Virtueller Unterricht während der Corona-Pandemie. Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien


Bachelorarbeit, 2022

48 Seiten, Note: 1,7

Medina Samioglu (Autor:in)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sozioökonomische Benachteiligung und die Corona-Pandemie
2.1 Kinder und Jugendliche aus sozioökonomisch benachteiligten Familien
2.2 Benachteiligung unter dem Aspekt der Bildung
2.3 Virtueller Unterricht während der Corona-Pandemie
2.3.1 Distanzunterricht
2.3.2 Hybridunterricht

3. Kategorisierung der Herausforderungen mithilfe der Kapitaltheorie
3.1 Das ökonomische Kapital
3.2 Das kulturelle Kapital
3.3 Das soziale Kapital

4. Auswirkungen des virtuellen Unterrichts auf die Schüler*innen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien
4.1 Defizitorientierung der Lehrkräfte
4.2 Wohlbefinden und Gesundheit
4.3 Soziale Kompetenzen
4.4 Zeitaufwand
4.5 Schulische Leistungen

5. Chancen und Risiken des virtuellen Unterrichts

6. Interventionsmaßnahmen

7. Diskussion

8. Fazit und Ausblick

Quellenverzeichnis

Anhang 1: Erreichbarkeit der Schüler*innen während des virtuellen Unterrichts

Anhang 2: Testperiode der Google-Suchverläufe zu häuslicher Gewalt im Vergleich

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Strukturebenen sozialer Ungleichheit

Abbildung 2: Fünf Modelle der Realisierungen des Hybridunterrichts

1. Einleitung

Anfang des Jahres 2020 verbreitete sich das Coronavirus weltweit und sorgte damit für Ausnahmezustände. Die globale Ausbreitung des Virus hat nicht nur gesundheitliche Konsequenzen, sondern auch Einschränkungen in vielen Lebensbereichen zur Folge (Lichtenberger & Ranftler 2020: 149). Diese Einschränkungen dienen dazu, die Ausbreitung des Virus einzudämmen und schwere Erkrankungen und Todesfälle zu reduzieren. Eine Einschränkung stellen die Kontaktbeschränkungen und damit einhergehenden Schulschließungen dar, welche in Deutschland zwischen dem 16. und 23. März 2020 erfolgten (Neumann 2020: 1). Das Bildungssystem wurde mit einer außergewöhnlichen Situation konfrontiert, die es vorher nicht gab (Deichmann & Partetzke 2021: 265). Diese außergewöhnliche Lage führte dazu, dass kurzfristig Entscheidungen getroffen werden mussten, sodass der Unterricht kurzerhand nach Hause und damit auf den virtuellen Raum verlegt wurde. Das Problem dabei war, dass nicht alle individuellen Lebenslagen berücksichtigt wurden, sodass Schüler*innen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien stärker unter der Schulschließung gelitten haben als Schüler*innen aus sozial bessergestellten Familien (Tengler et al. 2020: S.3). Mit der Schulschließung fielen die grundlegenden Aufgaben der Lehrkräfte, wie die Betreuung und Unterstützung der Schüler*innen beim Lernen oder die Schaffung einer hilfreichen Lernumgebung, weg (Helm et al. 2021: S. 60-61). Damit zählen Schüler*innen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien zu den „Bildungsverlier*innen“ der Corona-Pandemie (Huber et al. 2020a: 7). Die verschiedenen sozioökonomischen Lagen sorgen für ungleiche Lernbedingungen unter den Schüler*innen. Die Angst um die Zukunft der benachteiligten Schüler*innen ist dementsprechend groß (Neumann 2020: 2). Die weltweiten Auswirkungen des Coronavirus haben demnach nicht nur Auswirkungen auf die Gesundheit, sondern auch auf die Lebenslagen der Kinder und Jugendlichen, insbesondere aus sozioökonomisch benachteiligten Verhältnissen. Die schon vor der Pandemie vorhandenen Chancenungleichheiten in der Bildung wurden durch die Pandemie und damit einhergehenden Einschränkungen verschärft (Lichtenberger & Ranftler 2020: 149).

