Die politische Philosophie der Feminismen

Von der Geschichte des Feminismus und Kymlickas Kritik an dessen politischen Philosophie


Hausarbeit, 2008
29 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: Von Wahlrecht und politischer Philosophie

2. Von den Feminismen
2.1. Die Geschichte: Von der Frauenbewegung zum Feminismus
2.2. Die Feminismen: Von Liberalismus bis Marxismus
2.3. Die Grundsätze: Von Befreiung und Unterdrückung

3. Von der politischen Philosophie des Feminismus bei Kymlicka
3.1. Die politische Philosophie heute: Von Kymlickas Untersuchungen
3.2 Die Kritik Kymlickas: Von Gleichstellung, Privatem und der Fürsorge
3.3. Die ergänzenden Ansätze: Von Differenzen unter den Feminismen

4. Fazit: Von einer Darstellung mit Grenzen

5. Ausblick: Vom Wandel der Feminismen

Literatur

1. Einleitung: Von Wahlrecht und politischer Philosophie

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 bekamen Frauen in Deutschland das erste Mal in der Geschichte das gleiche Wahlrecht wie Männer, sowohl aktiv als auch passiv, zugestanden. Das heißt, dass die politische Gleichstellung der Frau bei Wahlen in Deutschland noch kein Jahrhundert lang besteht. Dem war jedoch ein langer und weltweiter Kampf der Bewegung um die Gleichberechtigung der Frau vorausgegangen. Seit den beiden großen Revolutionen des 18. Jahrhunderts betraten Frauen die politische Bühne. Nach ersten Ansätzen in den neu gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika fand mit der Revolution auch die Idee des women’s suffrage ihren Weg nach Europa. Doch erst im 20. Jahrhundert sollte sich diese Idee nachhaltig durchsetzen und Frauen bekamen in Finnland sowie Dänemark das Wahlrecht. Wie erwähnt folgten 1918 das Deutsche Reich und auch Österreich, während erst 1920 mit dem Nineteenth Amendment das Frauenwahlrecht in den USA durchgesetzt wurde. In der Schweiz – mitten im demokratischen Europa – erhielten die Frauen sogar erst 1971 ihr Wahlrecht.[1]

Diese Entwicklung ist es, die primär mit dem Kampf um die politische Gleichberechtigung der Frau in Verbindung gebracht wird und sicherlich handelt es sich um einen der größten Erfolge. Aber damit ist der Begriff des Feminismus – der Frauenbewegung[2] – noch längst nicht erschöpfend beschrieben. Denn dieser erstreckt sich von politischer und sozialer Gleichberechtigung über die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen bis hin zur politischen Philosophie auf alle Bereiche des heutigen Lebens.

Denkt man nun an die politische Philosophie, so bringt man diese zuerst einmal mit Termini wie Liberalismus, Konservatismus oder Sozialismus in Verbindung, ohne dabei an die Frauenbewegung zu denken. Besonders im Laufe des 20. Jahrhunderts hat sich jedoch der Feminismus als fester Bestandteil heutiger politischer Philosophie etabliert – mit einer grundlegenden Besonderheit, wie Kymlicka in seinem 1990 erschienenen Buch „Contemporary Political Philosophy: An Introduction“ erklärt: „Es gibt einen liberalen Feminismus, einen sozialistischen Feminismus, sogar einen libertären Feminismus.“[3] Aber wie lässt sich dann der Feminismus in die politische Philosophie einordnen? Um diese Frage zu klären, soll im Folgenden ein, zumindest grober, Überblick über das weitreichende Phänomen gewährt werden, um später seine politische Philosophie bewerten zu können. Der Fokus soll hierbei auf die von Kymlicka angesprochenen Ideen gelegt werden. Das Ziel dieser Arbeit ist also ein doppeltes. Zum einen wird gefragt, was ist überhaupt der Feminismus und welche Philosophie steht dahinter? Und zum anderen stellt sich die Frage nach der politischen Philosophie, welche Kymlicka darin entdeckt und kritisiert. Dafür muss dem zuerst ein kurze Geschichte des Feminismus vorangestellt werden, aus welcher sich die zentralen Theorien ableiten lassen. Trotz des eingegrenzten Themenbereiches soll der Rahmen für eine Kritik an der Kritik und über diese hinaus geschaffen werden. Zu diesem Zweck muss auch ein Blick auf die theoretische Auseinandersetzung Kymlickas mit politischer Philosophie geworfen werden. Als Ergebnis wird ein Überblick über die Entwicklung des Feminismus, die daraus resultierenden Hauptströmungen und schließlich die Auseinandersetzung mit der politischen Philosophie entstehen.

