Und drinnen waltet
Die züchtige Hausfrau,
Die Mutter der Kinder,
Und herrschet weise
Im häuslichen Kreise,
Und lehret die Mädchen
Und wehret den Knaben,
Und reget ohn’ Ende
Die fleißigen Hände,
Und mehrt den Gewinn
Mit ordnendem Sinn
[…]
So beschreibt der deutsche Dichter Friedrich Schiller in seinem Gedicht Das Lied von der Glocke den Wirkungskreis der Frau. Meisterhaft wird das Ideal der Hausfrau gezeichnet, in dem sich die weiblichen Tugenden erschöpfen.
Über Jahrhunderte hinweg war die Rolle der Frau festgefahren und in Klischees verhaftet. „Ihre Minderwertigkeit, ihre Abhängigkeit [war] eine ausgemachte Sache“ , stellt Simone de Beauvoir in ihrem Werk Das andere Geschlecht fest. Schon Aristoteles ist der Ansicht, dass das Weib nur dadurch Weib ist, dass ihm bestimmte Eigenschaften fehlen und man folglich „das Wesen der Frau als etwas natürlich Mangelhaftes sehen [müsse].“ Thomas von Aquin, einer der wirkmächtigsten Philosophen und Theologen der Geschichte, schließt sich dieser Auffassung an und gibt zu bedenken, dass die Frau lediglich ein „verfehlter Mann“, „ein zufälliges Wesen“ sei.
Viele Zeitalter hindurch verharrte die Frau in absoluter Untertänigkeit unter dem Mann. Die Macht der Freiheit hat sie lange nicht empfunden, denn die menschlichen Möglichkeiten, die jedem Individuum die Chance auf Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung gewähren, waren ihr nicht immer gegeben. In ihrem Schicksal ‚Ehe’, das die Gesellschaft traditionsgemäß für das weibliche Geschlecht bereit hielt , stand die Frau ganz im Dienste des Mannes und der Familie.
Inhaltsverzeichnis
I. Die Rolle der Frau in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts
1. Einleitung
2. Historischer Überblick über den Wandel des Frauenbildes
3. Die Frauenfrage in Deutschland um die Jahrhundertwende
3.1. Die Frauenemanzipation und ihre ersten Verfechter
3.2. Die Rolle der Frau in Ehe und Familie
3.3. Ein Streifzug durch die deutsche Frauenbewegung
4. Theodor Fontane und die Frauen: Frauenbild und Frauengestalten
II. Effi Briest und ihr Scheitern an der gesellschaftlich-adeligen Konvention
1. Effi Briest – Fontanes „liebenswürdigste Gestalt“
2. Die Verlobung: „Denn Effi wird im Grunde verkauft...“
3. Zwischen Anpassung und Protest: Effis Ehe mit Innstetten
3.1. Ich klettere [...] und schaukle mich lieber...“ – Naturkind contra Formelmensch
3.2. Frostige Vornehmheit und „adelige Kühle“ – Baron Geert von Innstetten
3.3. „Du bist ein entzückendes, liebes Geschöpf [...]“ – Das Frauenbild eines Karrieremachers
3.4. Innstetten als „geborene[r] Pädagog“: Der Spuk als repressives Erziehungsmittel
4. Vom Naturkind zum Gesellschaftsobjekt: Effis Ehebruch als Rebellion
5. „Ich habe keine Wahl. Ich muss.“ – Mord aus Prinzip im Duell
6. Effis Ende – Ein stilles Glück der Resignation
7. Kontrastive Frauenbilder an Effis Seite
7.1. Die Dame der Gesellschaft: Luise von Briest
7.2. Die Inkarnation ursprünglicher Menschlichkeit: Roswitha
7.3. Emanzipiertes Künstlertum: Marietta Trippelli
8. Effi Briest – Ein kritischer Spiegel der Gesellschaft um 1880
III. Emma Bovary und Anna Karenina – Effis europäische Schwestern?
1. Zwischen Illusion und Wirklichkeit – Emma Bovary
2. Zwischen Leidenschaft und Moral – Anna Karenina
3. Zusammenschau
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Selbstfindung der Titelfigur Effi Briest in Theodor Fontanes gleichnamigem Roman unter Berücksichtigung der strengen gesellschaftlichen Normen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Dabei wird analysiert, wie die Protagonistin an den rigiden adeligen Konventionen und dem rigiden Ehrbegriff ihres Ehemannes scheitert, und es wird der Frage nachgegangen, inwiefern dies eine generelle Unmöglichkeit für Frauen darstellt, ihre Individualität in einem repressiven System zu entfalten.
- Die gesellschaftliche Rolle der Frau im 19. Jahrhundert und die aufkommende Frauenbewegung.
- Die kritische Auseinandersetzung mit adeligen Ehe- und Ehrbegriffen in Fontanes Werk.
- Die Analyse der psychologischen Entwicklung von Effi Briest vom „Naturkind“ zur tragischen Figur.
- Vergleichende literaturwissenschaftliche Betrachtung mit Flauberts „Madame Bovary“ und Tolstois „Anna Karenina“.