Da die Corona-Pandemie verstärkt auf die Benachteiligungen aufmerksam gemacht hat, rückte der Aspekt der Auswirkungen dieser Benachteiligungen zunehmend in den wissenschaftlichen Fokus und soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden. Da die Schulen wieder in den Präsenzunterricht übergegangen sind, können die Auswirkungen und entstandenen Folgen der benachteiligten Schüler*innen erfasst werden und sind nicht mehr nur Vermutungen. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Herausforderungen der Schüler*innen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien während des virtuellen Unterrichts. Diese sollen hinsichtlich ihrer Auswirkungen bzw. Folgen auf die Kinder und Jugendlichen untersucht und dargestellt werden. Das Ziel dieser theoretischen Arbeit ist es herauszuarbeiten, welche Auswirkungen der virtuelle Unterricht auf die Kinder und Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien hat und welche Bereiche davon beeinflusst werden. Die Auswirkungen sollen im Verlauf der Arbeit mithilfe der Herausstellungen von Ungleichheiten bzw. Herausforderungen während des virtuellen Unterrichts erreicht werden. Abschließend sollen mögliche Interventionsmaßnahmen gefunden werden. Allgemein soll die vorliegende Arbeit einen Überblick der vorhandenen Literatur zu dem Thema schaffen.

Die Ausarbeitung der Herausforderungen erfolgt mithilfe der Kapitaltheorie Pierre Bourdieus. Die herausgearbeiteten Herausforderungen, unterteilt in verschiedene Kapitalarten, sollen hinsichtlich ihres fehlenden Kapitals untersucht und die resultierenden Auswirkungen dargestellt werden. Die vorliegende Arbeit beginnt in Kapitel 2 mit einer Einführung des Themas der Kinder und Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien und gibt einen Überblick über die Corona-Pandemie und den virtuellen Unterricht. Diese Einführung dient dem besseren Verständnis für die vorliegende Arbeit. In Kapitel 3 werden die Herausforderungen der benachteiligten Schüler*innen den verschiedenen Kapitalsorten von Pierre Bourdieu zugeordnet. Dieses soll der Kategorisierung und der Untersuchung der Auswirkungen dienen. An die Ausarbeitung anschließend werden die Auswirkungen in Kapitel 4 untersucht und dargestellt. Nachdem die Herausforderungen und Auswirkungen dargestellt wurden, wird der virtuelle Unterricht hinsichtlich seiner Chancen und Risiken in Kapitel 5 bewertet. Abschließend sollen in Kapitel 6 mögliche Interventionsmaßnahmen herausgearbeitet und diskutiert werden. Vorhandenen Bildungsdefiziten soll entgegengewirkt werden und Ideen für die Zukunft gefunden werden, damit Bildungsdefizite besser verhindert werden können. Es ist wichtig zu erwähnen, dass der Fokus dieser Arbeit im deutschsprachigen Raum liegt. Die Situation von Kindern und Jugendlichen mit geistig und körperlichen Einschränkungen wird in dieser Arbeit nicht berücksichtigt, da dieses den Rahmen der Arbeit überschreiten würde.

2. Sozioökonomische Benachteiligung und die Corona-Pandemie

2.1 Kinder und Jugendliche aus sozioökonomisch benachteiligten Familien

In Deutschland leben rund 13,7 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren (Destatis 2021). Von diesen 13,7 Millionen sind circa 3,5 Millionen von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen und gelten damit als benachteiligt (Destatis 2022a). Als ökonomisch benachteiligt gelten Familien, deren Haushaltsnettoeinkommen unterhalb 60% des durchschnittlichen Äquivalenzeinkommen liegt (Nold 2010: 141). Zu den sozioökonomisch benachteiligten Familien zählen Mehrkindfamilien, Familien mit Migrationshintergrund und Familien mit einem alleinerziehendem Elternteil (Wagner-Diehl 2020: 5). In Deutschland liegt der Anteil alleinerziehender Eltern bei 17,4 % und der Anteil der Familien, in denen alle Mitglieder einen Migrationshintergrund haben, bei circa 25,9% (Destatis 2022b; Destatis 2022c). Diesbezüglich ist anzumerken, dass Familien mit Migrationshintergrund und Familien mit einen alleinerziehendem Elternteil nicht getrennt als zwei Kategorien betrachtet werden, sondern zu den 25,9% der Familien mit Migrationshintergrund auch alleinerziehende Familien zählen.

