo

Wittmann sieht als Auslöser der Lemgoer Hexenprozesse und der ihnen eigenen Dynamik die Vermischung zweier Diskurse: Einmal die Auffassung der Obrigkeit dass man einen Feldzug gegen die Hexe als "Feindin Gottes und der Gemeinschaft"[18] führe und den Einfluss Satans aufdecken wollte und zum anderen der volkstümliche Hexenglaube, welcher sich darin manifestierte dass man seinen Nachbarn des Neids und deshalb der Anwendung von Magie zur Erlangung von mehr Reichtum verdächtigte. Und als sich diese beiden Diskurse zu vermischen begannen, fingen auch die einfachen Leute an die Inquisitionsprozesse der Obrigkeit zu ihrem Nutzen auszuspielen. Durch das Erfoltern immer neuer Besagungen gerieten die Prozesse schließlich außer Kontrolle.

2.3.3 Zwischenfazit

Beiden Verfolgungswellen gemein war das Muster der small panic welche meist zu einer Welle von Besagungen führte. In Salem gingen diese allerdings größtenteils von den Mädchen aus, während in Lemgo die Folter zu immer neuen Hexereivorwürfen führte. In Salem war der Auslöser die kindliche Hysterie einiger Teenager während in Lemgo der Verfolgungseifer der Obrigkeit mit der Verdächtigungsfreudigkeit der Einwohner zusammenfiel.

3. Untersuchung der begünstigenden Faktoren

3.1 Politische und wirtschaftliche Faktoren

3.1.1 Salem

Einen der wichtigsten Faktoren für das Aufkommen und die besonders hohe Anzahl an angeklagten Hexen nennt Thompson, der Hexenprozesse in England und den Kolonien verglichen hat, das Fehlen einer starken und stabilen Regierung mit uneingeschränkter Legitimität. Der Autor ist überzeugt dass eine legitime Regierung in Massachusetts die Salemer Prozesse noch im Keim hätte er- sticken können[19]

Eine andere mögliche Ursache der Salemer Hexenprozesse wird auch in dem Streit zweier Gruppen gesehen welche sich über die künftige wirtschaftliche Ausrichtung des Dorfes zerstritten hatten. Eine demographische Studie ergab dass die Anführer der Hexenjagd aus der ökonomisch niedergehenden Gruppe stammten, während die Opfer überwiegend aus jener Gruppe stammten deren Geschäfte sich gut entwickelten, bzw. die wirtschaftlich gut gestellt waren. Die Autoren der Studie sehen die Hexenprozesse als Manifestation des Streits um die wirtschaftliche Ausrichtung und als Versuch einer Gruppe ihre Position durchzusetzen an.[20] Sie sahen die Hexenprozesse als letztes Aufbäumen der eigentlich schon unterlegenen Gruppe. Diese Gruppe, unter der Vorherrschaft von Bürgermeister Parris, sah die Hexenverfolgung als eine Möglichkeit zur Schwächung der Opposi- tion und als Versuch ihre frühere starke Position wiederherzustellen.[21]

Robinson geht in seinem Werk von der Annahme aus dass sich um den Bürgermeister eine Gruppe von Anhängern bildete welche die Aussagen der Kinder nutzen wollte um eine Oppositionsgruppe in der Kirchengemeinschaft auszuschalten. Ihre Motive sieht er in der Wiedererlangung der Kon- trolle über die Familien und Dorfgemeinschaft, dem Rachenehmen an jenen die Kritik an ihnen übten und dem Ausschalten von Feinden.[22] Die Annahme wer Teil dieser Verschwörung ist zieht der Autor aus der Häufigkeit in der ein Name als Ankläger oder Zeuge in den Gerichtsakten auftaucht. Da einer der angeblichen Verschwörer auch der Vater eines der besessenen Mädchen ist, liegt außerdem der Gedanke nahe dass er ihr durch Einsagungen oder Anweisungen zu verstehen gab was sie zu sagen hätte um so den Verdacht noch zielgerichteter einsetzen zu können.[23] Und die politische Führung von Massachusetts stand fest hinter Cotton Mathers Kampf gegen das Böse und Übernatürliche, wie aus einem Brief des stellvertretenden Gouverneurs William Stoughton, welcher auch als Richter in den Prozessen fungierte, hervorgeht.[24]

[...]


[1] <http://www.cfnews13.com/News/Local/2008/5/6/teacher_accused_of_wizardry.html> 02.03., 19.05

[2] Vgl. Leibnitz, Mirja, 2002: Das Verschwinden der unsichtbaren Welt. Unterschiedliche Diskurse in den Salem Witchcraft Trials, Trieste., S.32

[3] Vgl. Ebenda S. 35

[4] Vgl. Smolinski in Herget, Winfried, 1994: Die Salemer Hexenverfolgungen. Perspektiven - Kontexte - Repräsentationen = The Salem Witchcraft persecutions, Trier, S. 193ff

[5] Vgl. Goss, David K., 2008: The Salem witch trials: a reference guide, Westport, CT., S. 21

[6] Vgl. Leibnitz, S.54

[7] Walz, Rainer: Kinder in Hexenprozessen in Wilbertz, Gisela; Schwerhoff, Gerd; Scheffler, Jürgen (Hrsg.),1994: Hexenverfolgung und Regionalgeschichte. Die Grafschaft Lippe im Vergleich, Bielefeld, S.37

[8] Vgl. Wilbertz, 1994, S.38

[9] Vgl. Ebenda S.39

[10] Bender-Wittmann, Ursula; 1990: Hexenverfolgungen und städtische Gesellschaft im frühneuzeitlichen Lemgo in: Scheffler, Jürgen (Hrsg.); 1990: Stadt in der Geschichte-Geschichte in der Stadt: 800 Jahre Lemgo. Bielefeld, S. 48

[11] Vgl. Thompson, Roger: The Political, Economic and Social Context of Salem Witchcraft in Herget, S.86

[12] Vgl. Mirbach, Sabine. Oberst Johann Abschlag in Wilbertz, 2000, S.139

[13] Vgl. Ebenda, S.142ff

[14] Vgl. Schilling, Heinz in Jürgen Scheffler,1994: Umrisse und Themen der Hexenforschung in der Region in Wilbertz, 1994, S.17

[15] Ebenda, S.17

[16] Leibnitz, S.37

[17] Monter, E.W., 1976: Witchcraft in France and Switzerland. Ithaca, NY. , S. 88

[18] Uschi Bender Wittmann: Communis salutis hostis" in Wilbertz, 2000, S.151

[19] Vgl. Thompson in Herget, S.94

[20] Vgl. Goss, S.55

[21] Vgl. Ebenda S.56

[22] Vgl. Goss S.63

[23] Vgl. Robinson zitiert nach Hill, 1994,The Salem Witch Trials Reader, N.Y.,289-90 in Goss, S.63

[24] Vgl. Smolinski, Rainer: Salem Witchcraft and the Hermeneutical Crisis of the 17th Century in Herget, S.180

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Hexenprozesse in der alten und neuen Welt am Beispiel Salem und Lemgo
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Hexenverfolgung in Mitteleuropa
Note
1.7
Autor
Jahr
2009
Seiten
24
Katalognummer
V128446
ISBN (eBook)
9783640348480
ISBN (Buch)
9783640348077
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hexen, Salem, Lemgo, Amerika, Hexenverfolgung
Arbeit zitieren
Urs Endhardt (Autor:in), 2009, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Hexenprozesse in der alten und neuen Welt am Beispiel Salem und Lemgo, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128446

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