2. Von den Feminismen

2.1. Die Geschichte: Von der Frauenbewegung zum Feminismus

Zunächst also erst einmal zur Geschichte des modernen Feminismus vom 19. Jahrhundert bis zu seiner Philosophie um die Jahrtausendwende. Eingangs ist bereits auf die frühen Anfänge im Kampf um das Frauenwahlrecht eingegangen worden. In der Entwicklung lassen sich drei Phasen erkennen: „Three Waves of Feminism“[4]. Schon 1791 entwarf die französische Frauenrechtlerin Olympe De Gouges als Antwort auf die „Déclaration des droits de l’homme et du Citoyen“ ihre „Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne“ – die Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin.[5] Sie erweiterte die Menschen- und Bürgerrechte um ihre weibliche Komponente und machte diese Rechte erst damit vollständig. Die Menschenrechte sollten nicht nur Männer-Rechte sein, die Frau sollte dem Manne an Rechten gleichgestellt werden.

Wenngleich man hier den Ursprung der Frauenbewegung sehen kann, so setzt diese doch politisch erst im 19. Jahrhundert mit der „first wave“ in den USA ein. 1848 versammelten sich in New York mehr als 300 sowohl männliche als auch weibliche Teilnehmer zur ersten nationalen Tagung über Frauenrechte. Die dort unterzeichnete „Seneca Falls Declaration”[6], betonte die Gleichwertigkeit der Frau und forderte vor allem die politische Beteiligung von Frauen. Und wieder war ein Meilenstein des Feminismus in Anlehnung an ein Dokument maskulin geprägter Geschichte entstanden: Die Unabhängigkeitserklärung. Diese Orientierung schlägt sich am ehesten in der Entschlossenheit nieder, dass „die Frauen dieser Nation 1876 größeren Anlass zu Unzufriedenheit, Rebellion und Revolution haben als die Männer des Jahres 1776“.[7] Es war diese Erklärung, mit welcher die Suffrage-Bewegung den Kampf um das Frauenwahlrecht in den USA begann. Dieser wurde überwiegend von weißen gebildeten Frauen aus der Mittelklasse getragen, wenngleich sich auch afroamerikanische Bürgerrechtlerinnen daran beteiligten. Sie begannen sich, statt ausschließlich der Hausarbeit nachzugehen und die Kinder zu hüten, an der öffentlichen Meinungsbildung zu beteiligen. Es wurde das Argument entwickelt, dass den Frauen ihr Bürgerrecht vorenthalten und sie somit nicht als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft anerkannt würden, wenn ihnen das Wahlrecht verwährt bliebe. Damit wurde direkt der Grundpfeiler liberaler westlicher Gesellschaften angesprochen, denn biologische Unterschiede konnten nicht als Grund für politische Diskriminierung geltend gemacht werden. Diese Argumentation verknüpfte den Liberalismus mit dem Feminismus derart, dass das zur westlich-liberalen Demokratie verpflichtete Deutsche Reich schon 1918 den Frauen das Wahlrecht gewährte. Im revolutionären Deutschland waren 1919 die fortschrittlichsten politischen Ideen in die Weimarer Verfassung eingeflossen und das Frauenwahlrecht konstitutionell verankert worden. In Washington D.C. demonstrierte unterdessen die National Women’s Party mit dem provokativen Slogan, welches Land von beiden denn nun das demokratischere wäre. Ein Jahr später konnte die Frauenbewegung in den USA ihr Ziel verwirklichen und mit dem Nineteenth Amendment zur Verfassung ihre politische Gleichberechtigung durchsetzen.