Die Kinder und Jugendlichen aus benachteiligten Familien haben aufgrund zusammenwirkender Ungleichheiten eine eingeschränkte Teilhabe an der Gesellschaft (Niesyto 2009: 3). Die sozioökonomische Lage einer Familie setzt sich zusammen aus den Faktoren des Wohlstandes, des Bildungsniveaus bzw. Bildungsabschlusses und der Berufung der Eltern (PISA 2015). Die Kategorien Geschlecht, ethnische und soziale Herkunft, Bildungsstand und Einkommen stellen Faktoren für den sozioökonomischen Status dar. Die Ressourcenverteilung dieser Kategorien ist ausschlaggebend für das Entstehen oder Vorhandensein sozialer Ungleichheiten (Solga et al. 2009: 13). Unter sozialer Ungleichheit wird die ungleiche Teilhabemöglichkeit an materiellen und immateriellen Ressourcen, an verschiedenen Positionen in der Gesellschaft und zu Bildung verstanden und hat demzufolge Auswirkungen auf die Lebensumstände. Die sozialen Ungleichheiten beschreiben eine etablierte „Besser- oder Schlechterstellung von Menschen im gesellschaftlichen Lebenszusammenhang“ (Hradil 2001; 29 f., zit. n. Niesyto 2009: 3). Die sozialen Ungleichheiten sind folglich nicht von der Natur gegeben, sondern wurden im Laufe der Zeit von der Gesellschaft festgelegt und sind somit auf den Menschen zurückzuführen. Für ein besseres Verständnis dieser sozialen Ungleichheiten sind die vier Ebenen: Determinanten, Dimension, Ursache und Auswirkung hilfreich, siehe folgende Abbildung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Strukturebenen sozialer Ungleichheit (Hradil 2008: 213, zit. n. Solga 2009:17).

Die Determinanten beschreiben die sozialen Eigenschaften wie Bildungsstand, Geschlecht, ethnische und soziale Herkunft. Diese Zuordnung dieser Merkmale kann, je nach sozialer Gruppe, Vor- oder Nachteile hervorbringen. Unter den Dimensionen der sozialen Ungleichheiten versteht man das Bildungsniveau, die Macht, den ökonomischen Wohlstand, das Einkommen, die Wohnbedingungen und das Ansehen. Die Dimension sozialer Ungleichheit kann zu einer Determinante werden, welche eine andere soziale Ungleichheit darstellt. Dabei wird zwischen selbsterworbenen Determinanten und nicht selbsterworbenen Determinanten unterschieden. Beispielweise kann die Dimension der Einkommensungleichheit die Folge von Bildungsungleichheit sein, welche auf die Determinante der sozialen Herkunft zurückzuführen ist. Die Determinante des Geschlechts kann keine Dimension sozialer Ungleichheiten darstellen, da sie nicht selbsterworben ist. Die Ursache sozialer Ungleichheit ist das Verfahren, bei denen die Determinanten einer Person bedeutend werden und zu einem Vor- oder Nachteil in einer anderen Dimension werden. Die Eigenschaften von Menschen werden von der Gesellschaft als Vor- oder Nachteil festgelegt, in Form von Vorurteilen oder Diskriminierungen. Dieser Prozess ist der Grund sozioökonomischer Ungleichheiten. Die entstehenden Vor- oder Nachteile sind dementsprechend Folge gesellschaftlicher Ansichten. Als letzten Aspekt wird die Auswirkung genannt. Sie ist die Konsequenz in Form von Beeinflussung des Denkens und Handelns und geht entweder mit Vor- oder mit Nachteilen einher (Solga et al. 2009: 16-21). In der vorliegenden Arbeit wird der Fokus auf die Dimension der Bildung gelegt.

2.2 Benachteiligung unter dem Aspekt der Bildung

Bezieht man die sozialen Ungleichheiten auf den in der Arbeit relevanten Aspekt der Bildung, ist anzumerken, dass die soziale Herkunft und der Bildungsstand eines Menschen eng miteinander verknüpft sind. Das bedeutet, dass bei Schüler*innen, die aus sozioökonomisch benachteiligten Verhältnissen kommen, eine Bildungsungleichheit als Folge der Bildungsbenachteiligung vorliegt (van Ackeren et al. 2020: 245). Diese Bildungsungleichheiten sind auf die ungleichen Lern- und Lebensbedingungen der Schüler*innen zurückzuführen (Dietrich et al. 2013: 12-16). Die Herausforderungen werden im weiteren Verlauf der Arbeit dargestellt. Im Bereich der Bildung ist von einer sozialbedingten Ungleichheit die Rede, wenn Eigenschaften aufgrund von Stigmatisierungsprozessen den Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen beeinflussen (Spiegeler 2015, zit. n. Brockmann 2021: 22). Die Bildungsungleichheit ist die Folge von sozialen Ungleichheiten, welche vorstehend erläutert wurden. Als Bildungsungleichheiten werden Unterschiede im Bildungsverhalten und im erzielten Bildungsabschluss verstanden. Diese Bildungsunterschiede treten bei Kindern und Jugendlichen auf, die in verschiedenen sozioökonomischen Verhältnissen aufwachsen (Müller & Haun 1994: 3, zit. n. Brockmann 2021: 22). Das bedeutet, dass die außerschulischen Faktoren Ursachen für den jeweilig erzielten Bildungsabschluss darstellen (Brockmann 2021: 26).

