Die Türkenkriege des 16. Jahrhunderts waren für diese Manifestierung maßgeblich verantwortlich und so überdauerte das Feindbild in seiner konsolidierten Form die Zeit bis ins 18. Jahrhundert. Das Thema des Erbfeinds der Christenheit war in ganz Europa bekannt gemacht worden, was dem Umstand geschuldet war, dass die Thematik der Türkengefahr im sechszehnten Jahrhundert in zahlreichen Druckerzeugnissen auffindbar war.
Die Erfindung des Buchdrucks und die heilsgeschichtliche Interpretation der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen, welche als eine der herausragendsten diskursiven Ereignisse der frühen Neuzeit modelliert werden konnte, waren überaus förderlich für die Formierung einer Gemeinschaft und dem Aufkommen der „Türkengefahr. Der Europabegriff kam nun verstärkt mit der Christenheit in Zusammenhang zur Geltung, wobei er mit der apokalyptischen Dynamik der Türkengefahr verbunden wurde.
Innerhalb der Habsburger-Monarchie kristallisierten sich Auffassungen des Türkenbildes in den hohen Bildungsschichten der Adelskultur und in den niederen Bildungsschichten der Volkskultur heraus. Während der Zeit des Konfliktes waren jene Bilder jedoch eng miteinander verknüpft.
Die mentalen Vorstellungswelten, ein riesiger Informationskomplex, beinhalteten die Urteile, die man sich über die Türken bildete. Diese waren von den Kleinkriegen, Feldzügen, Schlachten, ethnologischen Überlegungen in Reiseberichten und von Diplomaten beeinflusst. Allerdings stellten diese Prägungen lediglich einen Teil dar, was Grothaus prägnant zusammenfasst: „Bilder und kollektive Vorstellungsgeflechte, die sich Völker, Kulturen, Zivilisationen voneinander machten, haben viele Quellen und Informationsebenen zur Grundlage. Sieht man von individuellen Faktoren und Ausnahmen ab, sind diese abhängig von Art, Qualität und Intensität der Beziehungen zwischen den Kulturen untereinander einerseits, von spezifischen soziokulturellen Strukturen und mentalitätsgeschichtlichen Entwicklungen der Zivilisationen andererseits.“
Die Erarbeitung des Türkenbilds ist demnach nicht nur abhängig von zwischenstaatlichen Beziehungen, sondern auch von der Verbindung von geistes- und kulturhistorischen Entwicklungen während der Reformation und Gegenreformation bis hin zur Zeit der Aufklärung, in welcher kosmopolitisches Denken verbreitet wurde.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. FORSCHUNGSSTAND
3. HABSBURGER UND OSMANEN IM FRÜHEN 16. JAHRHUNDERT
4. DEFINITORISCHE GRUNDLAGEN
4.1. Türkengefahr
4.2. Türkenfurcht
4.3. Flugblätter
4.4. Wahrnehmungsmuster
5. DAS TÜRKENBILD DES 16. JAHRHUNDERTS
5.1. Bedeutung des Buchdrucks
5.2. Biblische Motive
5.3. Topoi und Stereotypen
6. ZUSAMMENFASSUNG
7. LITERATUR- UND QUELLENVERZEICHNIS
7.1. Literatur
7.2. Internetressourcen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion des Türkenbildes in frühen Flugblättern des 16. Jahrhunderts. Das primäre Ziel ist es, die transportierten Topoi und Stereotypen zu identifizieren sowie die Bedeutung der durch den Buchdruck initiierten Medienrevolution für die Verbreitung dieses spezifischen Feindbildes zu analysieren.
- Rolle des Buchdrucks als Instrument der Medienrevolution
- Instrumentalisierung des Erbfeind-Syndroms in der politischen Propaganda
- Identifikation von Topoi und Stereotypen in frühen Flugblättern
- Verknüpfung von Türkenbildern mit biblischen und eschatologischen Motiven
- Sozio-psychologische Funktionen der Türkenfurcht und Türkengefahr
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Die hier vorliegende Arbeit wurde im Rahmen der Lehrveranstaltung Die zweite Medienrevolution unter der Leitung von Univ.-Prof. Mag. Dr. XY verfasst und dient zur Erlangung des Titels „Bachelor of Education“.