Nachdem die „first wave“ im Allgemeinen 1920 als abgeschlossen betrachtet wird, beginnt in den späten 1960er Jahren mit dem radikalen Feminismus die „second wave“. In dieser Bewegung wurden über die politische Gleichberechtigung hinaus soziale und kulturelle Ungleichheiten ins Visier genommen.[8] Um es kurz zu fassen: Jegliche „Unterdrückung der Frauen”[9] sollte nun bekämpft werden. Die Bewegung entstand im Umfeld verschiedener linker Proteste, wie jene gegen den Vietnamkrieg oder der Homosexuellenbewegung. Den Auftakt bot 1968/69 eine Großdemonstration gegen den Schönheitswettbewerb zur Miss America. Verschiedene Aktivistinnengruppen nahmen an dieser Demonstration teil, um darauf aufmerksam zu machen, wie Frauen hier ähnlich Vieh präsentiert würden. Im Laufe der Proteste wurden Gruppen mit ausschließlich weiblichen Mitgliedern gegründet und eine starke linke Rhetorik entwickelt. Auf der einen Seite würde das Patriarchat jeder bürgerlichen Gesellschaft innewohnen und auf der anderen Seite würden die Frau und ihr Körper in Ehe und Mutterschaft unterdrückt. Ein prägendes Dokument dieser Phase war das sogenannte „The BITCH Manifesto“[10] von Joreen Freeman. Es fordert ein aggressives, gar feindseliges Vorgehen gegen jede Art von Unterdrückung der Frau. Wörtlich heißt es, es sei: „eine Bedrohung für die sozialen Strukturen, welche Frauen versklaven und für die sozialen Werte, welche es rechtfertigen würden, sie an ihrem Platz zu halten.“[11] Neben der angriffslustigen Haltung dieser Zeit ist vor allem die Solidarität unter den Frauen und eine Atmosphäre der Schwesternschaft charakteristisch für die „second wave“. Es entwickelte sich eine ungewöhnliche Allianz zwischen der liberalen Herkunft der Bewegung und sozialistischen Einflüssen. Die Forderung nach gleicher Bezahlung für gleiche Arbeit und der Berücksichtigung der Doppelbelastung durch Beruf und Hausarbeit standen ganz oben auf der Agenda. Die Befreiung der Frau wurde teilweise an die Beseitigung des Kapitalismus gekoppelt. Weiterhin blieb die Gleichberechtigung der Frau jedoch den liberalen Ideen verpflichtet. Aber wie sehr folgten Veranstaltungen und Vereinigungen unter Ausschluss von Männern noch dem Gleichheitsgrundsatz? Tatsächlich entwickelte sich in den 1980er Jahren ein „difference second-wave feminism”. In diesem Zusammenhang wurden grundsätzliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern als Ausgangspunkt für verschiedene soziale Rollen und Aufgaben anerkannt. Statt der Gleichheit wird die Bedeutung der Frau in den Vordergrund gerückt, um den Mann abzuwerten, statt die Frau dem Mann anzugleichen. Der später eintretende Individualfeminismus ist schließlich sogar libertär geprägt. Er betont die Verwirklichung des Individuums bei Männern aber eben besonders bei Frauen. In Europa tritt hierbei die „l’écriture féminine“ in den Vordergrund: Frauen betätigten sich zunehmend als Autoren psychoanalytischer Betrachtungen und hoben den Feminismus damit endgültig auf die akademische Ebene. Aus diesen Studien gehen schließlich die heutigen Gender Studies hervor. In der „second wave“ zeigt sich die tatsächliche Vielfalt des Feminismus oder besser der Feminismen. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass sie sich entschlossen gegen jegliche vorstellbare Diskriminierung von Frauen in einer von Männern dominierten Welt richtet – von politischer über soziale Ungleichheit bis hin zur Gewalt gegen Frauen.[12]