Die Korrelation der außerschulischen Faktoren mit der Bildung begründet Raymond Boudon 1974 mit der Theorie der primären und sekundären Herkunftseffekte (Boudon 1974, zit. n. Brockmann 2021: 26 ff.). Als primärer Effekt wird der Einfluss der familiären Verhältnisse auf die schulischen Leistungen und auf die Kompetenzentwicklung erklärt. Die Lebensverhältnisse beeinflussen folglich die Distanz zum Bildungsabschluss. Je weiter ein Kind aufgrund des sozialen Status von einem Bildungsziel entfernt ist, desto größer ist die Distanz zu einem höheren Bildungsabschluss, die überwunden werden muss. Die primären Effekte stellen dementsprechend Folgen für die Erfolgswahrscheinlichkeit in Abhängigkeit des Elternhauses dar (Brockmann 2021: 27-29). Als sekundärer Effekt wird der Einfluss des familiären Hintergrundes und des sozialen Status auf die Bildungsentscheidungen der Kinder bezeichnet (Blossfeld et al. 2019: 21). Die Bildungsentscheidung liegt dabei zwischen dem höher oder niedriger anzustrebenden Schulabschluss. Diese Entscheidung erfolgt entsprechend dem sozialen Status und den damit verbundenen Kosten und Nutzen zur Bewertung des anzustrebenden Bildungsweges (Brockmann 2021: 27-29). Becker erweiterte diesen Gedanken von Boudon und ergänzt zu den primären Effekten die von den Eltern mitgegebene außerschulische Vorbildung (Becker 2017b, zit. n. Brockmann 2021: 29). Es lässt sich zusammenfassen, dass die Bildungsbenachteiligung das Ergebnis der Kombination von primären und sekundären Herkunftseffekten ist (Brockmann 2021: 28). Eine weitere relevante Theorie zur Thematik der sozialen Herkunft nach Bourdieu wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit dargestellt.

2.3 Virtueller Unterricht während der Corona-Pandemie

Aufgrund des gesundheitlichen Risikos durch das Corona-Virus, wurden in vielen Ländern ab Mitte März 2020 die Bildungseinrichtungen geschlossen und Kontaktbeschränkungen beschlossen (Blum & Dobrotic 2021: 82). Durch die Schulschließung wurde vom Präsenzunterricht auf den virtuellen Unterricht gewechselt. Der Unterricht hat nicht mehr in der gewohnten Umgebung der Schule als lernförderlichen Arbeitsplatz stattgefunden, sondern vor einem technischen Endgerät im Kinder- bzw. Jugendzimmer der Schüler*innen (Helm et al. 2021: 60 f.). Die Realisierungen des virtuellen Unterrichts unterscheiden sich von Schule zu Schule. Bei einigen haben online Videokonferenzen stattgefunden, bei anderen hingegen wurden Arbeitsaufträge von den Lehrkräften per E-Mail verschickt (Deichmann & Partetzke 2021: 265). Auch wenn viele Bildungseinrichtungen den Präsenzbetrieb ab Ende Mai bzw. Anfang Juni wieder eingeführt haben, musste dieser erneut im Oktober 2020 von der zweiten Schulschließung abgelöst werden (Blum & Dobrotic 2021: 82). Bezüglich des Virus und der damit verbundenen Infektionszahlen wurden drei Szenarien entwickelt: das Szenario A, das Szenario B und das Szenario C. Sind die Inzidenzwerte unter 100 findet der eingeschränkte Präsenzbetrieb statt. Kinder, Jugendliche und Mitarbeitende, die selbst zur Risikogruppe gehören oder vulnerable Angehörige haben, müssen bei einem Inzidenzwert über 35 zu Hause bleiben. Für alle anderen Schüler*innen und Mitarbeitenden findet bei diesem Szenario A ein Präsenzbetrieb statt. Steigen die Infektionszahlen über 100 am Ort der Schule, so wird von dem eingeschränkten Präsenzbetrieb zu Szenario B gewechselt. Szenario B stellt dabei das Wechselmodell dar. Bei steigenden Infektionszahlen wird der Präsenzbetrieb eingeschränkt und es wird in den Hybridunterricht gewechselt. Das dritte Szenario ist das Szenario C und beinhaltet Schulschließungen oder auch die Quarantäne. Die hohe Belastung der Gesundheitsämter führt hierbei zu einer teilweisen bis ganzen Schulschließung. Davon abhängig sind Schüler*innen und Mitarbeiter*innen der Schule, die sich mit dem Virus angesteckt haben. Daraufhin werden ganze Klassen, Lehrkräfte oder auch die Schule geschlossen und der Präsenzunterricht wechselt zum Distanzunterricht. Wichtig anzumerken ist, dass die Szenarien nicht von der Schule selbst bestimmt werden, sondern von dem jeweiligen Gesundheitsamt (Niedersächsisches Kultusministerium 2020: 5-20).

