Konfuzianismus und Willensfreiheit


Hausarbeit, 2009
10 Seiten, Note: 1.7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das Berichtigen der ´Namen´

2. Vier Tugenden: Mitmenschlichkeit(仁), Gerechtigkeit(義), Sittlichkeit(禮), Klugheit(智)

3. Welche Bedeutung hat der Konfuzianismus für das Thema Willensfreiheit?

4. Literaturverzeichnis

1. Das Berichtigen der ´Namen´

Das Leben des Konfuzius fällt in die Chunqin-Zeit (722-481 v. Chr.), eine nach den Annalen》(Chunqin, wörtlich 《Frühling und Herbst》 des Staates Lu benannte Epoche zwischen der westlichen Zuou-Zeit (11. Jh. – 771 v. Chr.) und der Zeit der Streitenden Reiche (Zhanguo-Zeit, 481-221 v. Chr.). Es ist eine unruhige Epoche des Übergangs. Der Feudalstaat der Zhou, die China seit dem 11. Jahrhundert beherrschten, ist im Zerfall begriffen und die ehemaligen Lehnsnehmer machen sich zunehmend politisch unabhängig. Um die Macht konkurrierend, dezimieren sie einander in einer langen Kette von Schlachten, bis schließlich ein einziger Staat übrig bleibt und eine neue Zentralherrschaft errichtet: der Staat Qui, der die Grundlagen des späteren Kaisertums legt und dem im Übrigen der westliche Name《China》zu verdanken ist.[1] Dieser politisch und gesellschaftlich chaotische Hintergrund ist der Ausgangspunkt der Gedanken des Konfuzius. Seine gesamten gedanklichen Bemühungen richten sich auf die Erneuerung der Ordnungsprinzipien der Zhou und die Wiederherstellung des Systems des Altertums. In diesem Sinne kann man sagen, Konfuzius sei ein Philosoph, der sich wenig für die Frage nach dem Sein oder Nichtsein interessiert.[2]

Das Charakteristische an der konfuzianischen Problemlösung ist: Konfuzius sieht die Krise der damaligen Gesellschaft als eine Krise der ´Namen´. Die Verwirrung und das Missverständnis von Wort und Bedeutung spiegeln nach der Auffassung von Konfuzius die Kluft zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart wider. In der Wortesammlung Lunyu (chin.論語)steht:

„Der Fürst Ging von Tsi fragte den Meister Kung über die Regierung. Meister Kung sprach: 》Der Fürst sei Fürst, der Diener sei Diener; der Vater sei Vater, der Sohn sei Sohn.《 "[3]

Das ist die Lehre vom Berichtigen der Namen ( 正名), die besagt, dass das Berichtigen der Namen der Klärung, was Herrscher-, Bürger-, Vater-, Sohn-Sein oder andere Begriffe konkret aussagen, dient.[4]

Aus diesem Grund warnt Konfuzius seine Schüler vor den trügerischen Worten.

„Der Meister sprach: 》Glatte Worte und einschmeichelnde Mienen sind selten vereint mit Sittlichkeit.《 "[5]

Ich glaube, der Konfuzianismus setzt in diesem Zusammenhang Folgendes voraus: Der Mensch ist im Wesentlichen ein soziales Lebewesen, das sich in einem Netzwerk von Namen befindet. Der Mensch tritt auf der Bühne namens Welt auf, indem er eine oder mehrere Rollen, wie Vater, Sohn, Lehrer usw., übernimmt. Im Konfuzianismus wird der Mensch nicht als ein isolierter Untersuchungsgegenstand wie bei Descartes, Hobbes oder bei den gegenwärtigen Gehirnwissenschaftlern betrachtet. Der Mensch kann im Grunde dadurch ein Mensch sein, dass er in ein bestimmtes gesellschaftliches Netzwerk eingebettet ist.

Im letzten Kapitel werde ich versuchen, zu verdeutlichen, was dies für das Thema Willensfreiheit bedeutet.