„Wohin wir auch schauen, [sehen wir,] wie der wütende Feind, der Türke, täglich und je länger, je mehr die Länder und Wohnorte des Christlichen Volkes, unserer Brüder, bekriegt, einnimmt und so viele Christenleute so jämmerlich ermordet, Jungfrauen, Frauen und Kinder erbärmlich zu ewiger Sklaverei wegschafft und wie das Vieh hält und missbraucht […] Dabei ist es klar, was wir tun müssen und wofür wir uns bereit halten müssen. Denn wenn wir uns nun jetzt dieser Christenleute, unserer Brüder, aus christlicher brüderlicher Liebe nicht erbarmen, so wird sich auch Gott der Allmächtige künftig unserer nicht erbarmen. […] Denn es ist bekannt, dass die jetzt bedrängten Christenleute vor wenigen Jahren sich auch nicht [um ihre bedrängten Brüder] sorgten, als die Tyrannei des Türken noch bei ihren Nachbarn oder viel weiter weg war.“
Diese Textpassage von Göllner, welche um 1542 entstanden ist, pointiert das Motiv der Türkengefahr für die Christenheit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung steckt den Kontext ab, in dem das komplexe Feindbild der Türken und das „Erbfeindsyndrom“ als reaktive Konstrukte der Frühen Neuzeit eingeführt werden.
2. FORSCHUNGSSTAND: Es wird der akademische Diskurs zur okzidentalen Anthropologie und zur geschichtswissenschaftlichen Beschäftigung mit Alterität und Fremdwahrnehmungen seit den 1980er Jahren aufgearbeitet.
3. HABSBURGER UND OSMANEN IM FRÜHEN 16. JAHRHUNDERT: Dieses Kapitel beleuchtet die wechselhaften militärischen und diplomatischen Kontakte zwischen beiden Mächten im 16. Jahrhundert.
4. DEFINITORISCHE GRUNDLAGEN: Die zentralen Begriffe wie Türkengefahr, Türkenfurcht, Flugblätter und Wahrnehmungsmuster werden präzisiert, um eine methodische Basis für die Analyse zu schaffen.
5. DAS TÜRKENBILD DES 16. JAHRHUNDERTS: Dieser Hauptteil analysiert die Rolle des Buchdrucks und die Verwendung biblischer sowie eschatologischer Topoi zur Konstruktion des Feindbildes.
6. ZUSAMMENFASSUNG: Die Ergebnisse werden resümiert und der Einfluss der Medien auf die gesellschaftliche Disziplinierung und die Instrumentalisierung des Feindbildes verdeutlicht.
7. LITERATUR- UND QUELLENVERZEICHNIS: Verzeichnis der relevanten wissenschaftlichen Primär- und Sekundärquellen sowie der verwendeten Internetressourcen.
Schlüsselwörter
Türkengefahr, Türkenfurcht, Flugblätter, Medienrevolution, Osmanisches Reich, Habsburger, Erbfeind, Buchdruck, Alterität, Stereotypen, Topoi, Reformation, Gegenreformation, Feindbilder, Eschatologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Entstehung und Verbreitung des Feindbildes der Türken in deutschsprachigen Flugblättern und Druckerzeugnissen des 16. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Konzepte der „Türkengefahr“ und „Türkenfurcht“, die Rolle des frühen Buchdrucks als Massenmedium sowie die Verwendung von kulturellen und biblischen Stereotypen.
Was ist die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit fragt nach den transportierten Topoi und Stereotypen, die zur Konstruktion des Türkenbildes dienten, und analysiert, welche Rolle der Buchdruck bei der Etablierung dieses Bildes spielte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine diskursgeschichtliche Analyse und kulturhistorische Untersuchung, um die topischen Schemata und Wahrnehmungsmuster in zeitgenössischen Texten zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Buchdruck-Bedeutung, die Analyse biblischer Motive und der spezifischen Topoi/Stereotypen, wie sie etwa in Texten von Hans Sachs vorkommen.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Propaganda, Erbfeindsyndrom, frühmoderne Medienrevolution, interkulturelle Fremdwahrnehmung und religiöse Instrumentalisierung beschreiben.
Warum wird das „Erbfeindsyndrom“ in der Arbeit thematisiert?
Es dient als erklärender Begriff für die in der Gesellschaft der Frühen Neuzeit dominierende tiefsitzende Identifikation des Osmanischen Reiches als existenziellen und religiösen Gegner.
In welchem Verhältnis stehen Flugblätter und die Politik der Zeit?
Flugblätter wurden gezielt von der Obrigkeit instrumentalisiert, um finanzielle Unterstützung (Türkensteuer) für die kriegerischen Auseinandersetzungen zu akquirieren und das Volk diszipliniert auf den Glaubenskampf einzustimmen.
Welche Rolle spielt die Religion bei der Konstruktion des Türkenbildes?
Die Religion war das entscheidende Differenzmerkmal. Der Islam wurde als Antithese definiert, was es den Zeitgenossen ermöglichte, das „Erbfeind“-Narrativ theologisch und eschatologisch zu unterfüttern.
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- Anonym (Author), 2020, Der Erbfeind und die Medienrevolution, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1286703