Im Folgenden werden die Unterrichtformen der Szenarien, die während der Pandemie in schulischen Institutionen umgesetzt wurden, definiert. Dabei handelt es sich um den Distanz- bzw. Fernunterricht und um den Hybridunterricht. Der virtuelle Unterricht wird anhand folgendem Zitats erläutert:

„Virtuell ist alles, nicht nur das isomorphe Modell des Realen, sondern auch der Gang durch die künstliche Abbildung, als virtuell gelten nicht nur die in den elektronischen Raum transferierten Institutionen, die Online-Seminare und virtuellen Universitäten, sondern auch die Nutzung derselben zum Zwecke des Lernens. (…) Aber: Lernen ist immer real, unabhängig davon, ob es mit physischen oder elektronischen Materialien, in realen oder virtuellen Umgebungen stattfindet.“ (Schulmeister 2001: 221)

Da diese Arbeit den Fokus auf den durch die Pandemie gestützten virtuellen Unterricht legt, wird von einer Erläuterung des Präsenzunterrichts abgesehen und von einem allgemeinen Verständnis dessen ausgegangen.

2.3.1 Distanzunterricht

Der Distanzunterricht, auch Fernunterricht genannt, ist eine Unterrichtsform, bei der die Gestaltung der Lehrinhaltsvermittlung frei von den Lehrkräften gewählt werden kann. Der virtuelle Unterricht allgemein beinhaltet die Verwendung von Technologien zur Unterstützung des Lehrens und Lernens. Die Vermittlung der Lehrinhalte kann synchron, mithilfe von digitalen Videokonferenzsystemen wie Skype oder Zoom, oder asynchron stattfinden (Al-Arimi 2014: 83). Im Unterschied zum Hybridunterricht, welcher im nächsten Unterkapitel erläutert wird, ist der Distanzunterricht einheitlich in seiner Inhaltsvermittlung. Die Vermittlung der Inhalte ist historisch betrachtet nicht mit dem online Unterricht gleichzustellen1. Die zu verwendenden Medien beziehen sich nicht nur auf die modernen Technologien, sondern auch auf die Printmedien. Die ursprüngliche Bedeutung der Fernlehre bzw. des Distanzunterrichts ist die räumliche und zeitliche Unabhängigkeit der Lehrenden und Lernenden. Die Anfänge des Distanzunterrichts sind auf die 1850er Jahre zurückzuführen, eine Zeit, zu der es noch keine digitalen Medien zur Kommunikation gab, sondern die Kommunikation und Betreuung durch Printmedien und Briefwechseln erfolgte. Im weiteren Verlauf der Jahre ist der Distanzunterricht, aufgrund technologischer Entwicklungen, in den digital basierten virtuellen Unterricht übergegangen. Aufgrund dessen beinhaltet der Distanz- bzw. Fernunterricht die online Lehre und wird nicht mehr davon abgegrenzt (Zawacki-Richter 2011: 2-6). Wichtige Merkmale des Distanzunterrichts wurden im Jahre 1986 von Keegan formuliert und nach Al-Arimi zitiert. Zu den relevanten Merkmalen gehören u.a.:

1. Die örtliche und zeitliche Unabhängigkeit der Lehrenden und Lernenden
2. Der Einsatz von bildungsunterstützenden Medien zur Vermittlung der Lerninhalte
3. Die Möglichkeit der beidseitigen Kommunikation (Keegan 1986, zit. n. Al-Arimi 2014: 83).