2. Vier Tugenden: Mitmenschlichkeit(仁), Gerechtigkeit(義), Sittlichkeit(禮), Klugheit(智)

Konfuzius träumte von dem Jun-Zi Staat. Jun-Zi ist der Inbegriff des idealen Menschen, den Konfuzius selber im Laufe seines gesamten Lebens erreichen wollte. Wie oben erwähnt wurde, ist die Frage: ´Wie kann die Gesellschaft die Ordnung und die Harmonie erlangen?´, ein Hauptthema des Konfuzius.

Die Antwort des Meisters ist: Man kann in der Gesellschaft die Ordnung und die Harmonie nicht dadurch realisieren, dass man ein starkes Staatsgesetz schafft, sondern nur dadurch, dass jeder Mensch versucht, moralisch zu werden. Nur durch die innere Kraft des Menschen kann man ein Jun-Zi werden und dementsprechend eine gesunde Gesellschaft schaffen, in der die einzelnen Bürger harmonisch miteinander leben können.

Es geht um vier Tugenden, die Mitmenschlichkeit (仁), die Gerechtigkeit (義), die Sittlichkeit (禮) und die Klugheit (智), welche die ostasiatischen Länder, wie China, Korea und Japan stark beeinflusst haben. Ich gehe in meinen Ausführungen nur auf die Mitmenschlichkeit, die Sittlichkeit und die Klugheit ein.

- Mitmenschlichkeit

Der Begriff Mitmenschlichkeit ist so wichtig, dass er im Lunyu insgesamt 109 Mal erwähnt wird. Das Zeichen 仁 besteht aus den zwei Zeichen für 人(Mensch) und 二(Zwei).[6] Diesen Begriff hat Konfuzius niemals eindeutig definiert. Das bedeutet aber nicht, dass dieser Begriff bei Konfuzius unklar geblieben ist. Im Lunyu kann man eine Szene, in welcher der Meister vor seinen allen Schülern einen Unterricht hält, nicht finden. Diese Wörtersammlung besteht aus den Dialogen zwischen dem Meister und einem oder zwei seiner Schüler.

Wenn ein Schüler den Meister fragt, was Mitmenschlichkeit ist, dann berücksichtigt der Meister den Charakter und das Niveau seines Schülers, bevor er ihm eine Antwort gibt. Genau diese pädagogische Strategie erzeugt jene große Überzeugungskraft, durch die der Schüler geistig motiviert wird.

Diese pädagogische Tendenz wird unabhängig vom Konfuzianismus von den Zen-Buddhisten weiterentwickelt.

Der Schüler, Ya Yuan, fragte den Meister nach der Mitmenschlichkeit.

„Der Meister sprach: Die eigene Begierde zu überwinden und die Riten zu praktizieren, das ist Mitmenschlichkeit. Wenn Du dies eines Tages erreicht hast, Dich selbst zu bezwingen und nach den Riten zu handeln, werden alle Menschen unter dem Himmel Dich als einen Mann mit ren bezeichnen."[7]

Aus dem Zitat kann man erschließen, dass der Begriff Mitmenschlichkeit (ren) zuerst Selbstbeherrschung und Achtung der Riten bedeutet.

Aber ren wird auch noch mit der Menschenliebe verbunden. Die Menschenliebe setzt bei Konfuzius die Fähigkeit voraus, durch die man sich in andere Menschen hineinversetzen kann. Was hat der Meister mit Menschenliebe gemeint?

„Dsi Gung fragte und sprach: 》Gibt es ein Wort, nach dem man das ganze Leben hindurch handeln kann?《 Der Meister sprach: 》Die Nächstenliebe. Was du selbst nicht wünschest, tu nicht an anderen.《 "[8]

Zusammenfassung: Die Mitmenschlichkeit ist die Menschenliebe, die auf der Fähigkeit beruht, durch die man sich in andere Menschen hineinversetzen kann. Durch die Selbstbeherrschung und Achtung der Riten kann man diese Tugend erreichen.