- Die Darstellung von weiblicher Emanzipation und deren Scheitern im Kontrast zu lebensfrohen Nebenfiguren.
Auszug aus dem Buch
1. Effi Briest – Fontanes „liebenswürdigste Gestalt“
„In Front […] des von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen, fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während […] ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen breiten Schatten auf ein großes, […] in seiner Mitte mit einer Sonnenuhr […] besetztes Rondell warf. […] Fronthaus, Seitenflügel und Kirchhofsmauer bildeten ein einen kleinen Ziergarten umschließendes Hufeisen, an dessen offener Seite man eines Teiches mit Wassersteg und angeketteltem Boot und dicht daneben einer Schaukel gewahr wurde, deren horizontal gelegtes Brett zu Häupten und Füßen an je zwei Stricken hing – die Pfosten der Balkenlage schon etwas schief stehend. Zwischen Teich und Rondell aber und die Schaukel halb versteckend standen ein paar mächtige alte Platanen.“ (EB 5)
Von Kindertagen an kennt Effi Briest nur die ihr vertraute Umgebung Hohen-Cremmens, wo sie verwöhnt und behütet im Schutz des elterlichen Hauses aufwächst. Effi, die dem Adel entstammt, verbringt hier unbeschwerte, glückliche Tage, geprägt von Ruhe und Geborgenheit. Als einziges Kind, wohl verwahrt in ihrer nach außen hin abgeschlossenen Lebenswelt, konzentriert sich die ungeteilte Liebe ihrer Eltern auf Effi, die sich den Himmel nicht schöner denken kann. (EB 24) Man gestattet ihr jegliche Freiheit und Ungebundenheit, sodass Effi gänzlich unbelastet von gesellschaftlichen Zwängen und Verpflichtungen mit ihren Freundinnen Bertha, Hertha und Hulda im Garten spielen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Die Rolle der Frau in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts: Dieses Kapitel bietet einen historischen Überblick über den Wandel des Frauenbildes von der Renaissance bis zur Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts und beleuchtet Fontanes Haltung zur Frauenfrage.
II. Effi Briest und ihr Scheitern an der gesellschaftlich-adeligen Konvention: Hier wird der Eheroman als Gesellschaftsroman analysiert, wobei Effis Weg vom unbeschwerten Naturkind bis zu ihrem durch gesellschaftliche Zwänge besiegelten tragischen Ende detailliert nachgezeichnet wird.
III. Emma Bovary und Anna Karenina – Effis europäische Schwestern?: Der abschließende Teil vergleicht Effis Schicksal mit dem von Flauberts Emma Bovary und Tolstois Anna Karenina, um die universellen Probleme von Frauen in patriarchalischen Gesellschaften herauszuarbeiten.
Schlüsselwörter
Effi Briest, Theodor Fontane, 19. Jahrhundert, Frauenbild, Emanzipation, Gesellschaftskritik, Ehebruch, adelige Konvention, Ehe, Ehrbegriff, Schuld, tragisches Schicksal, Naturkind, literarischer Vergleich, Gesellschaftsnormen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Scheitern der Protagonistin Effi Briest in Theodor Fontanes gleichnamigem Roman an den gesellschaftlichen Normen und adeligen Konventionen ihrer Zeit.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die soziale Rolle der Frau im 19. Jahrhundert, die Ehe als „Zweckgemeinschaft“, der repressiven Umgang mit Ehebruch sowie der Vergleich mit europäischen Klassikern der Ehebruchsthematik.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach den Gründen für Effi Briests gescheiterte Selbstfindung und untersucht, inwiefern die adelige Gesellschaftsordnung die Freiheit und Identität des Einzelnen systematisch unterdrückt.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär textimmanent arbeitet, ergänzt durch historische und sozialgeschichtliche Kontextualisierungen sowie komparatistische Aspekte.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil analysiert Effis Ehe mit Innstetten, ihre psychologische Entwicklung unter dem Druck gesellschaftlicher Erwartungen und die manipulative Macht, die das soziale Umfeld auf ihr Handeln ausübt.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit zusammenfassen?
Die Arbeit charakterisiert sich durch Begriffe wie Ehebruch, gesellschaftliche Konvention, Adel, weibliche Emanzipation, soziale Unterdrückung und psychische Fremdbestimmung.
Wie bewertet der Autor Fontanes Haltung zu seiner Protagonistin?
Die Autorin betont, dass Fontane eine tiefe Zuneigung zu Effi hegt und sie als eine „liebenswürdige“ und natürliche Figur zeichnet, deren Schwäche und tragisches Schicksal in direkter Korrelation zur Unnachgiebigkeit der Gesellschaft stehen.
Welche Bedeutung kommt dem „Spuk-Motiv“ in der Arbeit zu?
Der Spuk wird als ein von Innstetten bewusst eingesetztes „erzieherisches Instrument“ interpretiert, das dazu dient, die junge Effi zu kontrollieren und ihren „Eigensinn“ sowie ihre natürlichen Impulse zu unterdrücken.
- Quote paper
- Kathrin Haberkorn (Author), 2008, Gescheiterte Selbstfindung - Theodor Fontanes "Effi Briest", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128474