In der der vorliegenden Arbeit wird der Begriff des Distanzunterricht als Kombination von digitalem und häuslichen Unterricht verwendet.

2.3.2 Hybridunterricht

Der Hybridunterricht ist eine Form des Blended Learnings, was übersetzt „vermischtes Lernen“ bedeutet (Kantereit 2020: 61). Bei dem Hybridunterricht geht es um die Kombination zweier Lehrformen: dem Präsenzunterricht und dem virtuellen Unterricht. Im Gegensatz zum Distanzunterricht, welcher einheitlich stattfindet, findet der Hybridunterricht in Präsenz im Klassenzimmer statt sowie per Videoübertragung online und damit ortsunabhängig. Aufgrund der Beschränkungen durch die Corona-Pandemie, wurde eine Hälfte der Klasse in Präsenz von der Lehrerkraft unterrichtet, und die andere Hälfte der Klasse hat diesen per Videoübertragung zuhause verfolgt (Kantereit 2020: 61-65). Die Klasse wurde dementsprechend in zwei geteilte Lerngruppen aufgeteilt. Die Umsetzung des Hybridunterrichts findet, je nach Schule, in unterschiedlichen Modellen statt. Teilt man die Klasse in A und B auf, so wird beispielsweise eine Woche die Lerngruppe A in Präsenz unterrichtet und die Woche darauf Lerngruppe B (Niedersächsisches Kultusministerium 2020: 13 ff.). Zur Veranschaulichung dieser unterschiedlichen Realisierungen wird folgende Abbildung verwendet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Fünf Modelle der Realisierungen des Hybridunterrichts (Niedersächsisches Kultusministerium 2020: 14).

3. Kategorisierung der Herausforderungen mithilfe der Kapitaltheorie

Für Kinder und Jugendliche aus sozioökonomisch benachteiligten Familien wird die Phase der Schulschließung als schwerer eingeschätzt als für Schüler*innen, aus bessergestellten Familien. Nicht ohne Grund werden sie deshalb als „Bildungsverlierer“ der Corona-Krise bezeichnet (C. & C. Butterwegge et al. 2021: 14). In diesem Kapitel sollen die Herausforderungen, mit denen die sozioökonomische benachteiligten Schüler*innen während der Pandemie lernen mussten, dargestellt werden. Die Darstellung erfolgt mithilfe der Kapitaltheorie Pierre Bourdieus, welche an das Vorgehen von Julia Frohn angelehnt ist und in dieser Arbeit um weitere Aspekte erweitert wird (Frohn 2020: 59-83). Das Ziel dieses Kapitels ist es, die Herausforderungen darzustellen unter denen die Schüler*innen aus sozioökonomisch benachteiligten Verhältnissen am virtuellen Unterricht teilnehmen mussten, um anschließend die Auswirkungen dieser Verhältnisse zu untersuchen.