- Sittlichkeit

Konfuzius vertraut auf die disziplinierende Wirkung der Sittlichkeit auf das Benehmen der Menschen und ihre harmonisierende Kraft. Wer sittenbewusst ist, so glaubt Konfuzius, kann auch sittlich handeln. Er kann sich selbst beherrschen und disziplinieren. Konfuzius ist davon überzeugt, dass ein sittenbewusster Mensch keinen äußeren Zwang und Druck benötigt, um sich richtig zu verhalten. Seine innere Kraft reicht aus, um eine harmonische Beziehung mit anderen Menschen herzustellen.[9]

Wie oben erwähnt wurde, ist der Mensch im Wesentlichen ein soziales Lebewesen, weil er erst dann ein Mensch werden kann, wenn er in eine bestimmte Gesellschaft eingebettet wird. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Sitten ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft sind. Die Vorstellung von Gut und Böse hängt von den Sitten, die eine Gesellschaft beherrschen, ab. Es kann daher keine allgemein verbindliche Bestimmung von Gut und Böse geben. Die Sitten verändern sich aber aufgrund der Veränderung der Faktoren, wie z.B. bei der Veränderung des ökonomischen Systems, der Religion oder der Umwelt usw. Konfuzius war der Ansicht, dass der Mensch die Sitten erlernen und das diszipliniert werden soll, um ihn auf diese Weise wissen zu lassen, was ein gutes und was ein schlechtes Verhalten ist. Deswegen warnte der Meister vor dem Zerfall der Sittenordnung.

[...]


[1]. Heiner Roetz, Konfuzius, München (1995), S. 9.

[2]. Vgl. Xuewu Gu, Konfuzius, S. 37.

[3]. Konfuzius, Gespräche, ⅩⅡ. 11.

[4]. Volker Zotz, Konfuzius, S. 45.

[5]. Konfuzius, I. 3.

[6]. Vgl. Xuewu Gu, S. 61.

[7]. Konfuzius, ⅩⅡ.1.

[8]. Ebd., ⅩⅤ. 23.

[9]. Xuewu Gu, S. 85.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Konfuzianismus und Willensfreiheit
Hochschule
Universität Bremen
Note
1.7
Autor
Jahr
2009
Seiten
10
Katalognummer
V128458
ISBN (eBook)
9783640446223
ISBN (Buch)
9783640446612
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In der heutigen Zeit und besonders in Deutschland wird die Frage, ob der Mensch nach seinem freien Willen handeln kann, heftig und kontrovers diskutiert. In der altchinesischen Philosophiegeschichte findet sich eine ähnliche Debatte, die vor zweitausend Jahren heftig geführt wurde. Die Frage war dabei: Ist der Mensch von Natur aus gut oder böse? Es gab vier Richtungen hinsichtlich der Problemlösung: die Pessimisten, wie Xunzi, die fest davon überzeugt waren, dass der Mensch von Geburt an böse sei. Die Optimisten, wie Menzi, die den Menschen von Natur aus für gut hielten. Die Neutralisten, wie Zhuangzi, die davon ausgingen, dass der Mensch bei der Geburt ein neutrales Wesen sei, also weder böse noch gut sei. Und die Eklektizisten, welche die Auffassung vertraten, dass manche Menschen von Natur aus eine gute Veranlagung hätten und manche eine schlechte. Ich glaube, dass in allen diesen Problemlösungsweisen ein Fehler vorhanden ist. Es ist unsinnig, zu glauben, dass der Mensch von Natur aus gut oder böse ist, denn es gibt kein Gut und Böse in der Natur. Man kann nur das Verhalten des Menschen und die Folgen seines Handelns als gut oder böse bewerten, nicht aber sein Wesen an sich. Die Begriffe Gut und Böse können nur in einer zivilisierten Gesellschaft eine Bedeutung haben und infragegestellt werden. Konfuzius beschäftigte sich mit der Frage: ´Ist der Mensch von Natur aus gut oder böse?´ nicht. Es ist aber sicher, dass Konfuzius eine optimistische Position unabhängig von der Debatte vertrat. Konfuzius war der Ansicht, dass alle Menschen im Prinzip zu einem Adler werden könnten, wenn sie die vier Tugenden in ihrem Leben verwirklichen würden.
Schlagworte
Konfuzius
Arbeit zitieren
Nam-Ho Kim (Autor), 2009, Konfuzianismus und Willensfreiheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128458

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Titel: Konfuzianismus und Willensfreiheit


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