Der „third wave feminism“ existiert in dem Bewusstsein, dass Frauen heute deutlich besser gestellt und weniger Sexismus ausgesetzt sind, als ihre Vorgängerinnen. Die neue Grrl-Rhetorik (grrl-feminism in den USA und new feminism in Europa) entstammt weitgehend der Pop-Kultur und Girl-Punk-Bands einer jungen Generation an Feministinnen der 1990er Jahre. Diese Bewegung kommuniziert stark über das Internet. Sie entwickeln ihre Sprache aus der Übertreibung Stereotypen, wie eben dem Wort „girl“ selbst. Die vorrangigen Themen dieser Phase des Feminismus sind Handel mit und Gewalt gegen Frauen, Schönheitsoperationen und die weitgehende Pornofizierung der Medien. Darüber hinaus setzt sich der neue Feminismus kritisch mit den Thesen frührer Feminismen auseinander und greift dabei vor allem universelle Antworten auf Probleme der Frau oder universelle Definitionen der Frau an sich an. Die neuen Antworten sind deutlich vielfältiger und geprägt von einer post-bipolaren Welt. Sie beinhalten die Forderung nach der Akzeptanz einer chaotischen Welt ohne einfache Antworten und feste Strukturen. Ihre Gemeinsamkeit liegt in der Verknüpfung einer globalisierten Welt, in welcher die Verteilung der Macht deutlich komplexer geworden ist. Sie regen Dialoge übergreifend über Nationalitäten, Ethnien und religiöse Grenzen hinaus an. Der postmoderne Einfluss wird besonders da sichtbar, wo einerseits auf den eigenen Standpunkt Wert gelegt wird, während andererseits darauf geachtet wird, andere Denkweisen in Betracht zu ziehen, um mögliche gemeinsame Interessen zu erkennen.[13] Ebenso wie die zweite Phase (vielleicht noch deutlicher) des Feminismus, ist diese wieder ausgesprochen vielfältig und lässt sich weniger durch einen gemeinsamen theoretischen Standpunkt definieren, als durch die sie vereinenden Darstellungen und rhetorischen Vorgehensweisen.

[...]


[1] http://www.ipu.org/wmn-e/suffrage.htm.

[2] I m 19. Jahrhundert beginnt die Geschichte des Feminismus als „Frauenbewegung“.

Freedman, Estelle B.: No Turning Back: The History of Feminism and the Future of Women, New York 2002, S. 4 .

[3] Kymlicka, Will: Politische Philosophie heute: Eine Einführung, Frankfurt/Main 1997, S. 200.

[4] Die folgende Darstellung der drei Phasen des Feminismus beruht weitgehend auf „T hree Waves of Feminism: From Suffragettes to Grrls“, da diese am besten geeignet ist, einen kurzen aber erschöpfenden Überblick über die Geschichte der Frauenbewegung zu geben. Wo es mir notwendig erscheint, wird sie mit den entsprechenden Verweisen ergänzt.

Krolokke, Charlotte; Sorensen, Anne Scott: Gender Communication Theories and Analyses: From Silence to Performance, Thousand Oaks, CA 2005, S. 1-23.

[5] Eine deutsche Übersetzung ist online einsehbar.

http://www.frauenmediaturm.de/gouges_rechte_der_frau.html.

[6] Dokument im englischen nachzulesen unter:

http://feminism.eserver.org/history/docs/seneca-falls.txt/document_view.

[7] „that the women of this nation in 1876, have greater cause for discontent, rebellion, and revolution than the men of 1776”

Anthony, Susan B., zitiert nach Krolokke, Charlotte; Sorensen, Anne Scott 2005, S. 4.

[8] Freedman, Estelle B. 2002 , S. 234.

[9] “women’s oppression”

Krolokke, Charlotte; Sorensen, Anne Scott 2005, S. 8.

[10] Dokument im englischen nachzulesen unter:

http://www.jofreeman.com/joreen/bitch.htm.

[11] „Bitch is a threat to the social structures which enslave women and the social values which justify keeping them in their place”

Ebenda.

[12] Freedman, Estelle B. 2002 , S. 279.

[13] „Participants are encouraged to position themselves as women with particular national, ethnic, or religious roots, while also shifting to other ways of thinking, being, and practicing in order to realize the partiality of their own positions and to identify possible common stands and interests.”

Krolokke, Charlotte; Sorensen, Anne Scott 2005 , S. 21.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die politische Philosophie der Feminismen
Untertitel
Von der Geschichte des Feminismus und Kymlickas Kritik an dessen politischen Philosophie
Hochschule
Universität Rostock  (Institut fuer Politik- und VErwaltungswissenschaften)
Veranstaltung
Theorien der neuen Politischen Philosophie
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
29
Katalognummer
V128616
ISBN (eBook)
9783640350926
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, Feminismen, Geschichte, Feminismus, Kymlickas, Kritik
Arbeit zitieren
Bakkalaureus Artium Steve Nowak (Autor), 2008, Die politische Philosophie der Feminismen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128616

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