Im Jahre 1983 veröffentlichte Pierre Bourdieu erstmals die Kapitaltheorie. Mithilfe der Kapitaltheorie können diverse Problemlagen in sozialräumlich deprivierten Umgebungen objektiv dargestellt und analysiert werden. Die Theorie begründet soziale Ungleichheiten im Zusammenhang mit dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein verschiedener Kapitalarten und macht damit auf Ungleichheitsfaktoren aufmerksam. Die Kapitaltheorie dient der Erklärung sozioökonomischer Ungleichheiten und soll in dieser Arbeit als Methode zur Systematisierung und Erklärung der Benachteiligungen während des Corona-Virus bedingten virtuellen Unterrichts verwendet werden. Bourdieu unterscheidet zwischen dem ökonomischen Kapital, dem kulturellen Kapital und dem sozialen Kapital. Das ökonomische Kapital umfasst dabei die Besitztümer und finanziellen Ressourcen wie das Geld, oder auch das Zuhause. Mit dem Zuhause sind die Räumlichkeiten gemeint, in denen die Familien wohnen. Zusammenfassend kann man das ökonomische Kapital als den materiellen Besitz bezeichnen. Das kulturelle Kapital zu erklären, gestaltet sich schwieriger, da es sehr komplex ist und in drei weitere Unterkategorien unterteilt wird. Bei den drei Unterkategorien handelt es sich um das das objektivierte Kulturkapital, das inkorporierte Kulturkapital und das institutionalisierte Kulturkapital. Das objektivierte Kulturkapital umfasst kulturelle Güter wie Bücher oder Instrumente, aufgrund der Technisierung auch technische Güter wie Laptops oder Mobiltelefone. Das inkorporierte, oder auch verinnerlichte, Kulturkapital umfasst die Bildung bzw. Wissensbestände und Kompetenzen der Kinder, als auch der Eltern. Die Wissensbestände der Eltern haben Einfluss auf die Bildungs- bzw. Kompetenzentwicklung der Kinder. Als dritte Unterkategorie beschreibt Bourdieu das institutionalisierte Kulturkapital, welches den akademischen Bildungsabschluss und die Haltung zur Schule sowie heutzutage ergänzend auch die Distanz zur schulischen Institution umfasst. Diese drei Unterkategorien korrelieren miteinander und bedingen sich gegenseitig. Die letzte Kapitalart ist das soziale Kapital. Soziale Beziehungen, Freundschaften und das vorhandene Kapital dieser Kontakte zählen zu Faktoren des sozialen Kapitals (Frohn 2020: 62-66). Je weniger Kapital diese Bereiche aufweisen, desto benachteiligter sind die jeweiligen Akteur*innen. Nachdem ein kurzer Überblick über die Kapitaltheorie gegeben wurde, wird im Folgenden die Systematisierung der Herausforderungen, mit denen Schüler*innen aus sozioökonomisch benachteiligten Verhältnissen am virtuellen Unterricht teilnehmen mussten, vorgenommen.

3.1 Das ökonomische Kapital

Das ökonomische Kapital umfasst alle finanziellen Ressourcen. Sozioökonomisch benachteiligte Familien haben, im Gegensatz zu anderen Familien, weniger finanzielle Ressourcen zur Verfügung. Während des virtuellen Unterrichts musste sich das Wissen über digitale Endgeräte angeeignet werden. Fehlende finanzielle Ressourcen für diese digitalen Endgeräte stellen die erste Ursache für ein erschwertes Lernen dar (Helm et al. 2021: 63). Kinder und Jugendliche aus sozioökonomisch benachteiligten Familien haben Probleme, bei einer schnellen Vorgehensweise die Inhalte zu verstehen. Dadurch haben sich Schwierigkeiten beim Lösen der Aufgaben ergeben (Huebener & Schmitz 2020: 6). Nachhilfestunden zur Unterstützung bei den Aufgaben sind aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen nicht möglich (Helm et al. 2021: 63). Familien, bei denen die finanziellen Mittel vorhanden sind, können ihre Kinder dementsprechend besser unterstützen und fördern. Auch die Räumlichkeiten, in denen die Schüler*innen aus benachteiligten Familien wohnen und lernen, sind von Bedeutung. In einer kleinen Wohnung mit mehreren Familienmitgliedern zu wohnen, impliziert viele Herausforderungen. Ein fehlender Rückzugsort und eine störende Lernatmosphäre stellen zwei dieser Herausforderungen dar (Andresen et al. 2020: 20; Lichtenberger & Ranftler 2020: 153). Das Fallbeispiel einer Schülerin aus Berlin verdeutlicht die problematischen Wohnverhältnisse. Die Schülerin einer Berliner Lehrkraft wohnt mit ihrer achtköpfigen Familie in einer kleinen Dreizimmerwohnung. Sie hat kein eigenes Zimmer als Rückzugsort und auch kein technisches Endgerät für eine Teilnahme am virtuellen Unterricht. Die Tatsache, dass die Schülerin kein eigenes Zimmer hat, lässt vermuten, dass sie sich dieses mit mindestens einem Bruder teilen muss. Das deutet auf eine unruhige Lernatmosphäre hin, welche eine erschwerte Lernbedingung darstellt. Öffentliche Orte mit lernförderlichen Atmosphären, welche die Schülerin ansonsten besuchen konnte, haben aufgrund der Pandemie ebenfalls schließen müssen (Frohn 2020: 60). Das Beispiel verdeutlicht, dass auch wenn die Schülerin ein digitales Endgerät zur Verfügung hätte, es ihr nur eine von weiteren gegenwärtigen Hürden nehmen würde. Gewöhnlich sind meist jüngere Kinder von engerem Raum betroffen. Sie haben im Durschnitt 14 Quadratmeter zum Lernen, Spielen und Ausruhen. Besonders Kinder mit Migrationshintergrund sind von engem Wohnraum betroffen (Bacher 2020a; zit. n. Lichtenberger & Ranftler 2020: 153).

3.2 Das kulturelle Kapital

Wie vorgehend erläutert, lässt sich das kulturelle Kapital in drei weitere Unterkategorien einteilen, in das objektivierte, inkorporierte und institutionalisierte Kulturkapital.

Das objektivierte Kulturkapital

Das objektivierte Kulturkapital umfasst die vorhandenen materiellen Ressourcen der Familien. Diesbezüglich ist das Vorhandensein eines digitalen Endgerätes wie eines Laptops, Computers oder eines Tablets von wichtiger Bedeutung. Die technische Ausstattung mit einem dieser Endgeräte ist in den meisten sozioökonomisch benachteiligten Familien, aufgrund fehlenden ökonomischen Kapitals nicht gegeben (Frohn 2020: 66). Wenn doch eines dieser Endgeräte vorhanden ist, stellt die Aktualität der Geräte das Kriterium zur Beantwortung einer Benachteiligung dar. In den meisten Fällen sind die vorhandenen Geräte nicht mehr auf dem neusten Stand und können die zu benötigenden Programme oder Inhalte nicht abrufen. Das stellt eine weitere Ursache für ein erschwertes Teilnehmen an einem digital gestützten Unterricht dar und benachteiligt die Schüler*innen im Gegensatz zu Schüler*innen mit technisch aktuellen Geräten. Bei einer Studie diesbezüglich in Deutschland, Österreich und in der Schweiz stellte sich heraus, dass circa 78% der befragten Schüler*innen der Aussage zustimmen, dass ihre Endgeräte auf dem neusten Stand sind (Huber et al. 2020a: 48). Daraus lässt sich schließen, dass die restlichen 22% der Befragten dem eher nicht bis gar nicht zustimmen und deutet auf die unzureichende Aktualität der technischen Geräte hin. Es ist dementsprechend schwerer für die Schüler*innen an die Schulaufgaben zu kommen, da diese kein Gerät haben mit dem sie die Lehrinhalte abrufen, geschweige denn ausdrucken können (van Ackeren et al. 2020: 246). Das äußert sich dahingehend, dass die Schüler*innen schlechter erreicht werden konnten während der Schulschließung. Die Studie von Huber et al. aus dem Jahre 2020 hat diesbezüglich Lehrkräfte und Schulleitungen befragt und kam zu dem Ergebnis, dass lediglich 27% der Befragten alle Schüler*innen erreichen konnten (siehe Anhang 1). Auffällig und anzumerken ist, dass circa 25-50% der Schüler*innen von 14% der Befragten nicht erreichbar waren (Huber et al. 2020a: 54). Diesbezüglich ist unklar, ob sich diese Zahlen lediglich auf die Erreichbarkeit der eigenen Klasse beziehen, oder ebenfalls Schüler*innen anderer unterrichteten Fächer miteinschließen. Dennoch lässt sich daraus schließen, dass eine große Anzahl der Schüler*innen aufgrund mangelnder technischer Ausstattung nicht am virtuellen Unterricht teilnehmen konnten (Huber et al. 2020a: 53). Die fehlenden technischen Voraussetzungen unterstützen die schon vor der Pandemie vorhandene „Digitale Kluft“ (Benson et al. 2002: 145). Als Digitale Kluft, oder auch Spaltung, wird der von der sozioökonomischen Lage abhängige unterschiedliche Zugang zu Internet und Endgeräten bezeichnet (ebd.).

[...]


1 Die Verwendung des online und digitalen Unterrichts wird in dieser Arbeit gleichbedeutend mit der Bezeichnung des virtuellen Unterrichts verwendet.

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Virtueller Unterricht während der Corona-Pandemie. Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Pädagogisches Institut)
Note
1,7
Autor
Jahr
2022
Seiten
48
Katalognummer
V1284835
ISBN (Buch)
9783346750914
Sprache
Deutsch
Schlagworte
virtueller, unterricht, corona-pandemie, auswirkungen, kinder, jugendlichen, familien
Arbeit zitieren
Medina Samioglu (Autor:in), 2022, Virtueller Unterricht während der Corona-Pandemie. Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1284835

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